Wirtschaftsausblick

03.12.2018

Wirtschaftsausblick - Vereinigtes Königreich (November 2018)

Inhalt

Akute Brexit-Sorgen / Von Robert Scheid

London (GTAI) - Der Brexit lähmt die britische Wirtschaft. Unternehmen legen Investitionen auf Eis, Konsumenten kaufen auf Pump. Die Regierung setzt auf Infrastrukturprojekte.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum wird schwächer

Nach wie vor sind alle möglichen Brexit-Szenarien möglich. Mehr als zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum im Jahr 2016 bleibt der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) das Kernthema der politischen Diskussionen in dem Land. Die Konditionen der zukünftigen Beziehungen zwischen den beiden Parteien sind wenige Monate vor dem geplanten Austritt am 29. März 2019 noch immer nicht endgültig klar. Die Bevölkerung und die politischen Parteien sind gespalten, das schwächt auch die Stabilität der Regierungskoalition.

Das Wirtschaftswachstum im Vereinigten Königreich verlangsamt sich seit dem Brexit-Referendum. Die EU-Kommission rechnet mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) um real 1,3 Prozent für 2018 und mit einem Plus von 1,2 Prozent für 2019. Das sind die niedrigsten Wachstumszahlen seit der Weltwirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009. Prognosen zur mittelfristigen Wirtschaftsentwicklung werden durch die noch unklaren Rahmenbedingungen des Brexits erschwert.

Seit dem EU-Referendumsjahr hat sich das Pfund Sterling abgeschwächt. Diese Entwicklung hat einerseits dazu geführt, das die britischen Exporte im Ausland preiswerter geworden sind. Der schwache Außenwert der britischen Währung macht aber gleichzeitig die Importe teurer und treibt die Inflation in die Höhe. Als Konsequenz stagnieren die Reallöhne.

Trotz des robusten Arbeitsmarktes rechnen Experten für 2018 und 2019 lediglich mit einem geringen Wachstum des für die Wirtschaft so wichtigen privaten Konsums. Hinzu kommt, dass der private Konsum zunehmend durch Privatschulden finanziert wird, ein Indikator dafür ist die sinkende Sparquote der britischen Haushalte.

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Auch die Unternehmen leiden stark unter den Brexit-Unsicherheiten. Investitionspläne wurden zurückgeschraubt, insbesondere im verarbeitenden Gewerbe. Im Jahr 2018 werden die Bruttoanlageninvestitionen unter dem Strich voraussichtlich negativ ausfallen, während sie abhängig von der Art des Austrittsabkommens im Jahr 2019 wieder leicht ansteigen könnten. Der Staat versucht den Investitionsstau mit Großprojekten vor allem im Bereich der Infrastruktur auszugleichen.

Wirtschaftliche Eckdaten Vereinigtes Königreich
Indikator 2016 2017*) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 2.410 2.333 3.144,1
BIP pro Kopf (Euro) 36.700 35.332 38.114
Bevölkerung (Mio.) 65,6 66,1 *) 82,5
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 GBP (£) = ? Euro) 1,223 1,141

*) Schätzung

Quellen: Office for National Statistics (ONS); Bank of England; Berechnungen von Germany Trade & Invest; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Firmen legen Investitionen auf Eis

Die verunsicherte Wirtschaft hält sich seit dem EU-Referendum mit Investitionen zurück. Nach jüngsten Schätzungen des Statistikamts ONS (Office for National Statistics) gehen die Neuinvestitionen der Unternehmen seit dem 2. Quartal 2018 zurück.

Das deutlichste Beispiel ist die Kfz-Branche. Die Autohersteller im Vereinigten Königreich haben im Jahr 2016 insgesamt 2,5 Milliarden Pfund Sterling, rund 3,1 Milliarden Euro, in ihre Werke investiert. Im vergangenen Jahr hat sich die Investitionssumme auf 1,1 Mrd. Pfund, etwa 1,3 Milliarden Euro, reduziert. Nach jüngsten Schätzungen kamen im 1. Halbjahr 2018 lediglich 347 Millionen Pfund, rund 395 Millionen Euro, hinzu.

Die Regierung versucht den Investitionsstau auszugleichen und finanziert große Schienen-, Energie- und Straßenprojekte. Auch fördert London neue Technologien, darunter die 5G-Mobilfunktechnik und die Elektromobilität.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Vorhaben Investitions-summe in Mrd. Euro Projektstand Entwickler/Anmerkungen
Schienenprojekt High Speed Rail 2 (HS2): London-Birmingham-Manchester/Leeds, inklusive der Züge 63,7 Baubeginn des Abschnitts London-Birmingham 2019 HS2 Ltd. http://www.hs2.org.uk
Schienenprojekt Crossrail 2. Geplanter Streckenverlauf: Süd-Ost England-London-Hertfordshire , inklusive der Züge 34,3 Geplanter Baustart: 2020/2030 Crossrail 2 Ltd. http://crossrail2.co.uk
Atomkraftwerk Hinkley Point C in Somerset 22,4 Fundamentarbeiten im März 2017 begonnen, Bauarbeiten sollen 2019 beginnen. EDF mit Beteiligung von China General Nuclear Power, http://www.hinkleysupplychain.co.uk
Atomkraftwerk Wylfa Newydd B in Wales 13,7 In Planung Horizon Nuclear Power (Subunternehmen von Hitachi Ltd)
Flughafen Heathrow 3. Start-/Landebahn, Terminalbau 16,0 Anhörungen laufen (Anwohner, Umweltauflagen) Heathrow Airport Ltd.
Abwasserkanal Thames Tideway Tunnel in London (25km) 4,8 Im Bau: Geplantes Bauende: 2023 Bazalgette Tunnel Ltd., www.tideway.london
Offshore-Windfarm East Anglia Three (1,2 GW), Ostengland 4,0 Baugenehmigung: August 2017 ScottishPower Renewables (gehört zu Iberdrola Group)
U-Bahn Erweiterung London (Bakerloo Line) 3,5 Angedachter Baustart: 2023 Transport for London
Straßentunnel unter der Themse in Ost-London: Silvertown Tunnel 1,1 Geplanter Baustart: 2019/2020 Transport for London. Unter den bevorzugten Bietern: Hochtief
Gas- und Dampfkombi-kraftwerk, Selby, Yorkshire (2.500 MW) k.A. Baugenehmigung erhalten: September 2018 Eggborough Power Ltd. (gehört zu EPH Group)

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Die nationale Ausschreibungsdatenbank finden Sie unter https://www.gov.uk/contracts-finder

Konsum: Kauflaune trübt sich ein

Im Jahr 2018 wird die private Nachfrage nach Schätzung der EU-Kommission nur um 1,4 Prozent zulegen. Bereits im Jahr 2017 hatte die private Konsumnachfrage mit 1,8 Prozent deutlich schwächer zugelegt als 2016, als ein Plus von 3,1 Prozent verzeichnet worden war. Für 2019 prognostiziert die Kommission ein ähnliches Plus wie im Jahr 2018 (1,3 Prozent).

Ursächlich für die getrübte Konsumstimmung sind unter anderem die inflationsbedingt stagnierenden Realeinkommen: Der harmonisierte Verbraucherpreisindex legte 2018 um 2,6 Prozent zu. Seitdem das Pfund Sterling wegen des Brexit schwächelt, werden importierte Waren, Vorprodukte und Rohstoffe immer teurer. Die schwache Konsumnachfrage ist ein Beispiel dafür, wie sehr bereits der geplante EU-Austritt die Wirtschaft schwächt. Ein weiteres Warnzeichen ist die gleichzeitig sinkende Sparquote der Haushalte als ein Indikator dafür, dass die Briten ihren leicht steigenden Konsum auf Pump finanzieren.

Beim Shoppen im Internet sind die Briten gemessen an den E-Commerce-Ausgaben pro Kopf Weltmeister. Der E-Commerce in Verbindung mit dem schwächelnden privaten Konsum tragen zu einem Sterben der "High Streets", der Einkaufsstraßen, bei. Seit Anfang 2018 sind auch mehrere bekannte Einzelhandelsketten in den Konkurs gegangen, darunter die Spielwarenkette Toys R Us, Maplin Electronics und der Discounter Poundworld. Auch kündigten die Kaufhausketten Marks & Spencer und House of Fraser sowie die Modekette New Look Schließungen von Kaufhäusern in erheblichem Umfang an.

Außenhandel: Wechselkursschwankungen beeinflussen Handel

Die Abschwächung des Pfund Sterlings nach dem Referendum begünstigt tendenziell britische Exporte und verteuert britische Importe. Nach Angaben des Statistikamtes ONS stiegen die britischen Warenausfuhren 2017 um real 7,1 Prozent. Die Einfuhren legten hingegen nur um real 3,3 Prozent zu. Im Jahr 2018 setzt sich dieser Trend fort, allerdings etwas schwächer als im Vorjahr. Insbesondere die Exportnachfrage geht zurück.

Die jüngsten Zahlen von Eurostat auf Euro-Basis bestätigen den Ausbau der Position Deutschlands als wichtigstes Lieferland des Vereinigten Königreichs. Während die Gesamteinfuhren im 1. Halbjahr 2018 um nominal 1,4 Prozent sanken, stiegen die Importe aus Deutschland um 0,9 Prozent. Der Anteil der Einfuhren aus Deutschland an den Gesamteinfuhren lag im 1. Halbjahr 2018 bei 14,4 Prozent mit steigender Tendenz.

Die Analysten der EU-Kommission gehen von einem Wachstum der britischen Waren- und Dienstleistungsimporte um 2,8 Prozent in 2019 aus. Für die Waren- und Dienstleistungsexporte rechnen sie mit einem Plus von 2,9 Prozent in 2019. Diese Prognosen sind allerdings aufgrund des Brexits mit Vorsicht zu betrachten.

Außenhandel des Vereinigten Königreiches (in Mio. Euro) *)
1. Halbjahr 2017 1. Halbjahr 2018 Veränderung in % 1.Halbjahr 2017/1. Halbjahr.2018
Importe 283.505 279.599 -1,4
Exporte 197.166 202.040 2,5
Handelsbilanzsaldo -86.339 -77.559 -10,2

*) nominale Veränderung im Vergleich zur Vorjahresperiode

Quelle: Eurostat (Stand: 06.11.2018)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/vereinigtes-koenigreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität, Brexit

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