Wirtschaftsausblick

25.03.2019

Wirtschaftsausblick - Turkmenistan (April 2019)

Inhalt

Offizielles Wachstum überschattet viele Probleme / Von Uwe Strohbach

Aschgabat (GTAI) - Die positiven Wachstumsprognosen für 2019 und 2020 stehen im Kontrast zur kritischen Wirtschaftslage. Dennoch versprechen Investitionsprojekte Liefer- und Kooperationschancen.

Wirtschaftsentwicklung: Mangelnde Devisen und Reformen behindern den proklamierten Aufschwung

Die Regierung Turkmenistans und Beobachter wie die Weltbank rechnen für 2019 und 2020 mit einem realen Wirtschaftswachstum von gut 6 Prozent. Diese Prognosen müssen kritisch hinterfragt werden.

Die zentralistisch geprägte Wirtschaft leidet unter den seit 2015 gesunkenen Preisen für seine Exportgüter Gas, Öl und Ölprodukte. Gasexporte nach Russland blieben aus. Die Gewinne des staatlichen Wirtschaftssektors vor Steuern machten im Jahr 2017 mit 792 Millionen US-Dollar weniger als ein Fünftel des Niveaus von 2013 und 2014 aus. Die dominierende Branche, die Gas- und Ölförderung, arbeitete 2016 und 2017 mit Verlust. Im Folgejahr verbesserte sich die Situation der Staatsbetriebe nur marginal. Dem Land fehlt weiterhin eine wichtige Ressource für die Finanzierung von Investitionen.

Die Zentralbank hält am festen und gegenüber dem US-Dollar deutlich überbewerteten Wechselkurs des Turkmenistan-Manat (TMM) fest. Der Parallelkurs war im Jahr 2018 im Schnitt etwa 4,5 Mal und im 1. Quartal 2019 fast fünfmal höher. Die großen Wechselkursdifferenzen zwischen dem offiziellen und dem Parallelkurs haben die Kostenstrukturen in der Wirtschaft im Verhältnis zu den Einnahmen der Bevölkerung zerstört. Besonders der Importhandel ist davon betroffen. Die Folge: viele Unternehmen mit Schulden in US-Dollar sind in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Allein aufgrund der offiziell deutlich unterbewerteten Inflation ist ein reales Wirtschaftswachstum unwahrscheinlich. Der Devisenverkehr ist streng limitiert, entsprechend ist ausländisches Geld knapp. Eine Währungsabwertung wäre eine Voraussetzung für die Devisenknappheit sowie die Eindämmung der Preissteigerungen. Dafür fehlt bislang der politische Wille.

Die Regierung kündigte in letzter Zeit verstärkt Reformen für mehr Liberalisierung und Marktöffnung an. In der Realität bleibt deren Umsetzung weit hinter den Erwartungen zurück. Bewegung kommt lediglich in die Privatisierung von nicht strategischen, unrentabel arbeitenden oder brachliegenden Betrieben sowie in die Umstrukturierung einer Reihe von Staatsbetrieben in staatliche Aktiengesellschaften. Erwähnung verdienen die Projekte der Mitglieder des Verbandes der Industriellen und Unternehmer Turkmenistans, die in vielen Branchen neue Kapazitäten schaffen.

Die künftige Wirtschaftsentwicklung Turkmenistans ist abhängig von der Wiederbelebung der Gasroute nach Russland, vom Ausbau der Gaslieferungen in die VR China, den Fortschritten bei der weiteren Diversifizierung der Gasexportmärkte, der erfolgreichen Inbetriebnahme neuer Gaschemie-Anlagen und einer weiteren Diversifizierung der Wirtschaft. Eine signifikante Verbesserung der schwierigen unternehmerischen Rahmenbedingungen im Land ist kaum zu erwarten.

MKT201903228000.14

Wirtschaftliche Eckdaten Turkmenistans 1)
Indikator 2017 2018 2) Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 37,9 (17,0) 42,8 (9,4) 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 6.587 (2.954) 7.398 (1.625) 48.269
Bevölkerung (Jahresdurchschnitt, Mio.) 3) 5,76 5,78 82,9
Wechselkurs (fester offizieller Wechselkurs, 1 US$ = 3,5 Turkmenistan-Manat) 3,5 3,5 1,1810

1) die Daten des Statistikkomitees zum BIP sind aufgrund des überbewerteten offiziellen Kurses weit überzeichnet, die Angaben in Klammern geben das BIP und das BIP pro Kopf auf der Basis des geschätzten jahresdurchschnittlichen Parallelkurses an (Berechnungen von Germany Trade and Invest); 2) vorläufige Angaben

Quellen: Staatliches Statistikkomitee Turkmenistans, Statistisches Bundesamt, Berechnungen von Germany Trade and Invest

Investitionen: Trotz fallender Investitionsvolumina bestehen Lieferchancen für viele Projekte

Die Investitionen sind seit 2017 rückläufig. Bemessen in US-Dollar zum offiziellen Wechselkurs schrumpften sie 2018 gegenüber 2017 um 4 Milliarden US-$ auf 11,5 Milliarden US$. Einer der Gründe hierfür ist der massive Einbruch der staatlichen Projektfinanzierung. Kreditfinanzierte Projekte des nichtstaatlichen Sektors mit Fokus auf den Ausbau von Exporten und auf Importsubstitution verbuchen dagegen Zuwächse. Das Darlehensplus betrug 2018 im Vergleich zum Vorjahr 20 Prozent. Zudem wächst das Interesse ausländischer Geberbanken, darunter vor allem der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) und der Islamischen Entwicklungsbank (IDB), an der finanziellen Begleitung von Vorhaben in den Sektoren Transport, Energie und Telekommunikation.

Für die Jahre 2019 bis 2025 rechnet die Regierung mit einem Anlagevolumen von umgerechnet 65,5 Milliarden US-Dollar. Etwa 90 Prozent dieser Investitionen sind für Projekte im "produktiven Sektor" vorgesehen (vorrangig Öl/Gas, Transport, Industrie inklusive Agribusiness, Strom-, Gas-, Wasserversorgung). Das übrige Zehntel entfällt auf Wohnungs-, soziale und öffentliche Bauten.

Ausgewählte Großprojekte in Turkmenistan

Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner (Bauherr/Durchführer; Hauptauftragnehmer)
Gaspipeline Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien/TAPI (1.840 km, Durchleitkapazität: 33 Mrd. cbm/Jahr, geplante Lieferanteile: Indien und Pakistan - jeweils 42% und Afghanistan - 16%) mindestens 10.000 (- Finanzierung/Sicherheit ist ungeklärt) zurzeit Projektierung der Trassen in Afghanistan und Pakistan TAPI Pipeline Company Ltd., Konsortialführer: Staatskonzern Türkmengaz (http://www.oilgas.gov.tm; tapipmu@gmail.com; Fertigstellung der turkmenischen Trasse (214 km): Ende 2019 1)
Erschließung der Gaslagerstätte Galkynysch, Gasaufbereitung - Phase 3 (Gasförderung und Produktion von 33 Mrd. cbm marktfähigem Gas/Jahr) bis zu 14.500 Abhängig vom TAPI-Projekt urspr. Realisierung: 2018 bis 2021/22 Auftraggeber/-nehmer:Staatskonzern Türkmengaz (http://www.oilgas.gov.tm)
Neuer Gaschemiekomplex (jährliche Produktion von 390.000 t Polypropylen, 200.000 t HD-Polyethylen, 100.000 t PVC, 82.000 t kaustische Soda, 10.000 t Salpetersäure und 10.000 Flüssigchlor), Kyanly (Region Balkan) bis zu 4.000 Projekt in Vorbereitung, Realisierung: etwa 2021 bis 2024 Auftraggeber: Staatskonzern Türkmengaz (http://www.oilgas.gov.tm)
Autobahn Aschgabat-Turkmenbaschi (564 km, Fahrbahnbreite: 34,5 m, 217 Brücken, Dienstleistungsobjekte) etwa 2.400 Baustart erfolgt, geplante Realisierung: 2020/21 Auftraggeber/-nehmer: Staatskonzern Türkmenavtoyollari (http://www.turkmenawtoyollari.gov.tm) 2); Partner: Baufirmen des Verbandes der Industriellen und Unternehmer Turkmenistans(http://www.tstb.gov.tm), Berater: Inros Lackner AG, Deutschland

1) Turkmenistan ist als Konsortialführer für die Finanzierung, das Projektmanagement und den Bau der TAPI zuständig (zurzeit Suche nach weiteren Finanzierungspartnern in Kooperation mit ausländischen Partnern); Erstellung der Vorprojektdokumentation (FEED/Front End Engineering & Design/Basis Engineering) und PMC (Project Management Consultancy) für die TAPI in Afghanistan und Pakistan: ILF Consulting Engineering (Kooperation gilt zunächst bis zur endgültigen Investitionsentscheidung für das Gesamtprojekt), der offizielle Start für den Bau des afghanischen Trassenabschnitts erfolgte am 23. Februar 2018; 2) seit Januar 2019 Verwaltung für Straßenbau, -modernisierung und -Wartung des Ministeriums für Bauwirtschaft und Architektur

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/turkmenistan, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Hohe Importpreise bremsen die Kaufkraft

Der Konsum bleibt 2019 wie schon in den drei Vorjahren einer der großen Verlierer der schwierigen Wirtschaftslage. Laut der offiziellen Statistik sind sowohl die Einkommen als auch der Einzelhandel real gestiegen. In Wirklichkeit zeigt die Kaufkraft jedoch nach unten. Die öffentliche Hand baut massiv Arbeitsplätze ab. Konsumgüterimporte erfolgen zumeist zum hohen Parallelkurs und sind somit für das Gros der Bevölkerung nicht erschwinglich. Auch viele einheimische Erzeugnisse haben sich sichtlich verteuert.

Der Verkauf auf den Markt- und Basarständen gewinnt heute gegenüber den Geschäften wieder mehr an Gewicht. Viele Läden, die Importwaren vertreiben, mussten schließen. Der Anteil von Nahrungsgütern am Privatverbrauch nimmt zuungunsten von Nonfood-Gütern wieder zu. Die Nachfrage nach Waren im unteren Preisniveau steigt. Bei der Einschätzung der Kaufkraft in Turkmenistan sind die große Schattenwirtschaft und die noch wenig entwickelte Compliance-Kultur zu berücksichtigen.

Außenhandel: Keine Entspannung bei den Warenimporten in Sicht

Die Außenhandelsentwicklung bleibt kritisch. Die Gesamtexporte legten im Jahr 2018 nach zwei schwachen Jahren vor allem dank gestiegener Preise für Kohlenwasserstoffe wieder zu. Sie entsprachen aber nur knapp 60 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2014. Erdgas, Öl und Ölprodukte stehen für das Gros der Ausfuhren. Für 2019 erwartet die Regierung eine weitere, jedoch nicht näher spezifizierte Steigerung der Exporte.

Die Warenimporte betrugen 2018 - wie schon 2017 - nur noch ein Drittel des Niveaus von 2014. Die Bezüge von technologischen Ausrüstungen, Elektromaschinen und mechanischen Geräten schrumpften in jenem Zeitraum von 4,9 Milliarden US$ auf 1,8 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2018 betrug der entsprechende Rückgang 21,2 Prozent. Hinter dem Einbruch der turkmenischen Einfuhren stehen der Devisenmangel, rückläufige Investitionen und ein schrumpfender Privatverbrauch. Eine Wiederbelebung der Importe ist für 2019 nicht zu erwarten. Hauptbezugsländer waren 2018 die Türkei, die VAE, die VR China, Deutschland und Russland.

Außenhandel Turkmenistans (in Mio. US$; nominale Veränderung in %)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe (Waren) *) 5.377,1 5.322,9 -1,0
Exporte (Waren und Dienstleistungen) 7.787,9 11.650,9 55,5

*) für die Importe von Waren und Dienstleistungen im Jahr 2018 wurden noch keine Angaben veröffentlicht

Quelle: Staatliches Statistikkomitee Turkmenistans

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Turkmenistan

Dieser Artikel ist relevant für:

Turkmenistan Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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