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22.02.2017

Argentinien investiert in die Verbesserung der Infrastruktur

Inhalt

Infrastruktur oft veraltet / Public Private Partnership häufig vorgesehen / Chancen für deutsche Unternehmen / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentiniens Bauwirtschaft rutschte 2016 in ein tiefes Konjunkturtal (Wertschöpfung -10,6% in den ersten acht Monaten). Doch ein kräftiger Aufschwung für 2017 - und wahrscheinlich auch darüber hinaus - wird fest erwartet. Die neue Regierung hat alte Schuldenkonflikte gelöst und setzt auf eine stärkere Beteiligung der Privatwirtschaft an Infrastrukturprojekten. Der Investitionsbedarf liegt bei 240 Mrd. US$. Auch deutsche Unternehmen wittern große Chancen.

Die Baukonjunktur hat sich 2016 stark eingetrübt, dürfte sich aber 2017 deutlich beleben. In den ersten acht Monaten 2016 lag der vom Statistikamt Indec erhobene Indikator für Bauaktivität (ISAC) um 12,8% unter dem vergleichbaren Vorjahreswert. Eine Aufteilung nach Sparten wird von dem in einer Reform steckenden Indec derzeit nicht ausgewiesen. Seit Jahresmitte2016 zeichnet sich jedoch eine Besserung ab; in vier der letzten fünf Monate seit Mai 2016 verzeichnete der Construya-Index saisonbereinigt Zuwächse gegenüber dem Vormonat. Im Wahljahr 2017 (Teilwahlen zum Parlament im Oktober) sollen öffentliche Bauprojekte für stärkeren Auftrieb sorgen.

Straßenbau soll in öffentlich-privater Zusammenarbeit erfolgen

Argentinien hat großen Nachholbedarf beim Ausbau und bei der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur. Die neue Regierung hat einen Investitionsbedarf von 80 Mrd. US$ identifiziert, der sich wie folgt auf die wichtigsten Transportsparten verteilt:

Investitionsbedarf für die Verkehrsinfrastruktur (in Mrd. US$)
Bereich Investitionsbedarf in Mrd. US$ Anmerkungen
Straßen 48,0 43.000 km Straßen und Autobahnen (Bau und Konzessionen)
Eisenbahnen, Frachtverkehr 15,0 Landesweite Investitionen in die Erneuerung der Bahnnetze
Eisenbahnen, Passagierverkehr 8,5 Verbund der Netze im Großraum Buenos Aires
Rollendes Material 3,2 Erhaltung und Ausbau der Flotte
U-Bahn Buenos Aires 1,4 Eine neue Linie und Modernisierung von drei bestehenden Linien
Hafen Buenos Aires 1,5 Konzessionen für Ausbau und Modernisierung
Andere 5,6 Flughäfen, Häfen und Mobilität in anderen argentinischen Städten

Quelle: AAICI

Für den Straßenbau sind im Haushaltsentwurf der argentinischen Bundesregierung für 2017 bei der zuständigen Behörde Dirección Nacional de Vialidad Investitionen von rund 35 Mrd. arg$ eingeplant. Dazu kommen die Ausgaben der einzelnen Provinzen und Gemeinden, über die keine konsolidierten Angaben vorliegen. 2016 kam es bei vielen Projekten zu einem Stillstand, der mit Friktionen bei der Übergabe der Regierungsgeschäfte erklärt wurde. Nach Einschätzung der neuen Regierung waren bei vielen Aufträgen stark überhöhte Preise vereinbart worden, viele Projekte wurden neuverhandelt. Der landesweite Absatz von Asphalt ging in den ersten acht Monaten 2016 um 30% zurück. Seit dem dritten Quartal nahmen die Projekte indes wieder Fahrt auf, die öffentlichen Ausschreibungen zogen seit Jahresmitte sprunghaft an. So lag der Asphaltabsatz im August 2016 um 25% über dem gleichen Vorjahresmonat.

Der langfristige Straßenbauplan der Regierung sieht Investitionen von 28 Mrd. US$ bis 2028 vor. Davon sollen 12,5 Mrd. US$ auf die ersten vier Jahre entfallen. Vorgesehen ist in dieser ersten Phase der Bau von 2.800 km Autobahnen und 4.000 km sicherer Fernstraßen sowie die Erneuerung des Belags von 13.000 km Landstraßen.

Projekte für 20 Mrd. US$ sollen bis 2028 durch private Investoren durchgeführt werden (15.000 km). Die Regierung will dafür Mautkonzessionen mit 25 Jahren Laufzeit vergeben und den Betreibern Mindesteinnahmen garantieren.

Wichtigste Straßenbauprojekte
Projekt Investitionen Mio. US$ Bautermin
AU 3 (Buenos Aires - Azul) 912 2016/17
Brücke Santa Fé - Entre Rios 653 2018
Brücke Chaco - Corrientes 653 2018
AU 19 (Provinz Córdoba) 521 2016/17
AU 34 (Jujuy - Santa Fé - Santiago del Estero) 505 2016/17
AU 33 Buenos Aires - Sante Fé) 494 2017/18
Zufahrtstraße Bahia Blanca 700 k.A.

Quelle: AAICI

In der Stadt Buenos Aires soll eine 6,7 km lange vierspurige Autobahn entlang dem alten Hafen (Puerto Madero) gebaut werden, um die Autobahnen im Süden, Norden und Westen der Hauptstadt miteinander zu verbinden. 5,5 km der neuen Stadtautobahn sollen durch einen Tunnel gelegt werden. Die Ausschreibung des etwa 650 Mio. US$ teuren Projekts soll 2017 erfolgen.

Der Beginn der Ausschreibung für die seit langem geplante Tunnelverbindung zwischen Argentinien und Chile am Pass Agua Negra wird für April 2017 erwartet. Das Vorhaben soll einen entscheidenden Beitrag zu einer neuen Verbindung zwischen den Pazifik- und Atlantikküsten Südamerikas beisteuern. Die Vorqualifizierung der Unternehmen für den Entwurf und Bau des Projekts startete im Oktober 2016. Mit Investitionen von 1,6 Mrd. US$, finanziert durch die Interamerikanische Entwicklungsbank (IADB), soll ein circa 14 km langer Straßentunnel die argentinische Provinz San Juan mit dem chilenischen Hafen Coquimbo verbinden.

Viele Bahnstrecken veraltet und ungenutzt

Die Modernisierung der Eisenbahnen gehört schon seit einigen Jahren zu den Schwerpunkten der öffentlichen Investitionen in Argentinien. Nach einer Serie von schweren Unfällen stand zunächst die Erneuerung der Vorortzüge für den Personenverkehr im Großraum Buenos Aires im Vordergrund. Jetzt soll auch der Frachtbereich Ziel von hohen Investitionen im Bahnverkehr werden.

84% des Güterverkehrs erfolgen in Argentinien per Lkw, obwohl dieser nach Berechnung des Beratungsunternehmens Abeceb 75% teurer ist als der Bahntransport. Nur noch 5% des Gütertransports werden über die Schiene abgewickelt, kalkuliert die Regierung. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt auf den veralteten Gleisen bei lediglich 12 bis 15 km/h. Das soll sich ändern. In drei bis vier Jahren soll der Anteil der Schiene auf 10 bis 12% steigen und die Betriebsgeschwindigkeit deutlich erhöht werden.

Argentinien verfügt mit fast 30.000 km Gleisstrecken historisch über das größte Eisenbahnnetz Südamerikas. Die meisten Strecken liegen jedoch seit langem brach. Das Staatsunternehmen Administración de Infraestructuras Ferroviarias S.E. (Adifse), das die Eisenbahn-Infrastruktur verwaltet, will in den nächsten 20 Jahren 20.000 km Gleisstrecken modernisieren. Der langfristige Modernisierungs- und Ausbauplan für das Bahnnetz sieht bis 2035 Investitionen von 15 Mrd. US$ vor. Kurzfristige Priorität hat das Netz Belgrano Cargas, das den Norden Argentiniens mit den wichtigen Flusshäfen Rosario und Santa Fé verbindet. Für 1,66 Mrd. US$ sollen bis 2019 rund 1.600 km Gleisstrecken erneuert werden. Weitere 810 Mio. US$ sind für rollendes Material und andere Ausrüstungskäufe eingeplant. Die Finanzierung erfolgt durch Kredite chinesischer Banken, die jedoch nur bei Ausrüstungskäufen, nicht aber bei Bauaufträgen mit Vorteilen für chinesische Anbieter verbunden sein sollen.

Von 2018 bis 2023 soll die San-Martin-Linie von Buenos Aires zu den Anden für 1,6 Mrd. US$ auf 1.200 km Länge erneuert werden, von 2017 bis 2021 die Urquiza-Linie in den Nordosten Argentiniens (995 km, Investitionen 950 Mio. US$). Weitere 650 Mio. US$ sollen in die Erneuerung der Verbindung zwischen dem Tiefseehafen Bahia Blanca und der Andenprovinz Neuquén fließen. Diese Strecke gewinnt mit der Erschließung der Schiefergas und -ölvorkommen der Lagerstätte Vaca Muerta an Bedeutung. Über Ausschreibungen von Bahnprojekten informiert das Transportministerium unter https://www.adifse.com.ar/licitaciones.php.

Bahn und Metro sollen in Buenos Aires modernisiert werden

Ein besonders ehrgeiziges Projekt ist für die Modernisierung und Verbindung der verschiedenen Bahn- und U-Bahnnetze im Großraum Buenos Aires geplant. Durch den Bau zusätzlicher Verbindungen und Stationen soll ein Verbundnetz (Red de Expresos Regionales - RER) von 750 km Gleislänge mit 241 Stationen entstehen. Die verschiedenen Bahnstrecken, die sternförmig auf das Zentrum von Buenos Aires zulaufen, bisher jedoch an unterschiedlichen Bahnhöfen enden, sollen künftig in einem unterirdischen Bahnhof im Mittelpunkt der Hauptstadt miteinander verbunden werden. Für Argentiniens "Stuttgart 21" werden über eine Bauzeit von sieben Jahren Gesamtinvestitionen von 8,5 Mrd. US$ veranschlagt. Zur Ausschreibung kommen Stationen, Tunnel- und Gleisbauten, Unterführungen sowie die Elektrifizierung bestehender Strecken. Im Rahmen dieses Projekts soll auch die seit Jahren geplante Verlagerung der Sarmiento-Bahnlinie unter die Erde erfolgen. Im Oktober 2016 erfolgte der Beginn der Tunnelvortriebsarbeiten dieses Großprojekts, das rund 3 Mrd. US$ kosten soll. Weitere Investitionen in die Modernisierung und den Ausbau der U-Bahnen von Buenos Aires sollen in den nächsten sieben Jahren 1,4 Mrd. US$ erfordern. Schwerpunkt ist der Bau der neuen Linie F mit sieben Stationen.

In weiteren Bereichen der städtischen Mobilität stehen bis 2019 Investitionen von 940 Mio. US$ an. Ein Schwerpunkt ist der Bau von Eisenbahnunterführungen, um unsichere Bahnübergänge zu ersetzen und Zeit für die Verkehrsteilnehmer zu sparen. Aus dem selben Grund sollen einige Abschnitte von Bahnlinien durch Viadukte in die Höhe verlagert werden. Ein anderer Schwerpunkt ist der Ausbau von gesonderten Buskorridoren. Das Metrobus-System des Großraums Buenos Aires soll um vier zusätzliche Korridore ergänzt werden. Die guten Erfahrungen mit den Buskorridoren in der Hauptstadt sollen überdies in verschiedene Städte des Inlands exportiert werden (Posadas, Mendoza, Tucuman, Jujuy).

Hafenmodernisierungen geplant

Der Hafen von Buenos Aires soll durch ein PPP-Projekt für 1,5 Mrd. US$ modernisiert und erweitert werden. Die Regierung will dafür eine Konzession über 25 Jahre vergeben (bestehende Konzessionen laufen 2019 aus). Um die Effizienz zu erhöhen, sollen drei der fünf bestehenden Terminals geschlossen und die beiden verbleibenden Terminals entsprechend erweitert werden. Auf längere Sicht (2020 bis 2024) ist der Bau eines neuen Terminals für Kreuzfahrtschiffe vorgesehen. Weitere 425 Mio. US$ sollen im Zeitraum 2016 bis 2019 in die Modernisierung von anderen Häfen des Landes sowie in die Erhöhung der Sicherheit für den Schiffsverkehr investiert werden.

In den Häfen des Großraums Rosario (Provinz Santa Fé), wo fast 80% der argentinischen Agrarproduktion verschifft werden, wollen private Unternehmen in den nächsten vier Jahren rund 21 Mrd. arg$ (1,37 Mrd. US$) investieren. Die Nationalregierung hat gleichzeitig rund 10 Mrd. arg$ für die Anbindung der Häfen durch Straßen und Eisenbahnlinien zugesagt.

Modernisierungsbedarf bei Flughäfen

Die meisten Flughäfen Argentiniens werden von dem Privatunternehmen Aeropuertos Argentina 2000 betrieben (der Staat hält eine Kapitalbeteiligung von 15%). Dessen Muttergesellschaft Corporación América expandiert zudem kräftig in andere Länder Lateinamerikas und nach Europa. Die argentinische Gruppe, die sich als "größter privater Flughafenbetreiber der Welt" bezeichnet, hat bereits den Betrieb von 20 Flughäfen in Brasilien, Uruguay, Ecuador, Peru, Italien und Armenien übernommen. An den 33 Flughäfen, die sie in Argentinien betreibt, gehen laufende Modernisierungs- und Erweiterungsinvestitionen voran.

Die Investitionsagentur der argentinischen Regierung AAICI sieht für die nächsten Jahre einen Investitionsbedarf von 1,2 Mrd. US$ für die Verbesserung der Infrastruktur von 17 argentinischen Flughäfen. Etwa ein Drittel der Investitionen soll von privaten Investoren aufgebracht werden. Schwerpunkte sind der Ausbau der beiden Flughäfen der Hauptstadt Buenos Aires sowie die Verbesserung der Technologie für die Flugüberwachung und anderer Dienste für den Luftverkehr.

Investitionen in Trinkwasserversorgung und Kanalisation notwendig

Die neue Regierung erwartet bis 2022 Investitionen von 22 Mrd. US$ in den Ausbau von Trinkwasserversorgung und Kanalisation. Vor allem bei der Abwasserbehandlung besteht ein großer Rückstand gegenüber Nachbarländern wie Chile und Brasilien. Bis 2022 sollen 55.000 km neue Trinkwasserleitungen und 30.000 km Kanalisationsrohre gelegt werden. Bis 2019 sollen 100% aller Haushalte an die Trinkwasserversorgung und 75% an die Kanalisation angeschlossen sein.

Das für die Wasserversorgung des Großraums Buenos Aires zuständige Staatsunternehmen Aysa verfügt gemäß dem Haushaltsentwurf für 2017 über ein Investitionsbudget von 14,4 Mrd. arg$. Schwerpunkte der Investitionen von AySA sind die Trinkwasseraufbereitungsanlagen Paraná de las Palmas und Dock Sud, das Klärwerk Berazategui sowie Erschließungsarbeiten in den Bezirken der rasch wachsenden Städte Escobar und Pilar im Norden des Großraums Buenos Aires.

Die Wasserbaubehörde Enohsa sieht für 2017 Investitionen von 1,5 Mrd. arg$ in den Ausbau von Wasserversorgung und Kanalisation vor. Erfolgen soll dies zum größten Teil durch Zuschüsse an Provinzen und Gemeinden. Zu den wichtigsten Vorhaben zählen Wasserleitungen durch die Provinzen Chubut und Santa Cruz sowie der Bau eines Abwassersystems in Tucumán und einer Kläranlage in Mar del Plata.

Die staatliche Investitionsagentur AAICI sucht private Partner (Finanzierung und Betrieb) für den Bau von Wasserfernleitungen zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung in den Provinzen La Pampa und Catamarca (geplante Investitionen: 180 Mio. US$). Weitere 56 Mio. US$ sollen in die Modernisierung und den Ausbau der Kanalisation der Stadt Mendoza fließen.

Bewässerungsanlagen von landwirtschaftlichen Flächen sollen erweitert werden

Die neue Regierung strebt eine Ausweitung der Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen an. Die bewässerte Anbaufläche könne durch PPP-Projekte von 2,1 Mio. auf 6,2 Mio. ha erweitert werden, so die offizielle Schätzung. Die erforderlichen Investitionen in 45 Projekte in 15 Provinzen werden auf 18 Mrd. US$ veranschlagt. Für 2017 geplant ist die Ausschreibung von drei Projekten in den Provinzen Rio Negro, Chubut und Neuquén, die insgesamt 1,1 Mrd. US$ Investitionen in den Bau von Dämmen und Leitungen erfordern.

Abfallbehandlungsanlagen geplant

Die Baukammer Camarco kalkuliert den Bedarf an Investitionen in die Beseitigung und Behandlung von festen Abfällen in Argentiniens Kommunen für die kommenden zehn Jahre (2016 bis 2025) auf umgerechnet 6,8 Mrd. Euro. Allein in Buenos Aires fallen täglich rund 6.000 t Müll an. Konkret plant die Regierung den Bau von drei Stromkraftwerken in den Außenbezirken des Großraums Buenos Aires, die mit organischem Hausmüll und mit Klärschlamm befeuert werden sollen. Eine weitere solche Anlage soll mitten in der Hauptstadt installiert werden. Zudem ist der Bau von zwei Anlagen für die mechanische und biologische Abfallbehandlung geplant. Die veranschlagten Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 1,34 Mrd. US$. Ausschreibungen für entsprechende PPP-Projekte sind für das 1. Halbjahr 2017 angekündigt. Mit den genannten Maßnahmen soll erreicht werden, dass ab 2021 kein Abfall der Hauptstadt mehr auf den bereits stark ausgelasteten Mülldeponien im Umland vergraben werden muss.

Stromerzeugung muss ausgebaut werden

Argentinien muss in den nächsten zehn Jahren rund 35 Mrd. US in den Ausbau seiner Stromerzeugung investieren. Pro Jahr müssen rund 2.000 MW an zusätzlicher Stromerzeugungskapazität ans Netz gehen, um die um etwa 4% jährlich wachsende Stromnachfrage zu decken. Fast die Hälfte der neuen Kapazitäten soll aus erneuerbaren Energien kommen (10 GW), um deren Anteil an der Stromversorgung von 0,5% (2015) bis 2025 auf 20,0% zu erhöhen. Dies fordert das Ende 2015 mit einem großen politischen Konsens reformierte Gesetz 26.190 über erneuerbare Energien. Die Regierung erwartet bis 2025 Investitionen von 15 Mrd. US$ in die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen. Bei einer ersten Ausschreibung von 1.000 MW EE-Kapazität wurden Angebote für 6.600 MW eingereicht. Zugeschlagen wurden im Oktober 2016 rund 1.100 MW, überwiegend aus Wind- (700 MW) und Solarenergie (400 MW). Die Investoren boten für langfristige Lieferverträge überraschend niedrige Strompreise von durchschnittlich 69,5 US$ beziehungsweise als Minimum 49 US$ je MWh aus Wind sowie 76,2 US$ (Durchschnitt) und 59 US$ (Minimum) je MWh für Sonnenstrom.

Steuervorteile bei Produktion erneuerbarer Energien

Das reformierte EE-Gesetz sieht eine Reihe von Steuervorteilen für die Nutzung erneuerbarer Energien vor. Neben der beschleunigten Abschreibung von Ausrüstungen bei der Gewinnsteuer und einer frühzeitigen Rückerstattung der Mehrwertsteuer werden bis 2017 die erforderlichen Importe von Ausrüstungen von Zollabgaben befreit. Große Stromverbraucher (mehr als 300 kW) müssen ab dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes einen obligatorischen Anteil von erneuerbaren Energien an ihrem Stromverbrauch von 1% erreichen und diesen schrittweise (alle sechs Monate 1% zusätzlich) auf 8% erhöhen. Erfüllen sie diese Vorgabe nicht, werden Strafzahlungen fällig. Der aktualisierte Text des modifizierten Gesetzes 26.190 ist in spanischer Sprache unter http://www.infoleg.gob.ar/infolegInternet/anexos/120000-124999/123565/texact.htm abrufbar.

Um die Grundversorgung mit Strom sicherzustellen, sollen bis 2025 zwischen 5 und 7 MW aus der Installation von zusätzlichen Wärmekraftwerken bereitgestellt werden (geplante Investitionen 4,0 Mrd. bis 5,4 Mrd. US$). Dazu werden überwiegende große Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke mit mindestens 500 MW Kapazität je Anlage zur Ausschreibung kommen. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Bau von großen Wasserkraftwerken, die bis 2025 rund 3 GW an neuer Kapazität liefern sollen. Die vorgesehenen Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 10 Mrd. US$. Zu den wichtigsten geplanten Projekten zählen die Wasserkraftwerke Dr. Néstor Kirchner (vormals Cóndor Cliff) und Gobernador Jorge Cepernic (vormals La Barrancosa), ferner die Wasserkraftwerke Chihuidos, Los Blancos, Portezuelo del Viento, Potrero del Clavillo und Punta Negra. Während die Kirchner-Cepernic-Kraftwerke (Investitionen rund 3 Mrd. US$) durch Kredite aus China finanziert werden sollen, verhandelt die Regierung für den Bau von Chihuidos (2,2 Mrd. US$) über einen Milliardenkredit aus Russland. Die kleineren Wasserkraftanlagen Portezuelo del Viento (210 MW; 600 Mio. US$) und Potrero del Clavillo (123 MW; 700 Mio. US$) sollen Ende 2016 und im 1. Halbjahr 2017 zur Ausschreibung kommen.

Verhandlungen über neue Atomkraftwerke aus China und Russland

Argentinien verhandelt überdies über den Bau von neuen Atomkraftwerken mit chinesischen und russischen Partnern. Bereits fortgeschritten sind die Gespräche mit China, das schon 2017 mit dem Bau eines neuen AKW in Argentinien starten könnte. Priorität scheint für die neue Regierung auch die Weiterentwicklung des kleinen argentinischen Reaktormodells CAREM zu haben, das als potenzieller Exportschlager gesehen wird. Derzeit sucht die Regierung nach einem Finanzpartner, um im eigenen Land ein AKW mit 480 MW Leistung aus vier CAREM-Modulen á jeweils 120 MW zu bauen (Kosten rund 2,8 Mrd. US$).

Für den Ausbau des Hochspannungsleitungsnetzes (500 kV) sieht die Regierung "in den nächsten Jahren" einen Investitionsbedarf von 5 Mrd. US$, der durch PPP-Projekte gedeckt werden soll. Die Vereinigung der Stromerzeuger AGEERA hält bis 2035 den Bau von mehr als 10.000 km 500-kV-Leitungen für erforderlich. Die beiden Stromversorgungsunternehmen von Buenos Aires Edesur und Edenor kündigten nach der Anhebung der Stromtarife an, ihre Investitionen in die Verbesserung der prekären Verteilungsnetze wieder auszuweiten (geplant sind rund 500 Mio. US$).

4G-Netze werden ausgebaut

Argentiniens führende Telekom-Unternehmen weiten ihre Investitionen in den Aufbau ihrer 4G-Netze aus (geplante Investitionen: 2,5 Mrd. US$). Die Deregulierung des Medienmarktes erlaubt künftig das Triple Play (Telefon, Daten und TV vom selben Anbieter) und tritt Investitionen der größten Player los. Vor allem der dominierende Clarin-Konzern hat jetzt freie Fahrt für seine Expansion.

In Argentinien sind rund 10 Mio. Telefon-Festnetzanschlüsse installiert. Die beiden wichtigsten Festnetzbetreiber sind Telefónica Argentina und Telecom Argentina. Ferner verfügt das Land über 61 Mio. Mobilfunkanschlüsse; mit 141% der Bevölkerung ist der Deckungsgrad sehr hoch. Allerdings lässt die Qualität der mobilen Verbindungen stark zu wünschen übrig. Die staatliche Investitionsagentur AAICI sieht darum einen Bedarf für Investitionen von 2 Mrd. US$ in die Verbesserung der Infrastruktur für Mobildienste. Bis zu 20.000 Mobilfunkmasten müssten landesweit installiert werden. Die Regierung setzt dabei auf den Marktzutritt von unabhängigen Infrastrukturbetreibern, die in Argentinien, anders als in vielen anderen Ländern, bisher nicht tätig sind. Mit dem Dekret 798/2016 hat die Regierung die Voraussetzungen geschaffen, staatseigene Immobilien und Liegenschaften für die Installation von Mobilfunkmasten zu nutzen.

Investitionen in Internetausbau

Das Staatsunternehmen Arsat will gemeinsam mit privaten Partnern rund 300 Mio. US$ investieren, um das Internet vor allem in abgelegenen Gebieten schneller und billiger zu machen. In zwei Jahren sollen 1.200 Ortschaften an das Breitbandnetz angeschlossen werden. Dazu will Arsat sein eigenes, 32.000 km langes Glasfaserkabelnetz einsetzen, das bisher nur zu etwa 30% aktiv genutzt wird. Das Staatsunternehmen will seine Kapazitäten an lokale Internet-Provider, Kooperativen, Gemeinden und KMU vermieten.

Führende Mobilfunkanbieter sind Claro (América Móvil/AMX Argentina), Personal (Telecom Argentina) und Movistar (Telefónica) mit jeweils 32 bis 33% Marktanteil. Mit dem Erwerb des kleinen Anbieters Nextel (3% Marktanteil) hat auch die Clarin-Gruppe jetzt einen Fuß im Mobilgeschäft; spekuliert wird auch über eine mögliche Übernahme von Telecom Argentina durch Clarin.

Argentinien verfügt über ein großes Kabelfernsehnetz, an das rund 6 Mio. Haushalte angeschlossen sind. Weitere 2,5 Mio. Haushalte nutzen bezahltes Satellitenfernsehen. Führende Anbieter für Bezahlfernsehen sind Cablevisión (Clarin-Gruppe; 40% Marktanteil), Direct TV (27%) und Telecentro (7%). Der Rest wird von Supercanal, Red Intercable sowie rund 700 kleinen Kooperativen abgedeckt.

Viele öffentliche Investitionsprojekte geplant

Der Haushaltsentwurf der Nationalregierung für 2017 sieht einen Anstieg der Investitionen um 39% vor. Damit sollen die Investitionen 2017 fast doppelt so stark wachsen wie die laufenden Ausgaben (+21%). Nach der Lösung der Schuldenkonflikte mit Altgläubigern aus dem Staatsbankrott von 2001 hat Argentinien wieder einen flüssigen Zugang zum internationalen Kapitalmarkt sowie zu Krediten multilateraler Kreditgeber. Der Haushaltsgesetzentwurf sieht eine Ermächtigung der Regierung zur Aufnahme von Krediten über umgerechnet bis zu 75 Mrd. Euro vor. Ferner wird die Regierung ermächtigt, umfangreiche Bürgschaften für besondere Projekte zu übernehmen, die durch andere Gebietskörperschaften, öffentliche Treuhandfonds oder durch staatliche Unternehmen durchgeführt werden sollen. Dazu gehören der Bau von Wasser- und Atomkraftkraftwerken, Eisenbahnlinien, Gasfernleitungen, die Wohnungsbauförderung, diverse Vorhaben der Wasserwirtschaft sowie Projekte zur Nutzung von Wind- und Sonnenenergie (Einzelheiten unter http://www.economia.gob.ar/onp/html/presutexto/proy2017/ley/pdf/planillas_anexas/capitulo1/avales.pdf).

Eine Auflistung von öffentlichen Investitionsprojekten, deren Durchführung sich über mehrere Haushaltsperioden erstreckt, kann unter http://www.economia.gob.ar/onp/html/presutexto/proy2017/ley/pdf/planillas_anexas/capitulo1/anexa11.pdf abgerufen werden.

Private Beteiligung bei Infrastrukturprojekten notwendig

Angesichts der knappen Staatskasse und des hohen Nachholbedarfs beim Ausbau der Infrastruktur legt die neue Regierung großen Wert auf die Beteiligung privaten Kapitals und öffentlich-privater Partnerschaften an Infrastrukturinvestitionen. Das könnte auch deutschen Unternehmen gute Chancen eröffnen, etwa den Entwicklern und Betreibern von Windparks oder von Projekten der städtischen Mobilität. Im argentinischen Parlament ist eine Reform der gesetzlichen Rahmenbedingungen für PPP-Projekte in Arbeit, die den Investoren attraktivere Konditionen und vor allem größere Rechtsicherheit geben soll. Bei einer staatlichen Ausschreibung für den Ankauf von 1.000 MW Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien (Renovar) hat die Regierung Garantien der Weltbank für die Erfüllung der Verträge aushandeln können. Der Erfolg dieser Ausschreibung, bei der Gesamtangebote von insgesamt 6.300 MW in 123 Projekten abgegeben wurden, wird als Paradebeispiel für die neue Dynamik der öffentlich-privaten Zusammenarbeit in Argentinien angeführt. Die Baukammer Camarco kalkuliert, dass die bisher geringen privaten Investitionen in die Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren etwa 2,5% des BIP erreichen müssen.

Die Regierung der autonomen Stadt Buenos Aires plant in ihrem Haushalt für 2017 einen Anstieg der Investitionen um 48% auf 32,5 Mrd. arg$ in den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur. Schwerpunkte der geplanten Investitionen sind Mobilität und Verkehr, insbesondere die Modernisierung und der Ausbau des U-Bahn-Netzes, die Urbanisierung von Elendsvierteln und der soziale Wohnungsbau, Infrastruktur für Krankenhäuser und Schulen, Kanalbauten zur Vermeidung von Überschwemmungen sowie der Bau des olympischen Dorfes für die Olympischen Jugendspiele 2018.

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau, Straßen-, Brücken- und Tunnelbau, Kraftwerksbau, Deponie und Abfallaufbereitungsbau, Flughafenbau, Wasser-, Hafenbau, Kläranlagenbau

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