Wirtschaftsausblick

18.12.2018

Wirtschaftsausblick - Russland (November 2018)

Inhalt

Verhaltene Wachstumsaussichten für 2019 / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Die russische Wirtschaft wird 2019 um etwa 1,3 Prozent wachsen. Ausbleibende Reformen, eine schwache Binnenkonjunktur und angekündigte neue US-Sanktionen dämpfen den Aufschwung.

Wirtschaftsentwicklung: Neues Wachstumsmodell setzt auf Investitionen und Innovationen

Russlands Wirtschaft steht 2019 vor großen Herausforderungen: Angesichts verhaltener Konjunkturaussichten und eines schwierigen geopolitischen Umfelds muss die Regierung die Auswirkung der angekündigten US-Sanktionsmaßnahmen abmildern und gleichzeitig Wachstum generieren. Für neue Entwicklungsimpulse sollen private Investitionen, die Digitalisierung der Wirtschaft und die Steigerung der Arbeitsproduktivität sorgen. Für das Jahr 2019 rechnet das Wirtschaftsministerium mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,3 Prozent.

Präsident Wladimir Putin hat in den Mai-Dekreten zwölf nationale Entwicklungsziele für seine Amtszeit festgelegt. Für deren Umsetzung müssen bis Ende 2024 umgerechnet 370 Milliarden Euro investiert werden. Ein für 2019 geplanter Entwicklungsfonds soll die Finanzierung der Projekte sicherstellen. Etwa die Hälfte der Gelder soll aus der Privatwirtschaft kommen.

Russland weist für 2019 gute makroökonomische Indikatoren aus. Die Staatsverschuldung liegt bei niedrigen 16 Prozent. Der Wohlstandsfonds wird weiter aufgefüllt, um die zu erwartenden US-Sanktionen abfedern zu können. Dieser wird zu Beginn des Jahres 2019 etwa 50 Milliarden Euro umfassen. Für 2019 erwartet das Wirtschaftsministerium - wie bereits 2018 - einen Haushaltsüberschuss von 1,8 Prozent des BIP. Der Staatshaushalt 2019 basiert auf einem vergleichsweise niedrigen Ölpreis von 63,40 US-Dollar (US$), um ein finanzielles Polster zu haben, falls der Ölpreis weiter sinken sollte.

Die steigende Unsicherheit angesichts der bestehenden und angekündigten Sanktionen bedroht den Aufschwung der russischen Wirtschaft. Die Europäische Union verlängerte ihre Finanzsanktionen gegen 44 Unternehmen und 155 Personen bis 15. März 2019. Die Krim-Sanktionen laufen bis 23. Juni 2019. Russland hat im Gegenzug seine Strafmaßnahmen bis Ende 2019 verlängert und reagiert mit der Verstärkung seiner Politik der Importsubstitution und der Verschärfung der Lokalisierungsanforderungen. Um möglichen Einschränkungen von Transaktionen auf US-Dollarbasis zu entgehen, reduziert Russland massiv seine Bestände an US-Staatsanleihen und stockt seine strategischen Goldreserven auf.

MKT201812178002.14

Wirtschaftliche Eckdaten Russlands
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten zu Deutschland
BIP (nominal, Mrd. Euro) 1.159 1.396 3.277,3
BIP pro Kopf (Euro) 8.090 9.512 39.649
Bevölkerung (Mio.) 146,8 146,8 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Rubel) 74,14 65,93

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Ausländische Direktinvestitionen rückläufig

Die Bruttoanlageinvestitionen werden 2019 real um 2,5 Prozent steigen, schätzt das Wirtschaftsministerium. Bis 2024 soll deren Anteil am BIP von derzeit 21 Prozent auf 25 Prozent zulegen - vor allem durch Investitionen in die nationalen Projekte. Doch ist das Engagement der Privatwirtschaft angesichts hoher Zinsen und möglicher neuer Sanktionsrunden ungewiss. Daher versucht der Staat, Unternehmen dazu zu verpflichten, einen Teil Ihrer Windfall-Profits in die nationalen Projekte zu investieren. Daneben sollen mit der Neufassung des Sonderinvestitionsvertrags die gewährten Subventionen und Garantien erhöht werden.

Der Nettozufluss an ausländischen Direktinvestitionen (FDI) in die russische Wirtschaft ging 2018 aufgrund der schlechteren Rahmenbedingungen deutlich zurück. Allein im 3. Quartal 2018 sanken die FDI um 6 Milliarden US$ - es war das schlechteste Quartalsergebnis seit 1994. Im Jahr 2019 werden die FDI voraussichtlich weiter fallen. Insgesamt erwartet die Zentralbank für 2019 einen Kapitalabfluss von 25 Milliarden US$. Doch für die kommenden sieben Jahre rechnet der Leiter des Fonds für Direktinvestitionen, Kirill Dmitrijew, mit einem Zufluss an Investitionen von 40 Milliarden Dollar. Vor allem chinesische und südkoreanische Unternehmen sowie der staatliche saudische Investmentfonds bekunden Interesse an der Finanzierung von Projekten.

Ausgewählte Großprojekte in Russland
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. Euro) Projektstand Ansprechpartner / Internetadresse
Bau der Hochgeschwindigkeitszugstrecke Moskau-Kasan 22,0 Projektierung des 1. Teilstücks abgeschlossen; geplante Inbetriebnahme: 2022 bis 2023 RZD, http://www.rzd.ru
Ausbau des Gasverflüssigungswerks Jamal LNG / Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen 19,5 Im Bau. Fertigstellung der 4. Stufe bis Ende 2019 Novatek, http://www.novatek.ru
Bau des Gasverarbeitungswerks Amurskij GPZ, Blagoweschtschensk / Gebiet Amur 19,1 Im Bau. Fertigstellung der 1. und 2. Stufe: 2021; volle Inbetriebnahme: 2024 Gazprom, NIPIGAZ, CPECC; Technologie für Gasveredelung: Linde AG, http://www.gazprom.ru, http://www.nipigas.ru
Bau des Arktik LNG-2-Werks / Gydan Halbinsel, Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen 18,2 Projektierung; Investitionsentscheidung: 2019; Fertigstellung: 2023 bis 2025 Novatek mit Technip, Linde AG, NIPIGAZ als Projektant, http://www.novatek.ru
Bau des Wostoschny Neftechimitscheski Komplex (Östlicher Petrochemischer Komplex) / Nowoburejski, Gebiet Amur 17,1 Fertigstellung: 2022 Rosneft und ChemChina; http://www.rosneft.ru
Bau des Gasverflüssigungswerks Baltiskij LNG, Hafen Ust-Luga / Gebiet Leningrad 10,6 Machbarkeitsstudie; Fertigstellung: 2022 bis 2023 Gazprom SPG Sankt Petersburg mit Shell Gas & Power Developments B.V., http://www.spb-lng.gazprom.ru
Wohnungsbauprojekt Gatschina Gardens / Gebiet Leningrad 10,0 Im Bau; Fertigstellung: 2029 Developer: CastorX Capital (Schweden), Gesamtfläche: 620 Hektar, http://www.castorxcapital.com/ru,http://www.gatchinagardens.ru
Ausbau der Baikal-Amur-Magistrale und der Transsibirischen Eisenbahn / Ostsibirien 8,1 Fertigstellung: 2025 RZD, http://www.rzd.ru
Bau des Amur Gaschemiekomplexes / Gebiet Amur 7,0 Bau der Infrastruktur; Inbetriebnahme: 2023 Sibur Holding, Kapazität: 4 Mio. Tonnen Ethylen pro Jahr, http://www.sibur.ru
Bau des Gasverflüssigungswerks Dalnewostotschny LNG im Rahmen des Projekts Sachalin-1, De-Kastri / Region Chabarowsk 6,6 Projektierungsarbeiten; Fertigstellung: 2020 Rosneft, http://www.rosneft.ru, Exxon Mobil, http://www.exxonmobil.ru

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses: 1 Euro = 75,44 Rubel (Stand: 3. Dezember 2018)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://zakupki.gov.ru/epz/main/public/home.html

Informationen zu aktuellen Projekten unter http://www.gtai.de/Russland, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Anhebung der Mehrwertsteuer verteuert Konsumgüter

Der private Konsum dürfte 2019 real nur um 1,7 Prozent zulegen, so die Prognose des Wirtschaftsministeriums. Die Anhebung der Mehrwertsteuer von 18 Prozent auf 20 Prozent zum 1. Januar 2019 drückt auf die Kaufkraft. Die Rubelabwertung verteuert importierte Konsumgüter, die ein Drittel des durchschnittlichen russischen Warenkorbs ausmachen. Um die steigende Verschuldung der Privathaushalte zu verhindern, verschärfte die Zentralbank zum 1. September 2018 die Vergabekriterien.

Zudem wurde im September 2018 erstmals seit 2014 der Leitzins auf 7,5 Prozent angehoben. Damit will die Notenbank dem wachsenden Inflationsrisiko entgegenwirken. Die Preissteigerung dürfte sich 2019 auf 4,3 Prozent erhöhen. Mit Zinssenkungen sei wegen der US-Sanktionen bis Ende 2019 nicht zu rechnen, kündigte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina an. Wahrscheinlicher ist sogar eine weitere Erhöhung.

Das Wirtschaftsministerium erwartet für 2019 ein reales Wachstum der Reallöhne um 1,5 Prozent auf Rubelbasis. Doch auf Eurobasis bleiben die Löhne und frei verfügbaren Einkommen rückläufig. Der Mindestlohn wird ab 1. Januar 2019 um 117 Rubel auf 11.280 Rubel angehoben.

Außenhandel: Rubelabwertung begünstigt Exporte

Das starke Wachstum der russischen Exporte dürfte sich 2019 verlangsamen. Derzeit verbilligt die Rubelabwertung die Ausfuhren und verteuert die Einfuhren. Deutschland behauptet seinen Platz als zweitwichtigster Handelspartner Russlands. Der bilaterale Handel legte in den ersten drei Quartalen 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf US-Dollarbasis um 24,7 Prozent auf umgerechnet 36,9 Milliarden Euro zu. Die Bundesrepublik importiert vor allem Rohstoffe wie Öl und Gas und exportiert Maschinen und Anlagen. Mit dem größten Handelspartner China peilt Russland in den kommenden Jahren sogar eine Verdopplung des Handelsumsatzes auf etwa 200 Milliarden US$ an.

Russland will den Rubel stärker im Außenhandel einsetzen und so die Abhängigkeit von Transaktionen auf US-Dollarbasis verringern. Derzeit werden etwa 70 Prozent aller Außenhandelsgeschäfte in US-Dollar abgewickelt. Einheimische Firmen sollen mit Steueranreizen zur Abrechnung in Rubel motiviert werden. Die Ausfuhren von Nicht-Rohstoffen steigen kontinuierlich und machen bereits etwa ein Drittel der Gesamtexporte aus.

Außenhandel Russlands (in Milliarden US$; Veränderung in Prozent)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe 182,3 227,0 24,5
Exporte 285,8 357,1 24,9
Handelsbilanzsaldo 103,5 130,1

Quelle: Föderaler Zolldienst (http://www.customs.ru)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Russland

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

Funktionen

Kontakt

Boris Alex

‎+49 30 200 099 605

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche