Wirtschaftsausblick

29.11.2018

Wirtschaftsausblick - Türkei (November 2018)

Inhalt

Türkei schlittert in die Stagflation / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Der Türkei steht im Jahr 2019 eine Rezession bevor. Dennoch wird die Inflation vorerst weitersteigen - ein Dilemma für die Regierung im Kampf gegen die Wirtschaftskrise.

Wirtschaftsentwicklung: 2019 ist das Jahr der Konsolidierung

Die türkische Wirtschaft ist im Sinkflug: Wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2017 noch um real 7,4 Prozent und im 1. Halbjahr 2018 um 6,3 Prozent, so dürfte die Wirtschaftsleistung in der zweiten Jahreshälfte kaum noch zunehmen. Für das Jahr 2019 erwarten mehrere internationale Analysten sogar einen Rückgang des BIP: Europäische Kommission (-1,5 Prozent), Moody's (-2 Prozent), Fitch (-1,9 Prozent).

Kennzeichnend für den Abschwung sind die zuletzt eingebrochenen Wareneinfuhren und die Entwicklung des Kreditvolumens. Dieses nahm zwar in den ersten zehn Monaten 2018 nominal um 17 Prozent zu. Unter Berücksichtigung der Inflationsrate von aktuell 25 Prozent entspricht das jedoch einem realen Rückgang.

Die Regierung versucht mit punktuellen Maßnahmen die Konjunktur zu stützen und die hohe Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen - nicht zuletzt wegen der anstehenden Kommunalwahlen am 31. März 2019. So wurden Anfang November die Verbrauchsteuern auf Kraftfahrzeuge, elektrische Hausgeräte und Möbel gesenkt, ebenso die Steuern und Gebühren beim Immobilienerwerb.

Die fiskalpolitischen Stimuli erschweren jedoch den Kampf gegen die Inflation, die ihren Höhepunkt voraussichtlich noch nicht erreicht hat. Darauf deuten die Erzeugerpreise hin, die Ende Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat um 45 Prozent gestiegen sind - deutlich stärker als die Verbraucherpreise mit einem Plus von 25 Prozent. Auch die von der Regierung angekündigte Stabilitätspolitik wird dadurch in Frage gestellt.

Die meisten Marktanalysten gehen davon aus, dass sich die Rezession bis mindestens Mitte 2019 fortsetzen wird. Erst danach werden die Inflation und in der Folge auch die Zinsen sinken. Der Einbruch bei den Importen hat dagegen jetzt schon zu einem deutlichen Rückgang des Leistungsbilanzdefizits geführt und für eine Entspannung am Kapitalmarkt gesorgt. Auch die verbesserten Beziehungen zu den USA und der EU dürften der Türkei entgegenkommen.

MKT201811288008.14

Wirtschaftliche Eckdaten der Türkei
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 857 851 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 10.807 10.602 44.791
Bevölkerung (Mio.) 79,8 80,8 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ? TL) 3,34 4,12

Quellen: Türkisches Statistikamt TÜIK; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Keine neuen öffentlichen Projekte 2019

Die Aussichten für Investitionen sind negativ. Weder vom hochverschuldeten Privatsektor noch vom Staat sind Impulse zu erwarten. Nach Anweisung des Staatspräsidenten dürfen im Jahr 2019 keine neuen Projekte in Angriff genommen werden.

Die Europäische Kommission geht in ihrer Herbstprognose davon aus, dass die Ausrüstungsinvestitionen in der Türkei 2019 real um 12,3 Prozent zurückgehen werden. Erst 2020 sollen sie wieder zulegen (+5,2 Prozent). Ein wesentlicher Grund für die Investitionszurückhaltung sind die hohen Kreditzinsen. Ausländische Anbieter von Maschinen bekommen die schwache Nachfrage nach Investitionsgütern in der Industrie und im Bau bereits jetzt deutlich zu spüren.

Die ausländischen Direktinvestitionen verharrten in den ersten acht Monaten 2018 mit knapp 7 Milliarden US-Dollar (US$) auf dem niedrigen Niveau des Vorjahres.

Ausgewählte Großprojekte in der Türkei
Projektbezeichnung Investitionssumme *) (Mrd. Euro) Projektstand Anmerkung/ Internetadresse
Kernkraftwerk Akkuyu (4.800 Megawatt), Mersin 20,0 Bauarbeiten im März 2018 begonnen, geringe Fortschritte; Fertigstellung bis 2023 geplant Projektdurchführung: Rosatom (Russland); Ansprechpartner: Akkuyu Nükleer (http://www.akkuyu.com)
Kernkraftwerk Sinop (4.480 Megawatt) 20,0 Auftragsvergabe an japanisch-französisches Konsortium Mitsubishi, Areva und GDF Suez 2013; Itochu ist 2018 aus dem Projekt ausgestiegen; Bau hat noch nicht begonnen Ansprechpartner: Energieministerium (http://www.enerji.gov.tr)
Kanal Istanbul 13,0 In Planung, erste Informationen zum Streckenverlauf, noch keine Aufträge, Baubeginn für 2019 angestrebt; Projekt hochumstritten, da Bau mit massivem Eingriff in die Natur verbunden ist Bau eines 44 km langen, 25 m tiefen Kanals mit zehn Brücken parallel zum Bosporus westlich von Istanbul; Ansprechpartner: Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (http://www.udhb.gov.tr)
Batterien-Werk für Elektrofahrzeuge 5,7 Vorvertrag im März 2018 unterzeichnet; Fertigstellung bis 2023 geplant Projekt erhält staatliche Förderung; geplante Jahreskapazität: 25.000 Megawatt; realisiert durch Vestel (Zorlu-Holding) in Kooperation mit der chinesischen GSR Capital; Ansprechpartner: Vestel (http://www.vestel.com.tr)
Petrochemie-Werk, SASA (Adana) 5,6 In Vorbereitung Projekt erhält staatliche Förderung; http://www.sasa.com.tr
Integriertes Erzbergbau- und Stahlprojekt, Osmaniye 5,6 In Vorbereitung Projekt erhält staatliche Förderung; Tosyali Holding (http://www.tosyaliholding.com.tr)
Dreistöckiger Tunnel unter dem Bosporus 3,2 Noch keine Auftragsvergabe, Bauzeit von fünf Jahren vorgesehen, vorbereitende Bodenstudien Interkontinentaler Tunnel mit zwei Etagen für Kfz und einer Etage für die Stadtbahn; Ansprechpartner: Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (http://www.udhb.gov.tr)
Petrochemie-Werk für PE und PP, Thrakien 3,1 In Planung Projekt erhält staatliche Förderung; Produktion von 400.000 t Polyethylen und 600.000 t Polypropylen durch MetCap Enerji (http://www.metcp.com) in Zusammenarbeit mit katarischem Unternehmen Fusion Dynamics
Hängebrücke über die Dardanellen, einschließlich Autobahn Malkara-Canakkale 2,7 Bauarbeiten im März 2017 begonnen, Bauzeit von fünfeinhalb Jahren BOT-Konsortium: Daelim (http://www.daelim.com.kr), Südkorea; SK (http://www.skec.com), Südkorea); Limak (http://www.limak.com.tr); Yapi Merkezi (http://www.ym.com.tr); Ansprechpartner: Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (http://www.udhb.gov.tr)
Solarkraftwerk (1.000 Megawatt), Konya/Karapinar 1,2 Auftrag im März 2017 erteilt, Fertigstellung bis 2019 Kalyon Enerji und Hanwha Q Cells (Südkorea); Ansprechpartner: Kalyon Enerji (http://www.kalyongrup.com)

*) Schätzungen umgerechnet anhand eines Wechselkurses von 1 Euro = 1,10 US$

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/tuerkei, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Inflation bremst Nachfrage

Der Konsum leidet unter dem starken Anstieg der Verbraucherpreise, der Währungsabwertung und den hohen Kreditzinsen. Auch die zunehmende Arbeitslosigkeit und die Unsicherheit über die zukünftige Wirtschaftsentwicklung führen zur Kaufzurückhaltung.

Kurzfristig ist keine Änderung zu erwarten, auch wenn die Regierung versucht, den Privatverbrauch mittels fiskalpolitischer Maßnahmen zu stimulieren. Die anstehenden Lohnerhöhungen im Jahr 2019 werden unterhalb der Inflationsrate liegen und dürften daher ebenfalls keinen nennenswerten Effekt haben, vor allem auf die Nachfrage nach langlebigen Gütern.

Die Europäische Kommission geht sogar davon aus, dass der Privatverbrauch im Jahr 2019 deutlich zurückgehen wird (-3,7 Prozent). Die türkische Regierung ist etwas optimistischer und rechnet für das kommende Jahr mit einem leichten Plus von 2 Prozent.

Außenhandel: Einbruch bei Warenimporten verbessert Handelsbilanz

Die türkischen Warenimporte gehen seit Mitte 2018 deutlich zurück: monatlich im Schnitt um 20 Prozent, jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch die Einfuhren aus Deutschland sind stark rückläufig. Im August und September hat die Türkei jeweils 26 und 31 Prozent weniger importiert als noch in den Monaten des Vorjahres 2017. Überdurchschnittlich stark war der Einbruch bei Maschinen und Anlagen. Doch auch der niedrigere Ölpreis hat zu einem wertmäßigen Rückgang der Importe geführt.

Gleichzeitig steigen die türkischen Exporte, begünstigt durch die schwache Landeswährung. Diese Entwicklung wirkt sich positiv auf die Handels- und Leistungsbilanz aus. Letztere weist seit August 2018 wieder Überschüsse aus, nicht zuletzt auch wegen der steigenden Tourismuseinnahmen. Die ausgeglichene Leistungsbilanz führt dazu, dass sich der Abwertungsdruck auf die Türkische Lira verringert.

Außenhandel der Türkei (in Mrd. US$; Veränderung in %)
2017 *) 2018 *) Veränderung 2018/2017
Importe 169,0 174,1 3,0
Exporte 115,1 123,0 6,9
Handelsbilanzsaldo 53,9 51,1 -

*) Januar bis September

Quelle: Türkisches Statistikamt TÜIK

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/tuerkei

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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