Suche

23.10.2018

Äthiopien will mit Industrieparks ökonomischen Wandel schaffen

Vorbildcharakter für andere afrikanische Länder / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Die äthiopische Regierung hat einen Plan: Industrieparks sollen Arbeitsplätze schaffen, die Bevölkerung ernähren und Devisen ins Land holen. Doch ohne Hilfe geht es nicht.

Anfang Oktober 2018 wurde in Äthiopien der Adama Industrial Park in der Verwaltungsregion Oromia eröffnet. Gekostet hat er 146 Millionen US-Dollar (US$) und soll in einer ersten Phase 25.000 äthiopische Arbeitskräfte beschäftigen. Für die Region ist das ein Glücksgriff. Denn mehr als Landwirtschaft und Viehzucht gab es hier bislang nicht.

Gebaut wurde der Park auf einem 100 Hektar großen Areal von der China Civil Engineering Construction Corporation (CCECC) und ist für äthiopische Verhältnisse modern: Hier gibt es eine garantierte Strom- und Wasserversorgung, gut geteerte Straßen sowie eine eigene Müll- und sachgerechte Abwasserentsorgung. Zudem gibt es Kliniken, eine Feuerwache, ein Marktzentrum, eine Bank, Cafés und Ausstellungsgelände.

Extrem niedrige Löhne

Die Betriebskosten sind aus Sicht internationaler Unternehmen sehr günstig - die Stromkosten gehören zu den niedrigsten der Welt. Nach der Inbetriebnahme weiterer Wasserkraftwerke 2019 und 2020 können die Preise erneut gesenkt werden. Auch die Löhne sind aus Sicht von Investoren niedrig. Im Hawassa Industrial Park, einem der ersten in Äthiopien eröffneten Industrieparks, erhalten zum Beispiel Näherinnen 21 bis 30 US$ im Monat; hinzu kommen Transporthilfen, Mittagessen und andere geldwerte Vorteile. Gewerkschaften haben in Industrieparks grundsätzlich keinen Zutritt - außerhalb der Parks sind nur etwa fünf Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert.

Zu den vielen Betrieben, die im Adama-Industriepark einmal angesiedelt werden sollen, gehören vor allem solche aus den Bereichen Textilien, Bekleidung, Kfz-Montage und Nahrungsmittelverarbeitung. Dabei werden nicht nur Jobs für Billiglöhner angeboten, sondern auch für Universitätsabsolventen, betont die äthiopische Regierung. Nach Einschätzung von Abiy Ahmed, dem jungen Premierminister Äthiopiens, passt der Park genau in die Strategie seiner Regierung, die seit ihrem Amtsantritt im April 2018 auf ökonomische Reformen setzt und ihre Anstrengungen nach eigenem Bekunden auf die wirtschaftlichen Nöte der 105 Millionen großen Bevölkerung ausrichtet.

Zu den Grundpfeilern der Strategie zählen: die Schaffung von Arbeitsplätzen, eine gesicherte Ernährung der Bevölkerung, was durch neue Farmen aber auch durch eine Verarbeitung von Agrarprodukten (Verminderung von Verlusten nach der Ernte) erreicht werden soll sowie eine Exportproduktion, um die notwendigen Devisen für Kapitalgüterinvestitionen zu erwirtschaften.

Chinesische Interessen gehen Hand in Hand

Der chinesische Botschafter in Äthiopien, Tan Jian, konnte bei der Eröffnung nur applaudieren, weil diese Politik mit der seines Landes geradezu deckungsgleich ist. So waren es die Chinesen, die erst eine elektrifizierte 756 Kilometer lange Eisenbahn von Dschibuti an Adama vorbei zur Hauptstadt Addis Abeba gebaut haben und schließlich die Provinzhauptstadt an eine über 99 Kilometer lange Autobahn an die Metropole angeschlossen haben.

Demnächst sollen vornehmlich chinesische Firmen in dem Industriepark produzieren und Äthiopien als auch andere afrikanische Länder versorgen. Mithilfe von Arbeitskräften, die billiger sind als in China und dank einer guten logistischen Anbindung an den Hafen in Dschibuti - und demnächst auch an den Hafen in Eritrea - mit der chinesischen Eisenbahn. Zudem sieht sich China als erste Adresse für Lieferungen von Kapitalgütern und Know-how.

Äthiopien zählt bereits eine stattliche Zahl von produzierenden beziehungsweise betriebsbereiten Industrieparks: Hawassa bei Addis Abeba wurde 2016 fertiggestellt und ist der bislang größte. Mekelle und Kombolcha, ebenfalls von der CCECC gebaut und 100 Millionen beziehungsweise 90 Millionen US$ teuer, wurden im Dezember 2017 eingeweiht. Im Januar 2018 folgten der Kilinto Pharmaceutical Industrial Park und Bole Lemi, im Mai Bahir Dar und Jimma, im Juni Debre Berhan sowie im September beziehungsweise Oktober 2018 Dire Dawa und Adama. Schon in wenigen Jahren sollen es insgesamt 30 Parks werden.

Neben der Produktionspalette, die für den Adama Park vorgesehen ist, sind in den anderen Parks auch lederverarbeitende und pharmazeutische Betriebe vertreten. Zu den jüngsten Zuwächsen gehören auch Unternehmen aus der Leichtindustrie. Bemerkenswert ist die schnelle Umstellung auf hochqualitative Markenprodukte wie Schuhe und Bekleidung, die vor allem in die USA geliefert werden. Während chinesische Unternehmen die Parks dominieren, haben auch Firmen aus anderen Ländern die Produktionsvorteile der äthiopischen Standorte erkannt, darunter die US-amerikanische PVH Corporation mit den Marken Calvin Klein, Tommy Hilfiger und Heritage Brands.

Aufstieg zum Industrieland realistisch

Für Äthiopien sind die Parks ein Kraftakt, aber auch ein Game Changer. Die von der Regierung propagierte Transformation von einer Agrar-Ökonomie in ein Industrieland bis 2025 ist zwar überambitioniert, aber mittel- bis langfristig durchaus realistisch. Im regionalen Vergleich hat Äthiopien die wohl besten Chancen durch seine zukunftsweisende Politik zum Primus aufzusteigen. Kenia leidet unter politischen Ränkespielen, Tansania kommt mit der Erdgasförderung nicht voran und Uganda muss seine Ölförderung immer weiter in die Zukunft verschieben und zeigt sich zu wirtschaftlichen und politischen Reformen unfähig.

Doch auch in Äthiopien läuft nicht alles vorbildlich: Die Bürokratie ist, zurückhaltend formuliert, rückständig, infrastrukturelle Defizite sind weiterhin hoch und ein anhaltender Devisenmangel behindert den Transfer von Gewinnen.

Federführend für den Aufbau und den Betrieb der äthiopischen Parks sind die Ethiopian Investment Commission, die Regeln aufstellt und Investoren anlockt, sowie die Industrial Park Development Corperation, die unter dem Slogan "Plug-and-Play" betriebsbereite Gebäude zur Verfügung stellt.

Zufluss ausländischer Direktinvestitionen nach Ostafrika und in ausgewählte ostafrikanische Länder (in Millionen US$)
Region/Land 2014 2015 2016 2017
Ostafrika 6.578 6.865 7.883 7.625
..Äthiopien *) 1.855 2.627 3.989 3.586
..Tansania *) 1.416 1.561 1.365 1.180
..Uganda 1.059 738 626 700
..Kenia 821 620 393 672
..Madagaskar 314 436 451 389
..Somalia *) 261 303 334 384

*) Schätzung

Quelle: UN-World Investment Report 2018

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Äthiopien können Sie unter http://www.gtai.de/aethiopien abrufen. Unter http://www.gtai.de/afrika erhalten Sie weitere Informationen zum Land Ihrer Wahl in Afrika.

Dieser Artikel ist relevant für:

Äthiopien Geschäftspraxis allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik

Funktionen

Kontakt

Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche