Wirtschaftsausblick

19.04.2019

Wirtschaftsausblick - Norwegen (März 2019)

Inhalt

Die Talsohle ist durchschritten / Von Michal Wozniak

Stockholm (GTAI) - Große Investitionsvorhaben der Öl- und Gasindustrie stimulieren die norwegische Wirtschaft. Der drohende Brexit gefährdet die Exporteinnahmen.

Wirtschaftsentwicklung: Es geht wieder aufwärts

Die Wirtschaftsentwicklung in Norwegen erreichte 2018 ihre Talsohle. Laut ersten Schätzungen des norwegischen Statistikamtes SSB wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit 1,4 Prozent um nahezu ein Drittel langsamer als im Vorjahr. Dies ist allerdings allein auf die negative Entwicklung der Öl- und Gasbranche zurückzuführen. Das Festland-BIP wuchs 2018 um 2,2 Prozent. Laut Prognosen soll 2019 auch die Gesamtwirtschaft in etwa dieses Niveau erreichen und sich das Wachstum 2020 auf bis zu 3 Prozent beschleunigen.

Langfristig will die norwegische Regierung die Wirtschaft breiter aufstellen. Gesetzesänderungen sollen der Fischerei mehr Entwicklungsspielraum verschaffen. Ein ambitioniertes Infrastrukturprogramm wird für effizientere Handelsströme im Inland sorgen. Der Wasserkraft-Sektor soll dank neuer Netzverbindungen zum natürlichen Speicher für Ökostrom aus dem Nord- und Ostseeraum avancieren.

Die bereits gänzlich fossilfreie Stromerzeugung soll dem Königreich zudem zur Vorreiterrolle bei umweltfreundlichen Transportlösungen verhelfen. Beim Einsatz von Elektroautos gehört das Land bereits zur Weltspitze. Im März 2019 erreichte der Anteil der Elektroautos an allen Pkw-Verkäufen 56 Prozent. Auch die Entwicklung batterie- und wasserstoffbetriebener Schiffe und Flugzeuge wird gefördert. Ab 2026 werden nur noch Schiffe mit Elektroantrieb in die norwegischen Fjorde einfahren, 15 Jahre später auf Kurzstrecken ausschließlich emissionsfreie Flugzeuge abheben dürfen.

Für einen Innovationsschub sorgt auch das Programm "Norsk katapult", welches die Entwicklung innovativer Produkte durch eine verbesserte Infrastruktur in sogenannten Katapult Zentren stimulieren soll. Zu den geförderten Industriebereichen zählen unter anderem neue Werkstoffe, Produktionsprozesse, Maritime Wirtschaft sowie erneuerbare Energien. Für das Programm werden 2019 etwa 13 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

MKT201904188011.14

Wirtschaftliche Eckdaten Norwegens
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 354,3 368,5 3.388,2
BIP pro Kopf (Euro) 67.100 69.400 40.871
Bevölkerung (Mio.) 5,3 5,3 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... nkr) 9,3270 9,5975 -

Quellen: Eurostat; Deutsche Bundesbank

Investitionen: Öl- und Gassektor geht voran

Der Öl- und Gassektor, der nahezu ein Drittel der norwegischen Wirtschaftsleistung generiert, verfolgt trotz der volatilen Preisentwicklung auf den Rohstoffmärkten ambitionierte Investitionspläne. Die entsprechenden Ausgaben lagen 2018 laut ersten Schätzungen bei knapp 16 Milliarden Euro, rund 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine im Januar 2019 durchgeführte Unternehmensumfrage von SSB ergab, dass Investitionen 2019 um etwa 14 Prozent zulegen könnten.

In den übrigen Wirtschaftsbereichen wird die Investitionsbereitschaft durch steigende Zinsen und die Verlangsamung des globalen Wachstums getrübt. Die Prognosen gehen für 2019 und 2020 von jeweils etwa zweiprozentigen Zuwächsen aus. 2021 könnten es nur noch etwa 1 Prozent jährlich sein.

Ausgewählte Großprojekte in Norwegen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Lyngdal vest-Sandnes; Neubau der E39 Kristiansand-Sandnes, Lyngdal West-Sandnes 3,1 Baustart 2025 Bauherr: Statens Vegvesen Region Sor; Entwickler: Nye Veier AS
Ausbau Oslo Universitätskrankenhaus HF, Aufteilung auf 3 neue Krankenhäuser 1,9 Konzeptphase; Baustart Ende 2019, bzw. 2021 Auftraggeber Helse Sor-Ost RHF; Projektleitung: Sykehusbygg HF
Bjornafjorden bru; Fjordkreuzung des Bjornafjord via E39 Os-Bergen 1,8 Baustart 2022 Bauherr: Statens Vegvesen Region Vest; Voruntersuchung: Sintef Ocean AS
Oslo S-Skoyen/Bislett-Lysaker; Neubau Eisenbahnstrecke (Oslo-Navet) 1,7 Baustart April 2020 Bauherr: Statens Vegvesen Region, Ruter AS, Bane NOR Infrastruktur Ost, Jernbanedirektoratet
Neubau Krankenhaus in Drammen 1,0 Baustart Herbst 2019 Bauherr: Helse Sor-Ost; Projektleitung Sykehusbygg HF
E18 Retvet-Vinterbro; Strassenneubau 0,8 Baustart 2023 Bauherr: Statens Vegvesen
Neubau Life Science-Gebäude der Universität Oslo 0,7 Baustart 2019, geplante Fertigstellung 2024 Auftraggeber: Kunskapsdepartementet; Bauherr: Statsbygg
Neubau Krankenhaus Nordmore und Romsdal 0,4 Geplante Fertigstellung 2023 Auftraggeber: Helse More og Romsdal; Bauherr: Sykehusbygg

*) Umrechnung anhand des durchschnittlichen Jahreswechselkurses 2018; 1 Euro = 9,5975 Norwegische Kronen (nkr)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest

Konsum: Steigende Löhne stimulieren den privaten Verbrauch

Die gute Situation am Arbeitsmarkt sorgt für robuste Zuwächse der Privatausgaben. Bis 2022 sollen die Beschäftigtenzahl jährlich um durchschnittlich knapp 1 Prozent und die Löhne um etwa 3,5 Prozent zulegen. Entsprechend liegen die Wachstumsprognosen für den privaten Konsum zwischen 2 und 2,5 Prozent pro Jahr.

Der Wohnungsmarkt trübt die Kauflaune. Da Schweden kaum mieten, sondern größtenteils auf Pump kaufen, senken fallende Immobilienpreise das Wohlstandsniveau. Von Mitte 2017 bis Mitte 2018 fielen die Quadratmeterpreise um über ein Zehntel. Seitdem stabilisiert sich die Lage, eine Erholung hat aber noch nicht eingesetzt.

Die Ausgaben für Dienstleistungen steigen bereits seit einigen Jahren wesentlich schneller als die für Waren. Mittelfristig dürfte sich der Trend nicht umkehren. Insofern wird der Einzelhandel nur einen Teil der Konsumzuwächse für sich verbuchen können. Was deutschen Anbietern die Kundenjagd in Norwegen erleichtern dürfte: Bereits drei Viertel aller Norweger über 14 Jahre kaufen übers Internet ein. Die Umsätze im Onlinehandel wachsen doppelt so schnell wie der Einzelhandel insgesamt.

Außenhandel: Brexit gefährdet 20 Prozent der Exporteinnahmen

Norwegen importierte 2018 laut Schätzungen Waren im Wert von über 74 Milliarden Euro. Der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr lag bei 4 Prozent. Importe aus Deutschland verbuchten mit knapp 8,1 Milliarden Euro ein Plus von 2,3 Prozent. Die Bundesrepublik bleibt zweitwichtigster Lieferant hinter Schweden. Nahezu ein Viertel der norwegischen Importe entfallen auf Maschinen und Elektrogeräte. Jeweils über ein Zehntel der Umsätze wird mit Erzeugnissen der Automobil- und Chemieindustrie generiert.

Wesentlich einseitiger gestaltet sich die Exportgüterstatistik. Für über 62 Prozent der Einnahmen sorgen Öl und Gas. Weitere Exportschlager Norwegens kommen aus der Nordsee: auf Fische und Meeresfrüchte entfallen nahezu 10 Prozent der Ausfuhrumsätze. Um den wichtigsten Abnehmer mit einem Anteil von über 20 Prozent nicht zu verlieren, wurde Mitte März 2019 ein vorübergehendes Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich geschlossen.

Außenhandel Norwegens (in Mrd. Euro; Veränderung in %)
2017 2018 1) Veränderung 2018/2017 2)
Importe 73,4 74,2 4,0
Exporte 92,3 104,2 16,2
Handelsbilanzsaldo 18,9 30,0 -

1) vorläufige Zahlen; 2) auf Grundlage der Ausgangswerte in Norwegischen Kronen

Quelle: SSB

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Norwegen

Dieser Artikel ist relevant für:

Norwegen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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