Wirtschaftsausblick

15.11.2018

Wirtschaftsausblick - Ukraine (November 2018)

Inhalt

Wirtschaft wächst 2019 schwächer, vorläufige Einigung mit IWF wendet Finanzkrise ab / Von Fabian Nemitz

Kiew (GTAI) - Nach einem Plus von über 3 Prozent im Jahr 2018 wird sich das Wachstum der ukrainischen Wirtschaft 2019 voraussichtlich leicht abschwächen. Ein neues IWF-Paket ist in Vorbereitung.

Wirtschaftsentwicklung: Aussicht auf neues IWF-Paket sorgt für Erleichterung

Die ukrainische Wirtschaft setzt ihren Erholungskurs fort. Nach Zuwächsen um real über 3 Prozent in den ersten beiden Quartalen 2018 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Einschätzung der Nationalbank auch im 3. Quartal um 3,1 Prozent gestiegen. Stützen des Wachstums sind auf Verwendungsseite die Bruttoanlageinvestitionen und der private Verbrauch. Auf Entstehungsseite ist die Landwirtschaft der Haupttreiber. Dagegen konnte die Industrie ihren Ausstoß in den ersten drei Quartalen 2018 nur um 1,8 Prozent steigern.

Für das Gesamtjahr 2018 erwartet die Nationalbank ein Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent. Vor dem Hintergrund der Eintrübung der Weltwirtschaft, niedrigeren Preisen für Rohwaren sowie der restriktiven Fiskal- und Geldpolitik im Inland könnte sich das Wachstum 2019 und 2020 nach Einschätzung der Notenbank auf 2,5 beziehungsweise 2,9 Prozent abschwächen. Eine ähnliche Entwicklung erwartet auch der Internationale Währungsfonds (IWF).

Mit der Verständigung auf ein neues IWF-Beistandsprogramm am 19. Oktober 2018 haben sich die Aussichten für die ukrainische Wirtschaft aufgehellt. Bevor eine endgültige Entscheidung über das 3,9 Milliarden US-Dollar (US$) schwere Paket erzielt wird, steht noch die Verabschiedung des Staatshaushalts für 2019 aus. Dies könnte Anfang Dezember 2018 geschehen.

Das Beistandspaket ist von hoher Bedeutung, da die Ukraine 2019 einen großen Teil ihrer Auslandsschulden refinanzieren muss, wozu sie aus eigener Kraft kaum in der Lage ist. Hinzu kommt die Unsicherheit in Zusammenhang mit dem Wahljahr 2019. Nach den Präsidentschaftswahlen im März stehen im Herbst Parlamentswahlen an.

In ihrem am 9. November 2018 veröffentlichten Reformbericht lobt die EU die in den vergangenen Jahren unternommenen und eingeleiteten Reformschritte. Große Defizite gibt es aber weiterhin bei der Korruptionsbekämpfung und dem Justizwesen.

Die Spannungen mit Russland haben zuletzt zugenommen. Die Streitigkeiten drehen sich unter anderem um die Einrichtung einer anerkannten und von Moskau unabhängigen Landeskirche sowie um exzessive Kontrollen von Handelsschiffen im Asowschen Meer seitens der russischen Marine, die das europäische Parlament im Oktober 2018 in einer Resolution verurteilt hat.

MKT201811148007.14

Wirtschaftliche Eckdaten der Ukraine
Indikator 2017 2018 2) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 112,1 1) 126,4 1) 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 2.656 1) 2.964 1) 44.791
Bevölkerung (Mio.) 45,6 3) 45,6 3) 82,7
Wechselkurs (1 US$ = ... UAH) 26,59 28,30 4) -

1) ohne Berücksichtigung der von Russland annektierten Autonomen Republik Krim, der Stadt Sewastopol und der nicht von der Regierung kontrollierten Gebiete im Osten des Landes; 2) Prognosen; 3) laut Auswärtigem Amt; 4) Stand: 30. September 2018

Quellen: Internationaler Währungsfonds; Auswärtiges Amt; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen steigen, Zufluss an Auslandskapital aber weiter gering

Nach dem Einbruch in der Krise legen die Bruttoanlageinvestitionen seit 2016 zweistellig zu. Für das 2. Quartal 2018 meldet das Statistikamt ein Plus von real 14,2 Prozent. Nach Einschätzung der EIU könnten die Investitionen im Gesamtjahr um 13 Prozent und 2019 um 7 Prozent steigen.

Die Ausgaben für Verkehrsinfrastruktur sollen künftig deutlich zunehmen. Dank attraktiver Einspeisevergütungen boomen Investitionen in erneuerbare Energien. Viele ausländische Firmen sind in dem Sektor aktiv. Der Großteil der Kapitalanlagen in der Industrie entfällt auf den Rohstoffsektor, die Ernährungswirtschaft und die Metallurgie.

Internationale Geber spielen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Projekten. Der Bankensektor leidet unter einem hohen Anteil fauler Kredite. Die Nationalbank hat den Leitzins im September 2018 auf 18 Prozent angehoben. Ausländische Direktinvestitionen strömen nur zäh ins Land. Hindernisse sind Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und Unsicherheit vor den Wahlen im Jahr 2019.

Ausgewählte Großprojekte in der Ukraine
Projektbezeichnung Investitionssumme Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Investitionen in Modernisierung und Ausbau der Produktion; u.a. Zaporizhstal, Ilyich Iron and Steel Works, Azovstal Iron and Steel Works; Teil der Entwicklungsstrategie bis 2030 rund 8,8 Mrd. US$ (Metallurgie: 5,7 Mrd. US$ Bergbau: 3,1 Mrd. US$; darunter 0,5 Mrd. US$ für ökologische Maßnahmen) im Gang; schrittweise Realisierung bis 2030 Metinvest (http://www.metinvestholding.com); Generaldirektor: Yuriy Ryzhenkov
Investitionen in Kapazitäten zur Stromnetzbalancierung rund 2,1 Mrd. US$ in Diskussion; Vorstellung von Plan im April 2018; Gespräche über Realisierung von Pilotprojekt (200 MW) mit französischem Netzbetreiber RTE im Oktober 2018 Staatlicher Stromnetzbetreiber Ukrenergo (https://ua.energy); Aufbau von insgesamt 2.500 MW installierter Leistung in Gaskraftwerken (2.000 MW) und Speicherbatterien (500 MW) bis 2025
Bau einer vierten U-Bahn-Linie in Kiew (Flughafen Zhulyany-Stadtteil Troyeschyna) mit 13 Stationen; Länge: 18 km rund 2 Mrd. US$ Übergabe einer vorläufigen Machbarkeitsstudie durch China Railway International Group (CREC) im November 2018; geplanter Realisierungszeitraum: 2021 bis 2026; Beginn der Bauarbeiten sobald Podilsko-Voskresenskyi-Brücke über den Dnjepr fertiggestellt ist Beteiligte Partner: Kiewer Stadtverwaltung (http://kyivcity.gov.ua) mit Konsortium aus CREC (http://www.crecgi.com) und Pacific Construction Group (http://www.cpcg.com.cn); chinesische Seite soll 85 Prozent der Projektkosten tragen; U-Bahn Kiew: http://www.metro.kiev.ua
ArcelorMittal Kryvyi Rih: Investitionen in Modernisierung der Anlagen und in Umweltschutzmaßnahmen 1,5 Mrd. US$ Umsetzungszeitraum: 2019 bis 2022 Internet: https://ukraine.arcelormittal.com; EBWE unterstützt Modernisierungsprogramm mit 350 Mio. Euro
Naftogaz: Investionen in Ausweitung der Gasförderung und in Gastransportsystem rund 1,5 Mrd. US$, darunter 1,2 Mrd. US$ für Gasförderung für 2019 geplante Investitionen; Entscheidung des Aufsichtsrats steht noch aus Internet: http://www.naftogaz.com; zur Finanzierung will Naftogaz eine Anleihe von bis zu 1 Mrd. US$ ausgeben
Bau eines Solarparks mit bis zu 1.200 MW in der Sperrzone von Tschernobyl über 1 Mrd. Euro in Vorbereitung; Präsentation von vorläufiger Machbarkeitsstudie von Tractebel Engineering im März 2018; Inbetriebnahme von Pilotprojekt (1 MW) im Oktober 2018 erfolgt State Agency of Ukraine on Exclusion Zone Management (http://dazv.gov.ua); Bau von acht Anlagen mit jeweils 150 MW
Sanierung und Modernisierung der Großkläranlage Bortnizka Stanzija Aerazii der Kiewer Wasserwerke rund 1 Mrd. US$ in Vorbereitung; geplanter Realisierungszeitraum: 2019 bis 2025 Internet: https://vodokanal.kiev.ua; Kredit von japanischer Entwicklungsbank JICA über 1 Mrd. US$; beteiligte Firmen: Kyivinzhproekt, TEC International (http://www.teci.jp), Nihon Suiko Sekkei (http://www.n-suiko.co.jp) und Nippon Koei (http://www.n-koei.co.jp)
Kernel: Bau von neuem Werk zur Produktion von Sonnenblumenöl; Modernisierung bestehender Anlagen; Investitionen in Infrastruktur am Hafen Tschornomorsk 540 Mio. US$; davon bereits investiert: 100 Mio. US$ im Gang; Umsetzung bis 2021 Internet: http://www.kernel.ua; Finanzierung überwiegend mit Krediten internationaler Geber geplant
Verlängerung der U-Bahn in Charkiw um 3,5 km; Bau von zwei neuen Stationen und eines neuen Betriebshofs; Kauf neuer Züge 384,5 Mio. Euro (davon je 160 Mio. Euro durch EBWE und EIB) in Vorbereitung; Fertigstellung bis 2023 geplant Internet: http://www.metro.kharkov.ua; Ansprechpartner: Igor Pashnev (Deputy General Director); Tel.: 0038/057 731 59 83; Mobil: 0038/050 406 88 84; E-Mail: karkiv.metro2017@gmail.com
Elektrifizierung und Ausbau der Bahnstrecke Dolynska-Mykolajiw (Länge: 148 km) und Mykolajiw-Kolossiwka (Länge: 105 km) 368 Mio. Euro in Vorbereitung; geplante Bauzeit: 33 Monate Internet: http://www.uz.gov.ua (staatliche Eisenbahngesellschaft Ukrzaliznytsia); EIB und EBWE stellen je 150 Mio. Euro bereit

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Elektronisches Beschaffungssystem für öffentliche Ausschreibungen:

https://prozorro.gov.ua/en

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/ukraine - "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Lohnzuwächse und mehr Rücküberweisungen stützen Konsum

Die Einzelhandelsumsätze sind in den ersten neun Monaten 2018 real um 5,5 Prozent auf 24,5 Milliarden US$ gestiegen. Für 2018 und 2019 rechnet die EIU mit einem Anstieg des Privatkonsums um 4,5 beziehungsweise 3,2 Prozent und danach 2020 bis 2023 mit Zuwächsen von rund 2,5 Prozent pro Jahr.

Die Stimmung der Konsumenten verbessert sich. Der Index der Marktforscher von GfK zur Verbraucherstimmung erreichte im September 2018 einen Wert von 62,6 (Höchstwert: 200). Vor Jahresfrist hatte er noch bei 59 gelegen, im August 2018 bei 60,3.

Auswanderungen aus der Ukraine führen zu Lohndruck und Engpässen auf dem Arbeitsmarkt. Im September 2018 lag der durchschnittliche Bruttomonatslohn real 12,9 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Mit umgerechnet 321 US$ bleibt der Spielraum für Konsum aber beschränkt. Nach Einschätzung der Nationalbank könnten die Geldtransfers der Migranten 2018 einen Wert von 11,6 Milliarden US$ erreichen. Die mit dem IWF vereinbarte schrittweise Anhebung der Gas- und Heiztarife wird 2019 die Kaufkraft belasten.

Außenhandel: Importwachstum schwächt sich ab

Zuwächse beim privaten Konsum und den Investitionen sowie höhere Preise für Energieträger haben in den ersten acht Monaten 2018 zu einem Anstieg der Wareneinfuhr um nominal 16,1 Prozent geführt. Künftig dürfte sich die Dynamik abschwächen. Für 2019 und 2020 rechnet die EIU mit realen Zuwächsen der Einfuhr von Waren und Dienstleistungen von 4 beziehungsweise 2,1 Prozent.

Auch die Warenexporte zeigen 2018 nach oben. Die Aussichten für 2019 hängen von der Entwicklung der Weltmarktpreise für Nahrungsmittel, Erze und Metallwaren ab, auf die rund 70 Prozent der ukrainischen Warenausfuhr entfallen. Die EIU rechnet für 2019 und 2020 nur mit einem geringen Anstieg der Exporte von Waren und Dienstleistungen um real 0,3 beziehungsweise 0,8 Prozent.

Die Europäische Union ist wichtigster Handelspartner der Ukraine. Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit Israel und der Türkei laufen, Gespräche mit China sollen aufgenommen werden. Laut Statistischem Bundesamt sind die deutschen Exporte in die Ukraine von Januar bis August 2018 um 2,2 Prozent gestiegen. Die Importe legten um 19,9 Prozent zu.

Außenhandel der Ukraine (in Milliarden US$; Veränderung in %)
2017 Jan.-Aug. 2018 Veränderung *)
Warenimporte 49,6 35,9 16,1
Warenexporte 43,3 30,9 12,4
Handelsbilanzsaldo -6,3 -5,0 -

*) nominale Veränderung Januar bis August 2018 im Vergleich zu Januar bis August 2017

Quelle: Ukrainischer Statistikdienst (Derzhstat)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/ukraine

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Ukraine Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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