Wirtschaftsausblick

11.01.2017

Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Belarus

Inhalt

Schwache Exporte, geringe Investitionsneigung und Reformresistenz behindern Aufschwung / Uwe Strohbach

Minsk (GTAI) - Die Aussichten der belarussischen Wirtschaft für das Jahr 2017 sind wenig erfreulich. Die meisten Marktbeobachter erwarten das dritte Jahr in Folge einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. In vielen Branchen bietet Belarus dennoch weiterhin interessante Liefer- und Kooperationschancen. Dies gilt vor allem für die verarbeitende Industrie.

Wirtschaftsentwicklung: Trendwende ist 2017 noch nicht in Sicht

Die belarussische Regierung prognostiziert für 2017 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von bis zu 1,7%. Die meisten Marktbeobachter teilen diese Zuversicht nicht. Sie rechnen mit einem Rückgang des BIP um etwa 1%. Die Prognose fußt auf schrumpfenden Investitionen, den Absatzproblemen in Russland und der Ukraine und einem schwachen Konsum. Ein erwarteter Zuwachs bei den Nettoexporten kann dies nur zum Teil abfedern. Das Investitionsgeschehen leidet weiterhin unter einer hohen Verschuldung der Unternehmen und einem wachsenden Anteil notleidender Kredite am Kreditvolumen (1.9.16: 13,8% gegenüber 6,8% Ende 2015).

Die Wirtschaftsleistung, bemessen in US-Dollar, dürfte 2017 circa 46,2 Mrd. US$ und damit etwa das Vorjahresniveau erreichen (Prognose für 2016: 46,5 Mrd. $). Die Gründe für die seit 2015 andauernde schlechte Lage der belarussischen Wirtschaft sind zahlreich: traditionelle Abnehmerländer stecken in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Preise für Ölprodukte - Hauptexportgüter des Landes - sind gesunken und die Inlandsnachfrage nach Importgütern ist geschrumpft.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Reformresistenz der Regierung. So ist die Restrukturierung staatlicher Betriebe bislang ausgeblieben, beim Abbau der großen Bürokratie wurden wenig Erfolge erzielt und die Kooperation zwischen dem staatlichen und privaten Sektor hat sich kaum entwickelt. Fast vier Fünftel der Industrieproduktion werden von Staatsbetrieben generiert. Von den rund 3.700 Unternehmen mit einer staatlichen Beteiligung arbeitet gegenwärtig mehr als ein Fünftel mit Verlust. Bisher lässt sich kein klarer Trend zu einer verstärkten privatwirtschaftlichen Ausrichtung erkennen.

MKT201701108000.14

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2015 Januar bis Oktober 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. US$) 54,8 38,9 3.357,6
BIP pro Kopf (US$) 5.777 4.098 41.147
Bevölkerung (Mio.) 9,50 1) 9,51 2) 81,6
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = BYR/BYN) 3) 15.865 1,996 -

1) zum 31.12.; 2) 1.10.16; 3) Mit Wirkung vom 1.7.16 erfolgte eine Währungsumstellung im Verhältnis 10.000 alte Belarus-Rubel (BYR) = 1 neuer Belarus-Rubel (BYN), mit der Währungsumstellung war keine Auf- oder Abwertung gegenüber anderen Währungen verbunden

Quellen: Nationales Statistikkomitee (Belstat), Statistisches Bundesamt, Bundesbank, Berechnungen von Germany Trade & Invest

Investitionen: Lieferchancen im verarbeitenden Gewerbe

Die Bruttoanlageinvestitionen in die belarussische Wirtschaft werden 2017 wie schon in den drei Vorjahren schrumpfen. Mit einem erwarteten realen Rückgang um etwa 7% gegenüber 2016 entsprechen die prognostizierten Investitionen preisbereinigt nur noch etwa 60% des Niveaus von 2013. Die Investitionen in Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel werden 2017 ähnlich wie 2016 nur noch eine Größenordnung von etwa 3 Mrd. $ erreichen (gegenüber 8,7 Mrd. $ im Jahr 2013).

Dennoch gibt es in vielen Branchen weiterhin einen Bedarf an ausländischen Maschinen, Ausrüstungen und Geräten. Im Programm für die sozioökonomische Entwicklung des Landes 2016 bis 2020 sind rund 80 große Investitionsprojekte mit einem Wert von bis zu 30 Mrd. $ aufgelistet. Hierzu zählen der Bau eines Kernkraftwerks, die Gründung des chinesisch-belarussischen Industrieparks "Großer Stein" (mit Interesse an Investitionen auch aus anderen Ländern) oder größere Vorhaben für den Ausbau der Düngemittelproduktion.

Im Mai 2016 verabschiedete die Regierung eine Liste mit Branchen, in die in den kommenden Jahren bevorzugt Investitionen fließen sollen. Hierzu zählen das Hüttenwesen, der Maschinen- und Gerätebau, die Elektrotechnik und Elektronik, die Textil-, Leder-, Süßwaren-, Speisefette- und -ölindustrie, die Getreideverarbeitung, das Abfallmanagement, IKT sowie Transport und Logistik. In diesen Branchen sind zahlreiche Modernisierungs- und Ausbauprojekte geplant.

Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Projektwert (Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Kernkraftwerk (2.388 MW, Typ AKW 2006, zwei Blöcke, nahe Ostrowez, Region Grodno) 10.000 bis 11.000 Geplante Inbetriebnahme: 2018/19 (Block 1), 2020/21 (Block 2) Generalplaner und Generalauftragnehmer: Atomstroyexport (Russland)
Erneuerung und Kapazitätsausbau, ökologische Projekte in den Sparten Dünger, Ölprodukte, Reifen, Farben und Lacke sowie Chemiefasern (Investitionsschwerpunkte: Raffinerien Mosyr und Naftan) 8.200 Realisierung: 2016 bis 2025 Investor: Staatskonzern für Öl/Ölprodukte und Chemie Belnaftachim; Aufnahme der Produktion unter anderem von Ölkoks, hochreinem Paraffin, neuen Farben und Lacken, Salpetersäure, Radialreifen sowie neuen Chemiefaser-Endprodukten
Gebäudekomplex Minsk Mir (Minsk Welt) auf 318 ha des früheren innerstädtischen Flughafens Minsk-1 3.000 bis 3.500 Realisierung: 2015 bis 2027 Bauentwickler/Investitionsgesellschaft: Dana Holdings (Serbien/Zypern); insgesamt bis zu 3 Mio. qm Wohn- und Dienstleistungsflächen für den Bedarf von 50.000 Einwohnern und 25.000 Beschäftigten; 30.000 Wohneinheiten, Diplomatenviertel/450 Häuser, Objekte für Handel, Büro, Sport/Freizeit, zwölf Schulen, internationales Finanzzentrum, Metrolinie
Modernisierung und Ausbaus des Gastransportsystems, Ausbau unterirdischer Gasspeicher 2.000 bis 2.500 (Transportsystem), 1.000 bis 1.100 (Speicher) Realisierung: 2016 bis 2020 Investor: Gazprom (Russland)
Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen sowie Projekte für die lokale Infrastruktur, Lagerstätte Starobin 2.250 Realisierung: 2016 bis 2020 Slawkali Ltd. (Teil von GMC Global Energy, London, in russischem Besitz); jährliche Kapazität: 2 Mio. t Kaliumchlorid
Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen, Lagerstätte Petrikow 1.500 Realisierung: 2016 bis 2019/20 (erste Ausbaustufe), bis 2021/22 (zweite Ausbaustufe) Konzern Belaruskali, Generalprojektant: Belgorchimprom; jährliche Kapazität: 1,5 Mio. t Kaliumchlorid, später bis zu 3,0 Mio. t
Gebäudekomplex Majak Minsk/Leuchtturm Minsk auf einer Fläche von 55 ha 580 Realisierung: 2010 bis 2019 (zurzeit vierte Bauphase) Bauentwickler und Investitionsgesellschaft: Dana Holdings (Serbien/Zypern); 1 Mio. qm Flächen für Wohnungen, soziale Objekte, Handel, Freizeit und Büros
Pkw-Werk BelGee, Borisow (Region Minsk) 340 Realisierung: Frühjahr 2015 bis Mitte 2017 (1. Phase), bis Anfang 2019 (2. Phase) SAO BelGee (belarussisch-chinesisches Joint Venture); jährliche Kapazität: bis zu 60.000 Pkw (1. Phase), bis zu 120.000 Pkw (2. Phase)
Industrie-, Handels-, und Logistikpark (Sonderwirtschaftszone) "Großer Stein" nahe des Flughafens Minsk (Gesamtfläche: 8.000 ha) In der Perspektive bis zu 5 Mrd. (Umsetzung zahlreicher Einzelprojekte geplant) Realisierung: ab 2016, zurzeit Suche nach Investoren verschiedenster Branchen Gesellschaft für die Entwicklung der Industriepark AG (Hauptpartner: Sinomach Corporation, China Merchants Group, CAMC Engineering Co., Ltd./VR China und Stadtverwaltung Minsk/Belarus)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://www.goszakupky.by

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/belarus, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Gesunkene Einkommen lasten auf Importnachfrage

Der Rückgang bei den real verfügbaren Einkommen (Schätzung für 2016: -7%, Prognose für 2017: -3%), sinkende Reallöhne und eine geschätzte Arbeitslosenquote von bis zu 15% wirken sich negativ auf den Privatverbrauch aus. Der durchschnittliche Monatslohn betrug im Oktober 2016 umgerechnet nur noch rund 360 $ gegenüber im Schnitt 580 $ in den Jahren 2013 und 2014.

Die schwierige Einkommenslage der Bevölkerung spiegelt sich zunehmend auch im Einzelhandel wider. Dieser brach in den ersten zehn Monaten 2016 um real 3,5% auf umgerechnet 14,9 Mrd. $ ein. Für 2017 rechnen Experten mit einem Rückgang um 2,5 bis 3,0%. Der Non-Food-Sektor dürfte dabei wie schon 2016 um etwa 5% und der Verkauf von Nahrungsmitteln um 2% schrumpfen. Aufgrund der Verteuerung von Importen infolge der Währungsabwertung sind westliche Produkte gegenwärtig weniger gefragt. Generell achten die Verbraucher heute bei ihren Einkäufen stark auf den Preis.

Außenhandel: Ex- und Importe verharren auf niedrigem Niveau

Der Außenhandel schrumpft seit 2013, auch für 2017 ist keine Trendwende in Sicht. Der Einbruch bei den Ausfuhren ist hauptsächlich den geringen Preisen für die Exportgüter Ölprodukte und Kalidünger sowie der Wirtschaftskrise in den Abnehmerländern Russland und der Ukraine geschuldet. Zwar steigerte Belarus bei einigen Erzeugnissen wie Holzprodukten die Exporte. Dies konnte aber die Exporteinbrüche bei Ölprodukten und Mineraldünger nicht ausgleichen.

Der Importrückgang ist eine Folge der Währungsabwertung sowie schwacher Investitionen und Konsumausgaben. Die Bezüge von Maschinen, Ausrüstungen und Transportmitteln gingen in den ersten zehn Monaten 2016 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 10,4% auf 4,86 Mrd. $ zurück. Sie machten nur noch 21,9% aller Importe aus. Im Jahr 2014 betrug die Quote noch 30%.

Deutschland ist ein wichtiger Handelspartner der Republik Belarus. Die Bundesrepublik war in den ersten zehn Monaten 2016 nach Russland und der VR China drittwichtigstes Lieferland. Im belarussischen Export stand Deutschland auf Platz fünf - nach Russland, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. Das Statistische Bundesamt gibt die Lieferungen aus Deutschland nach Belarus für die ersten drei Quartale 2016 mit 827 Mio. Euro an (-15,8%). Die deutschen Importe aus dem Land betrugen 350 Mio. Euro (-38,1%).

Außenhandel von Belarus (in Mio. US$; nominale Veränderung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in %)
2014 2015 Januar bis Oktober 2016 *) Veränderung Januar bis Oktober 2016/15
Warenimporte (cif) 40.502 30.292 22.240 -14,5
Warenexporte (fob) 36.081 26.660 19.275 -10,4
Handelsbilanzsaldo -4.421 -3.632 -2.965

*) vorläufige Angaben

Quelle: Nationales Statistikkomitee (Belstat)

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=produktmaerkte-in-belarus-2017,did=1622604.html

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=swotanalyse--belarus,did=1622608.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Weißrussland, Belarus Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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Verena Saurenbach

Wirtschaft

‎+49 228 24 993 283

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