Suche

11.10.2016

Äthiopien punktet mit umweltfreundlichen Industrieparks

Bekleidung, Textilien und agroindustrielle Produkte machen den Anfang / Afrikanische Erfolgsgeschichte mit Vorbildfunktion / Von Martin Böll

Addis Abeba (GTAI) - Äthiopien möchte sich als international beachteter Low-tech-Produzent empfehlen. Das Land, sagen Beobachter, kann bemerkenswerte Anfangserfolge vorweisen und die Industrialisierung schaffen. Laut IWF dürfte Äthiopien im laufenden Jahr zur größten Volkswirtschaft in Ostafrika aufsteigen - zur Jahrtausendwende war das Buttoinlandsprodukt Kenias noch um 72% größer. Deutsche Unternehmen sollten sich diese Entwicklung nicht entgehen lassen - trotz der aktuell angespannten politischen Lage.

Das äthiopische Wirtschaftswachstum ist eines der höchsten in Afrika und beruht auf eigener Arbeit statt auf dem Verkauf von Rohstoffen. In dieser Dekade dürften die durchschnittlichen Zuwächse des Bruttoinlandprodukts (BIP) bei jährlich 7,8% liegen (Quelle: Economist Intelligence Unit, EIU). Die frei verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte nahmen in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich 6% im Jahr zu, in den nächsten fünf Jahren dürfte es im Schnitt ein Prozentpunkt mehr sein. Ab nächstem Jahr steigen die Einkommen in Äthiopien schneller als in der VR China, prognostiziert der britische "Economist". Das Land mutiert vom Almosenempfänger der Entwicklungsindustrie zu einem interessanten Produktionsstandort für internationale Firmen, was südlich der Sahara bislang wohl nur Südafrika und Mauritius geschafft haben. Für das Selbstbewusstsein der äthiopischen Elite ist dies ein Quantensprung.

Äthiopisches Wirtschafts- und Industriewachstum (in %) 1)
2015 2016 2) 2017 2) 2018 2) 2019 2) 2020 2)
BIP-Wachstum 9,6 3,6 5,1 6,0 6,5 6,7
Industrie-Wachstum 21,7 10,0 7,6 8,8 7,8 8,7

1) Fiskaljahr endet jeweils am 7. Juli; 2) Prognose

Quelle: EIU, Stand: 7.10.16

Auch deutsche Firmen sind sicherlich gut beraten, sich näher mit Äthiopien zu befassen und langfristig strategisch zu planen. Wer zuerst kommt, sichert sich den Einfluss, den er später einmal gut gebrauchen kann, sagen Landeskenner. So wie Peugeot, die im Juli 2016 ihre erste Montagefabrik eröffnet haben, "um dabei zu sein". Rund 1.200 Kfz wollen die Franzosen im Jahr zusammenschrauben und auch in Somalia und Dschibuti verkaufen - viel ist das nicht, die Schlagzeilen aber sind ihnen sicher. Und irgendwann werden von den derzeit 102 Mio. Äthiopiern auch einige mehr sich ein neues Auto leisten können.

Kenia gerät ins Hintertreffen

Der direkte Nachbar Kenia wird zwar noch auf viele Jahre hin sehr viel angenehmere Lebensbedingungen für ausländische Fachkräfte bieten können, während Tansania und Uganda mit ihren Gas- bzw. Ölvorräten hoffen, eines Tages Milliarden Petro-Dollars einnehmen zu können. Äthiopien aber hat zweifellos die besseren Rahmenbedingungen als Industriestandort. "Äthiopien heißt die Investoren willkommen, die Kenia vergrault hat", tituliert Kenias führende Tageszeitung "The Nation" und spekuliert, dass die chinesischen Baufirmen, die sich derzeit fast alle öffentlichen Bauaufträge in Kenia sichern, in naher Zukunft durch äthiopische Firmen ersetzt werden könnten.

In dieser Dekade werden 80 Mio. Arbeitsplätze im Fertigungsbereich alleine die VR China Richtung Afrika verlassen, sagt die Weltbank. Und die gehen dann eher nach Äthiopien als nach Kenia, glaubt Paul Gabriel, Risikoanalytiker der Control Risk Ltd., einer internationalen Risikomanagement-Beraterfirma. Wer in Äthiopien für 3 US-Cent eine Kilowattstunde bekommt, ist nicht bereit, in Kenia 20 Cent zu bezahlen - so eines von mehreren unschlagbaren Argumenten, die für Äthiopien sprechen.

Billiges Land und billiger Strom

Das Land hat zudem eine arbeitsbereite Bevölkerung und ein niedriges Lohnniveau. Billiges und erschlossenes Industrieland steht demnächst geradezu im Überfluss zur Verfügung und die Stromversorgung vor einem Riesensprung: in naher Zukunft nehmen gleich mehrere Mega-Wasserkraftwerke ihren Betrieb auf und erzeugen massenhaft Strom zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Die Infrastruktur ist zwar weiterhin eine gewaltige Herausforderung, erste Schnellstraßen und neue Eisenbahntrassen aber sind gebaut und werden zumindest Schlüsselzentren ausreichend anbinden können.

Bevorzugter Standort für produzierende Investoren sind neue Industrieparks, mit denen Äthiopien geradezu klotzt. So wie der Mitte Juli 2016 eingeweihte Hawassa Eco-industrial Park, 275 km von der Hauptstadt Addis-Abeba entfernt: Zur Verfügung steht dort ein 1,3 Mio. Quadratmeter großes Areal, auf dem bereits 35 Firmen angesiedelt sind. Alle Fragen und Genehmigungen regelt ein "1 Stop Service Center". Der Park erzeugt seinen eigenen Strom aus erneuerbaren Energien. Angestrebt wird ein Abwassermanagement, das 85% der anfallenden Abwässer vor Ort aufbereitet und internationalen Standards entspricht.

Mit Exportindustrien neue Arbeitsplätze

Gebaut wurde der Park in nur neun Monaten von einer chinesischen Firma; Kostenpunkt: 250 Mio. US$. Angesiedelt wurden vornehmlich Firmen aus den Bereichen Textilien und Bekleidung sowie der Agroindustrie. Die Unternehmen kommen aus den USA, der VR China, Indien und Sri Lanka sowie aus Äthiopien selbst. Nach Einschätzung von Arkebe Oqubay, Vorsitzender der Industrial Parks Development Corp. (IPDC) und Berater des Premierministers, wird der Park einmal 80.000 Arbeitsplätze bieten. Äthiopien verdiene derzeit 110 Mio. $ im Jahr mit dem Export von Textilien und Bekleidung, sagte Oqubay, alleine der Hawassa-Park werde demnächst 1 Mrd. $ im Jahr verdienen.

Neben dem Hawassa-Park sind noch elf weitere Parks landesweit im Bau. Drei davon, Dire-Dawa, Kombolcha und Mekelle, sollen bereits im April 2017 eingeweiht werden können. Während es der äthiopischen Regierung in einem ersten Schritt darum geht, Exportindustrien aufzubauen, namentlich Bekleidung, Textilien und Lederwaren, geht es in einem zweiten Schritt um eine Importsubstitution, um die hohe Einfuhrrechnung zu mindern. Bei öffentlichen Ausschreibungen sollen inländische Hersteller künftig gezielt bevorzugt werden. Im Klartext: Wer als ausländischer Produzent weiterhin zum Zuge kommen will, sollte sich mit äthiopischen Unternehmen verbünden und einen Teil seiner Produkte vor Ort herstellen. Nach den Vorstellungen der Regierung sollen einheimische Unternehmen bis 2020 die Hälfte vom Ausschreibungskuchen abbekommen und 2025 rund 60%.

Internationale Beteiligungen an äthiopischen Konsumgüterproduzenten

So importiert Äthiopien bislang beispielsweise 85% seines Bedarfs an Arzneimitteln. Geht das Geschäft demnächst an äthiopische Unternehmen, lohnt sich ein ausländisches Engagement, sagt die britische Beteiligungsgesellschaft 54 Capital und hat eine 42-Mio.-$-Beteiligung an der äthiopischen Addis Pharmaceutical Factory angekündigt. Auch andere ausländische Unternehmen wittern gute Geschäfte mit Verbrauchsgütern. So hat Unilever kürzlich eine Fabrik am Stadtrand von Addis Abeba eröffnet, während sich der VAE-Kekshersteller Silk Invest einen Anteil am äthiopischen Konfekt-Hersteller NAS Foods gesichert hat.

Neue Aktivitäten werden ferner aus den Bereichen Glasflaschen (Juniper Glas Industries, Atlas Development & Support Services), Handys (Tecno - VR China, Samsung - Südkorea) und Kfz (Lifan Motors, Geely Automobile Holdings - beide VR China) gemeldet. Letztere will Äthiopien mit einer Befreiung vom 35%-igen Importzoll ködern.

Noch verlangt Bürokratie Geduld und Ausdauer

So sehr die äthiopische Regierung auf dem richtigen Weg ist, es bleiben noch viele Hürden zu schleifen. Die Bürokratie ist weiterhin exzessiv, Steuern und Abgaben sind hoch und vielfältig, Logistik ist eine große Herausforderung, ausländische Devisen sind Mangelware. Trotz rapide steigender Haushaltseinkommen ist Äthiopien zudem weiterhin ein sehr armes Land mit einem nominalen Pro-Kopfeinkommen von 585 $/Jahr (unter Berücksichtigung der Kaufkraft - PPP - sind es 1.674 $; Quelle: EIU). Und dann gibt es noch den am 9.10.16 für sechs Monate erklärten Ausnahmezustand, mit denen das amtierende Regime durchaus legitime Proteste in den Griff bekommen möchte. So sehr Äthiopien die Wirtschaft vorangebracht hat, so sehr hat es aber auch auf drängende politische Reformen verzichtet.

(M.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Äthiopien Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Energie- und Wasserpreise, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Textil- und Ledermaschinen, Verarbeitende Industrie, Konsumgüterindustrie, Lohnfertigung, Outsourcing

Funktionen

Kontakt

Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche