Wirtschaftsentwicklung

06.06.2019

Großes Interesse an flexibler Automatisierung in Italien

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Industrie will kundenindividuell produzieren / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Italiens Industrie investiert in die Digitalisierung von Prozessen und Maschinen. Auch bei schwacher Konjunktur steigen entsprechende Investitionen.

Italiens Markt für Industrie- und Prozessautomatisierung setzt sein deutliches Wachstum trotz der gesamtwirtschaftlichen Schwäche im Land fort. Für die Automatisierung interessieren sich insbesondere der Automotive-Sektor sowie die Lebensmittel- und Life Science-Industrie. Sie wollen den digitalen Wandel nutzen, um schneller, effizienter und kundenspezifischer zu produzieren, woran sich wiederum der Maschinenbau anpasst. Auch der Logistik- und Infrastrukturbereich rechnet sich viele neue Möglichkeiten aus.

Industrie- und Prozessautomatisierung in Italien (in Milliarden Euro)
2016 2017 2018 Veränderung 2017/2016 in Prozent Veränderung 2018/2017 in Prozent
Binnenabsatz 4,4 5,0 5,3 13,2 7,1
Produktion 4,3 4,8 5,1 11,6 7,3
Export 1,2 1,3 1,3 6,8 4,2
Import 1,3 1,5 1,5 12,5 4,0

Quelle: ANIE

Der italienische Automatisierungsmarkt ist nach Angaben des Verbandes der Elektroindustrie (ANIE) 2018 um 7,1 Prozent auf rund 5,3 Milliarden Euro Umsatz gewachsen. Für den Umsatz mit Industriesystemen gibt der IT-Informationsdienst Assiform für 2018 ein Umsatzplus von 19,2 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro an. Darüber hinaus stieg die Zahl von Industrierobotern nach Angaben des Verbandes für Robotik (Siri Ucimu) um 11,5 Prozent auf 9.237 Stück. Weltweit ist das Wachstum schwächer. Auch die Kennzahl Roboter je 10.000 Arbeitnehmer ist in Italien mit 190 deutlich höher als im europäischen Durchschnitt mit 106. Besonders beliebt sind in Italien kollaborative Roboter, die Seite an Seite mit Menschen an Fertigungslinien arbeiten.

Für 2019 und 2020 rechnet ANIE mit einer positiven Entwicklung. In einer Umfrage unter den rund 100 Mitgliedern aus der Sparte Automatisierung erwarteten 80 Prozent für 2019 einen höheren Umsatz als 2018. Konkret rechnet ein Viertel der Befragten mit einem Umsatzplus von 7 bis 10 Prozent im Jahr 2019, 7 Prozent erwarten sogar ein Plus von mehr als 10 Prozent. Für 2020 gehen etwa zwei Drittel der Unternehmen von höheren Verkaufszahlen aus, 30 Prozent rechnen mit stabilen Umsätzen und nur 4 Prozent mit Rückgängen. Allerdings könnte die abnehmende Zuversicht in der Industrie und der erwartete Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen auch die Automatisierungsbranche treffen.

Paradigmenwechsel in der Industrie

"Unsere Endkunden haben Bedarf an Mass Customization", sagt Josuè Cavallaro, Marketing Manager beim deutschen Antriebstechnikhersteller SEW Eurodrive Italien, der unter anderem Ferrero und Fiat beliefert. Statt große identische Volumina über eine feste Fertigungslinie zu produzieren sind in der Konsumgüterindustrie in Zukunft flexible Prozesse und Maschinen gefragt. Daher liefert SEW Eurodrive nicht nur Motoren, sondern steht seinen Kunden zudem als Industrie 4.0-Partner zur Seite.

Dazu entwickelt SEW Eurodrive flexible Automationssysteme. In diesen Systemen kommunizieren Kunden und Maschinen über eine Cloud. Gleichzeitig bringen Automated Guided Vehicles, selbstfahrende via 4.0 Programme gesteuerte Fahrzeuge, Teile und Werkstücke automatisiert und flexibel von Fertigungsinsel zu Fertigungsinsel.

So kann die "time-to-market" drastisch reduziert werden, was wichtiger denn je sei. "Wir leben in der Now-Economy", sagt Cavallaro. Eine Vernetzung aller Module erleichtere zudem eine vorausschauende Wartung. Im italienischen Werk Solaro bei Mailand, wo SEW Eurodrive kleinere Motoren produziert, ist die flexible Automation bereits Realität. Für die Zukunft rechnet Cavallaro mit einer exponentiellen Nachfrageentwicklung.

In der italienischen Konsumgüterindustrie sorgt das wachsende Umweltbewusstsein der Konsumenten auch für mehr Energieeffizienz bei den Produzenten. Diese setzen zum Beispiel auf automatisierte Energiekontroll- und -managementsysteme, die Verbindung von Maschinen und Batterien und einen entsprechend geregelten Energietransfer zwischen den Fertigungsstufen, so dass möglichst wenig Energie verloren geht.

Beim Umgang mit Big Data wird es laut Branchenexperten in Zukunft entscheidend sein, nicht nur so viele Daten und Unternehmensbereiche wie möglich horizontal und vertikal zu integrieren, sondern dabei auch die Cybersecurity sicherzustellen. Zudem müssen in einer zunehmenden Maschinenkommunikation in Fertigungsvorgängen Informationen extrem schnell, gezielt und fehlerfrei abrufbar sein.

"Edge Computing und damit auch Künstliche Intelligenz werden in den kommenden Jahren im großen Stil expandieren", sagt Luca Zappaterra, Verantwortlicher für Human Machine Interface bei Siemens Italien in der Branchenstudie Osservatorio Automazione, die bei ANIE zum kostenlosten Download bereitsteht. Auch von 5G erwartet er einen Evolutionssprung, insbesondere für das (Industrial) Internet of Things, auch wenn 5G landesweit frühestens ab 2022 in Betrieb geht. In der digitalen Infrastruktur liegt Italien laut Marktexperten und Rankings der Europäischen Union noch auf den hinteren Rängen.

Hauptabnehmer sind Industriecluster im Norden

Wichtigste Abnehmerbranchen von Automatisierungstechnik in Italien waren laut ANIE 2018 der Maschinenbau (20 Prozent), vor der Lebensmittelindustrie (9 Prozent), der Verpackungsmittelindustrie (8 Prozent), der Metallverarbeitung (6 Prozent), Logistik/Material Handling (5 Prozent) sowie elektronische Komponentenhersteller (4 Prozent).

Mit 63 Prozent ging der überwiegende Teil direkt an Original Equipment Manufacturer, 13 Prozent an Systemintegratoren, 10 Prozent an industrielle Endkunden/Konsumgüterproduzenten und 11 Prozent an Distributeure. Wichtigste Absatzgebiete waren die Lombardei (29 Prozent) und die Emilia Romagna (24 Prozent).

Die am schnellsten wachsenden Marktsegmente 2018 waren Industrienetzwerke (25 Prozent), industrielles Wireless (etwa 15 Prozent), speicherprogammierbare Steuerungen (12 Prozent), Festgetriebe (10 Prozent), Radio Frequency Identification (10 Prozent), Human Machine Interface Industrie-Rechner (10 Prozent) und Drehgeber (6 Prozent).

Industrie fordert dauerhafte Anreize

Der Nachholbedarf an digitaler Industrieausrüstung in Italien ist vergleichsweise groß. Laut einer Studie im Auftrag des italienischen Wirtschaftsministeriums nutzten bis Anfang 2018 nur 8,4 Prozent der verarbeitenden Unternehmen Industrie 4.0-Anwendungen. Virtual/Augmented Reality-Anwendungen, 3 D-Drucker und Roboter kommen zurzeit in Italien vorerst fast nur in großen Unternehmen zum Einsatz. Eine weitere Schwäche ist die geringe Zahl an Absolventen an den technischen Hochschulen.

Die Förderinstrumente der italienischen Regierung - wie die Sonderabschreibungen (Superamortamento und Iperammortamento) - werden von der Industrie positiv bewertet, besonders, dass das Superammortamento seit Neustem auch die Cloud-Software umfasst. So haben auch kleine und mittlere Unternehmen Zugang zu fortgeschrittener Technologie und müssen weniger in eigene Infrastruktur investieren.

Auf Kritik stößt, dass die Instrumente nur von Jahr zu Jahr verlängert werden. Damit fehlt ein dauerhaftes strukturiertes Förderpaket, das mehr Planungssicherheit bieten könnte. Unterstützung bei der Digitalisierung finden Unternehmen in den bislang acht Kompetenzzentren, wo Unternehmen mit Forschungsinstituten zusammenarbeiten. Ein Beispiel ist das Zentrum Made" in Mailand, das eine intelligente Fabrik entwickelt. Hier sind Siemens und Bosch mit im Boot.

Kontaktadressen

Kontakt Internetadresse Anmerkung
GTAI-Italienseite http://www.gtai.de/italien Wirtschafs- und Brancheninformationen
Deutsch-Italienische Handelskammer Mailand http://www.ahk-italien.it Kontakte vor Ort und Hilfe beim Markteinstieg
Osservatorio Automazione https://tinyurl.com/y4me7etf Branchenstudie Automation in Italien des Branchenverbandes ANIE

Weitere Informationen über Italien finden Sie unter http://www.gtai.de/italien

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Robotik und Automation, Digitalisierung

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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