Wirtschaftsausblick

20.11.2017

Wirtschaftsausblick November 2017 - Norwegen

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Ölpreisbaisse noch nicht überstanden, aber Konjunkturbarometer zeigt deutlich nach oben / Von Heiko Steinacher

Oslo (GTAI) - Norwegen erholt sich vom Ölpreisverfall. Die Investitionen in den Öl- und Gassektor werden 2018 zwar voraussichtlich im vierten Jahr in Folge schrumpfen, doch dürfte die Talsohle dann erreicht sein. Wichtige Konjunkturimpulse werden 2018 erneut vom privaten Konsum erwartet, der sich bereits 2017 belebt. Das Wirtschaftswachstum wird voraussichtlich auf knapp 2 Prozent steigen. Die im September 2017 im Amt bestätigte Regierung hatte im Wahlkampf Steuersenkungen für Unternehmen angekündigt.

Wirtschaftsentwicklung: Regierung will Hochtechnologiebereiche stärken

Norwegens Bruttoinlandsprodukt wird jüngsten Prognosen zufolge 2017 und 2018 jeweils um 1,5 bis 2 Prozent steigen. Das Land ist stark von der Ölwirtschaft abhängig, die rund ein Drittel seiner Wirtschaftsleistung ausmacht. Zwar ist der Ölpreis für die Sorte Brent von Ende Juni bis Ende Oktober 2017 um ein Drittel auf gut 60 US-Dollar (US$) pro Barrel gestiegen, doch erwarten Beobachter bis Jahresende wieder einen Rückgang auf 50 US$.

Die Investitionen in die Öl- und Gaswirtschaft sind 2017 um etwa 7 Prozent auf 16,6 Milliarden Euro gesunken. 2018 könnten sie nochmals um 6 bis 7 Prozent zurückgehen, erwarten Beobachter. Damit dürfte dann aber auch die Talsohle erreicht sein.

Angesichts der stark gebeutelten Öl- und Gas- sowie Zulieferindustrien will Norwegens Regierung in Zukunft auch andere Branchen stärker fördern. So sollen unter anderem Maßnahmen zum Aufbau einer nachhaltigen und biobasierten Wirtschaft unterstützt und in der Fischereiwirtschaft der teilweise bestehende Fang-Ablieferzwang an lokale Verarbeitungsbetriebe gelockert werden. Auch den Tiefseebergbau plant die Regierung voranzutreiben. Branchenunabhängig werden Innovations- und Forschungsanreize für Hochtechnologielabore eine wichtige Rolle spielen.

Für den Aufbau eines Systems industrieller Testzentren stellt die Regierung insgesamt rund 5,3 Millionen Euro bereit. Das Programm mit der Bezeichnung "Norsk Katapult" sieht den Aufbau mehrerer Standorte vor, an denen Unternehmen Prototypen entwickeln und testen können. Die Mittel dafür sollen in den Folgejahren aufgestockt werden.

Norwegens Wähler haben am 11. September 2017 ihre Regierung für vier weitere Jahre im Amt bestätigt. Im Wahlkampf versprach Ministerpräsidentin Erna Solberg unter anderem, Steuern zu senken, um die Konjunktur anzukurbeln. Konkret benennt das Wahlprogramm ihrer Partei Hoyre in diesem Zusammenhang aber nur die Reduzierung und den schrittweisen Abbau der Grundsteuer auf Umlaufvermögen. Ansonsten ist beim Hauptkoalitionär im Wahlprogramm nur allgemein von Steuersenkungen sowohl für Unternehmen als auch für Privatpersonen die Rede. Außerdem sollen die Möglichkeiten für private Beteiligungen an einigen staatlichen Unternehmen erweitert werden.

MKT201711178000.14

Wirtschaftliche Eckdaten Norwegen
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2016
BIP (nominal, Mrd. Euro) 348,3 334,9 3.133,9
BIP pro Kopf (Euro) 66.807 63.697 38.078
Bevölkerung (Mio.) 5,214 *) 5,258 *) 82,3
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Norwegische Kronen) 8,9496 9,2906 -

*) zum Jahresende

Quellen: auf Grundlage von Angaben von Statistisk Sentralbyra (Statistikamt Norwegen, SSB); Statistisches Bundesamt; Bundesbank

Investitionen: 2018 Wende in der verarbeitenden Industrie erwartet

Die rückläufigen Investitionen im Öl- und Gassektor haben auch Teile der verarbeitenden Industrie in ihren negativen Sog gezogen, aber die Situation bessert sich allmählich. Insbesondere die Kapitalgüternachfrage ist jedoch weiter schwach. Die Investitionen im Verarbeitungsgewerbe dürften 2017 um 2 bis 3 Prozent auf etwa 2,3 Milliarden Euro zurückgehen. Da sich einige größere Projekte in der Startphase befinden, werden die Investitionen 2018 voraussichtlich um 10 bis 11 Prozent steigen.

In der Stromversorgung haben die Investitionen wieder leicht Fahrt aufgenommen. So bauen Deutschland und Norwegen seit September 2016 gemeinsam an der Untersee-Stromtrasse NordLink. Die rund 2 Milliarden Euro teure Hochspannungsleitung zwischen den beiden Ländern wird 1,4 Gigawatt Kapazität haben, soll 2019 in Betrieb gehen und gilt als Meilenstein bei der Realisierung der Energiewende.

Dank der anhaltend expansiven Fiskalpolitik steigen auch die öffentlichen Infrastrukturinvestitionen. Norwegen sieht in den nächsten Jahren hohe Summen für Investitionen in den Ausbau von Straßen, Schienen und anderen Transportwegen vor - nach Vorschlägen der Transportbehörden im Zeitraum 2018 bis 2029 je nach Szenarium 60 Milliarden bis 100 Milliarden Euro.

Zu Jahresbeginn 2017 hat die Regierung in Oslo ein Weißbuch zur Industriepolitik vorgelegt. Der strategische Industrie-4.0-Denkansatz spielt darin eine wichtige Rolle. So sollen unter anderem forschungsintensive Start-Ups durch Steuervergünstigungen gefördert und die öffentliche Grundfinanzierung der technisch-industriellen Institute erhöht werden. Angesichts des großen Interesses an Industrie 4.0-Lösungen könnten in den nächsten Jahren immer mehr Unternehmen in die Zukunftsstrategie investieren.

Ausgewählte Großprojekte in Norwegen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ocean Space Centre, Trondheim 320 bis 430 Projektierungsbeginn noch unklar, Baustart voraussichtlich 2021 Projektleitung: Sintef Ocean AS, Ansprechpartner: Atle Minsaas, atle.minsaas@sintef.no
Bau eines Krankenhauses in Ullandhaug, Stavanger Verschiedene Etappen, jeweils 130 bis 190 Projektierung, erste Bauetappe April 2018 Projektleitung: Sykehusbygg Hf, Ansprechpartner: Marte Lauvsnes, T +47 (0)97 04 11 81
Bau des Logistikzentrums Bulk Flexipark, Vestby 100 Idee/Planung, Baustart voraussichtlich Januar 2018 Entwickler: Logibulk I AS, Ansprechpartner: Torbjorn Moe, ttm@bulk.no
Bau von Lagerflächen und Industrieanlagen, Ullensaker 100 Idee/Planung, Baustart voraussichtlich Mai 2018 Entwickler: Prosjektutvikling AS, Ansprechpartner: Tor Eivind Nordby Vik, tor.@nordbymaskin.no
Bau von Büros, Gschäften und Wohnungen, Kristiansand 80 Projektierung, Baustart voraussichtlich 2019 Entwickler: Hillegarn Eiendom AS, Ansprechpartner: Roy Gundersen, T +47 (0)38 12 55 80
Abriss, Zu-, Um- und Neubau von Handels-, Büro- und Wohnflächen, Oslo 80 Idee/Planung, Architektenwettbewerb im Gange, Baustart voraussichtlich 2019 Entwickler: Oslo Pensjonsforsikring, Ansprechpartner: Richard Groven, richard.groven@opf.no
Bau von Handelsflächen im Handelszentrum Leknessletta 55 Idee/Planung, Baustart voraussichtlich 2019 Entwickler: Leknessletta AS, Ansprechpartner: Thor Drechsler, thor.drecksler@bilinord.no
Ausbau der Universität, Grimstad 50 Subunternehmer wird gesucht, Baustart voraussichtlich Oktober 2018 Entwickler: J.B. Ugland Eiendomsutvikling, Ansprechpartner: Helge Nilsen, hn@jbu.no
Neubau einer Anlage für die Fischindustrie, Leroy Norway Seafood 45 Projektierung, Baustart voraussichtlich 2019 Entwickler: Leroy Norway Seafood Avd Båtsfjord, Ansprechpartner: Per Gunnar Hansen, T +47 (0)78 98 50 20
Erweiterung des Sorland-Kunstmuseums, Kristiansand 30 Projektierung, Baustart voraussichtlich 2019 Entwickler: Kristiansand Kommune, Ansprechpartner: Erik Sandsmark, erik.sandsmark@kristiansand.kommune.no

*) Umrechnung gemäß Euro-Referenzkurs der Europäischen Zentralbank (EZB): 1 Euro = 9,2906 Norwegische Kronen im Jahresdurchschnitt 2016

Quellen: NorgeBygges; Recherchen von Germany Trade & Invest

Nationale Datenbank für öffentliche Ausschreibungen: http://www.doffin.no

Konsum: Privatkonsum legt 2017 deutlicher als im Vorjahr zu

Geringere erwartete Preissteigerungen und die zunehmende Beschäftigung legen für 2017 ein deutlicheres Wachstum der Reallöhne als in den Vorjahren nahe. Die steigende Kaufkraft könnte dafür sorgen, dass der private Konsum 2017 und 2018 zur wichtigsten Konjunkturtriebfeder wird.

Seit 1. Januar 2017 gelten in Norwegen Verschuldungsobergrenzen für Immobilien-Erstkäufer und verschärfte Eigenkapitalanforderungen für Zweitwohnungen, was einer weiteren Verschuldung der Privathaushalte entgegenwirken soll. Die Sparquote geht seit Jahresmitte 2015 wieder leicht zurück, lag in der ersten Jahreshälfte 2017 aber dennoch bei rund 6,4 Prozent. Auch das lässt Spielraum für eine Ausweitung der Konsumausgaben. Die Struktur der Ausgaben der Privathaushalte blieb in den letzten Jahren unverändert.

Außenhandel: Deutschland steigert seine Warenlieferungen nach Norwegen

Norwegens Exportindustrie profitierte 2016 nur schwach vom eher moderaten Lohnwachstum sowie der über lange Zeit schwachen Krone. Nach zwischenzeitlichen Kursanstiegen gegenüber wichtigen Leitwährungen, darunter dem Euro und dem US-Dollar, ist seit Februar 2017 erneut eine leichte Abwertungstendenz zu beobachten. Wirtschaftsfachleute gehen davon aus, dass sich der Außenwert der Krone nach einer möglichen, kurzfristigen Ölpreiskorrektur wieder erhöhen wird.

Norwegen hat vom 1. bis 3. Quartal 2017 gut 8 Prozent mehr chemische Erzeugnisse und 3 Prozent mehr Maschinen und Transportausrüstungen importiert als im gleichen Vorjahreszeitraum. Deutschland konnte seine jeweiligen Branchenlieferungen überproportional steigern. Im Jahr 2017 wird die Einfuhr (Waren und Dienstleistungen) real gesehen voraussichtlich um gut 5 Prozent wachsen, für 2018 ein reales Importplus von knapp 2 Prozent erwartet. Importwaren bezieht das Land vor allem aus Schweden und Deutschland, gefolgt von der China, den USA, Dänemark und dem Vereinigten Königreich.

Außenhandel Norwegens (in Mio. Euro; nominale Veränderung in %) 1)
2015 2016 Veränderung 2016/2015 2)
Importe 68.772 65.606 -1,0
Exporte 93.330 80.877 -10,0
Handelsbilanzsaldo 24.558 15.272 -35,4

1) Waren; 2) auf Grundlage der Ausgangswerte in Norwegischen Kronen; Wechselkurse: 2015: 1 Euro = 8,9496 Norwegische Kronen; 2016: 1 Euro = 9,2906 Norwegische Kronen

Quelle: auf Grundlage von Daten von SSB

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/norwegen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Norwegen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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