Wirtschaftsausblick

10.01.2018

Wirtschaftsausblick Dezember 2017 - Marokko

Inhalt

Auch 2018 hohe Auslandsinvestitionen in die Industrie / Abhängigkeit von Landwirtschaft und Weltkonjunktur bleibt / Von Fausi Najjar

Tunis (GTAI) - Marokko weist bei den Ansiedlungen in der Kfz-Industrie und dem Flugzeugteilebau große Erfolge auf. Investoren setzen auf die breite Förderung, die geographische Lage, die politische Stabilität und günstige Löhne. Dennoch bleibt bislang das Industriewachstum zu schwach für die ausreichende Schaffung von Arbeitsplätzen. Zunehmend wird Marokko zur Drehscheibe für den (west-) afrikanischen Markt.

Wirtschaftsentwicklung: Industrie und Tourismus ziehen an

Im Jahr 2018 geht laut Wirtschaftsdienst Economist Intelligence Unit (EIU) die reale Wachstumsrate von rund 4,5 Prozent auf rund drei Prozent zurück. Im Jahr zuvor hat vor allem die Landwirtschaft mit einer realen Steigerung von rund zehn Prozent für das starke Wachstum gesorgt. Für 2018 rechnet EIU nicht nochmals mit Rekordergebnissen im Agrarsektor, sondern mit einem Minuswachstum der Landwirtschaft von einem Prozent. Hingegen sorgen eine bessere Konjunktur in Europa und die Markterschließung neuer Länder für eine weitere Erholung des wichtigen Tourismus. Außerdem ist mit einer stärkeren Auslandsnachfrage bei Pkw, Kfz-Teilen und Chemieprodukten zu rechnen. Die beschäftigungsintensive Bekleidungsindustrie erholt sich nach langer Krise nur wenig. In der ebenso für Beschäftigung wichtigen Baubranche gibt es keine Anzeichen eines Aufschwungs.

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Zweifel an der Prognose für 2018 sind erlaubt: Wirtschaft und Außenhandel bleiben abhängig von Wetterschwankungen, den Rohstoffpreisen sowie von der weiterhin unsicheren wirtschaftlichen Erholung in der EU. Die Landwirtschaft mit ihrem hohen Beschäftigungsanteil strahlt stark auf den Konsum ab und mindert bei guten Ernten das Warenbilanzdefizit. Es bleibt offen, ob das Agrarwachstum 2018 tatsächlich wie erwartet um gerade einmal 1 Prozent zurückgeht. Außerdem erscheint die EIU-Prognose für ein Industriewachstum von 2,7 Prozent zu optimistisch. Der Sektor hat 2011 bis 2016 im Schnitt nur um 1,8 Prozent zugelegt. Andererseits sorgen die Ansiedlungen großer Automobilfabrikanten (Renault und in Kürze Peugeot), im Flugzeugteilebau und Folgeinvestitionen für mehr Dynamik. Angesichts einer schwachen Entwicklung anderswo (Bekleidungsindustrie und Bausektor) ist es aber bislang nicht gelungen, insgesamt mehr Arbeitsplätze im Industriesektor zu schaffen.

Wirtschaftliche Eckdaten Marokko
Indikator 2016 2017 1) Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. US$) 103,9 111,0 3.480,2
BIP pro Kopf (Euro/US$) 2) 8.011 1) 8.411 42.188
Bevölkerung (Mio.) 35,3 1) 35,7 82,5
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = x DH) 10,820 10,950 -

1) Schätzung; 2) nach Kaufkraftparität

Quelle: EIU; Stand November 2017

Positiv anzumerken ist der stetige Ausbau der erneuerbaren Energien. Dieser mindert die Abhängigkeit von den Öl- und Gasimporten. Darüber hinaus baut der Staat das Schienen- und Straßennetz sowie die Hafen-Infrastruktur aus. Mit dem Plan Maroc Vert modernisiert Marokko die Landwirtschaft. Marokko ist politisch stabil, auch wenn seit Oktober 2016 anhaltende soziale Proteste ein Licht auf die weiterhin hohe Armuts- und Arbeitslosenquote werfen. Dennoch sind moderate Erfolge bei der Bekämpfung der Armut zu verzeichnen. Das fördert auch das Entwicklungspotenzial des Landes. Insgesamt sorgt die stetige Verbesserung des Geschäftsklimas für Vertrauen. Die Verflechtung bürokratischer und wirtschaftlicher Akteure kann das an sich gute Geschäftsklima trüben.

Investitionen: Ausländisches Engagement im Industriesektor immer wichtiger

2018 wird das Wachstum der Investitionen leicht steigen. Die EIU rechnet für 2018 bei den Bruttoanlageinvestitionen mit 3,2 Prozent. Im Jahr 2017 waren es 2,8 Prozent. Folgt man den Absichtserklärungen ausländischer Unternehmen, werden deren Investitionen in das verarbeitende Gewerbe 2018 kräftig zulegen. Nicht auszuschließen ist, dass sie das bislang schwache Industriewachstum beflügeln. 2009 betrug der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an den ausländischen Direktinvestitionen gerade einmal 10,8 Prozent. 2014 bis 2016 waren es im Schnitt rund 24 Prozent.

Im Haushalt 2018 sind Neuinvestitionen und Ausgaben für Anschaffungen und Betriebskosten in Höhe von knapp 110 Milliarden marokkanische Dirham (DH; etwa 10 Milliarden Euro) vorgesehen. Das ist ein Anstieg um 10,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zieht man staatliche Fonds hinzu, beläuft sich die Investitionssumme auf insgesamt rund 17,4 Milliarden Euro. Hohe Investitionen gibt es beim Ausbau der Infrastruktur (Energie, Straßenbau, Schiene und Hafenbau). Wegen der vielfältigen Finanzierung multinationaler Entwicklungsbanken gelten die Infrastrukturvorhaben als gesichert. Der marokkanische König hat mehr Ausgaben zur Minderung der regionalen Ungleichheit und zur Entwicklung der Landwirtschaft angeordnet und die zügige Umsetzung verschleppter Projekte gefordert.

Ausgewählte Großprojekte in Marokko

Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Gas to power Projekt in Jorf Lasfar/ ONEE 1) 4.600 Präqualifikation Combined Cycle Kraftwerk 2.400 MW und LNG Terminal;Hauptauftragsvergabe 2. Quartal 2018
Moroccan Solar Plan: Solarkraftwerke/ MASEN 2) 3.000 Vorstudie Foum Al Ouad südlich Tarfaya (500 MW)und Sebkhat Tah in Lâayoune (500 MW)
Logistikzentrum/ Zinafrik Development 1.590 Vorstudie In Sidi Laidi;Hauptauftragsvergabe 3. Quartal 2018
Groupe Haite/ Mohamed VI Tangier Tech City 1.000 Vorstudie Industriezone; Hauptauftragsvergabe 2. Quartal 2019
Dhar Doum Kraftwerke/ ONEE 1) 1.000 Vorstudie Kapazität 2x600 MW;Hauptauftragsvergabe 4. Quartal 2018
Moroccan Solar Plan: Solarkraftwerke (CSP-PV)/ MASEN 2) 862 Präqualifikation/ Ausschreibung Noor Tata (Präqualifikation) in der Westsahara:800 MW; Noor Midlet M1 und M2: jeweils 400 MW; Hauptauftragsvergabe: 2. Quartal 2018
Porto Agadir/ Amer Group 816 Entwurf Freizeitpark/ Restaurants/ Hotels; Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2018
Ausbau der Schnellstraße Tiznit- Dakhla/ MET 3) 877 Vorstudie 1.055 km/ Dakhla - Lâayoune- (500 km) und Lâayoune - Tiznit (555 km); Hauptauftragsvergabe 1. Quartal 2019
Fotovoltaik- Flächenanlagen/ ONEE 1) 685 Vorstudie FV Atlas: Acht FV-Anlagen insgesamt 200 MW; Noor Argana 200 MW; Hauptauftragsvergabe 2. Quartal 2018.
Wasserkraftwerke/ ONEE 1) 444 Vorstudie El Menzel 2 Kapazität: 300 MW; Imezdilfane, Taskdert und Tajemout insgesamt 128 MW; Hauptauftragsvergabe ab 2.Quartal 2018

1) Office National de l'Electricité et de l'Eau; 2) Moroccan Agency for Sustainable Energy; 3) Ministère de l'Equipement et de Transport.

Quelle: Meed Projects, November 2017

Konsum: Schwächere Kaufkraft wegen geringerem Agrarwachstum

Zentrale Faktoren für die Konsumentwicklung in Marokko sind die schwer vorherzusehenden ländlichen Einkommen sowie Überweisungen von im Ausland lebenden Marokkanern. Bei einer durchschnittlichen Entwicklung der Landwirtschaft und bei einer wirtschaftlichen Erholung in Europa als Hauptursprungsregion für Privatüberweisungen ist mit einem Konsumwachstum von rund 3,5 Prozent zu rechnen.

Insgesamt bleibt der Massenkonsum für fertige Konsumgüter bei einer weiterhin hohen Armutsquote für eine Bevölkerung von knapp 35 Millionen Einwohnern schwach. Eine gewisse Dynamik für importierte Konsumgüter ist beim Mittelstand vor allem in den urbanen Ballungszentren dennoch zu verzeichnen. Bremsend wirken hier allerdings eine hohe städtische Arbeitslosigkeit sowie die geringen Steigerungen bei den staatlichen Gehältern. Die Inflationsrate fällt in Marokko in der Regel sehr gering aus. 2018 ist eine Inflationsrate von unter zwei Prozent zu erwarten. Lockert die marokkanische Zentralbank den stabil gehaltenen Wechselkurs, etwa um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, ist wegen hoher Importquoten mit einem höheren Wachstum der Konsumpreise zu rechnen. Die Einkommen der marokkanischen Oberschicht fallen im regionalen Vergleich besonders hoch aus.

Außenhandel: Steigende Ausfuhren dank stärkeren Wachstums in Europa

In den Jahren 2017 und 2018 stützt die in Europa anziehende Wirtschaft die marokkanischen Ausfuhren der Bekleidungs-, Kfz- und Luftfahrt-Industrie. Hinzu kommen steigende Exporte von Phosphat und -Derivaten. Positiv entwickelt sich zudem das Offshoring. Beeindruckend ist der Export von Pkw und Flugzeugteilen. Die Pkw-Ausfuhren sind von umgerechnet 79 Millionen Euro (2011) auf 2,24 Milliarden Euro (2016) gestiegen und haben damit die Ausfuhren von Phosphatgestein und seinen Derivaten (1,47 Milliarden Euro) deutlich überflügelt. Die Ausfuhren von Flugzeugteilen haben von 155 Millionen Euro (2012) auf 395 Millionen Euro (2016) zugelegt. Das Warenbilanzdefizit bleibt aber hoch (Exportdeckung 2017: circa 57 Prozent). Diesem stehen zwar Einkommen aus dem Tourismus und Überweisungen Privater gegenüber, trotzdem dürfte das Leistungsbilanzdefizit 2018 laut EIU bei knapp vier Prozent liegen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2018 mit 2,8 Prozent und bleibt wie zuvor bei seiner Schätzung für 2017 zu optimistisch.

Im Jahr 2018 werden die deutschen Ausfuhren nach Marokko etwas weniger stark wachsen, nach einer erwarteten Steigerung von sieben Prozent im Jahr 2017. Deutschland stand 2016 als Lieferland hinter Spanien, Frankreich, China, und den USA an fünfter Stelle. Deutsche Unternehmen tätigen ihr Marokkogeschäft oftmals über Töchter in Frankreich.

Außenhandel Marokkos (in Mio. Euro 1) ; Veränderung in %)
2015 2016 2016 2) 2017 2) 2017/16 2)
Importe 34.398 37.713 31.075 32.034 3,1
Exporte 20.150 20.673 17.016 18.132 6,6
Handelsbilanzsaldo -14.249 -17.040 -14.058 -13.902 -1,1

1) berechnet nach dem durchschnittlichen Wechselkurs für die Jahre 2015 und 2016; 2) berechnet nach dem durchschnittlichen Wechselkurs in den ersten zehn Monaten 2016 und 2017

Quelle: Office des Changes; November 2017

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/swot-analyse,t=swotanalyse--marokko-dezember2017,did=1845804.htm

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/produktmaerkte,t=branchencheck-marokko-dezember-2017,did=1845946.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Marokko Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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