Wirtschaftsausblick

20.12.2017

Wirtschaftsausblick Dezember 2017 - Vereinigtes Königreich

Inhalt

Die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten vor dem anstehenden Brexit sind enorm / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Bereits mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Austritt aus der Europäischen Union (EU) sind bereits negative Effekte auf die Wirtschaft im Vereinigten Königreich spürbar. Welche Regeln ab Ende März 2019 gelten, bleibt unklar. Viele Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten hoffen auf eine Übergangsphase, die womöglich deutlich länger als zwei Jahre ausfallen könnte. Sicherheitshalber bereiten sich die Akteure aber auch auf den Worst Case vor, also einen Brexit ohne Anschlussabkommen.

Wirtschaftsentwicklung: Brexit wirkt sich bereits negativ auf Wirtschaft aus

Die Europäische Kommission rechnet mit einem Wachstum des britischen Bruttoinlandprodukts um real 1,5 Prozent für 2017 und 1,3 Prozent für 2018. Damit wächst die britische Wirtschaft bereits deutlich langsamer als vor dem EU-Referendum erwartet. Während das Vereinigte Königreich noch bis zum eigentlichen EU-Austritt die Vorzüge einer EU-Mitgliedschaft genießt, begünstigt das aufgrund der Unsicherheiten schwache Pfund Sterling britische Exporte.

Der schwache Außenwert der britischen Währung sorgt allerdings auch für eine höhere Inflation (November 2017: 3,1 Prozent), die auf die Reallöhne drückt. Experten rechnen daher für 2018 mit einem geringen Wachstum des für die britische Wirtschaft so wichtigen privaten Konsums in Höhe von lediglich 0,8 Prozent.

Der eigentliche EU-Austritt der Briten ist für den 29. März 2019 geplant. Zu welchen Konditionen deutsche Unternehmen nach dem britischen Austritt Waren und Dienstleistungen im Vereinigten Königreich anbieten können, hängt vom weiteren Verlauf der EU-Verhandlungen ab. Zu Redaktionsschluss (12. Dezember 2017) hofften viele Beobachter und Wirtschaftsvertreter auf eine möglicherweise zweijährige oder sogar deutlich längere Übergangsphase, in welcher voraussichtlich weiter die bisherigen Konditionen gelten würden.

Gleichzeitig bereiten sich die Unternehmen in ihren Brexit-Strategien auf sämtliche denkbare Ausgänge der Verhandlungen vor. Einige Firmen planen aus Sorge vor künftig starken Verzögerungen bei der Ein- und Ausfuhr zusätzliche Logistikflächen. Der worst case wäre ein sogenannter Cliffedge Brexit, ohne Anschlussabkommen oder Übergangszeit, bei dem der Handel ab dem 30. März 2019 nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) ablaufen würde.

Das Vereinigte Königreich bezüglich Brexit weiterhin tief gespalten

In der Bevölkerung zieht sich weiterhin ein Graben zwischen Brexit-Befürwortern und -Gegnern. Knapp 52 Prozent hatten bei dem Referendum im Juni 2016 für den Austritt gestimmt. Auch die regierende konservative Partei und genauso die oppositionelle Labour-Partei sind bezüglich der Brexit-Frage tief gespalten. Der Druck auf die Minderheitsregierung ist stark und vorzeitige Neuwahlen sind nicht auszuschließen. Weiter aktiv für einen Exit aus dem Brexit setzen sich die Liberaldemokraten ein, die allerdings im Unterhaus nur 12 von 650 Sitzen innehaben.

MKT201712198013.14

Wirtschaftliche Eckdaten Vereinigtes Königreich
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. Euro) 2.603 2.399 3.144,1
BIP pro Kopf (Euro) 39.979 36.544 38.114
Bevölkerung (Mio.) 65,1 65,6 82,5
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = £) 0,726 0,819 -

Quellen: Office for National Statistics (ONS); Bank of England; eigene Berechnungen; Statistisches Bundesamt; Bundesbank

Investitionen: Staat investiert in Infrastruktur, Wohnungsbau und Technologien

Aufgrund der Unsicherheiten vor dem Brexit investiert die Privatwirtschaft nur zögerlich. Nicht wenige internationale Unternehmen planen die Verlegung ihrer Europa-Zentralen in andere EU-Länder oder einen Teilabzug. Die Regierung versucht gegenzusteuern und investiert verstärkt in die Schieneninfrastruktur, den sozialen Wohnungsbau und in die Bereiche Digitalisierung, E-Mobilität und autonomes Fahren.

Viele künftige Investitionsentscheidungen hängen vom weiteren Vorankommen und den Ergebnissen der EU-Verhandlungen ab. Relativ unabhängig davon investieren Automobilunternehmen weiterhin in den Bereich Elektromobilität und zunehmend auch in autonomes Fahren. Unternehmen, die bisher auf Just In Time-Lieferungen aus anderen EU-Ländern setzen, planen einen Ausbau ihrer Logistikflächen.

Das Statistikamt ONS (Office for National Statistics) hat seine Daten zu den Unternehmensinvestitionen im 1. Halbjahr 2017 deutlich nach oben revidiert. Auf Grundlage der neu überarbeiteten Zahlen dürfte das Wachstum der Unternehmensinvestitionen im Gesamtjahr 2017 bei rund 2 Prozent liegen und damit immer noch sehr viel niedriger als in der Zeit vor dem EU-Referendum. Die Bruttoanlageinvestitionen dürften 2017 auch aufgrund steigender Regierungsinvestitionen um ungefähr 2,6 Prozent zulegen.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. Euro) 1) Projektstand Entwickler/Anmerkung
Schienenprojekt Highspeed Rail 2 (HS2): London-Birmingham-Manchester/Leeds 2) 62,5 Baubeginn des Abschnitts London-Birmingham: 2018/2019 HS2 Ltd http://www.hs2.org.uk
Eisenbahn-Infrastruktur in England und Wales 53,9 Investitionen in Gleise und Züge. Zeitraum 2019 bis 2024 Department for Transport
Schienenprojekt Crossrail 2 im Großraum London 34,8 Genauer Streckenverlauf wird diskutiert. Baustart: 2020/2030 Crossrail 2 Ltd; http://crossrail2.co.uk Endgültiger Regierungsentscheid steht noch aus
Atomkraftwerk Hinkley Point C in Somerset 22,1 Fundamentarbeiten begannen im März 2017; Experten bezweifeln völlige Umsetzung EDF mit Beteiligung von China General Nuclear Power Generation (CGN) http://www.edfenergy.com/energy/nuclear-new-build-projects
Flughafen Heathrow: 3. Start- und Landebahn, Terminalbau 2) 19,7 Anhörungen laufen (Umweltauflagen, Anwohner etc.) Entscheidung für Sommer 2018 erwartet
Neuentwicklungs-projekt Earls Court in West-London (u. a. 7.500 Wohneinheiten) 9,1 Im Bau EC Properties LP: http://www.myearlscourt.com
Restaurierung Parlamentsgebäude (Westminster Palace) 3) 6,4 Genaues Vorgehen ist noch unklar. Projektstart ab 2020 geplant Derzeit prognostizierte Projektdauer: 32 Jahre
Abwasserkanal Thames Tideway Tunnel (25 km) 4,7 Im Bau. Geplantes Bauende: 2023 Bazalgette Tunnel Ltd www.tideway.london
U-Bahn Erweiterung London (Bakerloo Line) 3,5 Angedachter Baustart: 2023 Transport for London https://consultations.tfl.gov.uk/tube/bakerloo-extension/
Offshore-Windfarm East Anglia Three (1,2 GW), Ostengland 3,9 Baugenehmigung im August 2017 ScottishPower Renewables http://www.scottishpowerrenewables.com/pages/east_anglia_three.aspx
Offshore-Windfarm Hornsea One (1,2 GW), Nordengland 3,1 Geplanter Baustart: 2018 Orsted,vormals Dong Energy; Zulieferer: Siemens, EEW Special Pipe Constructions (Rostock) http://www.hornseaprojectone.co.uk

1) Umrechnung anhand des Wechselkurses vom 25. Oktober 2017, 1 £ (GBP) = 1,1221 Euro; 2) Investitionssumme ist inklusive Kosten für notwendigen Grundstückskauf; 3) Weitere Informationen unter http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu nationalen Ausschreibungen unter: https://www.gov.uk/contracts-finder

Konsum: Haushalte spüren den Brexit in ihren Portemonnaies

Nach einem Wachstum der privaten Nachfrage von rund 2,8 Prozent für 2016 wird der Konsum nach Schätzung des Office for Budget Responsibility im Jahr 2017 nur um 1,5 Prozent und 2018 sogar nur um 0,8 Prozent zulegen.

Die Einzelhändler klagen über die gebremste Shoppinglaune der sonst so kauffreudigen Briten. Die Pkw-Verkaufszahlen dürften 2017 rund 5 Prozent unter dem Niveau von 2016 liegen und 2018 weiter fallen.

Hintergrund für den deutlich weniger dynamischen Konsum bei einer gleichzeitig steigenden Bevölkerung sind die inflationsbedingt sinkenden Realeinkommen (3. Quartal 2017: -0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal). Die Inflation erklärt sich aus dem seit dem EU-Referendum schwachen Pfund Sterling, welches Importe verteuert. Der schwache Konsum ist ein Beispiel dafür, dass der geplante EU-Austritt bereits vor der eigentlichen Umsetzung des Brexit "beißt". Gemessen an den E-Commerce-Ausgaben pro Kopf bleiben die Briten hingegen Weltmeister im Online-Shoppen. Dies gilt auch für den Kauf von Lebensmitteln.

Außenhandel: Schwaches britisches Pfund Sterling macht Importe teurer

Das seit dem Referendum schwache Pfund Sterling begünstigt britische Exporte und verteuert britische Importe (Importgüterpreisanstieg zwischen dem 2. Quartal 2016 und 2. Quartal 2017: 7,8 Prozent). Dies wirkte sich nach Angaben des Statistikamtes ONS aber bisher kaum auf die britischen Einfuhren aus. Die Warenimporte stiegen im 1. und 2. Quartal 2017 um real 5,7 Prozent beziehungsweise 5,1 Prozent und im 3. Quartal immerhin noch um real 2,1 Prozent im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresquartal.

Nominale Eurostat-Angaben auf Euro-Basis ergeben aufgrund der Pfund Sterling-Schwäche ein anderes Bild. Nach den Zahlen von Eurostat sanken die britischen Gesamteinfuhren im 1. Halbjahr 2017 um nominal 1,2 Prozent und die Importe aus Deutschland sogar um 1,9 Prozent. Zwar bleibt Deutschland auch nach dem EU-Referendum bedeutendster Handelspartner und wichtigstes Lieferland der Briten. Der Anteil der aus Deutschland importierten Waren sank allerdings leicht von 14,8 Prozent 2016 auf 14 Prozent im 1. Halbjahr 2017. Besonders hoch sind die Anteile deutscher Lieferungen unter anderem bei Pkw, Kfz-Teilen und Maschinen.

Die Europäische Kommission geht von einem realen Wachstum der britischen Waren- und Dienstleistungsimporte um 2,6 Prozent für 2017 und um 2,1 Prozent für 2018 aus.

Außenhandel des Vereinigten Königreiches (in Mio. Euro; nominale Veränderung im Vergleich zur Vorjahresperiode
1. Halbjahr 2016 1. Halbjahr 2017 Veränderung in % 1. Hj. 2016/1. Hj. 2017
Importe 286.191 282.879 -1,2
Exporte 183.971 198.765 8,0
Handelsbilanzsaldo -102.220 -84.114 k. A.

Quelle: Eurostat (Stand: 8. November 2017)

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/vereinigtes-koenigreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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