Wirtschaftsausblick

19.07.2018

Wirtschaftsausblick - Russische Föderation (Juli 2018)

Inhalt

Sanktionen belasten Russlands Wirtschaft / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Die russische Wirtschaft wird 2018 erneut um etwa 1,5 Prozent wachsen. Mit Investitionen in die Infrastruktur sowie in das Gesundheits- und Bildungswesen will Präsident Wladimir Putin die wirtschaftliche und soziale Lage im Land verbessern. Grundlegende Reformen, die für ein höheres Wachstum notwendig wären, werden jedoch nicht in Angriff genommen. Zudem gefährden die neuen US-Sanktionen die Erholung der russischen Wirtschaft und die Geschäfte ausländischer Firmen.

Wirtschaftsentwicklung: Mehrwertsteuererhöhung bremst 2019 die Konjunktur

Die russische Regierung setzt bei ihrer Wirtschaftspolitik weiter auf Haushaltsdisziplin, makroökonomische Stabilität und punktuelle Reformen. Zusätzliche Wachstumsimpulse sollen vor allem die Digitalisierung, die Steigerung der Produktivität und der Ausbau der Infrastruktur bringen. Für 2018 rechnet die russische Zentralbank erneut mit einem realen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent.

Präsident Wladimir Putin hat in seinen Dekreten vom Mai 2018 zwölf nationale Entwicklungsziele für seine Amtszeit festgelegt. So soll Russland bis 2024 zu einer der fünf größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen, die Arbeitsproduktivität um jährlich 5 Prozent zulegen und die Nicht-Rohstoff-Exporte auf 250 Milliarden US-Dollar (US$) pro Jahr steigen. Für Projekte in den Bereichen Wohnungsbau, Transport und Digitalisierung wird ein 3,5 Billionen Rubel (etwa 48 Milliarden Euro) schwerer Entwicklungsfonds aufgelegt.

Zur Finanzierung der Mai-Dekrete wird der allgemeine Mehrwertsteuersatz zum 1. Januar 2019 von 18 auf 20 Prozent angehoben. Dies bringt in den kommenden drei Jahren zusätzliche Steuereinnahmen von etwa 27 Milliarden Euro. Allerdings werden steigende Preise dazu führen, dass sich das Wirtschaftswachstum erst einmal abschwächt.

Für 2019 korrigierte Wirtschaftsminister Maksim Oreschkin daher seine BIP-Prognose auf 1,4 Prozent nach unten. Das Renteneintrittsalter wird bis 2034 schrittweise angehoben. Diese nicht unumstrittene Maßnahme dürfte jedoch erst mittelfristig für eine Entlastung der Rentenkasse und für 1,3 Prozentpunkte mehr Wachstum sorgen, so die offiziellen Prognosen.

Der erneut steigende Ölpreis sorgt 2018 für zusätzliche Staatseinnahmen von etwa 6 Milliarden Euro. Damit will die Regierung den Wohlstandsfonds wieder auffüllen. Für das Fiskaljahr 2018 erwartet das Finanzministerium erstmals seit sieben Jahren einen Haushaltsüberschuss in Höhe von 0,5 Prozent des BIP.

Russland hat auf die neuen US-Sanktionen vom 6. April 2018 mit Importverboten auf bestimmte US-Waren reagiert. Die Europäische Union (EU) hat ihre Sanktionen wegen des anhaltenden Konflikts in der Ukraine bis zum 31. Januar 2019 und die Krim-Sanktionen bis zum 23. Juni 2019 verlängert - Russland im Gegenzug sein Embargo von Lebensmitteln aus der EU bis Ende 2019. Die Politik der Importsubstitution wird ebenfalls verschärft: Das Industrieministerium erweiterte zum 1. Juli 2018 die Liste der zu ersetzenden Produkte um 227 Positionen und erhöht bereits bestehende Lokalisierungsanforderungen, etwa in der Automobilindustrie.

MKT201807198007.14

Wirtschaftliche Eckdaten Russlands
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten zu Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 1.159 1.396 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 8.090 9.512 39.475
Bevölkerung (Mio.) 146,8 146,8 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Rubel) 74,14 65,93

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Anteil der Anlageinvestitionen am BIP soll auf 25 Prozent steigen

Die Bruttoanlageinvestitionen werden 2018 um etwa 4,8 Prozent zulegen. Im Vorjahr waren sie erstmals seit drei Jahren um 4,4 Prozent auf 242 Milliarden Euro gestiegen. Investitionen fließen im Rahmen der Mai-Dekrete in die Infrastruktur, das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in die Modernisierung und Automatisierung der Industrieproduktion in Schlüsselbranchen wie die Ernährungswirtschaft und der Automobilbau. Bis 2024 will die Regierung den Anteil der Anlageinvestitionen am BIP von derzeit 21 auf 25 Prozent steigern, vor allem durch staatliche Investitionen.

Ohne ausländische Direktinvestitionen (FDI) dürfte diese Zielmarke nicht zu erreichen sein. Allerdings sind im 1. Halbjahr 2018 die FDI im Nicht-Finanzsektor gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 58 Prozent auf 6,5 Milliarden Euro zurückgegangen. Hauptgrund hierfür sind die neuen US-Sanktionen, so die Erklärung der russischen Zentralbank. Diese verunsichern Investoren und erschweren die Finanzierung neuer Projekte. Internationale Banken, die ihre Transaktionen auf Dollarbasis vollziehen, gewähren Kredite nur noch unter strengen Auflagen, da sie Nachteile beim US-Geschäft befürchten. Für die Zukunft ist mit einem weiteren Rückgang der FDI zu rechnen.

Ausgewählte Großprojekte in Russland
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mrd. Euro) Projektstand Ansprechpartner / Internetadresse
Bau der Hochgeschwindigkeitszugstrecke Moskau-Kasan 24,0 Projektierung des 1. Teilstücks abgeschlossen; geplante Inbetriebnahme: 2022 bis 2023 RZD, http://www.rzd.ru, info@rzd.ru
Ausbau des Gasverflüssigungswerks Jamal LNG / Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen 19,5 Bau der 2. und 3. Stufe bis 2018 und 2019 Novatek, http://www.novatek.ru, novatek@novatek.ru
Bau des Gasverarbeitungswerks Amurskij GPZ, Blagoweschtschensk / Gebiet Amur 19,1 Fertigstellung der 1. Stufe: 2021; volle Inbetriebnahme: 2024 Gazprom, NIPIGAZ, CPECC; Technologie für Gasveredelung: Linde AG, http://www.gazprom.ru, gazprom@gazprom.ru, http://www.nipigas.ru, info@nipigas.ru
Bau des Wostotschny Neftechimitscheski Komplex (Östlicher Petrochemischer Komplex) / Nowoburejski, Gebiet Amur 11,6 Fertigstellung: 2022 Rosneft und ChemChina; http://www.rosneft.ru, postman@rosneft.ru
Wohnungsbauprojekt Gatschina Gardens / Gebiet Leningrad 10,0 Im Bau; Fertigstellung: 2029 Developer: CastorX Capital (Schweden), Gesamtfläche: 620 Hektar, http://www.castorxcapital.com/ru,http://www.gatchinagardens.ru, office@gatchinagardens.ru
Bau des Gasverflüssigungswerks Baltiskij LNG, Hafen Ust-Luga / Gebiet Leningrad 9,7 Projektierungsphase; Fertigstellung: 2022 bis 2023 Gazprom SPG Sankt-Peterburg mit Shell Gas & Power Developments B.V., http://www.spb-lng.gazprom.ru, info@spblng.gazprom.ru
Bau des Arktik LNG-2-Werks / Gydan Halbinsel, Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen 9,2 Vorbereitung der Projektdokumentation; Fertigstellung: 2022 bis 2025 Novatek mit Technip, Linde AG, NIPIGAZ als Projektant, http://www.novatek.ru, novatek@novatek.ru
Ausbau der Baikal-Amur-Magistrale und der Transsibirischen Eisenbahn / Ostsibirien 8,1 Fertigstellung: 2025 RZD, http://www.rzd.ru, info@rzd.ru
Bau des Amur Gaschemiekomplexes / Gebiet Amur 7,0 Bau der Infrastruktur; Inbetriebnahme: 2023 Sibur Holding, Kapazität: 4 Mio. Tonnen Ethylen pro Jahr, http://www.sibur.ru, info@sibur.ru
Bau des Gasverflüssigungswerks Dalnewostotschny LNG im Rahmen des Projekts Sachalin-1, De-Kastri / Region Chabarowsk 6,6 Projektierungsarbeiten; Fertigstellung: 2020 Rosneft, http://www.rosneft.ru, postman@rosneft.ru Exxon Mobil, http://www.exxonmobil.ru

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://zakupki.gov.ru/epz/main/public/home.html

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/russland "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Verfügbare Einkommen steigen leicht

Der private Verbrauch ist 2018 einer der Wachstumstreiber der russischen Wirtschaft. Der Einzelhandelsumsatz legte in den ersten fünf Monaten 2018 um 2,4 Prozent zu. Für das Gesamtjahr erwartet das Wirtschaftsministerium beim Einzelhandel ein Plus von 2,9 Prozent. Die derzeit niedrige Inflation von 2,4 Prozent im Mai 2018 belebt den Konsum. Aufgrund der geplanten Anhebung der Mehrwertsteuer zum 1. Januar 2019 ziehen die Verbraucher Anschaffungen auf das 2. Halbjahr 2018 vor. Der stabil niedrige Leitzins von 7,25 Prozent führt zu einer Rekordkreditaufnahme. Um eine wachsende Verschuldung der Privathaushalte zu verhindern, verschärft die Zentralbank zum 1. September 2018 die Vergaberegeln bei Verbraucherkrediten.

Die verfügbaren Geldeinkommen legten in den ersten fünf Monaten 2018 um 3,2 Prozent zu, nachdem sie zuvor vier Jahre lang rückläufig waren. Die Bruttolöhne verzeichneten im gleichen Zeitraum ein reales Plus von 9 Prozent. Das Wirtschaftsministerium rechnet für das Gesamtjahr 2018 mit einem Anstieg um 6,3 Prozent. Präsident Putin setzt mit Lohnerhöhungen für Staatsbedienstete und Ärzte neue Impulse für den Konsum. Die zum 1. Mai 2018 erfolgte Anhebung des Mindestlohns auf 11.163 Rubel (etwa 160 Euro) trägt zur Erhöhung der Kaufkraft um 1,4 Milliarden Euro bei. Auch für Familien mit Kindern gibt es mehr Geld.

Außenhandel: Rubelabwertung verteuert Importe aus Deutschland

Der russische Außenhandel hat sich zu Jahresbeginn positiv entwickelt. Angesichts der sanktionsbedingten Rubelabwertung dürften die Importe auf Dollarbasis 2018 dennoch um 3,7 Prozent zurückgehen, so die Prognose des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung. Der deutsch-russische Handel legte in den ersten fünf Monaten um 25 Prozent auf 19,9 Milliarden Euro zu. Der Warenaustausch verzeichnete 2017 erstmals nach vier Jahren Rückgang wieder ein Plus von 20 Prozent auf 57,3 Milliarden Euro.

Die geplante Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar 2019 verteuert Waren "Made in Germany", was das Wachstum deutscher Exporte im nächsten Jahr verlangsamen könnte. Die Bundesrepublik liefert vor allem Maschinen und Anlagen nach Russland und bezieht Rohstoffe wie Öl und Gas. Deutschland ist der zweitwichtigste Handelspartner hinter China.

Russland verbucht erste Erfolge bei der Diversifizierung seiner Exporte. Zwar dominieren weiterhin Rohstoffe, jedoch lag der wertmäßige Anteil von Nicht-Rohstoffen 2017 bereits bei 37,5 Prozent oder 133,7 Milliarden US$, ein Plus von 22,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis 2024 sollen die Ausfuhren von Nicht-Rohstoffen auf 250 Milliarden US$ steigen. Dazu unterstützt die Regierung Exporteure mit 27 Milliarden Euro.

Außenhandel Russlands (in Milliarden US$; Veränderung in Prozent)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe 182,3 227,0 24,5
Exporte 285,8 357,1 24,9
Handelsbilanzsaldo 103,5 130,1

Quelle: Föderaler Zolldienst (http://www.customs.ru)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Russland

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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