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27.03.2017

Algerien setzt auf Industrialisierung

Schwerpunktbranchen sind Kfz-, Pharmaindustrie und Petrochemie / Großprojekt im Textilsektor / Von Fausi Najjar

Tunis (GTAI) - Algerien muss den weitaus größten Teil seiner Konsumgüter importieren. Auch eine Schwerindustrie ist kaum entwickelt. Aufgrund gefallener Einkommen aus dem Öl- und Gassektor setzt Algerien auf die Industrieproduktion im eigenen Land. Angesichts fehlender Industrien, einer überbordenden Bürokratie und eines nur schwachen Privatsektors wird es schwierig, zügig eine hohe Fertigungstiefe zu erzielen. Dennoch wird Algerien für seine Industrialisierung Maschinen und Anlagen benötigen.

Kfz-Hersteller entscheiden sich reihenweise für eine Produktion in Algerien. Dies nicht, weil die Produktionsbedingungen dort so günstig wären, sondern aufgrund von Auflagen. Generalvertreter der Automobilmarken sind dazu verpflichtet, ab 2017 auch im Land zu produzieren. Es wird schwierig sein, den heimischen Input zu steigern und über eine bloße Montage hinauszugehen. Beobachter sehen jedoch eine gewisse Ernsthaftigkeit beim Industrieministerium, die Produktionstiefe zu erhöhen.

Nachdem sowohl Renault, als auch Hyundai Pkw montieren, sollen noch 2017 die ersten VW-Fahrzeuge in Algerien vom Band laufen. Interesse haben auch PSA Peugeot-Citroën, Iveco, Toyota (Busse und Lkw) und Nissan angekündigt. Das größte algerische Privatunternehmen Cevital plant gemeinsam mit ausländischen Partnern die Herstellung von Karosserien, Motoren und Ersatzteilen. Ein weiteres Beispiel ist der Beschluss zwischen der algerische Gruppe Mazouz und der chinesische Konstrukteur Shacman schwere Lkw zu montieren. Die algerische Regierung strebt in den kommenden fünf Jahren eine Fertigungstiefe von 40 bis 50% in der Kfz-Industrie an. Angesichts fehlender Kapazitäten gilt das Ziel als sehr ehrgeizig.

Pläne für den Ausbau der Textil- und Elektroindustrie

Auch wenn Verzögerungen beim Ausbau der Textil- und Elektroindustrie nicht auszuschließen sind, so sind Investitionen und eine Nachfrage bei Anlagen und Maschinen zu erwarten. Algerien muss rund 96% der nachgefragten Produkte aus der Textil- und Bekleidungsindustrie importieren. Um die hohe Importquote zu reduzieren, plant die algerische Regierung den Aufbau einer Textilindustrie insbesondere in der Provinz Relizane im Nordwesten des Landes. Gegenwärtig baut dort das hierfür gegründete Unternehmen Tayal ein Mega-Textilkomplex in Sidi Khettab mit einem Investitionsvolumen von knapp 500 Mio. US$. Tayal setzt sich zu 51% aus den beiden algerischen Staatsunternehmen Groupe CH (Groupe Confection & Habillement, Spa) und Texal sowie zu 49% aus dem türkischen Textilunternehmen Taypa zusammen. Produziert werden sollen dort Denim-Gewebe und weitere Stoffe. Vorgesehen ist außerdem die Produktion von Jeanshosen und Hemden.

Neben dem Industrieprojekt entstehen Wohnungen, Ausbildungszentren und Bürogebäuden. Auftragnehmer für die Umsetzung des Projektes ist das türkische Unternehmen Astay. Geplant ist eine weitere Expansion des Werkes. Dadurch sollen, nach den Vorstellungen der algerischen Regierung, rund 25.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Auch in der Elektrotechnik ist in Algerien Bewegung zu verzeichnen. So hat der algerische Hersteller von Haushaltsgeräten und Mobilfunkgeräten Condor (Umsatz 2016: 900 Mio. $) den Ausbau seiner Produktion von Haushaltswaren und Tiefkühlschränken (200.000 pro Jahr) angekündigt. Des Weiteren sind Investitionen zur Herstellung energieeffizienterer Klimaanlagen geplant. Nicht zuletzt plant Condor die Herstellung von Fernsehern, so der Geschäftsführer Abderrahmane Benhamadi Ende Januar 2017.

Hoher Nachholbedarf in der Petrochemie

Trotz hoher Erdgasvorkommen ist die Petrochemie in Algerien kaum entwickelt. Sowohl beim Bau von Raffinerien als auch in der Petrochemie gab es trotz Ankündigungen großer Pläne seit Jahren kaum Fortschritte. Offenbar versucht die algerische Regierung nun einen neuen Anlauf. So hat der algerische Energiekonzern Sonatrach im Dezember 2016 einer Reihe von Petrochemieprojekten angekündigt. Bei den Vorhaben handelt es sich um eine Crackanlage für Ethan und LPG (Liquefied Petroleum Gas) zur Ethylenherstellung (1 Mio. t im Jahr), um einen Komplex für die Polypropylenherstellung (600.000 t im Jahr) und einen weiteren für die Erzeugung von Methanol und Derivaten hieraus. Avisiert ist zudem eine Anlage für synthetischen Kautschuk und eine Reifenfabrik. Zudem hat die Sonatrach Ende Januar 2017 Interessenbekunden für vier Raffinerieprojekte ausgeschrieben. Der gesamte Auftragswert liegt bei knapp 6 Mrd. $. In Planung sind vier Düngemittelwerke auf Phosphatbasis. Investiert wird gegenwärtig in die Produktionssteigerung zweier Ammoniakanlagen.

Pharmasektor expandiert

Treibende Kraft für die Expansion im Pharmasektor ist die Marktgröße und Schutzmaßnahmen für die inländische Produktion. Für Medikamente, die bereits lokal produziert werden, gibt es Importverbote. Ende 2015 lag der Anteil lokal produzierter Pharmazeutika bei 45%, 2013 noch bei 38%. Zu rechnen ist mit weiteren Ansiedlungen. Ob die algerische Regierung das Ziel, diesen Anteil bis 2017 auf 70% zu erhöhen, erreichen wird, ist dabei eher zweitrangig.

In den vergangenen Jahren eröffneten und erweiterten zahlreiche internationale Hersteller Produktionsstandorte oder kündigten dies an. So ging Merck Ende 2015 eine Partnerschaft mit dem lokalen Labor Novapharm ein. Andere wichtige lokale Partner sind beispielsweise Saidal, der einzige staatliche Hersteller, sowie der private Branchenprimus Biopharm, der im Sommer 2016 gemeinsam mit der deutschen Boehringer-Ingelheim den Produktionsstart für ein Bluthochdruckmittel für den Jahresverlauf 2017 bekannt gab. Nach eigenen Angaben hat Biopharm Partnerschaften mit mehr als 50 internationalen Pharmaunternehmen geschlossen, darunter neben Boehringer-Ingelheim auch mit Merck und Bayer. Bereits seit 35 Jahren ist GlaxoSmithKline (GSK) in Algerien vertreten. Bisher produziert GSK in zwei Fabriken Antibiotika und andere Pharmazeutika. Bis 2020 soll vor allem die Produktion von Antibiotika ausgebaut werden, aber auch neue Medikamente sollen hergestellt werden.

Algerien in Nordafrika zweitwichtigster Markt für deutsche Maschinenbauer

Zwar fällt der Industrialisierungsgrad Algeriens mit einem BIP-Anteil von 5,6% auch für regionale Verhältnisse sehr klein aus, trotzdem war das Land 2013 bis 2015 mit einem gesamten Ausfuhrwert von 3,7 Mrd. Euro nach Ägypten zweitwichtigster Zielmarkt für deutsche Produzenten von Investitionsgütern in Nordafrika. Führend war das Maghreb-Land außerdem in dem Dreijahreszeitraum bei Kraftmaschinen (293 Mio. Euro), landwirtschaftlichen Maschinen (45,8 Mio. Euro) sowie Bergwerks-, Bau- und Baustoffmaschinen (28,2 Mio. Euro). Selbst bei der kaum entwickelten Bekleidungsindustrie (71,4 Mio. Euro) liegt Algerien als Abnehmer deutscher Lieferungen von Maschinen für das Textil-, Bekleidungs-, und Ledergewerbe noch vor Marokko und Tunesien. Positive Absatzchancen für Produktionsanlagen zeichnen sich im Kfz-Sektor, in der Textilbranche und bei der Herstellung von Haushaltsgeräten ab.

Deutsche Ausfuhren von Investitionsgütern nach Nordafrika in Mio. Euro 1)
2013 2014 2015 2016 2)
Ägypten 1.037 1.428 1.713 2.031
Algerien 1.156 1.376 1.197 1.298
Libyen 491 243 100 92
Marokko 687 679 840 912
Tunesien 553 549 573 487

1) Investitionsgüterproduzenten GP-X002; 2) 11 Monate

Quelle: Destatis, Februar 2017

(F.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Algerien Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Arzneimittel, Diagnostika, Petrochemie, Verarbeitende Industrie

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