Wirtschaftsausblick

16.11.2018

Wirtschaftsausblick - Litauen (November 2018)

Inhalt

Starke Binnennachfrage lässt Litauens Wirtschaft 2019 wachsen / Von Marc Lehnfeld

Vilnius (GTAI) - Auch Litauen wird 2019 im Export die Verunsicherung im internationalen Handel spüren. Dafür können die Unternehmen auf eine starke Binnennachfrage setzen.

Wirtschaftsentwicklung: Eintrübung im Außenhandel bremst Wachstum

Litauens Wirtschaft wird jüngsten Prognosen zufolge auch in den kommenden Jahren dank einer starken Binnennachfrage weiter wachsen. Auch die Exporte werden zulegen. Dies geschieht allerdings mit einer schwächeren Wachstumsdynamik, weil internationale Handelskonflikte die Entwicklung auf den wichtigen europäischen Absatzmärkten bremsen. Dies wiegt umso schwerer, da der Anteil der Im- und Exporte an Litauens Wirtschaftskraft 159 Prozent ausmacht. Für eine schwierigere Außenhandelssituation ist das größte baltische Land nach Einschätzung der Ökonomen der Swedbank aber gut gerüstet. Gründe dafür sind die verhältnismäßig niedrige Verschuldung von Staat, Haushalten und Unternehmen sowie die ausgeglichene Leistungsbilanz.

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Das litauische Bruttoinlandsprodukt (BIP) verzeichnet in der ersten Jahreshälfte 2018 noch einen preisbereinigten Zuwachs um 3,7 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Im Gegensatz dazu zeigen die seit September veröffentlichten Prognosen öffentlicher Einrichtungen und Banken, dass die Wachstumsdynamik noch bis zum Jahresende abnehmen und das BIP in diesem Jahr im Prognosespektrum um 3,3 Prozent bis 3,6 Prozent zulegen wird. Weil sich die Wirtschaftsentwicklung im Ausland weiter eintrübt, wächst auch das litauische BIP in den nächsten Jahren langsamer. Die Prognosen reichen für 2019 von 2,5 Prozent bis 3 Prozent und fallen für 2020 auf ein Band von 2 Prozent bis 2,6 Prozent.

Weiter positiv dürften sich die Investitionen entwickeln. Liegen die Swedbank-Analysten mit ihrer Prognose von 8 Prozent für den Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen im Jahr 2018 richtig, können sie im Vergleich zum Vorjahr - hier lag das Plus bei 6,8 Prozent - nochmal deutlich zulegen. Verantwortlich für das starke Investitionsjahr 2018 ist vor allem die Bauwirtschaft, die mithilfe von Fördermitteln der Europäischen Union (EU) im Infrastrukturbereich sowie im Hochbau floriert.

Steigende Reallöhne treiben den Privatkonsum an und heben die Verbraucherzuversicht laut Swedbank zur Jahresmitte 2018 auf ein Elfjahreshoch. Das Prognosespektrum für den Anstieg des Privatkonsums liegt für 2018 bei 3,3 Prozent bis 4,4 Prozent und fällt für 2019 mit 3,4 Prozent bis 4,3 Prozent ähnlich aus. Angaben der litauischen Nationalbank zufolge übersteigen die Lohnerhöhungen bedingt durch den Fachkräftemangel bereits die Produktivitätszuwächse.

Wirtschaftliche Eckdaten Litauens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 38,8 42,2 3.277,3
BIP pro Kopf (Euro) 13.500 14.900 39.649
Bevölkerung (Mio.) 2,9 2,8 82,7
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Quellen: Eurostat, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Infrastruktur und Hochbau im Fokus

Litauens Bruttoanlageinvestitionen werden 2018 und 2019 ihre Rolle als Wachstumsmotor des Landes behalten. Die Prognosen für ihr Wachstum reichen für 2018 von 6,5 Prozent bis 9 Prozent und für 2019 von 5 Prozent bis 7 Prozent.

Im Jahr 2018 sind die Investitionen in Infrastrukturprojekte hoch, davon profitiert die Bauwirtschaft, so die Analysten der litauischen Luminor Bank. Für diese Entwicklung spielen auch EU-Fördermittel eine wichtige Rolle: In den nächsten Jahren werden EU-Gelder in große Projekte wie in die GIPL-Erdgasleitung zwischen Litauen und Polen sowie in das "Rail Baltica"-Schienenprojekt und in den Hafenausbau in Klaipeda fließen.

Litauen verzeichnet mit seinem niedrigen Arbeitskostenniveau und einer guten logistischen Anbindung an Westeuropa außerdem stetig fließende ausländische Direktinvestitionen, die sich ebenfalls auf die Bruttoanlageinvestitionen auswirken. Beispiele sind die Investitionsprojekte der deutschen Automobilzulieferer Continental und Hella.

Zu schaffen macht den litauischen Unternehmen derzeit weniger eine mögliche Eintrübung im Außenhandel, sondern der sich verschärfende Fachkräftemangel. Deutsche Anbieter von Automatisierungslösungen stoßen daher in Litauen auf ein großes Interesse.

Ausgewählte Großprojekte Litauen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen Bis zu 5,8 Mrd., davon etwa 2,5 Mrd. in Litauen Planung, Ausschreibungen, teilweise Bau Europäisches Schienenprojekt; EU-Förderung in Höhe von 85%; geplanter Baubeginn 2020; überwiegend Schienenbau; einschließlich Strecke Kaunas - Vilnius; geplante Inbetriebnahme 2026; http://www.railbaltica.org; http://www.rail-baltica.lt
Ausbau des inneren und äußeren Hafens in Klaipeda Über 1 Mrd. Planung, Ausschreibungen Entwicklung der Infrastruktur des Hafens und Neubau eines Tiefsee-Containerhafens mit 17,5 m Tiefgang auf 120 ha; Ausschreibungsveröffentlichungen unter http://www.portofklaipeda.lt/viesieji-pirkimai (auf Litauisch)
Rückbau Atomkraftwerk Ignalina 450 Mio. (von 2014 bis 2020, danach weitere 500 Mio.) Fortlaufende Realisierung Errichtung eines Atommüll-Übergangslagers (2014-2020); Rekultivierung des Geländes ab 2038 angestrebt; nach 2020 wahrscheinlich etwa 900 Mio. Euro benötigt; http://www.iae.lt
Heizkraftwerk in Vilnius 381 Mio. Bau Kraftwerksneubau mit geplanter Leistung von 230 MW Wärme und 90 MW Strom; Baukonsortium geführt durch deutsches Unternehmen: Steinmüller Babcock Environment; geplante Fertigstellung 2019; http://www.kogen.lt
Betrieb litauischer Flughäfen 200 Mio. bis 300 Mio. Planung Vergabe einer Konzession für den Betrieb der Flughäfen Vilnius (VNO), Kaunas (KUN), Palanga (PLQ); Dauer: 25 Jahre; Ausschreibungsbeginn 2. Quartal 2019; http://www.ltou.lt/en
Programm zur energieeffizienten Modernisierung von Wohnhäusern 280 Mio. Fortlaufende Umsetzung EU-Mittel für Investitionsperiode 2014-2020; Koordination über Agentur für Gebäudeenergieeinsparung: http://www.betalt.lt/en
Heizkraftwerk in Kaunas 150 Mio. Im Bau Kraftwerksneubau mit geplanter Leistung von 70 MW Wärme und 24 MW Strom; Projektdurchführer Lietuvos Energija und Fortum Heat Lietuva; Abfallverbrennungskessel von deutschem Unternehmen Baumgarte Boiler Systems GmbH; geplante Inbetriebnahme 2020; http://www.kogen.lt
Bau einer Fabrik von Continental 100 Mio. Bau Produktion von Elektronikelementen für die Pkw-Industrie auf 16.000 qm in Kaunas; größte litauische Greenfield-Investition; geplanter Produktionsstart in 2. Jahreshälfte 2019
Neubau des Nationalstadions 73 Mio. Ausschreibung EU-Förderung angestrebt; Umsetzung über Konzession als Public Private Partnership (PPP) mit Vertragsunterzeichnung 2019; geplante Fertigstellung 2022; http://ppplietuva.lt/en/
Gaspipeline Gas Interconnection Poland-Lithuania (GIPL) 136 Auswertung der Ausschreibungsergebnisse bis Anfang 2019 Bau einer rund 500 km langen Gas-Pipeline zwischen Polen und Litauen; EU-Förderung; geplanter Baustart auf litauischer Seite im 2. Quartal 2019; geplante Fertigstellung Ende 2021; http://www.ambergrid.lt; Ausschreibungsunterlagen unter https://www.ambergrid.lt/en/about-us/announcements

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen werden auf der staatlichen Internetplattform CVPP (https://cvpp.eviesiejipirkimai.lt) in litauischer Sprache veröffentlicht. Hilfreich bei der Marktbearbeitung sind die von den öffentlichen Einrichtungen bekanntzumachenden Listen über ihre für das gesamte Jahr geplanten Ausschreibungen.

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/litauen, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Steigende Reallöhne lassen Haushalte fleißig konsumieren

Während Unternehmen vom Fachkräftemangel geplagt sind, profitieren die litauischen Haushalte auch 2019 von steigenden Löhnen - voraussichtlich um nominal 6,8 Prozent bis 10 Prozent. Bei einer Inflation von 2,2 Prozent bis 2,7 Prozent bleiben hohe Reallohnzuwächse, die auch der Einzelhandel spürt. Hinzu kommen nach Angaben des Finanzministeriums auch Rentenerhöhungen und Steuererleichterungen. Vor diesem Hintergrund wird der Privatkonsum 2019 um 3,4 Prozent bis 4,3 Prozent steigen. Die Analysten der SEB Bank betonen, dass die Einkommensunterschiede hoch bleiben.

Beschäftigungs- und konsumfördernd wirkt, dass von Mai bis Juli 2018 unter dem Strich erstmal mehr Menschen nach Litauen eingewandert als ausgewandert sind - eine Entwicklung, die sich auch 2019 fortsetzen könnte. Allerdings werten einige Analysten, darunter auch die Swedbank und das Finanzministerium, den demografischen Wandel als hemmenden Faktor des Privatkonsums in den Jahren 2020 und 2021.

Außenhandel: Verunsicherung auf wichtigen Absatzmärkten hemmt Exporte

Während Im- und Exporte 2017 noch zweistellig zulegten, drückt die schwächer werdende Auslandsnachfrage mittlerweile auf die Wachstumsdynamik. Aus- und Einfuhren sind im 1. Halbjahr 2018 um 6,1 beziehungsweise 5,1 Prozent real deutlich schwächer gewachsen als im Vorjahr. Das Prognosespektrum für die Exporte liegt 2018 bei 4 Prozent bis 6,7 Prozent und für 2019 bei nur noch 3 Prozent bis 5,1 Prozent. Sorge bereitet vor allem die Verunsicherung auf dem wichtigen europäischen Absatzmarkt. Positive Impulse werden aber die neuen Produktionsstätten von Continental und Hella haben. Der Exportüberschuss bei den Dienstleistungen zeigt Litauens Stärke bei Shared Service Centers.

Die anhaltend hohe Binnennachfrage, vor allem bei den Bruttoanlageinvestitionen und bei Großprojekten, wird weiterhin auch aus dem Ausland bedient und treibt damit die Importe in die Höhe, die 2019 zwischen 4 Prozent und 5,8 Prozent zulegen werden.

Außenhandel Litauens (in Mio. Euro; reale Veränderung in Prozent)
1. Jahreshälfte 2017 1. Jahreshälfte 2018 Veränderung 1. Jahreshälfte 2018/ 1. Jahreshälfte 2017
Importe 13.544,7 14.767,8 5,7
Exporte 12.583,5 13.480,2 4,1
Handelsbilanzsaldo -961,2 -1.287,6 -

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/litauen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Litauen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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