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20.09.2018

Ägypten positioniert sich als Handelsdrehscheibe für Erdgas

Pipeline von Zypern nach Ägypten geplant / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Ägypten lässt die Erdgaskrise und die Importabhängigkeit hinter sich. Bereits ab 2019 wird das Land LNG-Flüssiggas umwandeln und exportieren können.

Ägypten will zu einem Knotenpunkt für die Verarbeitung und den Im- und Export von Erdgas werden. Dazu dient die Zusammenarbeit mit Zypern und Israel als künftigen Bezugsländern. Von Zypern aus ist eine Pipeline nach Ägypten geplant. Dort soll das Gas in bestehenden Anlagen verflüssigt und nach Europa exportiert werden. Experten rechnen insgesamt mit einer steigenden Nachfrage nach Liquified Natural Gas (LNG) auf dem Weltmarkt. Andere Anbieter wie die USA und Katar wollen allerdings ebenfalls ihre LNG-Exporte ausweiten, und das Gas ist teurer als durch Pipelines transportiertes Erdgas.

Inländische Selbstversorgung ermöglicht den Blick auf andere Gasmärkte

Noch vor zwei Jahren wären die ägyptischen Ambitionen nicht vorstellbar gewesen. Das Land musste seine Förderung mit Importen ergänzen, um die Binnennachfrage zu decken. Voraussichtlich 2019 wird die ägyptische Fördermenge für die angestrebte Selbstversorgung ausreichen. Im August 2018 lag die Tagesproduktion bei 6,6 Milliarden Kubikfuß. Davon stammten zwei Milliarden aus dem 2015 entdeckten Zohr-Feld im Mittelmeer, dessen Erzeugung zügig auf 2,7 Milliarden Kubikfuß täglich hochgefahren wird. Bis September 2018 flossen bereits 7,7 Milliarden US$ in die Erschließung dieses Gasfelds.

Auch außerhalb von Zohr werden weitere Gasreserven gefördert. Wegen seiner Größe genießt Zohr aber die größte mediale Aufmerksamkeit. Das italienische Unternehmen Eni und die ägyptische Regierung unterzeichneten im August 2018 eine neue Konzessionsvereinbarung für das Noor-Gasfeld im östlichen Mittelmeer. In Kürze will die Regierung laut Erdölminister Tarek El Molla noch weitere Abkommen zur Erkundung und Erschließung von Vorkommen mit Unternehmen unterzeichnen.

Wie im Erdölsektor kommt es auch im Erdgasbereich vor, dass die Förderunternehmen nicht alle Gelder pünktlich vom ägyptischen Staat erhalten. Insbesondere während der Devisenkrise bis 2016 entstanden immer wieder Zahlungsrückstände, die schrittweise getilgt wurden. Gelegentlich kommen solche Verzögerungen auch heute noch vor. Dana Gas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten beklagte im Sommer 2018 unregelmäßige Zahlungen. Laut Medienberichten plante Dana Gas keine rechtlichen Schritte, verknüpfte aber geplante Investitionen mit einem Zufluss an erwarteten Zahlungen.

Infrastruktur zum Verflüssigen von Erdgas ist vorhanden

Um dem Gasmangel in den Krisenjahren zu begegnen, hatte Ägypten von dem norwegischen Unternehmen Höegh LNG zwei mobile Wiederverdampfungsanlagen gemietet. In diesen werden Schiffsladungen von Gas für die Einspeisung ins ägyptische Netz umgewandelt. Eine der beiden Anlagen wird voraussichtlich ab Mitte September 2018 nicht mehr benötigt. Die andere soll weiter vorgehalten werden, falls neuer Importbedarf entsteht. Sie könnte auch in eine schwimmende Verflüssigungs- und Speichereinheit umgewandelt werden.

Darüber hinaus verfügt Ägypten über zwei feste Anlagen zur Umwandlung von Gas in Idku und Damietta. Die seit Juli 2012 geschlossene Anlage in Damietta wird wieder geöffnet. Das vereinbarte das Erdölministerium mit den Betreibern. Derzeit errichtet Eni eine Pipeline von der Gasaufbereitungsanlage Zohr nach Damietta. Wenn der Inlandsbedarf gedeckt ist, können Überschüsse exportiert werden. Wie stark die Kapazitäten ausgelastet werden können, dürfte aber auch eine Frage des Verkaufspreises für das LNG sein. Details zu möglichen Abnehmern in Europa sind bislang nicht bekannt.

Geplante Erdgaspipeline: Verarbeitung und Re-Export ab 2022

Mit der geplanten Pipeline soll das zypriotische Aphrodite-Erdgasfeld eine Verbindung zu den ägyptischen Verflüssigungsanlagen erhalten. Laut Medienberichten erzielten beide Länder im Sommer 2018 bereits eine vorläufige Übereinkunft. Die Regierungen müssen das Projekt allerdings noch beschließen. Die voraussichtliche Investitionssumme wird in einer Größenordnung von 800 Millionen bis zu einer Milliarde US$ liegen. Die Verarbeitung und der Re-Export des Gases sind bereits ab 2022 geplant.

Ägypten ist bereits durch Erdgaspipelines mit Israel und Jordanien verbunden. Die ägyptische Dolphinus Holding vereinbarte im Februar 2018, ab 2019 Erdgas von den israelischen Feldern Leviathan und Tamara zu importieren. Im Fall von Jordanien geht es um den Export. Eine Vereinbarung soll noch 2018 abgeschlossen werden, um täglich 250 Millionen Kubikfuß Erdgas aus Ägypten dorthin zu liefern. Damit sollen zehn Prozent des jordanischen Gasbedarfs gedeckt werden.

Im Sommer 2018 holten die Folgen der Versorgungskrise Ägypten noch einmal ein. Das Internationale Zentrum für die Beilegung von Investitionsstreitigkeiten der Weltbank sprach dem spanisch-italienischen Konsortium Union Fenosa Gas eine Entschädigung von zwei Milliarden US$ zu. Nachdem Ägypten in den Wirren des Arabischen Frühlings 2011 vereinbarte Lieferquoten nicht einhalten konnte, verklagte Union Fenosa 2014 die Regierung des Landes. Der Wirtschaftsinformationsdienst Enterprise berichtete, dass die Entschädigung möglicherweise in Form neuer Gaslieferungen gezahlt würde.

Auch die 2004 vereinbarte Belieferung von Jordanien geriet 2009 ins Stocken und musste nach der Revolution 2011 eingestellt werden. Die Wiederaufnahme der ägyptischen Lieferungen dient der Versorgung jordanischer Gaskraftwerke.

Ägypten lässt Privatunternehmen als Gasimporteure zu

Der ägyptische Gesetzgeber hat 2017 die Möglichkeit geschaffen, dass private Unternehmen Gas importieren können. Als Aufsicht über den Sektor wurde eine Regierungsbehörde eingerichtet. Bis August 2018 hatten laut Enterprise 14 Unternehmen Importlizenzen bei der Gas Regulatory Affairs Authority beantragt. Von zwei weiteren Interessenten wurden zeitnah weitere Gesuche erwartet. Neben Gebühren für Lizenzen und andere Genehmigungen zahlen die Importeure ein Nutzungsentgelt dafür, dass das Gas durch das staatliche Transportnetz geleitet wird.

Noch kommt die Deregulierung aber nicht in Schwung. Laut Enterprise verzögert sich die Erteilung fester Lizenzen. Die vorläufigen Genehmigungen für TAQA Arabia, BB Energy und Fleet Energy wurden verlängert, damit die Unternehmen weitere Unterlagen einreichen können. Bis eine dauerhafte Lizenz erteilt ist, können vorläufige ausgestellt werden. Bei diesen steht alle sechs Monate eine Verlängerung an, der die Regulierungsbehörde zustimmen muss. Auch die Dolphinus Holding benötigt für die Gasimporte aus Israel eine Genehmigung der Gas Regulatory Affairs Authority.

Weiterführende Informationen unter http://www.gtai.de/aegypten

(O.I.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Wärme- und Gasversorgung, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien

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