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30.01.2017

Argentinien hat Nachholbedarf bei Digitalisierung

Große Rationalisierungspotenziale / Beschleunigter Ausbau der Infrastruktur / Geplante Zollsenkung verbilligt Computerkäufe / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentinien bietet gute Voraussetzungen für eine stärkere Digitalisierung seiner Wirtschaft. Die Regierung erwartet hohe Investitionen in die Modernisierung der IKT-Infrastruktur. Rasche Fortschritte bei der Digitalisierung könnten erhebliche Rationalisierungspotenziale erschließen. Langfristig könnten dadurch mehr als 60% der Arbeitsplätze wegfallen, mehr als im Durchschnitt der OECD-Länder, ergab eine Weltbankstudie. IKT-Fachkräfte sind allerdings knapp.

Eine relativ hohe Marktdurchdringung mit Basisdiensten der Kommunikation bietet in Argentinien einen guten Ausgangspunkt für die Entwicklung der digitalen Wirtschaft. Auf 100 Einwohner kommen 146 Mobilfunkanschlüsse, fast die Hälfte der Bevölkerung verfügt über ein Smartphone. 54% der Haushalte haben einen Breitbandanschluss, 74% nutzen Bezahlfernsehen per Kabel oder Satellit.

Die Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnik ist jedoch veraltet, IKT-Dienste sind im Vergleich zu Nachbarländern teuer und schlecht zugleich. Die Streaminggeschwindigkeiten der argentinischen Internetprovider sind mit durchschnittlich 2,56 Mbps gemäß Vergleichsdaten des Film- und Serienportals Netflix zusammen mit Paraguay die langsamsten in Südamerika (zum Vergleich: Deutschland 3,71 Mbps; USA 3,54; Chile 3,24; Brasilien 2,71).

IKT-Infrastruktur erneuerungsbedürftig

Ähnlich schwach und teuer ist bisher das Angebot an IKT-Ausrüstungen. Argentinien gehört zu den Ländern mit den höchsten Kosten für Notebooks, Tablets und Smartphones. An jedem Wochenende bilden sich lange Autoschlangen auf den Passtrassen nach Chile, weil die Argentinier zu Tausenden in das Nachbarland reisen, um sich dort mit preiswerten Technologieartikeln einzudecken. In Argentinien seien Computer und Smartphones um bis zu 130% teurer als in Chile, kalkuliert das Beratungsunternehmen Integrago. Argentinien sei für den Kauf von Technologieausrüstungen das teuerste Land auf dem amerikanischen Kontinent (http://integrago.com/noticias-estudio-dia-del-nino-trade-marketing.html). In einem weltweiten Preisvergleich des Onlinehändlers Linio.com liegt Argentinien auf Rang 58 unter 72 Ländern und gehört damit zum teuersten Viertel (https://www.linio.com.ar/sp/indice-precios-tecnologia-2016).

Die seit Ende 2015 vollzogene Importöffnung ermöglicht eine Modernisierung des digitalen Gerätebestandes. Bis dahin konnte man in Argentinien nicht einmal ein iPhone auf legalem Wege erwerben. Das begehrte Smartphone war lediglich auf dem Schwarzmarkt erhältlich, weil der Hersteller Apple sich weigerte, der Forderung der früheren argentinischen Regierung nach Montage der Handys im Land nachzukommen. Inzwischen kann man das iPhone auch in Argentinien ohne Probleme käuflich erwerben. Allerdings ist sein Preis laut Linio.com in Argentinien um 47% höher als in Deutschland.

Zum Jahreswechsel 2016/17 zeichnete sich in Argentinien ein kräftiger Preisrückgang für IKT-Artikel ab. Nachdem die Regierung angekündigt hat, dass die Einfuhrzölle von 35% auf Desktop-PC, Notebooks und Tablets Ende März 2017 abgeschafft werden, haben viele Händler die Preise bereits entsprechend reduziert, um ihre Lagerbestände abverkaufen zu können.

Auch das überfällige Upgrade der Infrastruktur kommt in Gang. Die Regierung von Präsident Macri erwartet im Durchschnitt des Zeitraums 2016 bis 2019 Investitionen von 5 Mrd. US$ pro Jahr in den Ausbau und die Modernisierung der Kommunikationsinfrastruktur (2015 waren lediglich 2 Mrd. US$ investiert worden). Vorrang haben der rasche Ausbau der 4G-Netze und eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet auch in ländlichen Gebieten.

Liberalisierung der Telekombranche

Zum Jahresbeginn 2017 erließ die argentinische Regierung neue Regeln zur Erhöhung des Wettbewerbs in der Telekommunikation. Die Deregulierung des Medienmarktes erlaubt künftig das Triple Play (Telefon, Daten und TV vom selben Anbieter) und tritt Investitionen der größten Player los. Das wird etwa dem Kabel-TV-Anbieter Cablevisión erlauben, mit einem eigenen 4G-Netz ins Mobilfunkgeschäft einzusteigen. Die Telekomunternehmen Telefónica und Telecom können künftig TV-Dienste anbieten, der Satelliten-TV-Anbieter DirectTV kann in das Internetgeschäft einsteigen. Die Konvergenz zum "Cuadruple Play" soll den Wettbewerb stärken und zu sinkenden Kosten führen.

In Argentinien sind rund 10 Mio. Telefon-Festnetzanschlüsse installiert. Ferner verfügt das Land über 61 Mio. Mobilfunkanschlüsse für knapp 44 Mio. Einwohner. Die staatliche Investitionsagentur AAICI erwartet Investitionen von 2 Mrd. US$ in die Verbesserung der Infrastruktur für Mobildienste. Bis zu 20.000 Mobilfunkmasten müssten landesweit installiert werden. Die Regierung setzt dabei auf den Marktzutritt von unabhängigen Infrastrukturbetreibern, die in Argentinien, anders als in vielen anderen Ländern, bisher nicht tätig sind. Mit dem Dekret 798/2016 hat die Regierung die Voraussetzungen geschaffen, staatseigene Immobilien und Liegenschaften für die Installation von Mobilfunkmasten zu nutzen.

Das Staatsunternehmen Arsat will gemeinsam mit privaten Partnern rund 300 Mio. US$ investieren, um das Internet vor allem in abgelegenen Gebieten schneller und billiger zu machen. Während Nutzer in Buenos Aires und anderen Großstädten 18 US$ für 1 MB zahlen, liegen die Kosten in ländlichen Gebieten bei 50 bis 100 US$, beklagt Arsat-Chef Rodrigo de Loredo. Entsprechend ist der Internetkonsum in den Großstädten 15 mal so hoch wie auf dem Land. In zwei Jahren sollen landesweit 1.300 Ortschaften an das Breitbandnetz angeschlossen werden, plant Arsat. Dazu will das Staatsunternehmen sein eigenes, 32.000 km langes Glasfaserkabelnetz einsetzen, das bisher nur zu etwa 30% aktiv genutzt wird. Arsat will seine Kapazitäten an lokale Internetprovider, Kooperativen, Gemeinden und KMU vermieten.

Das Potenzial zur Einsparung von Arbeitskräften durch Automatisierung sei in Argentinien höher als in 40 anderen untersuchten Schwellenländern, heißt es in der Weltbank-Studie "Digital Dividends" von 2016 (http://documents.worldbank.org/curated/en/896971468194972881/pdf/102725-PUB-Replacement-PUBLIC.pdf). Mehr als 60% der Arbeitsplätze seien "robotisierbar". Das ist nicht nur die höchste Quote in Schwellenländern, sondern liegt auch über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Dabei berücksichtigten die Weltbankexperten die relativ gute Entwicklung und die rasche Akzeptanz von digitalen Technologien in Argentinien im Vergleich zu anderen Schwellenländern sowie das relativ hohe Lohnniveau, das den ökonomischen Anreiz zur Automatisierung erhöht. Eine entsprechende Studie der Beratungsfirma Accenture kommt auf ein Automatisierungspotenzial von 49% der Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren.

IKT-Fachkräfte sind knapp

Während in vielen Branchen damit ein Abbau von Arbeitsplätzen droht, sind IKT-Fachkräfte knapp. In Argentinien arbeiten laut einer Erhebung der NGO ComunidadIT rund 398.000 Beschäftigte im IKT-Bereich (Daten für 2015). Davon sind 52,5% bei Anbietern von IKT-Diensten und -Produkten beschäftigt, die restlichen 47,5% arbeiten in den IKT-Abteilungen anderer Unternehmen. 58% der IKT-Beschäftigten sind Spezialisten für Software und IT-Dienste. Es herrsche ein Mangel an IKT-Facharbeitskräften, ergab die Studie. 2015 hätten von 12.000 offenen Stellen im IKT-Bereich 4.100 nicht besetzt werden können, weil es keine ausreichende Zahl von Absolventen entsprechender Ausbildungsgänge gebe.

(C.M.)

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Argentinien Zolltarif, -wert, -verfahren, Warenursprung, allgemein, Telekommunikationsdienste, Computer, -Hardware, Peripheriegeräte etc., Internetdienste, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Digitalisierung

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