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07.06.2017

Argentinien modernisiert

Aufholjagd am Boden und am Himmel / Investitionen bis zu 200 Mrd. US$ geplant / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentiniens Regierung hat ein ehrgeiziges Programm zur Verbesserung der Infrastruktur auf den Weg gebracht. Zu den Schwerpunkten gehören die Modernisierung von Straßen und Bahnen sowie der Ausbau von Wasserversorgung und Kanalisation. Ein großer Teil der Vorhaben soll mit Beteiligung privater Investoren gestemmt werden. Deutsche Zulieferer sind gefragt, müssen aber mit den Preisen und Finanzierungsangeboten chinesischer Wettbewerber konkurrieren.

Argentiniens Infrastruktur hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten wenig entwickelt. Die entsprechenden Investitionen erreichten mit etwa 2% des Bruttoinlandsprodukts nicht einmal die Hälfte des nach Einschätzung von Ökonomen erforderlichen Umfangs (5 bis 6% des BIP). Im globalen Ranking des Weltwirtschaftsforums liegt Argentinien bei der "allgemeinen Qualität der Infrastruktur" gerade einmal auf Rang 109 unter 138 Ländern.

Die Macri-Regierung hat nun eine Aufholjagd zur Modernisierung der Infrastruktur gestartet. Privaten Betreibern und Investoren werden größere Beteiligungsmöglichkeiten eingeräumt. Gleichzeitig hat die Regierung die Transparenz bei öffentlichen Entscheidungs- und Vergabeprozessen erhöht. Ausschreibungsunterlagen werden meist kostenlos im Internet veröffentlicht. Bis Ende 2017 sollen praktisch alle Ausschreibungsprozesse, einschließlich der Auftragsvergabe, vollständig über das Internet abgewickelt werden.

Grünes Licht für Verkehrsprojekte

Besonders groß ist der Nachholbedarf beim Ausbau und bei der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur. So verfügt Argentinien zwar über das größte Eisenbahnnetz Lateinamerikas. Die meisten Strecken sind jedoch stillgelegt oder kaum benutzbar. Ähnlich ist die Lage bei den Straßen, die größtenteils in schlechtem Zustand sind.

Der Straßenbauplan der Regierung sieht Investitionen von 35 Mrd. US$ bis 2027 vor (davon 13 Mrd. in den ersten 4 Jahren). 20 Mrd. US$ sollen von privaten Investoren aufgebracht werden. Die Regierung will dafür Mautkonzessionen mit 25 Jahren Laufzeit vergeben und den Betreibern Mindesteinnahmen garantieren. In einer ersten Phase sind der Bau von 2.800 km Autobahnen und 2.000 km Fernstraßen sowie die Erneuerung des Belags von 2.000 km Landstraßen geplant. Die Ausschreibungen sollen in der zweiten Jahreshälfte 2017 starten.

Investitionsbedarf für die Verkehrsinfrastruktur (in Mrd. US$)
Bereich Investitionsbedarf in Mrd. US$ Anmerkungen
Straßen 55 43.000 km Straßen und Autobahnen (Bau und Konzessionen)
Eisenbahnen, Frachtverkehr 16 Landesweite Investitionen in Erneuerung der Bahnnetze
Eisenbahnen, Passagierverkehr 8,5 Verbund der Netze im Großraum Buenos Aires
Brücken und Tunnel 4,1 Verbindungswege zwischen Atlantik und Pazifik
Rollendes Material 3,2 Erhaltung und Ausbau der Flotte
Hafen Buenos Aires 1,5 Konzessionen für Ausbau und Modernisierung
U-Bahn Buenos Aires 1,4 Neue Linie und Modernisierung von drei bestehenden Linien
Andere 5,6 Flughäfen, Häfen und Mobilität in anderen argentinischen Städten
Gesamt 95,3

Quelle: Staatliche Investitionsagentur Argentiniens AAICI

Ein Hauptschwerpunkt der Verkehrspolitik ist die Reaktivierung und Modernisierung der Eisenbahnen für den Gütertransport und für den Personennahverkehr. Kurzfristige Priorität hat das Netz Belgrano Cargas, das den exportstarken Norden und Nordwesten Argentiniens mit den wichtigen Flusshäfen am Paraná-Fluss verbindet. Da die erste Ausbauphase (2,5 Mrd. US$) durch chinesische Kredite finanziert wird, genießen Anbieter aus China bei den Ausschreibungen einen Startvorteil, bei einigen Komponenten sogar ein exklusives Vorrecht für die Lieferung.

Argentiniens "Stuttgart 21"

Das größte Nahverkehrsprojekt ist der Ausbau der Bahnen und U-Bahnen im Großraum Buenos Aires. Durch den Bau zusätzlicher Gleise, Stationen und Verbindungen soll ein Verbundnetz von 750 km Gleislänge mit 241 Stationen entstehen. Die verschiedenen Bahnstrecken, die sternförmig auf das Zentrum von Buenos Aires zulaufen, bisher jedoch an unterschiedlichen Bahnhöfen enden, sollen künftig in einem neu zu bauenden unterirdischen Bahnhof im Zentrum der Hauptstadt miteinander verbunden werden.

Zur Ausschreibung kommen Stationen, Tunnel- und Gleisbauten, Unterführungen sowie die Elektrifizierung bestehender Strecken. Die Kosten für das Großprojekt am Río de la Plata werden auf 8,5 Mrd. US$ veranschlagt. Weitere 3 Mrd. US$ entfallen auf die Anschaffung von rollendem Material. Auch hier sind chinesische Anbieter mit eigener, billiger Finanzierung im Vorteil. Doch deutsche Zulieferer wie Siemens oder der Tunnelbauspezialist Herrenknecht rechnen sich ebenfalls Chancen aus.

Auftrieb für private Flughäfen

Nachholbedarf besteht auch beim Ausbau der Flughäfen, der die Öffnung des inländischen Luftverkehrs für neue Anbieter begleiten muss. Ziel ist eine Verdoppelung des inländischen Passagieraufkommens auf 20 Mio. Fluggäste im Jahr 2020. Die staatliche Investitionsförderagentur AAICI sieht für die nächsten Jahre einen Investitionsbedarf von 1,2 Mrd. US$ für die Verbesserung der Infrastruktur von 17 argentinischen Flughäfen. Rund 28% der Investitionen sollen von privaten Investoren aufgebracht werden. Die meisten Flughäfen Argentiniens werden von dem Privatunternehmen Aeropuertos Argentina 2000 (Corporación América) betrieben.

Der Hafen von Buenos Aires soll durch ein PPP-Projekt für 1,5 Mrd. US$ modernisiert und erweitert werden. Die Regierung will dafür eine Konzession über 25 Jahre vergeben. In den Flusshäfen des Großraums Rosario (Provinz Santa Fé), wo fast 80% der argentinischen Agrarexporte verschifft werden, wollen private Unternehmen in den nächsten vier Jahren rund 1,4 Mrd. US$ investieren. Die Regierung hat begleitende Investitionen in die Anbindung der Häfen durch Straßen und Eisenbahnlinien zugesagt. Mit Uruguay wurde die überfällige Ausbaggerung des Flusses Río de la Plata vereinbart.

85.000 km neue Rohre

Der Nationale Wasserplan der Regierung sieht bis 2022 Investitionen von 22 Mrd. US$ in den Ausbau von Trinkwasserversorgung und Kanalisation vor, zum Teil unter Beteiligung privater Investoren. Bis 2022 sollen 55.000 km neue Trinkwasserleitungen und 30.000 km Kanalisationsrohre gelegt werden. Der Anteil der an die Kanalisation angeschlossenen Haushalte soll bis 2019 von 58% auf 75% steigen, die Versorgung mit Trinkwasser (2015: 84%) soll bis dahin 100% erreichen.

Zu den Investitionsschwerpunkten der Stadt Buenos Aires gehören die Urbanisierung von Elendsvierteln und der soziale Wohnungsbau. Mit dem Verkauf staatlicher Immobilien in besten Lagen will die Stadtregierung privaten Investoren Raum für städtebauliche Großprojekte schaffen. Die Erlöse sollen teilweise in die Integration und Aufwertung von bisherigen Elendsvierteln fließen. So will die Stadt zum Beispiel ihr Bildungsministerium in das älteste Armenquartier, die "Villa 31", am Ende der Prachtstraße 9 de Julio verlagern.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Argentinien finden Sie unter http://www.gtai.de/argentinien .

Ausführliche Informationen zum Ausbau der argentinischen Infrastruktur in vielen Sektoren finden Sie unter http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Trends/Infrastruktur/Land-Argentinien/trend-land-argentinien.html .

(C.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau, Straßen-, Brücken- und Tunnelbau, Flughafenbau, Wasser-, Hafenbau, Kläranlagenbau

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