Wirtschaftsausblick

14.03.2017

Wirtschaftsausblick Winter 2016/17 - Russische Föderation

Inhalt

Geschäfte deutscher Firmen werden auf bestehendem Niveau weiter laufen / Von Ullrich Umann

Moskau (GTAI) - Russlands Wirtschaft wird 2017 wieder wachsen, wenn auch nur leicht. Grundlegende Reformen bleiben aus, was darauf hinweist, dass staatlicher Dirigismus weiterhin die Dinge richten soll. Einheitliche Regeln für alle Unternehmen sind dabei nicht vorgesehen. Deutsche Firmen werden jedoch generell korrekt behandelt. Lieferchancen bestehen für den Chemieanlagenbau, Zulieferer für die Öl- und Gasindustrie, teilweise auch für den Maschinenbau und die Elektroindustrie.

Wirtschaftsentwicklung

Russland erwartet 2017 Konjunkturerholung

Russlands Wirtschaft kehrt zum Wachstum zurück. Für 2017 wird eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in einer Bandbreite - je nach Quelle - von 0,3 bis 2,0% erwartet. Über die Nachhaltigkeit des Wachstums wird aber gestritten. Das Wirtschaftsministerium spricht von einer durchschrittenen Talsohle, wogegen das Finanzministerium die Wirtschaft im Auge eines (geopolitischen) Wirbelsturms wähnt.

Es wäre demnach nur eine Frage der Zeit, wann der Sturm wieder einsetzt. Denn steigende Haushaltsprobleme und abschmelzende Reserven schwächen die Investitionskraft des Staates. Zudem bleibt die Nachfrage seitens der Privathaushalte schwach. Reallohnzuwächse fallen bis auf Weiteres gering aus.

Die Konjunktur hat sich 2016 auf niedrigem Niveau stabilisiert. Die Wirtschaftsleistung ist 2016 um 0,2% zurückgegangen, nach -2,8% im Vorjahr. Ursprünglich hatte der russische Statistikdienst Rosstat einen BIP-Rückgang um 0,6% für 2016 und um 3,7% für 2015 veröffentlicht. Doch dann wurde die Berechnungsmethode für die reale BIP-Entwicklung geändert: Neu legt Rosstat das Basisjahr 2011 zugrunde. Zuvor war das reale Wirtschaftswachstum in Relation zum Basisjahr und Preisniveau von 2008 kalkuliert worden.

MKT201703138011.14

Das Wachstum blieb 2016 jedoch auf wenige Branchen beschränkt. Mit einem Plus von 4,8% wirkte die Agrarwirtschaft stabilisierend. Die Industrie insgesamt schrieb mit 1,1% zwar leicht schwarze Zahlen. Doch speziell die verarbeitende Industrie fand mit 0,1% noch keinen wirklichen Ausweg aus der Krise. Noch schlechter schnitt die Bauwirtschaft mit -4,3% ab. Dagegen kehrte der Bergbau mit 2,5% auf den Wachstumspfad zurück, insbesondere der Kohlebergbau mit 6,0%.

Die verschiedenen Maschinenbausparten boten 2016 kein einheitliches Bild. Hersteller von Landtechnik profitierten von der guten Agrarkonjunktur und tun dies weiterhin. Außerdem leg(t)en die Hersteller von Nutzfahrzeugen und Güterwaggons zu. Auch die Chemieanlagenbauer erhielten und erhalten umfangreiche Aufträge, vor allem aus der Kunststoff- und Petrochemie. Darüber hinaus zog die Produktion von metallbearbeitenden Werkzeugmaschinen an, befeuert von staatlichen Beihilfen und flankiert von der politisch vorgegebenen Importsubstitution.

Dagegen erweist sich die Lage der Pkw-Hersteller alles andere als rosig, worunter die gesamte Zulieferindustrie leidet. Vertreter der Automobilindustrie äußern jedoch die Hoffnung, dass der Fahrzeugabsatz 2017 weniger stark zurückgeht oder sogar wieder leicht wächst. Einerseits erreichen viele Fahrzeuge ein Betriebsalter von zehn Jahren oder mehr, was zu einem erhöhten Austauschbedarf führt. Andererseits lassen die Rückgänge bei den privaten Konsumausgaben nach.

Im Krisenmodus befindet sich ebenfalls die Bauwirtschaft nebst ihren Zulieferern. Da der Staat als größter Bauinvestor mit seinen knapper gewordenen Haushaltsmitteln vorerst andere Industriesparten fördert, kann 2017 nicht mit einer signifikanten Erholung der Baukonjunktur gerechnet werden.

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2014 2015 Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. Euro) 1.405 1.082,3 3.033
BIP pro Kopf (Euro) 9.575,0 7.385,5 37.100
Bevölkerung (Mio.) 146,3 146,5 82,2
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, Euro zu Rubel) 50,9 67,5

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Statistisches Bundesamt

Investitionen

Russland belebt Modernisierung und Ausbau der Kapazitäten

Die Investitionen werden 2017 leicht zulegen, nachdem in den drei Vorjahren gleich mehrere Modernisierungsrunden ausgefallen sind. Praktisch lief der Kapitalstock seit Verhängung der Wirtschaftssanktionen und zeitlich flankiert vom Ölpreisverfall bis auf wenige Ausnahmen auf Verschleiß. Der Staat wird 2017 wegen Haushaltsengpässen nur ausgewählte Sektoren finanziell fördern können. Für diese Zwecke (Zuschüsse, Zinssubventionen etc.) stellt das Ministerium für Industrie und Handel 2,8 Mrd. Euro bereit.

Zu den Schwerpunktbranchen staatlicher Industriepolitik gehören Maschinen- und Fahrzeugbau, Flugzeugindustrie, Elektronik, IT und Telekommunikation, Chemie, Bergbau, Lederwaren und Schuhe, Textil und Bekleidung. Es ist davon auszugehen, dass sich auch die inzwischen exportfähig gewordenen Branchen Holz, Zellulose und Papier 2017 gut entwickeln - der billige Rubel wirkt dabei als Katalysator.

Wachstum, ob durch Staatsbeihilfen oder den billigen Rubel generiert, ruft das Interesse privater Investoren auf den Plan. Aktuell fließen umfangreiche private Finanzmittel in Agrarholdings, in die Öl- und Gasindustrie, in die (petro-)chemische Industrie sowie in die Zellulose- und Papierindustrie. Internationale Markenhersteller entdecken aktuell sogar die russische Bekleidungsindustrie, die in der Vergangenheit als unwiederbringlich abgeschrieben galt. So rutschten die Durchschnittslöhne für Näherinnen infolge der Rubelabwertung unter chinesische Vergleichswerte.

Die kapitalkräftige Öl- und Gasindustrie muss in die Erschließung von Lagerstätten im Fernen Osten, im hohen Norden und im Schelf investieren, um die Fördermengen mittelfristig halten zu können. Auch in die Gasverflüssigung wird verstärkt investiert. Denn nur so lassen sich Exporte diversifizieren und bislang unerreichbare Gasmärkte, darunter in Südostasien, beliefern.

Um chemische Zwischen- und Endprodukte mit höheren Margen produzieren und die eigene Chemieindustrie mit Ausgangsmaterialien aus heimischen Quellen besser beliefern zu können, entstehen Anlagen der Petrochemie und der Industriegaserzeugung. Davon profitiert auch die Kunststofferzeugung und -verarbeitung, die ihre Kapazitäten bereits seit längerem ausbaut.

Für die umfangreichen Kohlevorkommen plant die Regierung ebenfalls eine verstärkte Weiterverarbeitung, nachdem der Export von Energie- und Kokskohle an Transportengpässe im Fernen Osten stößt. Durch Tiefenveredlung des Energieträgers in der Chemieindustrie soll der Absatz im eigenen Land gesichert werden. Abgeleitet von dieser Regierungsvorgabe sind mittelfristig umfangreiche Projekte zu erwarten.

Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Investition Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
OOO Jamal SPG, Erzeugung von 16,5 Mio. jato LNG auf Basis des Erdgasfeldes Juschno-Tambejskoje, Standort: Jamal im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen 26 Mrd. Euro Bau geht voran, Betriebsaufnahme für die 1. Stufe Ende 2017 Anteilshalter und Ansprechpartner sind: PAO Novatek, Tarko-Sale, Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen, 629850, Tel.: 007 34997/24 951, -65 365, E-Mail: novatek@novatek.ru, Internet: http://www.novatek.ru / Total, Internet: http://www.total.com/en/russia / CNPC, Internet: http://www.cnpc.com.cn / Silk Road Fund, Internet: http://www.silkroadfund.com.cn
PAO Sibur Holding, Werk zur Erdgasverarbeitung Amur, Herstellung von Methan, Ethan, Propan, Butan, Pentan und Helium, Standort: Stadt Swobodny in der Region Amur 7 Mrd. Euro Tiefbauarbeiten laufen aktuell, Betriebsaufnahme 2023 PAO Sibur Holding, ul. Krschischanowskowo 16/1, 117997 Moskau, Tel.: 007 495/777 55 00, E-Mail: info@sibur.ru, Internet: http://www.sibur.ru
PAO Sibur Holding, SapSibNeftechim - Werk zur Erdgasverarbeitung, Herstellung von 1,5 Mio. jato Ethylen, 0,5 Mio. jato Propylen, 0,1 Mio. jato Butan, 1,5 Mio. jato Polyethylen, 0,5 Mio. jato Polypropylen, Standort: Tobolsk in der Region Tjumen 9,5 Mrd. US$ Anlagenbau läuft aktuell, Inbetriebnahme 2020 PAO Sibur Holding, ul. Krschischanowskowo 16/1, 117997 Moskau, Tel.: 007 495/7775500, E-Mail: info@sibur.ru, Internet: http://www.sibur.ru; Anlagen für Ethylen, Propylen und Butan liefert Linde AG; Anlage für Polyethylen liefert INEOS (GB); Anlage für Polypropylen liefert LyondellBasel (NL)
Stadtregierung Moskau, Ausfallstraße in Richtung Nord-Ost, Standort: Stadt Moskau 3,5 Mrd. Euro Abschnitt 1 fertig, Abschnitt 2 im Bau, Abschnitt 3 in der Ausschreibung, Abschnitt 4 in der Planung, Streckeneinweihung für 2020 geplant Stadtregierung Moskau, Abteilung für Bauwirtschaft, Twerskaja ul. 13, 125032 Moskau, Tel.: 007 495/650 50 55, Internet: https://stroi.mos.ru
Planungsgesellschaft Uralskaja Skorostnaja Magistral, Hochgeschwindigkeitsschienenstrecke Tscheljabinsk - Jekaterinburg 2,1 Mrd. Euro Vorplanungen laufen, Investorensuche, Vergabe auf Basis von PPP geplant Uralskaja Skorostnaja Magistral, Prospekt Lenina 57, Büro 422, 454091 Tscheljabinsk, Internet: https://www.prima-inform.ru/cat/cc/hp-usm-1167456070033-7453293453
Stromgesellschaft Kaliningradskaja Generazija, Bau von drei Gaskraftwerken und eines Kohlekraftwerks, Gebiet Kaliningrad 1,4 Mrd. Euro Realisierung 2016 bis 2018 Kaliningradskaja Generazija, ul. Prawaja Nabereschnaja 10a, 236006 Kaliningrad, Tel.: 007 4012/53 43 51, E-Mail: dir@kgk.yantene.ru, Internet: http://kgk.yantarenergo.ru
Developer COALCO, Bau eines Gewerbe- und Logistikparks mit Schienenanbindung, Gebiet Moskau 1,4 Mrd. Euro Projektierung und Vergabe laufen aktuell, Fertigstellung 2025 Coalco, ul. Lesnaja 3, Moskau, Tel.: 007 495/980 22 22, E-Mail: info@coalco.ru, Internet: http://www.coalco.ru
Hafengesellschaft Noworossijski Morskoj Torgowyj Port, Ausbau des Tiefwasserhafens Taman, Gebiet Krasnodar 1,1 Mrd. Euro Projektierung und Konzessionsvergabe laufen aktuell, Bauphase für 2017 bis 2020 geplant Noworossijski Morskoj Torgowyj Port (NMTP), ul. Mira 2, 353907 Noworossijsk, Tel.: 007 8617/60 46 30, E-Mail: com@ncsp.com, Internet: http://www.nmtp.info
Düngemittelhersteller Nazionalnaja Chimitscheskaja Gruppa, Bau eines Werks für 1,1 Mio. jato Ammoniak, 2 Mio. jato Harnstoff und 1 Mio. jato Methanol, Standort: Kozmino, Region Primorje 1 Mrd. Euro Projektierung läuft aktuell, Inbetriebnahme für 2022 geplant Nazionalnaja Chimitscheskaja Gruppa, ul. Bolschaja Tatarskaja 42, 115184 Moskau, Tel.: 007 495/287 72 93, E-Mail: info@nchg.ru, Internet: http://www.nchg.ru
Developer Urban Group, Bau des Wohnviertels "Lajkowo", Baufläche 1,7 Mio. qm, davon 0,875 Mio. qm Wohnfläche im Moskauer Gebiet 1 Mrd. Euro Realisierung 2016 bis 2023 Urban Group, ul. Bolschaja Jakimanka 6, 119180 Moskau, Tel.: 007 495/134 00 17, E-Mail: info@urbangroup.ru, Internet: http://www.urbangroup.ru

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank: http://zakupki.gov.ru/epz/main/public/home.html

Informationen zu aktuellen Projekten unter http://www.gtai.de/russland, "Ausschreibungen".

Konsum

Reallohnentwicklung inzwischen an Produktivitätszuwachs gekoppelt

Der Konsum hat seine jahrelang ausgeübte Rolle als Wachstumsmotor verloren. Das Modell, wonach die Löhne schneller steigen als die Produktivität in der Wirtschaft, erwies sich spätestens seit dem Ölpreiseinbruch als nicht mehr finanzierbar. Unternehmen übersprangen angesichts der Wirtschaftskrise und eigener finanzieller Engpässe Lohnerhöhungsrunden oder gewährten nur unterdurchschnittliche Anhebungen.

Gleichzeitig fraßen sich die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten in die verfügbaren Einkommen der Privathaushalte. Bei Nahrungsmitteln und Getränken lagen die Preissteigerungen allein durch den 2014 erlassenen Einfuhrstopp auf westliche Agrargüter bei 30%. Laut einer Studie der Weltbank musste vor allem der russische Mittelstand seinen Konsum einschränken.

Doch könnte der Konsum 2017 wieder steigen - zumindest leicht. Denn bis Dezember 2016 halbierte sich der Verbraucherpreisindex auf 5,4%. Im Jahr 2015 hatte er noch bei 12,9% gelegen. Auch das durchschnittliche Zinsniveau für Konsumentenkredite ist gesunken. Bei Kfz-Finanzierungen liegen die Zinskosten dank staatlicher Zuschüsse und der Absatzförderprogramme seitens der Automobilhersteller teilweise sogar unterhalb des Inflationsniveaus.

Außenhandel

Importsubstitution und gesunkener Ölpreis beeinflussen Außenhandel

Russlands Außenhandel fiel im Wert vorrangig dem Ölpreisverfall zum Opfer. Sanktionen und Gegensanktionen taten ihr Übriges. Die Abwärtsbewegung wurde 2016 nicht gestoppt. Die Exporte fielen im Vergleich zum Vorjahr um weitere 17,0% auf 287,6 Mrd. US$. Dagegen sanken die Importe nur noch um 0,4% auf 183,6 Mrd. US$.

Der negative Trend setzte sich auch im deutsch-russischen Handel fort. Die deutschen Exporte nach Russland sind 2016 mit 21,58 Mrd. Euro um 1,0% und die deutschen Importe mit 26,45 Mrd. Euro um 11,3% zurückgegangen (laut Destatis). Der Einbruch des Werts der russischen Lieferungen sind auf die gesunkenen Weltmarktpreise für Erdöl und Gas zurückzuführen. Denn die gelieferte Menge an Kohlenwasserstoffen nahm nicht ab; das Gegenteil war der Fall.

Deutsche Unternehmen erwägen angesichts russischer Lokalisierungsforderungen verstärkt Möglichkeiten, reine Liefergeschäfte durch eine teilweise Lokalisierung der Fertigung in Russland abzulösen. Auch das spiegelt sich im sinkenden Warentransport aus Deutschland nach Russland wider. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung 2017 und in den Folgejahren sogar noch verstärkt.

Außenhandel (in Mrd. US$; Veränderung in %)
2015 2016 Veränderung 2016/2015
Exporte 346,5 287,6 -17,0
Importe 184,3 183,6 -0,4
Handelsbilanzsaldo 162,1 104,0 -35,9

Quelle: Föderaler Zolldienst (http://www.customs.ru)

Eine Prognose der Entwicklung interessanter Märkte finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/produktmaerkte,t=produktmaerkte-in-der-russischen-foederation-2017,did=1673802.html

Eine Analyse der Chancen und Risiken, die das Land aufweist, bieten wir Ihnen unter: https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/swot-analyse,t=swotanalyse--russische-foederation,did=1674712.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

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Edda Wolf

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