Wirtschaftsausblick

03.12.2018

Wirtschaftsausblick - Polen (November 2018)

Inhalt

Wirtschaftswachstum liegt über den Prognosen / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Steigende Löhne und Investitionen treiben die Konjunktur in Polen an. 2018 soll allerdings der Höhepunkt erreicht werden. Beim Außenhandel bleibt Deutschland wichtigster Partner.

Wirtschaftsentwicklung: Konjunkturaufschwung hält an

Polens Wirtschaft entwickelt sich auch 2018 dynamisch. Im 3. Quartal betrug der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) das dritte Quartal in Folge über 5 Prozent. Die Prognosen waren von einem Zuwachs knapp unter der 5 Prozent-Marke ausgegangen. Schätzungen zufolge wird der Anstieg im letzten Quartal etwas geringer ausfallen, sodass für das gesamte Jahr ein Wachstum von 4,8 Prozent prognostiziert wird. Die Zuwächse der Industrieproduktion und der Einzelhandelsumsätze im Oktober deuten jedoch darauf hin, dass sich die Wirtschaft im 4. Quartal stärker als vorhergesagt entwickeln könnte. 2019 und 2020 gehen Prognosen von einem Anstieg des BIP von rund 3,5 Prozent aus.

Wesentlicher Wachstumsfaktor ist der private Konsum. Mit einem Zuwachs von 4,7 Prozent wird für 2018 ein ähnlich starker Anstieg der privaten Konsumausgaben wie im Jahr zuvor prognostiziert. In den beiden Folgejahren soll das Wachstum abflachen und bei 3,8 beziehungsweise 3,4 Prozent liegen. Stimuliert wird die private Nachfrage durch eine steigende Beschäftigung und wachsende Löhne. Ein zunehmender Arbeitnehmermangel stärkt die Position der Beschäftigten bei Lohnverhandlungen, was zu deutlicheren Lohnanstiegen als in den Jahren zuvor führt. Zwischen 2018 und 2020 soll der jährliche Anstieg der Bruttolöhne bei rund 6,8 Prozent liegen.

Steigende Investitionen sind ein weiterer wichtiger Faktor für das Wirtschaftswachstum Polens. Für 2018 prognostiziert die Europäische Kommission einen Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen von 6,2 Prozent. In den beiden darauffolgenden Jahren soll der Zuwachs bei 5,7 Prozent und 4,9 Prozent liegen. Der Großteil davon soll auf Ausrüstungen entfallen.

Das Inflationsniveau soll 2018 trotz starken Wirtschaftswachstums und wachsenden Löhnen mit 1,8 Prozent unter dem Ziel der Nationalbank bleiben. Für 2019 sagen die Prognosen einen deutlichen Anstieg des Preisniveaus um 3,2 Prozent voraus. Schuld an diesem Wachstum sind dabei nicht allein die starken Zuwächse der Energiepreise. Auch die Kerninflation (Inflation abzüglich der Preise für Nahrungsmittel und Energie) soll in der kommenden Zeit zulegen.

MKT201811308002.14

Wirtschaftliche Eckdaten Polen
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 426,5 467,2 3.277,3
BIP pro Kopf (Euro) 11.100 12.200 39.649
Bevölkerung (Mio.) 38,4 38,4 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Zloty) 4,363 4,257 -

Quellen: Eurostat; Statistisches Hauptamt (GUS); Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Öffentliche Investitionen nehmen zu

Die Erholung der Investitionen setzt sich 2018 fort. Laut Polnischer Nationalbank NBP sind besonders im öffentlichen Sektor und speziell auf lokaler Ebene die Ausgaben gestiegen. Grund hierfür ist ein verbesserter Einsatz von europäischen Fördermitteln. Nach Angaben von Jerzy Kwiecinski, Minister für Investitionen und Entwicklung, wurden bis Ende Oktober 2018 rund 65 Prozent der Fördergelder aus der Europäischen Union (EU) zugeteilt. Bis Ende des Jahres sollen es 75 Prozent sein.

Als zunehmende Herausforderung bei öffentlichen Ausschreibungen gestalten sich die steigenden Preise und eine mangelnde Beteiligung von Unternehmen. Besonders die Baubranche berichtet von steigenden Materialkosten. Große Preisdifferenzen zwischen Unternehmen und Behörden lassen immer mehr Ausschreibungen platzen.

Der NBP zufolge haben mittlere und große Unternehmen mehr investiert. Der sich zuspitzende Fachkräftemangel und die starken Lohnanstiege steigern das Interesse der Firmen nach Automatisierungsmöglichkeiten.

Ausgewählte Großprojekte Polen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau der II U-Bahn-Linie in Warschau 1.150 Verträge mit Generalauftragnehmern September, November 2018; Fertigstellung: 2023 3 Abschnitte: 3 Stationen zwischen Zacisze & Brodno, 3 Stationen zwischen Lazurowa & Polczynska, 2 Stationen zwischen Wola Park & Powstancow Slaskich; Investor: Metro Warszawskie Sp. z o.o.
Neubau eines Werks zur Herstellung von Kathoden für Akkumulatoren mit F&E-Zentrum in Nysa 320 Inbetriebnahme: Ende 2020 Investor: Umicore
Bau eines Energieblocks in Pulawy 206 Auftragsvergabe: 4.Quartal 2018; Baubeginn: Dezember 2018; Fertigstellung: 4. Quartal 2021 100 MW-Energieblock im Strom- und Wärmekraftwerk der Grupa Azoty; Investor: Grupa Azoty S.A.
Bau der Schnellstraße S19 (via Carpathia) zwischen Lublin und Rzeszow 162 Vertragsunterzeichnung mit Generalauftragnehmern Juni 2018; Fertigstellung bis 2021 3 Abschnitte zwischen Lasy Janowskie und Nisk (25 km); Investor: GDDKiA
Bau der Autobahn A1 138 Vertragsunterzeichnung mit Generalauftragnehmern Juli 2018; Fertigstellung: 1. Halbjahr 2022 Abschnitt zwischen dem Knoten Czestochowa Polnoc bis zur Grenze der Woiwodschaft Lodsch (17 km); Investor: GDDKiA
Bau eines Touristenkomplexes - Nautilus Gdansk 124 Fertigstellung bis 2022 Ozeanarium, Aquapark, Hotel- und Konferenzzentrum, Objekte für Medizintouristik; Investor: PFI Future (Investmentfonds); Arena Gdansk (Selbstverwaltungsgesellschaft)
Modernisierung des Hafens Kedzierzyn-Kozle an der Oder 69 Baubeginn: Mitte 2018; Fertigstellung der 1. Etappe bis Ende 2018 3 Etappen: Bau eines Terminals für Flüssigkeiten, eines Containerterminals und eines Terminals für Stückgut/Pulverwaren; Investor: Kedzierzyn-Kozle Terminale
Bau von Straßenbahnlinien unter dem Bahnhof Warszawa Zachodnia 68 Bauauftragserteilung: 2. Halbjahr 2019, Fertigstellung: 2. Halbjahr 2022 Neue Straßenbahnhaltestellen, mehr als 2 km Straßenbahntunnel, Umbau der Bahnsteige, Straßenbahnlinien in mehrere Richtungen, Bau eines Betriebshofs in Annopol, 50 Straßenbahnen; Investor: PKP PLK, Tramwaje Warszawskie
Werksneubau in Belchatow 58 Inbetriebnahme: 2. Halbjahr 2020 Werk zur Herstellung von hochwertigen Wellpappenverpackungen; Investor: DS Smith
Werksausbau in Chrzanow 41 bis 54 Investorengenehmigung und Baubeginn: September 2018, Fertigstellung: Dezember 2021 Ausbau des Werkes zur Herstellung von Auto-Scheinwerfern; Investor: Valeo

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 Euro = 4,3177 Zloty (Zl); Stand: 20. November 2018

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Der Höhepunkt scheint erreicht

Die niedrigste Arbeitslosenquote seit 27 Jahren, das Mitte 2016 eingeführte Kindergeld, hohe Konsumentenzufriedenheit sowie die Erhöhungen des Mindestlohns lassen die Nachfrage der Privathaushalte steigen. Dank der wachsenden Einkommen freuen sich besonders Hersteller langlebiger Konsumgüter über steigende Verkaufszahlen. Außerdem ist eine starke Aktivität auf dem Wohnungsmarkt zu erkennen. 2017 erreichte der Anstieg des privaten Konsums laut NBP mit 4,8 Prozent allerdings den vorzeitigen Höhepunkt.

Für 2018 wird der private Konsum Schätzungen zufolge mit 4,7 Prozent minimal geringer zulegen. In den beiden Folgejahren prognostiziert die NBP ein Plus von 3,8 und 3,4 Prozent. Grund für den geringeren Anstieg sind die auslaufenden Effekte des Kindergeldes sowie ein geringerer Beschäftigungszuwachs aufgrund des Arbeitnehmermangels. Nach Angaben der Europäischen Kommission wird die Beschäftigungsquote 2020 um 0,1 Prozent zunehmen. Starke Lohnsteigerungen werden, wenn auch im geringeren Maße, den Privatkonsum weiter antreiben.

Außenhandel: Importe steigen schneller als Exporte

Die positive Entwicklung des privaten Konsums und der Investitionen wirkt sich auch auf die polnischen Importe aus. Im Zeitraum Januar bis September 2018 stiegen sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,6 Prozent. Polnische Exporte konnten, auch aufgrund eines schwächelnden Zlotys, ein Wachstum von 6 Prozent verbuchen. Der geringere Anstieg der Ausfuhren hat zur Folge, dass sich Polen von seinem Handelsüberschuss aus dem Jahr 2017 verabschiedet. In den kommenden Jahren wird das Defizit anwachsen: Angaben der NBP zufolge steigen die Importe weiterhin dynamischer als die Ausfuhren.

Im Ranking der Handelspartner belegt Deutschland bei den Im- und Exporten den unangefochtenen 1. Platz. Bei den Importen ist der Anteil mit 22,6 Prozent fast doppelt so groß wie der des zweitplatzierten Chinas. Beide Länder verzeichneten im polnischen Importranking in den ersten drei Quartalen 2018 leichte Anteilseinbußen. Unter den Top 10-Importpartnern Polens konnten lediglich Russland und die USA einen Anstieg ihrer Anteile verbuchen.

Außenhandel Polen (in Mrd. Euro; Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2016/2017
Importe 180,9 206,1 13,9
Exporte 184,8 206,6 11,8
Handelsbilanzsaldo 3,9 0,5 -

Quelle: Statistisches Hauptamt (GUS)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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