Wirtschaftsentwicklung

08.08.2019

Islands Wirtschaft in Turbulenzen

Inhalt

Getrübte Stimmung in der Tourismusbranche / Von Martin Schulte

Bonn (GTAI) - Islands Wirtschaft durchläuft 2019 ein Tief. Die für das Land zentralen Branchen Tourismus und Fischerei mussten im 1. Halbjahr unvorhergesehene Einbußen hinnehmen.

Die isländische Wirtschaft befindet sich 2019 in einem Wellental. Während 2018 noch ein Wirtschaftswachstum von real 4,6 Prozent zu verzeichnen war, prognostiziert das nationale Statistikamt für 2019 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent. Der Economist Intelligence Unit erwartet sogar einen Rückgang des Wachstums um 0,6 Prozent im laufenden Jahr.

Zentrale Gründe für die Konjunkturdelle sind die Pleite der isländischen Billigfluglinie Wow Air im März 2019 und gravierende Einbußen der Fischereiwirtschaft im Frühjahr. Die isländische Wirtschaft ist sowohl vom Tourismus als auch von der Fischerei stark abhängig. Da in beiden Branchen mit einer Verbesserung der Situation bereits im kommenden Jahr zu rechnen ist, wird der Schrumpfungsprozess voraussichtlich nur kurz andauern. Für 2020 Jahr rechnet Statistics Iceland wieder mit einem Wachstum von real 2,6 Prozent. Auch in den darauffolgenden Jahren bis 2024 erwartet das Statistikamt ein Wachstum von durchschnittlich 2,6 Prozent pro Jahr.

MKT201908078009.14

Wirtschaftliche Eckdaten Islands
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 21,6 21,8 3.388,2
BIP pro Kopf (Euro) 62.094 62.699 40.871
Bevölkerung (Mio.) 0,4 0,4 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... Isländische Kronen) 120,87 128,3 -

Quellen: Statistics Iceland; Statistisches Bundesamt; Deutsche Bundesbank

Investitionsbereitschaft lässt vorübergehend nach

Nach Angaben der isländischen Zentralbank planen zahlreiche Unternehmen in Industrie und Tourismus ihre Investitionen 2019 zu reduzieren. Den Prognosen des Statistikamtes zufolge werden die Bruttoanlageinvestitionen 2019 im Vergleich zum Vorjahr voraussichtlich um real 5,7 Prozent zurückgehen. Auch die Investitionen in Schiffe und Flugzeuge dürften 2019 stark sinken.

Die öffentlichen Investitionen werden 2019 voraussichtlich um 3,5 Prozent niedriger liegen als im Vorjahr. Aufgrund sinkender Steuereinnahmen im Jahr 2019 musste die Regierung ihre Ausgabenpläne für das laufende Jahr anpassen. Darüber hinaus gibt es Verzögerungen bei Infrastrukturprojekten. Stark bleibt die Investitionstätigkeit dagegen weiter im Gebäudebau mit voraussichtlich plus 16,2 Prozent im Jahr 2019. Für 2020 prognostiziert Statistics Iceland einen erneuten Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen um 6,2 Prozent.

Ausgewählte Großprojekte in Island
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Bau einer Siliziumproduktionsanlage 855 Im Bau; Fertigstellung geplant für 2019 Silicor Materials Inc.; http://www.silicormaterials.com
Neubau des Landspitals National University Hospital 350 Erdarbeiten wurden 2018 aufgenommen; Fertigstellung geplant 2023 Rikiskaup (Central Public Procurement Office); http://www.rikiskaup.is
Sanierung und Ausbau des internationalen Flughafens Keflavik ca. 855 In Planung; Fertigstellung vorgesehen etwa 2026 ISAVIA; http://www.isavia.is

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Privater Konsum gedämpft

Der private Konsum wird nach Prognosen von Statistics Iceland 2019 voraussichtlich mit 2,4 Prozent deutlich langsamer wachsen als noch im vergangenen Jahr (4,8 Prozent). Die isländische Zentralbank erwartet sogar nur eine Steigerung um 1,6 Prozent. Das wäre das schwächste Wachstum seit 2013. Eine gewisse Marktsättigung hatte sich bereits 2018 angedeutet. Inzwischen steigt auch das verfügbare Einkommen nicht mehr so stark wie in den letzten Jahren.

Zudem haben sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt etwas verschlechtert. Steigende Löhne und Steuererleichterungen für Arbeitnehmer werden ab 2020 aber voraussichtlich wieder zu einem stärkeren Anstieg des privaten Verbrauchs führen. Die Inflationsrate wird nach den Prognosen von Statistics Iceland mit 3,4 Prozent im Jahr 2019 und 3,2 Prozent im Jahr 2020 deutlich über der von der Zentralbank angepeilten Zielmarke von 2,5 Prozent liegen.

Airlinepleite lässt Touristenzahlen einbrechen

Im 2. Quartal 2019 besuchten nach Angaben von Statistics Iceland 20 Prozent weniger Touristen Island als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im 2. Quartal um schätzungsweise 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Grund dafür ist die Insolvenz der Fluggesellschaft Wow Air im März 2019. Im Jahr 2018 transportierte die Airline mehr als 30 Prozent der Reisenden, die die Insel besuchten.

Die Zentralbank geht davon aus, dass die Zahl der Reisenden im Gesamtjahr 2019 gegenüber 2018 um etwa 10 Prozent zurückgehen wird. Die negativen Auswirkungen auf den Fremdenverkehr werden sich nach Einschätzung von Branchenfachleuten noch bis ins Jahr 2020 hinziehen. Der Tourismus trägt rund ein Drittel zum isländischen BIP bei. Ähnlich hoch ist der Anteil der Branche an der Gesamtbeschäftigung.

Loddenfischer beklagen Totalausfall

Islands Fischer wurden im Frühjahr 2019 davon überrascht, dass große Schwärme einer bestimmten Fischart (Lodde) ausblieben, die zu dieser Jahreszeit normalerweise vor der isländischen Küste auftauchen. Island exportiert pro Jahr zum Teil mehr als 1 Million Tonnen Lodden. Ihr Ausfuhrwert belief sich 2012 bis 2018 auf durchschnittlich 170 Millionen Euro pro Jahr. Der Ausfall der Exporteinnahmen dürfte die Investitionsbereitschaft der Branche 2019 dämpfen.

Außenhandelsdefizit wächst

Das Defizit im Warenhandel könnte sich 2019 vergrößern. Die Importe von Fahrzeugen und langlebigen Gebrauchsgütern gingen seit Ende des Jahres 2018 deutlich zurück. Im 1. Quartal 2019 sanken die Wareneinfuhren (ohne Schiffe und Flugzeuge) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4 Prozent. Diese Tendenz dürfte sich im weiteren Jahresverlauf fortsetzen. Unter den Lieferländern stand Deutschland 2018 hinter Norwegen an zweiter Stelle. Die Nachfrage nach Importgütern ist nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren.

Nach Einschätzung der Zentralbank werden die Fischexporte 2019 deutlich zurückgehen und auch die Ausfuhren der Aluminiumindustrie werden aufgrund niedrigerer Weltmarktpreise und vorübergehend reduzierter Produktionskapazität sinken. Die Dienstleistungsexporte werden nach Prognosen der Zentralbank 2019 um 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgehen. Grund ist vor allem die geringere Zahl der Touristen nach der Insolvenz der Wow Air. Der Export von Waren und Dienstleistungen könnte 2019 zum ersten Mal seit 2006 sinken.

Außenhandel Islands (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 5.758,9 6.076,5 5,5
Exporte 4.298,9 4.692,9 9,2
Handelsbilanzsaldo -1.460,0 -1.383,6 -

Quelle: Statistics Iceland

Weitere Informationen zu Island (zum Beispiel SWOT-Analyse) finden Sie unter http://www.gtai.de/Island

Dieser Artikel ist relevant für:

Island Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

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