Wirtschaftsausblick

02.07.2019

Wirtschaftsausblick - Tunesien (Juni 2019)

Inhalt

Der vorsichtige Optimismus lässt nach / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - Tunesiens Wirtschaft stagniert. Impulse durch Reformen sind erst nach den Wahlen zu erwarten. Lichtblick bilden Tourismus und Energiesektor.

Wirtschaftsentwicklung: Schwache Industrieentwicklung bremst das Wachstum

Die Wachstumsprognosen für Tunesiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurden nach unten korrigiert und schwanken zwischen 1,1 und 1,9 Prozent. Die Stimmung bleibt im Wahljahr angespannt, Inflation und Arbeitslosigkeit hoch. Reformen, wie eine Senkung der öffentlichen Ausgaben oder der Abbau des Außenhandelsdefizits, kommen nicht vorwärts.

Die Industrieproduktion ging im ersten Trimester 2019 zurück. Ein wesentlicher Grund dürfte die Lage der europäischen Automobilindustrie sein, da in Tunesien zahlreiche Zulieferbetriebe produzieren. Die Phosphatindustrie meldete immerhin hohe Zuwächse. Produktion und der Transport- nicht zuletzt die Bahnverbindungen sind immer wieder Ziel von Blockaden - stiegen in den ersten vier Monaten des Jahres mit 0,9 Millionen Tonnen auf das Doppelte der Vorjahresperiode, bleiben aber hinter den gesteckten Zielen zurück. Die Öl- und Gasförderung Tunesiens könnte 2019 ebenfalls zunehmen, da es neue Explorationsvorhaben gibt.

Positive Meldungen kommen aus dem Tourismussektor. Auf das ganze Jahr 2019 gerechnet hofft Tunesien auf 9 Millionen Touristen, gegenüber etwa 8 Millionen 2018. Telekommunikations- und Finanzdienstleistungen verbesserten ihren Beitrag zum BIP im ersten Trimester 2019 um 4,1 Prozent gegenüber dem selben Vergleichszeitraum des Vorjahres. Der gesamte Dienstleistungsbereich verzeichnete ein Wachstum von 2,9 Prozent.

Kritisch bleiben die Staatsfinanzen. Die Neuverschuldung dürfte 2019 nach den letzten Prognosen bei 3,9 Prozent des BIP liegen, was immerhin ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr wäre. Dennoch steigt die Gesamtverschuldung und liegt inzwischen bei 74 Prozent des BIP. Die Inflation bleibt relativ stabil um 7 Prozent, auch die Arbeitslosigkeit bleibt auf einem konstant hohen Niveau von etwa 15 Prozent. Im Jahresverlauf 2018 hatte der Dinar gegenüber dem Euro etwa 14 Prozent an Wert verloren, seit Jahresbeginn stieg der Kurs leicht. Mittelfristig dürfte eine Abwertungstendenz bleiben, wobei hier die Entwicklung der Öl- und Gaspreise und der eigenen Produktion einen wichtigen Einflussfaktor bilden, da der Großteil des Energiebedarfs durch Gasimporte aus Algerien gedeckt wird.

MKT201907018003.14

Wirtschaftliche Eckdaten Tunesiens
Indikator 2018 1) 2019 2) Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 38,8 35,2 4.002
BIP pro Kopf (US$) 12.339 12.654 48.269
Bevölkerung (Mio.) 11,7 11,8 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro= t.D) 3,13 3) 3,50 -

1) Schätzung; 2) Prognose; 3) Ist-Wert

Quellen: Economist Intelligence Unit, Country Report Tunisia Mai 2019

Investitionen: Weiter steigende ausländische Investitionen.

Trotz der angespannten Situation erweist sich Tunesien als attraktiver Investitionsstandort, zumindest für exportorientierte Unternehmen die den Markt kennen. Gegenüber 2017 gab es einen Zuwachs der ausländischen Direktinvestitionen um 5 Prozent (in Euro gerechnet) wobei es sich hauptsächlich um Erweiterungsinvestitionen handelt. Dienstleistungen und Industrie verzeichneten die höchsten Zuflüsse, der Energiesektor bleibt trotz eines Rückgangs mit etwa 46 Prozent des Gesamtvolumens der wichtigste Zielbereich. Die Landwirtschaft legte stark zu, steht aber mit etwas über 1 Prozent der Investitionen noch am Anfang ihres Potenzials.

Das Investitionsgesetz sieht die Gleichbehandlung in- und ausländischer Investitionen vor und bietet exportorientierten und neu gegründeten Unternehmen Steuervorteile. Die Abwertung des Dinars erhöht die Attraktivität als günstiger Produktionsstandort. Sollte sich die Öffnung zum afrikanischen Kontinent fortsetzen, könnte das zusätzliche Absatzmärkte für Investoren erschließen. Tunesische Unternehmen sind zurückhaltend mit Investitionen, unter anderem ist der Zugang zu Finanzierungsmitteln für sie ein wesentliches Hindernis.

Vielversprechend verliefen die vergangenen Ausschreibungsrunden für erneuerbare Energien. Bei Wind- und Solarprojekten kamen einige ausländische Anbieter zum Zug, weitere Ausschreibungsrunden stehen noch aus.

Ausgewählte Großprojekte in Tunesien
Projektbezeichnung Investitionssumme in Mio. US$ Projektstand Anmerkung
Straßenbahnlinie (métro) in Sfax/ SORETRAS 1) 1.100 Vorstudie 70 Km. Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2020
Bau von Solarkraftwerken / STEG 2) 557 Vorstudie Kébili (20 MW), Mednine (50 MW), Skhira (30 MW), Tataouine (50 MW), Sidi Bouzid (100 MW), Beni Mehira (50 MW) und Kasserine (50 MW); Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Straßenbau Tunis- Kairouan- Sidi Bouzid- Kasserine- Jelma/ MEHAT 3) 506 Vorstudie Strecke 1: Tunis- Jelma 188 kmStrecke 2: Sfax-Sidi Bouzid- Kasserine 200 km Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Bau von Windkraftwerken / STEG 2) 414 Präqualifikation Nabeul (200 MW) und Kebili (100 MW); Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2020
Elektrizitätsübertragungsnetz Umspannstation/ STEG 2) 200 Vorstudie Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Rehabilitation der Bahnlinie Sousse- Kasserine/ SNCFT 5) 182 Entwurf 157 Km. Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Phosphatemine/ Celamin- TMS 6) 165 Vorstudie In Kasserine. Kapazität 1,5 Mio. t von Phosphat/Jahr. Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Wasserversorgung/ SONEDE 4) 117 Vorstudie nach Bizerte, Béja, Siliana, Jendouba und Nabeul. Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
IT-Technopark in Manouba/ MTCEN 7) 100 Vorstudie Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Staudamm Tessa Oued/ MAG 8) 57 Vorstudie zwischen Kef und Siliana; Kapazität 44 m³. Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019

1) Société de Métro de Sfax; 2) Société Tunisienne de l'Electricité et du Gaz; 3) Ministère de l'Equipement, de l'Habitat, et de l'Aménagement du Territoire; 4) Société Nationale de l'Exploitation et de Distribution des Eaux; 5) Société Nationale des Chemins de Fers Tunisiens; 6) Celamin / Tunisian Mining Services SA; 7) Ministère des technologies de la communication et de l'économie numérique; 8) Ministère l'Agriculture, Quelle: MEED Projects, Mai 2019

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/tunesien in "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu Binnenmarktausschreibungen der Europäischen Union unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Wirtschaftskrise hinterlässt ihre Spuren

Die Konsumfreude der Tunesier ist angesichts der wirtschaftlichen Situation verhalten. Wegen der Wahlen im Herbst 2019 sind vorerst keine Steuererhöhungen oder Subventionskürzungen zu erwarten, wie es 2018 teilweise geschah. Das führte zusammen mit den wegen der Abwertung des Dinars gestiegenen Preise für Importgüter zu einer Teuerungsrate von 7,3 Prozent im Gesamtjahr. Gesunkene Preise für Lebensmittel und ein steigender Leitzins konnten dazu beitragen, dass die Preise zur Jahresmitte 2019 etwas langsamer steigen, der Dinar hat sich ebenfalls zwischenzeitlich stabilisiert.

Hauptleidtragende von Inflation, steigender Steuerlast und Subventionsabbau sind Bevölkerungsgruppen, die von den Verteilungen des staatlichen Sektors, wie den zuletzt nach harten Verhandlungen gestiegenen Gehälter im öffentlichen Dienst, nicht profitieren. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 15 Prozent. Bisher ist es nicht gelungen, genügend Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft zu schaffen. Der Druck auf Erfolge in diesem Bereich steigt, vor allem da im Staatsdienst Personal reduziert werden soll.

Außenhandel: Tunesiens Importe wachsen schneller als die Exporte

Tunesien importiert deutlich mehr als es exportiert. Das Handelsbilanzdefizit wuchs 2018 nochmals um etwa 6 Prozent, trotz gestiegener Exporte. Stark zugelegt hatten die Ausfuhren von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Produkten, aber auch die Lieferungen der Textil- und Elektroindustrie. Die Phosphatexporte waren 2018 nochmals stark zurückgegangen. Für das laufende Jahr sieht es nach einer weiteren Steigerung der Ausfuhren aus. Vor allem die Phosphatindustrie meldet hier endlich wieder steigende Zahlen.

Die größten Zuwachsraten auf Importseite gab es 2018 sowie in den ersten vier Monaten 2019 jeweils bei den Energieressourcen. In Dinar erhöhte sich der Wert in beiden Zeiträumen um etwa 38 Prozent. Auch wenn sich der Wert des Dinar zuletzt stabilisierte, bleibt der Bedarf an Lösungen zur lokalen Energieerzeugung und Energie hoch.

Der deutschen Lieferungen nach Tunesien gingen 2018 um etwa 6 Prozent zurück, was vor allem am Einbruch der Kfz-Importe Tunesiens liegt (GTAI-Artikel: https://bit.ly/2WjIcAZ). Tunesiens Exporte nach Deutschland blieben nahezu konstant. Viele hier angesiedelte deutsche Unternehmen produzieren Vorerzeugnisse für die Weiterverarbeitung in Deutschland. Tunesien ist eines der wenigen Länder, das Waren in höherem Wert nach Deutschland liefert als es importiert.

Außenhandel Tunesiens (in Mrd. Euro; Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 18,4 19,2 3,7
Exporte 12,6 13,1 4,5
Handelsbilanzsaldo -5,7 -6,1 -

Quelle: Institut National de la Statistique

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Tunesien

Dieser Artikel ist relevant für:

Tunesien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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