Wirtschaftsausblick

08.07.2019

Wirtschaftsausblick - Ukraine (Juni 2019)

Inhalt

Hohe Binnennachfrage sorgt für Wachstum des Bruttoinlandsprodukts / Von Fabian Nemitz

Kiew (GTAI) - Die ukrainische Wirtschaft wird 2019 und 2020 voraussichtlich weiter wachsen. Angesichts des politischen Umbruchs nach den Wahlen 2019 bleiben aber Unwägbarkeiten.

Wirtschaftsentwicklung: BIP-Wachstum setzt sich fort

Das Wachstum der ukrainischen Wirtschaft hat sich im 1. Quartal 2019 leicht abgeschwächt auf 2,5 Prozent, hält aber an. Für das Gesamtjahr 2019 rechnet die Economist Intelligence Unit (EIU) mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,7 Prozent und für 2020 mit einem Zuwachs um 2,9 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung erwarten auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank.

Gestützt wurde das Wachstum im 1. Quartal 2019 auf der Verwendungsseite durch den privaten Verbrauch und die Bruttoanlageinvestitionen. Auf der Entstehungsseite ist die Bauwirtschaft ein wichtiger Treiber. Dagegen entwickelte sich die Industrie in den ersten fünf Monaten 2019 schwach; sie steigerte ihren Ausstoß nur um 0,9 Prozent.

Die Politik in der Ukraine steht vor großen Umbrüchen - nach dem Amtsantritt des Politikneulings Wolodymyr Selenskyj als Präsident im Mai 2019 und den vorgezogenen Parlamentswahlen am 21. Juli 2019. Aktuellen Umfragen zufolge könnte die neugegründete Partei des Präsidenten "Sluha Narodu" (Diener des Volkes) die Mehrheit in der Werchowna Rada erringen. Die Wähler erwarten von Selenskyj klare Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung und ein Aufräumen der bisherigen Politik.

Seit seinem Amtsantritt hat sich Selenskyj für eine Fortsetzung des Westkurses, eine weitere Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), den Kampf gegen Korruption und für Wirtschaftsreformen ausgesprochen. Die Finanzmärkte haben gelassen auf die Wahl des Politikneulings reagiert. Die ukrainische Währung Hrywnja wertete seit Anfang 2019 auf.

Unklar ist, ob es 2019 noch zur Auszahlung von Tranchen aus dem Ende 2018 vereinbarten IWF-Beistandspaket kommt. Laut Aussage des Nationalbankchefs Jakiw Smolij sollen nach den Parlamentswahlen Verhandlungen über ein neues langfristiges IWF-Programm aufgenommen werden. Bei der Refinanzierung ihrer Schulden bleibt die Ukraine auf die Unterstützung internationaler Geber angewiesen. Im Laufe der Jahre 2019 und 2020 steht die Rückzahlung großer Beträge an. Gleichzeitig weist der Trend bei der Staatsverschuldung klar nach unten. Die EIU erwartet bis 2023 einen Rückgang auf 51,3 Prozent in Bezug zum BIP (2017: 71,8 Prozent; 2018: 60,9 Prozent).

MKT201907058005.14

Wirtschaftliche Eckdaten der Ukraine
Indikator 2018 2019 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 124,6 1) 2) 134,9 1) 2) 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 2.963 1) 2) 3.221 1) 2) 48.269
Bevölkerung (Mio.) 42,0 41,9 82,9
Wechselkurs (1 US$ = ... UAH) 27,21 26,87 3) -

1) ohne Berücksichtigung der von Russland annektierten Autonomen Republik Krim, der Stadt Sewastopol und der nicht von der Regierung kontrollierten Gebiete im Osten des Landes; 2) Prognosen; 3) Stand: 31. Mai 2019

Quellen: Internationaler Währungsfonds, Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt

Investitionen steigen, Zufluss an Auslandskapital aber weiter gering

Im 1. Quartal 2019 sind die Bruttoanlageinvestitionen real um 17,4 Prozent gestiegen. Rund ein Drittel der Ausgaben entfiel auf Maschinen und Ausrüstungen. Für das Gesamtjahr rechnet die EIU mit einem Anstieg der Investitionen um 4 Prozent, für 2020 mit plus 4,5 Prozent.

Positive Impulse kommen von der Bauwirtschaft, allen voran dem Infrastrukturbau. Investitionen in erneuerbare Energien boomen. Vor der Umstellung des Fördersystems 2020 wollen die Unternehmen, darunter viele ausländische, ihre Anlagen möglichst schnell ans Netz bringen. Von den Industriezweigen investieren am aktivsten die Rohstoffbranche, die Ernährungswirtschaft und die Metallurgie.

Internationale Geber spielen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Projekten. Bei der Sanierung des Bankensektors hat die Ukraine seit 2014 Fortschritte erzielt. Der Anteil fauler Kredite ist aber noch sehr hoch. Die Nationalbank hat den Leitzins im April 2019 von 18 auf 17,5 Prozent gesenkt. Firmen klagen über hohe Kreditkosten. Der Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen ist weiter sehr gering. Hindernisse sind Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und Unwägbarkeiten im Wahljahr 2019.

Ausgewählte Großprojekte in der Ukraine
Projektbezeichnung Investitionssumme Projektstand Ansprechpartner/Anmerkung
Ausbau des Flughafens Boryspil (Bau eines neuen Passagierterminals, Ausbau der Frachtkapazitäten) 3,4 Mrd. Euro Entwicklungskonzept der Regierung im Mai 2019 verabschiedet; schrittweise Umsetzung bis 2045 Ministerium für Infrastruktur (https://mtu.gov.ua), Flughafen Boryspil (https://kbp.aero); Passagieraufkommen soll bis 2045 auf 54 Mio. steigen (2018: 12,6 Mio.)
Staatsunternehmen Energoatom: Bau der Blöcke 3 und 4 des Kernkraftwerks Chmelnyzkyj (Gesamtleistung: 2.094 MW) 2,3 Mrd. Euro in Vorbereitung; Bestätigung der Machbarkeitsstudie durch Regierung im Juli 2018 Internet: http://www.atom.gov.ua; Bauarbeiten hatten bereits 1986 bzw. 1987 begonnen; Reaktor 3 zu 75% und Reaktor 4 zu 28% fertiggestellt; Finanzierung durch geplante Stromexporte des in Betrieb befindlichen Blocks 2 in die EU; hierfür Bau von Stromleitung nach Rzeszów (Polen) geplant
Sanierung und Modernisierung der Großkläranlage Bortnytska stantsiya aeratsii der Kiewer Wasserwerke rund 1 Mrd. US$ Ausschreibung zur Auswahl von Generalauftragnehmer im März 2019 veröffentlicht; geplanter Realisierungszeitraum: Februar 2020 bis August 2025 Internet: https://vodokanal.kiev.ua; Kredit von japanischer Entwicklungsbank JICA über 1 Mrd. US$; beteiligte Firmen: Kyivinzhproekt, TEC International (http://www.teci.jp), Nihon Suiko Sekkei (http://www.n-suiko.co.jp), Nippon Koei (http://www.n-koei.co.jp)
Unternehmen Black Iron: Erschließung der Eisenerzmine Shymanivske im Krywyj Rih-Eisenerzbecken, Gebiet Dnipropetrowsk (Förderung und Anreicherung von Eisenerzen; 1. Stufe: 4 Mio. t; 2. Stufe: 8 Mio. t) 1. Stufe: 436 Mio. US$ / 2. Stufe: 312 Mio. US$ in Vorbereitung; Abschluss einer Absichtserklärung mit Glencore über Finanzierung im Februar 2019; möglicher Beginn der Bauarbeiten: 2020 Internet: http://blackiron.com
Unternehmen Donbasenergo: Bau eines Kohlekraftwerks mit einer Leistung von 660 MW in Slowjansk (Gebiet Donezk) 684 Mio. US$ Vertragsunterzeichnung im Dezember 2018; geplante Inbetriebnahme 1. Block: Juli 2022; 2. Block: Juli 2023 Internet: https://de.com.ua; Auftragnehmer: Dongfang Electric Corporation (http://www.dongfang.com.cn); chinesische Seite stellt 85% der Finanzierung bereit
Unternehmen Kernel: Bau eines neuen Werks zur Produktion von Sonnenblumenöl; Modernisierung bestehender Anlagen; Investitionen in Infrastruktur am Hafen Tschornomorsk 540 Mio. US$ (davon bereits investiert: 100 Mio. US$) im Gang; Umsetzung bis 2021 Internet: http://www.kernel.ua; Finanzierung überwiegend mit Krediten internationaler Geber geplant
Verlängerung der U-Bahn in Charkiw um 3,5 km; Bau von zwei neuen Stationen und eines neuen Betriebshofs; Kauf neuer Züge 384,5 Mio. Euro (davon je 160 Mio. Euro durch EBWE und EIB) in Vorbereitung; Fertigstellung bis 2023 geplant Internet: http://www.metro.kharkov.ua; Ansprechpartner: Igor Pashnev (Deputy General Director); Tel.: 0038/057 731 59 83; Mobil: 0038/050 406 88 84; E-Mail: karkiv.metro2017@gmail.com
Unternehmen Scatec: Bau eines Solarparks mit 400 MW bis Ende 2019 250 bis 300 Mio. Euro im Gang Internet: https://scatecsolar.com; Im Jahr 2020 weiterer Ausbau und Beteiligung an Ausschreibungen zum Bau von Solaranlagen geplant
Staatsunternehmen Ukrenergo: Sanierung von zwölf Umspannstationen 200 Mio. Euro Beschluss der Regierung über Aufnahme von EBWE-Kredit in Höhe von 149 Mio. Euro Ende Juni 2019 Internet: https://ua.energy; Investitionen sind Teil der Arbeiten zum Anschluss der Ukraine an die europäischen Stromnetze (ENTSO-E)
Unternehmen DCH Group: Investitionen in DCH Steel (Sukha Balka und Dnipro Metallurgical Plant) 150 bis 200 Mio. US$ Ankündigung im April 2019; Umsetzung im Laufe von fünf Jahren Internet: http://www.dch.com.ua, http://sukhabalka.com, http://dmz-petrovka.dp.ua; Investitionen in neue Bergbautechnik und Ausrüstungen für Metallurgiewerk

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Elektronisches Beschaffungssystem für öffentliche Ausschreibungen:

https://prozorro.gov.ua/en

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/ukraine - "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Stimmung der Verbraucher verbessert sich

Die Einzelhandelsumsätze sind in den ersten fünf Monaten 2019 real um 9,6 Prozent auf 15,3 Milliarden US$ gestiegen. Für das Gesamtjahr rechnet Concorde Capital mit plus 6 bis 7 Prozent. Der private Konsum wird 2019 um 2,8 Prozent und 2020 um 2,4 Prozent wachsen, erwarten die Analysten der EIU.

Die Stimmung der Verbraucher hat sich zuletzt deutlich verbessert. Der Verbraucherindex der Marktforschungsagentur Info Sapiens erreichte im Mai 2019 einen Wert von 82,8 (April 2019: 71,6; Höchstwert: 200). Damit ist das Niveau von 2013 wieder erreicht. Als Gründe für den jüngsten Sprung nach oben nennen die Analysten die gestiegene Zuversicht der Konsumenten nach den Präsidentschaftswahlen, positive Erwartungen in Bezug auf die Parlamentswahlen und den stabilen Kurs der Hrywnja.

Die Auswanderung aus der Ukraine führt zu Lohndruck und Engpässen auf dem Arbeitsmarkt. Im Mai 2019 lag der durchschnittliche Bruttomonatslohn mit 388 US$ real 7 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Nach Einschätzung der Nationalbank könnten die Geldtransfers der Migranten 2019 einen Wert von 12,2 Milliarden US$ erreichen.

Außenhandel: Weiteres Wachstum der Importe erwartet

Zuwächse beim privaten Konsum und den Investitionen sorgen für steigende Importe. Nach Einschätzung der EIU könnte die Einfuhr von Waren und Dienstleistungen 2019 real um 5,2 Prozent steigen. Für 2020 rechnen die Analysten mit plus 3,6 Prozent.

Auch die Ausfuhren legen Anfang 2019 zu - dank der höheren Agrarexporte nach der Rekordernte 2018 und der hohen Weltmarktpreise für Eisenerz. Für das Gesamtjahr rechnet die EIU aber nur mit einem geringen Anstieg der Exporte von Waren und Dienstleistungen um real 0,4 Prozent. Rund 70 Prozent der ukrainischen Warenausfuhr entfallen auf Nahrungsmittel, Erze und Metallwaren.

Die Europäische Union ist wichtigster Handelspartner der Ukraine. Der Anteil Russlands geht zurück. In den jüngsten Monaten haben die beiden Staaten die gegenseitigen Handelssanktionen verschärft. Mit Israel hat die Ukraine im Januar 2019 ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Verhandlungen mit der Türkei laufen. Laut Destatis sind die deutschen Exporte in die Ukraine von Januar bis April 2019 um 7,1 Prozent gestiegen. Die deutschen Importe nahmen um 9,3 Prozent zu.

Außenhandel der Ukraine (in Mrd. US$; Veränderung nominal in Prozent)
2017 2018 Jan.-Apr. 2019 Veränderung Januar-April 2019 / Januar-April 2018
Warenimporte 49,6 57,1 18,5 9,3
Warenexporte 43,3 47,3 16,4 6,0
Handelsbilanzsaldo -6,3 -9,8 -2,1 -

Quelle: Ukrainischer Statistikdienst (Derzhstat)

Weitere Informationen zur Ukraine (wie Branchencheck und SWOT-Analyse) finden Sie unter http://www.gtai.de/ukraine

Dieser Artikel ist relevant für:

Ukraine Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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