Wirtschaftsausblick

27.06.2017

Wirtschaftsausblick Juni 2017 - Lettland

Inhalt

Unternehmensinvestitionen und Bauwirtschaft erleben 2017 einen Boom / Privatkonsum gewinnt weiter an Fahrt / Marc Lehnfeld

Riga (GTAI) - Lettlands Wirtschaft wächst 2017 kräftig. Neue EU-Fördermittel beenden die Flaute bei den Investitionen und in der Baubranche. Außerdem treibt die Auslandsnachfrage die Kapazitätsauslastung der Industrie in die Höhe. Auch die Wachstumsdynamik des Privatkonsums legt - trotz Rückkehr der Inflation - zu. Setzt sich die starke Zunahme des Bruttoinlandsproduktes in den ersten drei Monaten 2017 im weiteren Verlauf des Jahres fort, müssten die Konjunkturprognosen nach oben korrigiert werden.

Wirtschaftsentwicklung: Spitzenreiter im Baltikum

Unternehmen erwarten in Lettland 2017 ein starkes Wachstumsjahr. Die Analysten der EU-Kommission prognostizieren, dass der lettische Realanstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,2% der höchste im Baltikum sein wird. Damit korrigiert die EU ihre Konjunkturprognose gegenüber dem Winter deutlich um 0,4%-Punkte nach oben. Der Privatkonsum gewinnt - trotz steigender Inflation - weiter an Fahrt und legt gegenüber dem Vorjahr preisbereinigt um 3,9% zu.

Wachstumstreiber werden nach einhelliger Einschätzung aller Prognoseinstitute die Bruttoanlageinvestitionen sein, die im Vergleich zum Vorjahr von einem starken Rückgang um 11,7% in einen überkompensierenden Boom wechseln. Am optimistischsten sind die Analysten der EU-Kommission, sie erwarten, dass die Bruttoanlageinvestitionen 2017 um 14,2% zulegen werden.

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Allerdings sind sich die Ökonomen der verschiedenen Institute nicht in der Frage einig, ob die Investitionen der Unternehmen im Jahr 2017 tatsächlich ihren Höhepunkt erreichen werden. Die Analysten der Swedbank, der SEB und der OECD gehen davon aus, dass die Investitionen der Unternehmen 2017 zwar stark wachsen, aber 2018 noch weiter an Dynamik gewinnen werden.

Von dem Investitionsboom werden sowohl 2017 als auch 2018 ausländische Unternehmen profitieren, da viele Güter aus dem Ausland importiert werden müssen. Deshalb erwarten die EU-Analysten auch einen preisbereinigten Anstieg der Waren- und Dienstleistungseinfuhren um jeweils 6,1% in den beiden Jahren.

Wirtschaftliche Eckdaten Lettlands
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland
BIP (nominal, Mrd. Euro) 24,4 25,0 3.132,7
BIP pro Kopf (Euro) 12.324 12.762 37.866
Bevölkerung (Mio.) 2,0 2,0 82,7

Quellen: Lettisches Statistikamt, Statistisches Bundesamt

Das 1. Quartal 2017 überraschte mit einem realen BIP-Anstieg um 4,0% im Vergleich zur entsprechenden Vorjahresperiode. Das war das stärkste Wachstum seit dem Jahr 2012. Dabei legten die Bruttoanlageinvestitionen um 8,8% zu. Aber auch der Konsum der lettischen Haushalte lag mit einem Plus von 5,5% deutlich über dem Anstieg des entsprechenden Vorjahreszeitraums von 3,0%. Die lettische Nationalbank korrigierte wegen der guten Ergebnisses im ersten Jahresviertel ihre BIP-Prognose um 0,3%-Punkte auf nun 3,3% nach oben.

Investitionen: EU-Fördermittel sorgen für einen Boom

Nach dem starken Einbruch der Bruttoanlageinvestitionen im Vorjahr erlebt Lettland 2017 mit dem Anschub durch verspätet implementierte EU-Fördermittel einen Boom. Hinzu kommen nach Einschätzung der Swedbank die steigende Auslandsnachfrage und das hohe industrielle Produktionsvolumen, das nach Daten des lettischen Statistikamts bis April 2017 schon deutlich über dem Niveau von Ende 2007 lag. Die Kapazitätsauslastung stieg bei Großunternehmen und bei Herstellern von Zwischengütern auf 78% beziehungsweise 77%, was den Investitionsdruck weiter erhöht.

Der seit dem letzten Jahr steigende industrielle Vertrauensindikator erreicht im Mai 2017, bei zunehmend gefüllten Auftragsbüchern, erstmals wieder die Höhe, die durchgehend im Jahr 2007 erreicht wurde. Die EU-Analysten rechnen daher mit einem Realwachstum der Ausrüstungsinvestitionen in 2017 um 18%. Aber auch der Bausektor wird von den neuen EU-Fördermitteln profitieren. Der Vertrauensindikator der Bauindustrie hat seine Talsohle im letzten Jahr verlassen und liegt nun auf dem Niveau von 2012.

Ausgewählte Großprojekte in Lettland
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen Bis zu 5,8 Mrd., davon 2 Mrd. in Lettland Planung, Ausschreibungen Europäisches Schienenprojekt; unter anderem Bahnverbindung vom Flughafen Riga zum Hauptbahnhof (291 Mio. Euro) inklusive Stationsneubau; Pläne für intermodales Terminal; geplanter Baubeginn 2020, geplante Inbetriebnahme 2026; http://www.railbaltica.org; http://edzl.lv/en
Stadtautobahn im Norden von Riga 1,5 Mrd. Planung, Ausschreibung Langwieriges Projekt zum Ausbau von 30 km Straße inklusive Neubau einer Brücke über die Daugava; geplante Fertigstellung 2022; Finanzierung nicht abschließend geklärt; http://www.ziemelukoridors.lv
Modernisierung von Bahnlinien 1,3 Mrd. Planung der 1. Stufe Elektrifizierungsprojekt; 1. Stufe 2019-2023: 660 Mio. Euro, 2. Stufe 2020-2025: 529 Mio. Euro; 3. Stufe 2025-2030: Ausbau in der Region Riga; http://www.ldz.lv
Ausbau des Freihafens von Riga 460 Mio. Planung, teilweise Bau Zehn neue Container-, Dünger-, Kühl-, Getreide- und andere Terminals samt Logistikpark; dezentrale Ausschreibung über unterschiedliche Terminalbetreiber, unter anderem Riga fertilizer terminal SIA (http://www.rft.lv); http://www.rop.lv
Ausbau des Stromnetzes 320 Mio. Planung Bau einer dritten Verbindung nach Estland (190 km in Lettland, 100 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2020) und Vervollständigung des Kurzeme Rings (330 km Stromleitungen, 220 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2020); Projekte mit EU-Förderung; http://www.ast.lv
Modernisierung Gasspeicher Incukalns 377 Mio. Planung, teilweise Bau Modernisierung und Ausbau der Kapazitäten auf 2,8 Mrd. cbm bis 2025 in 3 Phasen; EU-Förderung; http://www.lg.lv
Programm zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden 334 Mio. Planung Sanierung privater, öffentlicher und industrieller Gebäude (280 Mio. Euro) sowie Investitionen in Fernwärmesysteme (53 Mio. Euro); Laufzeit bis 2020; EU-Förderung; http://www.em.gov.lv
Modernisierung der Wasserkraftwerke Plavinas, Kegums, Riga 200 Mio. Umsetzung Erneuerung der Turbinen und Kapazitätserhöhung, Realisierung bis 2022 geplant; Alstom ist Auftragnehmer; http://www.latvenergo.lv
Entwicklung des Finanzzentrums "New Hanza City" in Riga 160 Mio. Planung, teilweise Bau Entwicklung eines Stadtviertels mit Büros, Apartments, Hotels mit einer Bruttogeschossfläche von etwa 600.000 qm; geplante Fertigstellung 2033; Immobilienentwickler Pillar; http://www.pillar.lv; http://www.skanste.lv/en/

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Steigende Preise können lettische Konsumlaune nicht trüben

Der lettische Einzelhandel hat wegen der wieder steigenden Verbraucherpreise nichts zu befürchten. Das starke, durch Fachkräftemangel bedingte Lohnwachstum schafft es, die Inflationsrate zu übertreffen. So erwarten die Analysten der EU-Kommission, dass das Reallohnwachstum um 2,7% im Jahr 2017 zusammen mit dem in der Slowakei das höchste in der Eurozone sein wird und die Konsumausgaben der lettischen Haushalte daher ebenfalls preisbereinigt um 3,9% steigen werden.

Noch besser sind die Aussichten für 2018. Dann wird nach bisherigen Plänen der Regierung die Einkommensteuer gesenkt und der Mindestlohn von 380 auf 430 Euro pro Monat angehoben. Beides treibt den Privatkonsum weiter an, der dann real um 4,9% noch dynamischer wachsen soll als in diesem Jahr - sofern die EU-Analysten Recht behalten. Dass in Lettland noch immer großes Potenzial für ausländische Einzelhändler besteht, zeigt die Investition des Möbelhändlers IKEA, der bis zur Eröffnung im August 2018 rund 60 Mio. Euro in seine erste lettische Filiale in Riga investiert.

Außenhandel: Lettisches Investitions- und Konsumwachstum steigert Importbedarf

Die Rolle des Außenhandels in Lettlands Konjunktur 2017 wurde bereits im 1. Quartal 2017 sichtbar, als die Waren- und Dienstleistungseinfuhren real um 5,3% gegenüber der Vorjahresperiode stiegen und von den Exporten mit einem Wachstum von 8,3% sogar noch übertroffen wurden. Darauf bezogen wirken die Prognosen der Institute mit einem Spektrum von 3,4 bis 4,5% bei den Ausfuhren sehr vorsichtig. Die Exporte sollen 2017 mit einer starken Auslandsnachfrage der drei größten Absatzmärkte Estland, Litauen und Russland nach EU-Prognosen real um 3,4% steigen.

Bei den Einfuhren prognostizieren die Analysten der EU für 2017 wegen der großen Nachfrage in der Industrie und im Bauwesen ein reales Plus von 6,1%. Davon werden auch deutsche Unternehmen profitieren, deren Warenlieferungen bereits 2016 gegenüber dem Vorjahr nominal um 6,7% gestiegen sind. Einen positiven Einfluss auf die Statistik wird auch durch die Erneuerung der Flugzeugflotte von Lettlands großem Luftfahrtunternehmen haben.

Außenhandel Lettlands (in Mio. Euro; nominale Veränderung in %) 1)
2015 2016 Veränderung 2016/2015
Importe 13.057 12.958 -0,8
Exporte 10.939 10.973 0,3
Handelsbilanzsaldo -2.119 2) -1.985 -6,3

1) bezogen auf den Außenhandel mit Waren ohne Dienstleistungen 2) Rundungsdifferenz

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/lettland.

(Ma.Le.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Lettland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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