Wirtschaftsausblick

25.06.2019

Wirtschaftsausblick - Tschechien (Juni 2019)

Inhalt

Solide Konjunkturentwicklung in ungewisseren Zeiten / Von Miriam Neubert

Prag (GTAI) - Tschechien hat praktisch Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum, viele Investitionsprojekte und eine niedrige Staatsverschuldung. Trotzdem ist der Blick in die Zukunft nicht ganz ungetrübt.

Wirtschaftsentwicklung: Langsamer, aber stabil

Das tschechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst 2019 im sechsten Jahr in Folge, verliert aber an Schwung. Nach dem Sprung von real 4,4 Prozent 2017 gegenüber dem Vorjahr ist der Zuwachs 2018 mit 2,9 Prozent merklich moderater ausgefallen. Die Prognosen zeigten im Mai 2019 nach unten. So rechnet die Kommission der Europäischen Union (EU) damit, dass Tschechiens Wirtschaftsleistung 2019 um 2,6 Prozent wächst. Die tschechische Zentralbank geht von 2,5, das Finanzministerium von 2,4 Prozent aus. Dass die Entwicklungen in einem international komplexeren Umfeld für eine so offene Volkswirtschaft schwerer vorherzusagen sind, zeigt der Ausblick auf 2020: Die EU-Kommission sieht ein Nachlassen der Dynamik auf 2,4 Prozent, die Zentralbank eine Verstärkung auf 2,8 Prozent.

Übereinstimmung besteht darüber, dass die Binnennachfrage wichtigste Triebkraft der Konjunktur bleibt. Bereits 2018 hatte sie in allen Facetten - privater und öffentlicher Verbrauch sowie Bruttoanlageinvestitionen - zum Wachstum beigetragen. Auch 2019 wird der Konsum durch einen boomenden Arbeitsmarkt und steigende Löhne im privaten wie öffentlichen Sektor gestützt. Die Investitionsbereitschaft bleibt groß.

MKT201906248004.14

Wirtschaftliche Eckdaten der Tschechischen Republik
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 191,7 206,9 3.388,2
BIP pro Kopf (Euro) 18.102 19.466 40.871
Bevölkerung (Mio.) *) 10,59 10,63 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = Kc) 26,33 25,643 -

*) im Jahresdurchschnitt

Quellen: Tschechisches Statistikamt, Tschechische Nationalbank, Berechnungen Germany Trade & Invest; Statistisches Bundesamt

Doch die exportorientierte Industrie, in der viele deutsche Investoren agieren, spürt die handelspolitischen Spannungen, die Brexit-Fragen und die globale Konjunkturabkühlung. Die Stimmung war im Mai 2019 schlechter als ein Jahr zuvor. Auch im Handel, dem Dienstleistungssektor und unter den Verbrauchern hat die Zuversicht über die Entwicklung der Wirtschaft nachgelassen. Positiver bewertete die Lage allein die Bauindustrie. Ein generelles Problem bleibt der Arbeitskräftemangel.

Die Aufwertung der Tschechischen Krone (Kc) verteuert den Export. Ein Euro kostete 2018 im Durchschnitt 25,643 Kc. Für 2019 geht die Zentralbank von einem Wechselkurs von 25,3 Kc je Euro aus, für 2020 von 24,7 Kc. Als Reaktion auf den Inflationsdruck hatte sie 2018 fünfmal den 2-Wochen-Repo als wichtigsten Leitzins angehoben. Anfang Mai 2019 justierte sie ihn erneut um 25 Basispunkte auf 2 Prozent.

Investitionen: EU-Fördermittel stützen Investitionen

Überraschend kräftig haben 2018 die Bruttoanlageinvestitionen zugelegt, um real 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Genährt wurden und werden sie im Endspurt der aktuellen EU-Haushaltsperiode bis 2020 auch durch EU-Fördermittel. Um Tschechien mit zukunftsfähigen Produkten wettbewerbsfähig zu halten, hat die Regierung im Mai 2019 eine erste Förderungsrunde des neuen Programms Trend eröffnet. Es wird von 2020 bis 2027 insgesamt 350 Millionen Euro für angewandte industrielle Forschungs- und Entwicklungsprojekte der Industrie 4.0 aufwenden.

Die Investitionen in Maschinen, Ausrüstungen, Informations- und Kommunikationstechnologien waren 2018 auf einem Rekordhoch. Rund 458,3 Milliarden tschechische Kronen (Kc; 17,9 Milliarden Euro; Durchschnittswechselkurs 2018: 1 Euro = 25,643 Kc) verzeichnete das Statistikamt. Real entsprach das einer Zunahme um 10,1 Prozent. Noch stärker nahmen die Bauinvestitionen zu - der Wohnungsbau um 12,8 Prozent, der übrige Hoch- und Tiefbau um 14,4 Prozent. Wohnungen und Gewerbebauten bleiben gefragt. Der Staat schreibt verstärkt Infrastrukturbauten aus.

Ausgewählte Großprojekte in der Tschechischen Republik
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Neue Eisenbahn-Bauvorhaben 3.883 Investitionsplan 2019 bis 2023; Baugenehmigungen für einige Projekte sollen bereits 2019 erteilt werden Strecken Prag - Kladno, Brno - Prerov, Plzen - Domazlice, Plzen - Ceske Budejovice; Sanierung des Knotenpunkts Ceska Trebova; Verwaltung des Schienennetzes SZDC; http://www.szdc.cz
Erweiterung des Flughafens Prag 1.049 Investitionsplan bis 2026 Kapazitätserweiterung um 4 Millionen auf 21 Millionen Passagiere durch Bau von neuer Startbahn und Erweiterung des Terminals 2, Letiste Praha; http://www.prg.aero/#/
Neue Abschnitte der Autobahn D3, Hodejovice - Trebonin (13 km) und Usilne - Hodejovice (7 km) 431 Baubeginn 2019, Fertigstellung 2022 Abschnitt Hodejovice - Trebonin (225 Mio. Euro) bauen Salini, Impregilo, Doprastav; Abschnitt Usilne - Hodejovice (206 Mio. Euro) Hochtief CZ, Colas CZ, M-Silnice; Autobahndirektion RSD; http://www.rsd.cz
Neues Stadtviertel in Prag Hagibor 350 Baubeginn Herbst 2019, Fertigstellung 2021 Wohnungen, Büros, Läden, Philharmonie, Restaurants, Crestyl; http://www.crestyl.com/cs
Neues Krankenhaus in Zlin 307 Entscheidungsphase, Baubeginn 2020, Fertigstellung 2025 Ausbau auf der grünen Wiese, Bezirk Zlin; http://www.kr-zlinsky.cz
Sportareal Lahovice in Prag Radotin 233 Planungsphase; Betrieb ab 2023 Skipiste, Halle für Eisschnelllauf, Tunnel für Langlauf, Eishockeyplätze, Deco group; http://sport-areal-lahovice.cz
ACON Smart Grid (Again COnnected Networks) in Tschechien und Slowakei 221 Gesamtsumme; EU-Förderung 91,2 Mio. Euro; 2019 Baubeginn in beiden Staaten; Fertigstellung 2024 EON und CEPS auf tschechischer, SEPS und Zapadoslovenska distribucna auf slowakischer Seite; http://www.acon-smartgrids.cz
Veeam, Erweiterung der IT-Software-Entwicklung in Prag 132 Investitionsvorhaben für 2019 bis 2023 500 neue Arbeitsplätze für IT-Spezialisten, Software für Daten-Back-up, Veeam; http://www.veeam.com/cz
Umbau und Renovierung der Abfallverbrennungsanlage in Prag Malesice 109 Austausch von 4 Kesseln bis 2022, effizientere Produktion von Wärme und Strom Verlängerung der Tätigkeit um 30 Jahre, Reduzierung der Emissionen, Prazske sluzby; http://www.psas.cz
Europäisches Innovationszentrum RICAIP für fortschrittliche Industrieproduktion in Prag 50 Bewilligung April 2019; Projektdauer 6 Jahre; 15 Mio. Euro aus Horizon2020 und 35 Mio. Euro aus Operationellem Programm Forschung und Entwicklung und Bildung Tschechische Technische Universität CVUT Prag und Technische Universität VUT Brno, in Kooperation mit deutschen Partnern (DFKI und ZeMA); http://ricaip.eu

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 Euro = 25,75 Kronen (Tschechische Nationalbank, 14.5.2019)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Tschechiens öffentliche Ausschreibungen werden in der Datenbank http://www.vestnikverejnychzakazek.cz veröffentlicht. Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Verbraucherfreundliche Sozialpolitik und Lohnwachstum

Das Wachstum wird sich auch 2019 sehr auf die Ausgabenfreude der Privathaushalte stützen. Dazu trägt die rekordhohe Beschäftigung bei, die im März 2019 fast 5,2 Millionen Menschen erfasste. Laut dem Europäischen Statistikamt Eurostat hatte Tschechien 2018 in der EU die niedrigste Erwerbslosenrate (2,2 Prozent) und eine der höchsten Erwerbstätigenquoten (79,9 Prozent).

Dies lässt die im Vergleich mit Deutschland immer noch sehr niedrigen Löhne weiter steigen. Aber nicht mehr so ausgeprägt wie 2018, als der durchschnittliche Monatslohn laut Zentralbank nominal um 8,1 Prozent zulegte, real um 6 Prozent. Für 2019 und 2020 prognostiziert sie einen Reallohnzuwachs von 3,9 und 3 Prozent. Zusätzlich gestärkt wird die Kaufkraft durch die Erhöhung der Renten und des Elterngeldes.

Die Einzelhandelsumsätze (ohne Pkw) haben laut Statistikamt 2018 um real 4,8 Prozent zugenommen. Im 1. Quartal 2019 blieb die Dynamik mit 5,3 Prozent beachtlich. Am steilsten sind mit einem Fünftel 2018 die Umsätze des Internet- und Versandhandels gestiegen.

Außenhandel: Nachlassende Ausfuhrdynamik

Der Überschuss im Warenhandel schrumpfte 2018 erneut, weil die Importe stärker wuchsen als die Exporte. Auch 2019 profitieren die Importe von Konsum und Investitionen bei steigendem Kronenkurs. Hingegen wird die Dynamik der Exporte durch eine mäßigere Entwicklung der Auslandsnachfrage, aber auch Kapazitätsengpässe gebremst.

Kfz und -Teile sind mit einem Anteil von 27 Prozent wichtigste Exportkategorie. Ihre Ausfuhr verlief 2018 schwungloser, weil der Handel etwa mit Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Italien, China zurückging. Sorgen machen die niedrigen Wachstumsprognosen für den wichtigsten Handelspartner Deutschland, der ein Drittel des Warenexportwerts abnimmt.

Bei den Importen fiel 2018 besonders der Anstieg in den Produktgruppen übrige Transportmittel (+105 Prozent), Telekommunikationsausrüstungen (+31 Prozent), anorganische Chemikalien (+29 Prozent) auf. Um jeweils ein Viertel konnten wichtige Lieferländer wie China und die USA ihre Verkäufe ausweiten. Deutschland blieb mit einem Plus von 4,7 Prozent unter dem Durchschnitt.

Außenhandel der Tschechischen Republik (in Mio. Euro; Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 144.483 155.913 7,9
Exporte 161.214 171.210 6,2
Handelsbilanzsaldo 16.731 15.297 -8,6

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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