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08.08.2017

Alternative Antriebe in russischen Kfz auf dem Vormarsch

Entwicklung von Elektro- und Hybridfahrzeugen schreitet voran / Autonomes Fahren in der Testphase / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Der weltweite Trend hin zu alternativen Antriebssystemen macht auch vor der russischen Automobilindustrie nicht halt. Russische und ausländische OEM testen Elektromobile und Hybridantriebe sowie autonomes Fahren. Ladestationen werden landesweit errichtet und der Staat investiert in den Ausbau der Elektromobilität. Chancen ergeben sich für Vorreiter der Elektrofahrzeug-Technologien und Hersteller von Produktionsanlagen.

Autos mit Gas- und Elektroantrieb halten Einzug in Russland. Zu Jahresbeginn 2017 waren etwa 144.000 gasbetriebene und etwa 1.000 Elektroautos auf den russischen Straßen unterwegs. Bis 2020 erwarten Experten Verkäufe von bis zu 25.000 E-Fahrzeugen. Die bekanntesten E-Modelle in Russland sind Nissan Leaf, Mitsubishi i-MiEV, Tesla Model S, Lada Ellada, Renault Twizy, Tesla Model X und BMW i3. Gut ein Drittel davon fahren auf Moskaus Straßen, auf Platz zwei folgt die Region Primorje im Fernen Osten.

Tesla setzt auf das Potenzial des russischen Marktes: Der US-Konzern wird im Laufe des Jahres 2017 eine Repräsentanz in Moskau eröffnen. Der Hersteller von Elektroautos rechnet in Zukunft mit dem Verkauf von bis zu 60.000 Fahrzeugen ab 4 Mio. Rubel (Rbl; etwa 57.281 Euro, EZB-Wechselkurs vom 28.07.17: 1 Euro = 69,83 Rubel) auf dem russischen Markt pro Jahr.

Verkauf und Zulassungen von Elektrofahrzeugen (in Stück)
2015 2016 Prognose 2020
Verkauf 116 83 15.000 bis 25.000
Zulassungen (zum Jahresende) 647 920 k. A.

Quellen: Autostat.ru, Wirtschaftsministerium der Russischen Föderation

Elektroautos "made in Russia"

Russland ist aber nicht nur als Absatzmarkt für Elektroautos attraktiv, auch in der Produktion tut sich einiges. Der Branchenprimus AwtoWaz plant pro Jahr 5.000 erdgasbetriebene Fahrzeuge der Marke Lada Vesta CNG zu bauen. Der OEM präsentierte zudem auf der Expo 2017 in Astana den Lada Vesta Sedan mit Elektroantrieb auf Basis von Lithium-Ionen. Er erreicht eine Leistung von 100 km/h und schafft 150 km mit einer Batterieladung.

UAZ (gehört zu Sollers) plant die Serienproduktion des Pickup-Modells Profi: Ab 2020 soll er mit einem Hybridantrieb vom Band laufen. Hauptabnehmer wird der russische Netzriese Rosseti sein. UAZ stellte auf der Industriemesse Innoprom den Prototypen eines neuen Hybridautos vor, der ab September 2017 in Serie gehen soll.

Die russische Unternehmensgruppe Sumotori plant im Werk im TOR Nadeschdinskaja im Fernen Osten zusammen mit der japanischen Firma Arai Shoji das Projekt "Prometej". Ab 2018 werden für 500 Mio. Rubel pro Jahr bis zu 5.000 alte japanische Modelle in Elektroautos umgebaut. Die modernisierten Fahrzeuge sollen in den Export nach Indien und Thailand gehen. Volkswagen führt Gespräche mit Gazprom bezüglich einer gemeinsamen Produktion von Fahrzeugen mit Gasantrieb ab 2019.

Projekte zur Herstellung von elektro- und gasbetriebenen Kfz in Russland (in Mio. Euro)
Projekt/Unternehmen Investitionssumme Projektstand Name/Gebiet
Produktion von E-Fahrzeugen/Joint Venture "Prometej" von Arai Shoji Co., Ltd. und GK Sumotori 7,2 *) Baubeginn 2018 TOR Nadeschdinskaja, Region Primorje
Produktion von Elektroautos des Modells Profi / UAZ Sollers k. A. Serienproduktion ab 2020 geplant Gebiet Uljanowsk
Bau von erdgasbetriebenen Kfz der Marke Lada Vesta / AwtoWaz k. A. Fertigung ausgelegt auf 5.000 Einheiten pro Jahr Gebiet Samara
Gründung eines Joint Venture für Motorenproduktion / Kamaz und Weichai Power k. A. In Planung, Motorenproduktion für gasbetriebene Lkw Gebiet Jaroslawl

*) Umrechnung nach EZB-Wechselkurs vom 28.07.17: 1 Euro = 69,83 Rubel

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Öffentlicher Nahverkehr wird elektrifiziert

Auch der öffentliche Nahverkehr seigt auf Elektrobetrieb um: Die Stadt Moskau schreibt im Herbst 2017 die Anschaffung von Elektrobussen aus. Nach Angaben von Bürgermeister Sergej Sobjanin plant die Hauptstadt bis 2020 alle Busse mit Benzin- oder Diesel-Motoren durch Elektrobusse zu ersetzen. Derzeit fahren schon einige Modelle von Kamaz, Gaz, Wolschanin und der finnischen Firma Linkker in der Metropole im Testbetrieb. Einige Busse können ihre Batterien an den Kabeln für Oberleitungsbusse aufladen. Den Tender des städtischen Nahverkehrsbetriebs, Mosgortrans, zur Lieferung von 50 Touristenbussen gewann das Gemeinschaftsunternehmen Daimler-Kamaz. Der schwäbische Autohersteller liefert dabei gasbetriebene Motoren für Busse der Marke Setra.

Volgabus (gehört zur Bakulin Motors Group) stellte im Juli 2017 in Wolgograd den ersten elektrobetriebenen Stadtbus CitiRitm-12E vor. Die Lithiumbatterien können über Nacht geladen werden und erreichen eine Leistung von 115 kW. Ab 2018 soll der selbstfahrende Minibus Matrjoschka mit Elektroantrieb in Serie gehen. Darüber hinaus stellt Bakulin Motors noch einen gasbetriebenen Stadtbus her.

Im Jahr 2017 stellt die Regierung für die Anschaffung von Trambahnen, Oberleitungs- und Elektrobussen im öffentlichen Nahverkehr 900 Mio. Rubel zur Verfügung. Die Herstellung von gasbetriebenen Kommunalfahrzeugen wird mit 3 Mrd. Rubel gefördert.

Entwicklung von Elektrobussen im Fokus

Die russische GAZ-Gruppe forscht mit der Moskauer Staatlichen Universität (MGU) an effizienten Elektromotoren. Die Montage des Elektro-Minibus "Gazel Next", der mit einer Leistung von 90 kW bis zu 100 km/h schnell fahren kann, soll im Herbst 2017 beginnen. Noch sind die Modelle 30% teurer als herkömmliche mit Benzin- oder Dieselmotor. Langfristig werden durch geringere Betriebskosten die Gesamtkosten der E-Variante sinken.

Kamaz und Siemens forschen an der Entwicklung von E-Trucks und E-Bussen sowie gasbetriebenen Kfz. Das Konsortium DK Rus von Kamaz und Daimler plant ab 2018 den Bau von Kleinbussen des Modells Sprinter mit Elektroantrieb.

Der schwedische OEM Volvo stellt seine Flotte künftig auf Elektro- und Hybridantriebe um. Im Industriepark Sawolschje in Uljanowsk baut Isuzu Chassis für Kleinbusse des Modells ELF 9.5, die in gas- oder elektrobetriebene Busse eingebaut werden sollen.

Autonomes Fahren: Es wird getestet

Autonomes Fahren wird in Russland bereits erprobt. Die Agentur für strategische Initiativen (ASI) entwickelt eine Service-Plattform, die den Verkehr selbstfahrender Fahrzeuge regeln soll. Die Modelle Gazel Next und Hyundai werden mit Autopilot-Systemen ausgerüstet.

Kamaz erforscht zusammen mit dem Forschungsinstitut NAMI, der Firma Cognitive Technologies und der russischen Internet-Suchmaschine Yandex Lösungen zur Distanzerkennung, zum autonomen Bremsen und automatischen Einsatz des Autopiloten im Notfall. Ein führerloses Lkw-Pilotmodell erkennt mehr als 40 Straßenzeichen und orientiert sich an Fahrbahnmarkierungen. Autonom fahrende Lkw und Busse sollen ab 2018 testweise und ab 2025 in Serie produziert werden.

Rahmenbedingungen verbessern sich

Der Ausbau der Elektromobilität kann nur so schnell voranschreiten, wie es die vorhandene Infrastruktur zulässt. Der Stromversorger Rosseti will ein Netz von Aufladestationen in Russland errichten. Neben den Metropolen Moskau, Sankt Petersburg oder Jekaterinburg sollen auch in kleineren Städten in insgesamt 77 Regionen Ladeterminals entstehen. In Moskau gibt es bereits 130 Stationen des Typs Fora-AC mit Ladezeiten von mehreren Stunden. Das neuere Modell Fora-DC benötigt dafür rund 30 Min. Bis Ende 2017 sollen 70 weitere Stationen hinzu kommen.

Die russische Regierung hat den Handlungsbedarf beim Thema Elektromobilität erkannt und unterstützt deren Ausbau im Rahmen der Initiative "AutoNet" mit 600 Mio. Rubel. Die russische Verkehrsgesetzgebung definiert mittlerweile die Begriffe "Elektromobil" und "Hybridauto". Tankstellen, die mit Ladestationen für Elektroautos ausgestattet sind, sollen speziell gekennzeichnet werden. Auch Ladestationen, die heute am Straßenrand in Moskau zu finden sind, werden markiert. So soll vermieden werden, dass diese von parkenden Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren blockiert werden.

(HJW)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Straßenfahrzeuge, allgemein, Elektromobilität, Digitalisierung

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