Wirtschaftsausblick

05.06.2018

Wirtschaftsausblick - Norwegen (Mai 2018)

Inhalt

Öl- und Gasindustrie investiert wieder stärker in Förder- und Entwicklungsprojekte / Von Heiko Steinacher

Bonn (GTAI) - Norwegens Wirtschaft erholt sich durch den Aufwärtstrend des Ölpreises. Die Investitionen in den Öl- und Gassektor werden dort 2018 voraussichtlich wieder steigen, zum ersten Mal seit vier Jahren. Wichtige Konjunkturimpulse dürften 2018 außerdem vom privaten Konsum ausgehen. Wie bereits 2017 wird die Wirtschaft des nordischen Landes voraussichtlich auch in diesem Jahr um knapp 2 Prozent wachsen. Siemens digitalisiert für rund 800 Millionen Euro die Infrastruktur des norwegischen Bahnnetzes.

Wirtschaftsentwicklung: Diversifizierung soll Abhängigkeit vom Ölsektor verringern

Norwegens Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird jüngsten Prognosen zufolge 2018 und 2019 jeweils um rund 2 Prozent steigen, ähnlich wie im Vorjahr. Die sinkende Arbeitslosigkeit sowie wachsende Reallöhne kurbeln den privaten Konsum an. Wiedererstarkende Offshore-Aktivitäten und die zunehmende Kapazitätsauslastung in der Industrie beflügeln die Investitionen. Sowohl Exporte als auch Importe werden 2018 und 2019 real um 2 bis 3 Prozent zulegen, die Einfuhr in diesem Jahr voraussichtlich etwas stärker als die Ausfuhr.

Das Königreich ist stark von der Ölwirtschaft abhängig, die rund ein Drittel seiner Wirtschaftsleistung ausmacht. Es profitiert daher vom Aufwärtstrend des Ölpreises, der seit Mitte 2017 anhält. Kostete die Sorte Brent im Juni 2017 noch um die 50 US-Dollar (US$) pro Barrel, lag der Preis Mitte Mai 2018 fast bei 80 US$. Die Investitionen in die Öl- und Gaswirtschaft sind 2017 um knapp 10 Prozent auf 16 Milliarden Euro gesunken. Damit dürfte die Talsohle erreicht sein. Für das Jahr 2018 erwartet das Statistische Zentralbüro SSB in seiner Mai-Erhebung wieder ein Plus von 1 bis 2 Prozent.

Durch eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft will Norwegen seine Abhängigkeit von den in den vergangenen Jahren stark gebeutelten Öl- und Gas- sowie Zulieferindustrien reduzieren. So sollen unter anderem Maßnahmen zum Aufbau einer nachhaltigen und biobasierten Wirtschaft unterstützt und in der Fischereiwirtschaft der teilweise bestehende Fang-Ablieferzwang an lokale Verarbeitungsbetriebe gelockert werden. Auch den Tiefseebergbau plant die Regierung voranzutreiben. Branchenunabhängig werden Innovations- und Forschungsanreize für Hochtechnologielabore eine wichtige Rolle spielen.

Für den Aufbau eines Systems industrieller Testzentren stellt die Regierung insgesamt rund 5,3 Millionen Euro bereit. Das Programm mit der Bezeichnung "Norsk Katapult" sieht den Aufbau mehrerer Standorte vor, an denen Unternehmen Prototypen entwickeln und testen können. Die Mittel dafür sollen in den Folgejahren aufgestockt werden. Anfang Februar 2018 wurde ein nationales Technologiezentrum in Raufoss eröffnet, an dem dezentrale Minifabriken hergestellt werden sollen.

MKT201806048005.14

Wirtschaftliche Eckdaten Norwegen
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 335,5 335,7 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 63.804 66.782 39.475
Bevölkerung (Mio.) 5,258 *) 5,296 *) 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Norwegische Kronen) 9,2906 9,3270 -

*) zum Jahresende

Quellen: auf Grundlage von Angaben von SSB; Statistisches Bundesamt; Bundesbank

Investitionen: Siemens liefert digitales Signalsystem für die norwegische Bahn

Die 2017 erneut rückläufigen Investitionen im Öl- und Gassektor haben auch Teile der verarbeitenden Industrie in ihren negativen Sog gezogen. Im Jahr 2018 sollen sie aber wieder zunehmen, wenn auch nur leicht (um 1 bis 2 Prozent), wobei vor allem die Investitionen in Explorationsprojekte steigen, während die in produzierende Öl- und Gasfelder sowie in Pipelines nochmals zurückgehen dürften.

Auch die Investitionen in die Stromversorgung sollen 2018 kräftig steigen - um 15 bis 20 Prozent. Das ist beachtlich, da sie bereits 2017 dank hoher Ausgaben für Smart-Metering-Systeme und die Entwicklung von Windkraftanlagen ein hohes Niveau erreicht haben. Seit September 2016 bauen Deutschland und Norwegen gemeinsam an der Untersee-Stromtrasse NordLink.

Siemens hat im März 2018 einen Großauftrag des norwegischen Bahninfrastrukturverwalters Bane NOR erhalten: Bis 2034 wird der Münchner Technologiekonzern ein neues digitales Signalsystem liefern. Es handelt sich dabei laut Siemens um den größten Auftrag des Unternehmens im Bereich Bahninfrastruktur. In Trondheim hat Siemens in eine neue Produktionslinie für Batterien für elektrische Schiffsantriebe investiert, die im Mai 2018 in Betrieb genommen wurde.

Norwegen sieht in den nächsten Jahren hohe Summen für Investitionen in den Ausbau von Straßen, Schienen und anderen Transportwegen vor. Nach Vorschlägen der Transportbehörden sind es im Zeitraum 2018 bis 2029 je nach Szenarium 60 Milliarden bis 100 Milliarden Euro. Außerdem sollen mehrere Krankenhäuser neu gebaut beziehungsweise modernisiert werden. Viele Projekte befinden sich erst in der Planungsphase, sodass es zahlreiche Einstiegschancen für Unternehmen gibt.

Ausgewählte Großprojekte in Norwegen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau des Universitätskrankenhauses, Oslo 2.000 Beginn der Konzeptphase 2018 Auftraggeber: Helse Sor-Ost RHF (http://www.helse-sorost.no), Projektleitung: Sykehusbygg HF
Neues Regierungsviertel, Oslo 1.600 bis 1.700 Geplanter Baustart Januar 2020, geplante Fertigstellung 2026 Auftraggeber: Kommunal- og moderniseringsdepartementet, Bauherr: Statsbygg (http://www.statsbygg.no), Kontakt: Knut Jorgensen, Tel. +47 (0)900 86 050, Projektleitung: Atkins Norge AS
Bau eines Krankenhauses im Stadtteil Ullandhaug, Stavanger Mehrere Etappen, jeweils 130 bis 190 Projektierung, geplante Fertigstellung 2023 Helse Stavanger (http://www.helse-stavanger.no), Projektleitung: Sykehusbygg HF, Ansprechpartner: Kari Gro Johanson
Bau eines neuen Krankenhauses, Drammen 880 Beginn der Vorstudie Ende 2017 Auftraggeber: Helse Sor-Ost RHF, Projektleitung: Sykehusbygg HF
Neubau Life-Science-Gebäude (Livsvitenskap), Universität Oslo 730 Geplanter Baustart Anfang 2019, geplante Fertigstellung Herbst 2024 Bauherr: Statsbygg, Kontakt: Alexander Strand, Tel. + 47 (0)40 222 048
Ausbau des Radiumhospitalet (Krankenhaus) im Stadtteil Ullern, Oslo 320 Abschluss der Konzeptphase 2017 Auftraggeber: Helse Sor-Ost RHF, Projektleitung: Sykehusbygg HF
Renovierung und Neubau von Teilstrecken und Brücken entlang des Abschnitts Bommestad - Sky entlang der Europastraße E18, Larvik 250 Geplante Fertigstellung frühestens 2021 Bauherr: Statens vegvesen (http://www.vegvesen.no), Berater: Ramboll
Neubau Universitätsmuseum, Tromsö 160 bis 190 Planungsphase, Zeichnungsentwürfe sollen bis Ende 2018 vorliegen Bauherr: Statsbygg, Kontakt: Marte Kollstrom, Tel. +47 (0)900 62 930
Regionale Sicherheitsabteilung (RSA), Ausbau der Sicherheits-, Gefängnis- und Rechtspsychiatrie, Dikemark 150 Beginn der Vorstudie Januar 2018 Auftraggeber: Helse Sor-Ost RHF, Projektleitung: Sykehusbygg HF
Aus- und Neubau des Wikingermuseums (Vikingtidsmuseet), Oslo Keine Angabe Planungsphase, geplanter Baustart frühestens 2020, geplante Fertigstellung 2022/2023 Bauherr: Statsbygg, Kontaktperson: Lasse M. Kwetzinksy, Tel. + 47 (0)951 91 660

*) Umrechnung gemäß Euro-Referenzkurs der Europäischen Zentralbank (EZB): 1 Euro = 9,3270 Norwegische Kronen im Jahresdurchschnitt 2017

Quellen: NorgeBygges; Recherchen von Germany Trade & Invest

Norwegische Datenbank für öffentliche Ausschreibungen: http://www.doffin.no

Konsum: Eine der wichtigsten Konjunkturtriebfedern

Die Arbeitslosigkeit ist 2017 um einen halben Prozentpunkt auf 4,2 Prozent zurückgegangen. Der rückläufige Trend setzte sich im 1. Quartal 2018 fort. Der Druck auf die Löhne wird dadurch größer. Angesichts des niedrigen Leitzinses der Notenbank (0,5 Prozent im Mai 2018) und der seit Herbst 2017 relativ stabilen Kerninflation (seither leicht über 1 Prozent) werden in diesem Jahr daher voraussichtlich auch die Reallöhne deutlich wachsen (um 2 bis 3 Prozent). Der private Konsum ist daher eine wichtige Konjunkturstütze.

Seit 1. Januar 2017 gelten in Norwegen Verschuldungsobergrenzen für Immobilienerstkäufer und verschärfte Eigenkapitalanforderungen für Zweitwohnungen, was einer weiteren Verschuldung der Privathaushalte entgegenwirken soll. Die Sparquote steigt seit Mitte 2017 wieder an und lag zu Jahresbeginn 2018 bei rund 9 Prozent. Auch das lässt Spielraum für eine Ausweitung der Konsumausgaben. Die Struktur der Ausgaben der Privathaushalte blieb in den letzten Jahren unverändert.

Außenhandel: Warenbezüge aus Deutschland steigen, aber unterproportional zur Gesamteinfuhr

Norwegens Exportindustrie profitierte 2017 relativ stark von dem nur moderaten Lohnwachstum und von der schwachen Landeswährung. Gegenüber dem Euro hat die norwegische Krone im Laufe des Jahres 2017 deutlich abgewertet. Von Januar bis April 2018 war eine leichte Aufwertungstendenz zu beobachten. Gegenüber dem US-Dollar erstarkte Norwegens Währung bereits wieder gegen Mitte 2017 und blieb in den ersten vier Monaten 2018 relativ stabil. Wirtschaftsfachleute gehen davon aus, dass der Außenwert der Krone gegenüber den beiden Währungen in den nächsten ein bis zwei Jahren weiter steigen wird.

Norwegen hat 2017 gut 10 Prozent mehr chemische Erzeugnisse und 8 Prozent mehr Maschinen und Transportausrüstungen importiert als im Vorjahr. Deutschland konnte seine jeweiligen Branchenlieferungen um 12 beziehungsweise knapp 6 Prozent steigern. Im Jahr 2018 wird die Einfuhr (Waren und Dienstleistungen) real gesehen voraussichtlich um etwa 2,6 Prozent wachsen, für 2019 wird ein reales Importplus von 2,9 Prozent erwartet. Importwaren bezieht das Land vor allem aus Schweden und Deutschland, gefolgt von China, den USA, Südkorea, Dänemark und dem Vereinigten Königreich.

Außenhandel Norwegens (in Millionen Euro; nominale Veränderung in Prozent) 1)
2016 2017 Veränderung 2017/2016 2)
Importe 67.707 73.398 8,8
Exporte 80.897 92.280 14,5
Handelsbilanzsaldo 13.190 18.881 43,7

1) Waren; 2) auf Grundlage der Ausgangswerte in Norwegischen Kronen; Wechselkurse 2016: 1 Euro = 9,2906 Norwegische Kronen; 2017: 1 Euro = 9,3270 Norwegische Kronen

Quelle: auf Grundlage von Daten von SSB

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/norwegen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Norwegen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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