Wirtschaftsausblick

28.05.2019

Wirtschaftsausblick - Russland (Mai 2019)

Inhalt

Wachstumsschub soll im nächsten Jahr einsetzen / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russlands Wirtschaft wächst 2019 langsamer als im Vorjahr. Erst ab 2020 werden die Nationalen Projekte ihre Wirkung zeigen. Dann soll auch der Privatkonsum wieder für Wachstum sorgen.

Wirtschaftsentwicklung: Politische Risiken drücken auf die Stimmung

Russlands Konjunktur legt 2019 einen Zwischenstopp ein, bevor sie - nach den Plänen der Regierung - ab 2020 wieder durchstartet. Nach einem überraschend starken Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 2,3 Prozent im Vorjahr, prognostiziert das Wirtschaftsministerium für 2019 ein mageres Plus von 1,3 Prozent. Ähnlich pessimistisch ist die Weltbank, die einen Anstieg von 1,4 Prozent erwartet.

Im 1. Quartal 2019 legte das BIP im Jahresvergleich laut vorläufigen Zahlen sogar nur um 0,5 Prozent zu. Die Gründe für die Abschwächung sind vielfältig: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte zu Jahresbeginn, die Anhebung der Leitzinsen im September und Dezember 2018 um insgesamt 50 Basispunkte, die sinkenden Realeinkommen und die sich eintrübende Weltkonjunktur belasten die russische Wirtschaft.

Zudem hing der unerwartet hohe BIP-Anstieg 2018 vor allem mit Einmaleffekten durch große Rohstoffförderprojekte im Gebiet Tjumen zusammen. Tatsächlich ist die Stimmung in der Realwirtschaft eher verhalten. Der Index des Unternehmervertrauens im verarbeitenden Gewerbe lag im April 2019 auf Vorjahresniveau. Besonders die kleineren und mittleren Unternehmen kämpfen laut Russia Small Business Index mit der geringen Kaufkraftentwicklung und dem wachsenden staatlichen Einfluss in der Wirtschaft.

Spätestens 2020 jedoch sollen sich die massiven Investitionen in die Nationalen Projekte auch in der Wirtschaftsleistung niederschlagen. Das BIP soll dann um 2 Prozent wachsen. Insgesamt will Moskau bis 2024 aus öffentlichen und privaten Quellen rund 350 Milliarden Euro in Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Industrie und die Erhöhung der Arbeitsproduktivität stecken. Laut Wirtschaftsministerium profitieren davon insbesondere die verarbeitende Industrie, die Bauwirtschaft und die IT- und Telekommunikationsbranche.

Die Finanzausstattung des Staates hat sich dank höherer Rohölpreise stark verbessert. Der Fiskus erzielte 2018 erstmals seit sieben Jahren einen Haushaltsüberschuss von 2,7 Prozent des BIP. Für 2019 wird ein Positivsaldo von 1,8 Prozent angestrebt. Allein die auf 20 Prozent angehobene Mehrwertsteuer könnte dieses Jahr fast 11 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskassen spülen.

MKT201905278000.14

Wirtschaftliche Eckdaten Russlands *)
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 1.396 1.400 3.388
BIP pro Kopf (Euro) 9.514 9.533 40.871
Bevölkerung (Mio.) 146,8 146,9 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = Rubel) 65,94 74,04 -

*) Alle russischen Angaben enthalten die Daten der völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim

Quellen: Rosstat; Statistisches Bundesamt; Europäische Zentralbank

Investitionen: Großprojekte in der Ölverarbeitung und Chemieindustrie

Die Bruttoanlageinvestitionen sind 2018 um 4,3 Prozent auf umgerechnet 236 Milliarden Euro gestiegen. Für 2019 erwartet das Wirtschaftsministerium ein Plus von 3,1 Prozent, bevor es in den Folgejahren mit 7 Prozent und 6,3 Prozent noch deutlicher nach oben gehen soll. Die Investitionen könnten dann zum wichtigsten Wachstumstreiber werden.

Für 2019 stehen aus dem Staatshaushalt 23,5 Milliarden Euro für die Nationalen Projekte bereit. Die investitionsfreudigsten Branchen sind derzeit Transport und Logistik, Telekommunikation, Baustoffindustrie, Chemie und Metallurgie.

Die Zentralbank dürfte den Leitzins im Jahresverlauf 2019 weiter senken, um der Wirtschaft Schub zu verleihen, so die Erwartungen. Bis 2024 soll das Volumen der Bruttoanlageinvestitionen auf über 25 Prozent des BIP steigen (2018: 21 Prozent). Dafür will Moskau das Investitionsklima verbessern, unter anderem durch einfachere Regeln für öffentliche Ausschreibungen.

Konterkariert werden die Bemühungen allerdings durch den steigenden Einfluss des Staates in der Wirtschaft, die Vergabe von Aufträgen ohne Ausschreibung und die zunehmende Regulierung des Internets. Auch die Androhung weiterer Sanktionsrunden durch die USA gefährden das Investitionsklima.

Ausgewählte Großprojekte in Russland
Projekt / Region Investitionssumme (Mrd. Euro) Projektstand Anmerkung / Investor
Werk zur Gasverflüssigung und -verarbeitung Baltiskij LNG, Hafen Ust-Luga / Leningrader Gebiet 10,6 Machbarkeitsstudie, Vorbereitung eines Joint Venture, geplante Fertigstellung: 2023 Gazprom SPG Sankt-Peterburg, RusGasDobytscha, http://www.gazprom.ru, http://rusgasdob.ru
Städtebauprojekt Gatschina Gardens / Leningrader Gebiet 10,0 Fertigstellung: 2029 Developer: CastorX Capital (Schweden), http://www.gatchinagardens.ru
Amur Gaschemiekomplex / Gebiet Amur 7,0 Projektierung, Investitionsentscheidung bis Ende 2019, geplanter Baubeginn: 2020, geplante Inbetriebnahme: 2024 Sibur Holding, http://www.sibur.ru
Schienentrasse Bowanenkowo - Hafen Sabetta / Autonomer Bezirk der Jamal Nenzen 3,9 Machbarkeitsstudie, Erarbeitung eines Finanzierungsmodells bis zum 3. Quartal 2019 RZD, Gazprom, http://www.rzd.ru, http://www.gazprom.ru
Zwei neue Startbahnen am Flughafen Domodedowo / Moskau 3,1 Absichtserklärung, öffentliche Kofinanzierung nötig, Bau auf Konzessionsbasis, geplante Fertigstellung: 2037 Flughafengesellschaft Domodedowo, http://www.dme.ru
Dritter Abschnitt der Autobahn Wladiwostok - Nachodka - Hafen Wostotschny / Region Primorje 1,8 Teil des internationalen Transportkorridors "Primorje-1"; Baubeginn: 2020, geplante Fertigstellung: 2024 Rosavtodor, http://www.rosavtodor.ru
Gießerei und Röhrenproduktion / Wyksa, Gebiet Nischni Nowgorod 1,4 Projektierung, geplante Fertigstellung: 2022 OMK, http://www.omk.ru
Werk zur Herstellung von Mineraldünger / Gebiet Saratow 1,3 Fertigstellung: 2022 Investor NPP Platex, http://www.platech.ru
Zellstoffwerk / Amursk, Region Chabarowsk 0,9 Absichtserklärung, geplanter Baubeginn: 2019 China Paper Corporation, http://www.cpmcchina.cn/en
Ausbau des Nationalen Weltraumzentrums / Moskau 0,4 Projektierungsphase, Finanzierung: Stadt Moskau, Bauplatz: Gelände der NPZ Chrunitschew Roskosmos, http://www.roscosmos.ru

*) Umrechnung anhand des EZB-Wechselkurses vom 6. Mai 2019: 1 Euro = 72,98 Rubel

Quellen: Pressemeldungen; Unternehmensangaben; Recherchen von Germany Trade & Invest

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://zakupki.gov.ru/epz/main/public/home.html

Informationen zu aktuellen Projekten unter http://www.gtai.de/Russland, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Schwache Lohnentwicklung verdirbt Verbrauchern nicht die Laune

Nur dank einer Änderung der Berechnungsmethode bei Rosstat sind die real verfügbaren Einkommen 2018 nicht zum fünften Mal in Folge gesunken, sondern legten minimal um 0,1 Prozent zu. Doch schon im 1. Quartal 2019 schrumpften sie erneut um 2,3 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Gründe sind schwächer steigende Löhne, stagnierende Sozialleistungen und die fallenden Erlöse aus unternehmerischer Tätigkeit und Vermietung.

Zwar erreichte die offizielle Arbeitslosenquote im März 2019 mit 4,6 Prozent einen historischen Tiefstand. Doch auf die Reallöhne hat die gute Lage am Arbeitsmarkt keine positiven Auswirkungen. Für 2019 erwartet das Wirtschaftsministerium ein mageres Plus von 1,1 Prozent und für 2020 von 2 Prozent. Erst in den Folgejahren sollen die Reallöhne dann jeweils um 2,7 Prozent steigen.

Daher rechnet das Wirtschaftsministerium damit, dass der Privatkonsum ab 2023 mindestens 1,5 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum beiträgt und so neben den Investitionen zur zweitwichtigsten Säule des Aufschwungs wird.

Schon im 1. Quartal 2019 waren die Umsätze im Einzelhandel trotz der negativen Einkommensentwicklung real um 1,8 Prozent gestiegen. Die Russen bleiben also konsumfreudig und zehren von ihren Ersparnissen. Außerdem nutzen sie immer häufiger Verbraucherkredite für Neuanschaffungen. Die Gefahr der Überschuldung vieler Privathaushalte wächst.

Außenhandel: Importe sollen bis 2024 um 100 Milliarden US$ steigen

Der gestiegene Ölpreis hat Russland 2018 einen Handelsüberschuss von über 200 Milliarden US-Dollar (US$) beschert. Das Exportvolumen ist um ein Viertel gestiegen. Da gleichzeitig der Rubel gegenüber der US-Währung um 7 Prozent abwertete, stiegen die Importe nur um 5 Prozent.

Für die nächsten fünf Jahre rechnet das Wirtschaftsministerium weiter mit einem schwachen Rubelkurs, noch unter dem Niveau von 2018. Das Exportvolumen soll kontinuierlich ansteigen und 2024 den Wert von 500 Milliarden US$ überschreiten. Doch auch die Importe könnten bis dahin um 100 Milliarden US$ zunehmen.

Unter den großen Lieferländern verzeichneten 2018 die Importe aus China (+9 Prozent) und Japan (+14 Prozent) große Zuwächse. Die Einfuhren aus Deutschland stiegen laut russischer Zollstatistik um 5 Prozent. Das Handelsvolumen mit den Ländern der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) wuchs um 9 Prozent und damit nur halb so schnell wie Russlands Handelsvolumen insgesamt.

Bei den Einfuhrgütern verzeichneten Zutaten für die expandierende Lebensmittelindustrie zweistellige Zuwachsraten, darunter Zucker und Kakao. Auch der Importwert bei Kunststoffen, Elektroausrüstungen und Armaturen stieg zweistellig.

Außenhandel Russlands (in Milliarden US$; Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 228,9 240,5 5,1
Exporte 359,8 452,1 25,6
Handelsbilanzsaldo 130,9 211,6 -

Quelle: Föderaler Zolldienst (http://www.customs.ru)

Weitere Informationen zur Russland (wie SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Russland

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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