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28.06.2017

Argentiniens grüner Motor

Blitz-Comeback für Exportklassiker Fleisch und Getreide / Einsatz von Technologie steigt / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Kein anderer Wirtschaftszweig hat so schnell und so positiv auf die geänderten Rahmenbedingungen unter der seit Ende 2015 amtierenden Macri-Regierung reagiert wie die Landwirtschaft. Die Abschaffung der Exportsteuern und anderer Ausfuhrhemmnisse hat zusammen mit der Freigabe des Devisen- und Kapitalverkehrs einen neuen Aufschwung in Argentiniens exportstärkstem Sektor eingeläutet. Rund um das Agrargeschäft bieten sich auch deutschen Zulieferern gute Absatzchancen.

Schon in seiner wirtschaftlichen Glanzzeit zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als Argentinien gemessen am Pro-Kopf-Einkommen noch zu den reichsten Ländern der Erde zählte, erzielte das Pampaland seinen Wohlstand vornehmlich aus der Landwirtschaft. Die Macri-Regierung will daran anknüpfen und einen neuen Agrarboom entfesseln. Die hohen Exportsteuern auf Agrarprodukte wurden beseitigt, auch die mengenmäßigen Beschränkungen der Ausfuhr sind aufgehoben.

Lediglich die Steuer auf die Sojaausfuhr verblieb vorerst auf 30% und soll nun schrittweise um 5 Prozentpunkte pro Jahr sinken. Dies soll die Dominanz des Sojaanbaus reduzieren und dem unerwünschten Trend zu einer Monokultur Einhalt gebieten. Soja hatte in den letzten 15 Jahren nicht nur den Anbau von anderen Kulturen wie Weizen und Mais verdrängt, sondern auch die Viehwirtschaft von angestammten Weideflächen vertrieben.

Weizen und Fleisch holen auf

Nun holen Argentiniens Exportklassiker wieder auf. Der Umsatz der Weizenindustrie, die zeitweise nicht einmal mehr den Inlandsbedarf decken konnte, stieg in der Anbauperiode 2016/17 um 70% auf Dollarbasis. Im Rindfleischexport war Argentinien mit einem Rückgang um mehr als zwei Drittel in den letzten zehn Jahren selbst hinter die viel kleineren Nachbarländern Paraguay und Uruguay zurückgefallen. Der ehemals wichtigste Fleischexporteur des Globus gehörte zuletzt nicht einmal mehr zu den Top Ten der Branche. Doch nun kommen argentinische Steaks zurück auf die Märkte. Der Fleischexport lag im 1. Quartal 2017 um 32% über dem Vorjahr, gleichzeitig nimmt der Viehbestand wieder zu (+1,4% gegenüber dem Vorjahr auf 53,4 Mio. Rinder).

Landwirtschaftliche Produktion1) in Argentinien (in Mio. t)
Jahr Produktion
2008 93,6
2010 91,7
2012 86,8
2014 96,1
2016 107,9
2017 2) 122,2
2018 2) 126,5

1) Soja, Mais, Weizen, Sonnenblumenkerne, Hirse, Braugerste; 2) Prognose

Quelle: FIEL (Fundación de Investigaciones Económicas Latinoamericanas)

Zwar trägt der Agrarsektor direkt lediglich 7% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Doch unter Einschluss der vor- und nachgeschalteten Wertschöpfungsketten sowie Zulieferern wie Agrarchemie, Maschinenbau und Transportwirtschaft hängt rund ein Drittel aller Arbeitsplätze in Argentinien direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab, schätzen Fachleute. Nahrungsmittel und andere Agrarprodukte erbringen allein zwei Drittel der argentinischen Gesamtausfuhr. Gemäß offiziellen Schätzungen erwartet Argentinien in der laufenden Anbauperiode 2016/17 eine Rekordernte von 130 Mio. t Getreide und Ölsaaten.

Sprit und Nahrung für die Welt

Schon heute kann Argentinien 400 Millionen Menschen und damit das Zehnfache der eigenen Bevölkerung ernähren. In den nächsten fünf Jahren könnte sich nach Schätzung des Agrarministeriums der Ausstoß der argentinischen Landwirtschaft um 50% erhöhen. Argentinien ist hinter den USA und Brasilien der drittgrößte Produzent von Sojabohnen und heute bereits Weltmarktführer im Export von Sojaöl und -mehl. Nicht nur Fleisch und Getreide sind Exportschlager. Auch bei Zitronen, Birnen, Honig, Oliven und Erdnüssen ist Argentinien Spitze. Argentiniens Landwirte sind gleichsam Energieerzeuger. Bei Produktion und Export von Biodiesel aus Sojabohnen zählt Argentinien zu den Top-Ländern.

Unter den verbesserten Rahmenbedingungen lohnt sich ein höherer Einsatz von Technologie. Der Düngemitteleinsatz stieg in der jüngsten Anbauperiode nach Erhebungen der Universität von Buenos Aires je nach Produkt und Anbaukultur um 8 bis 16%, die Düngerimporte legten 2016 um ein Drittel zu. Der Absatz von Mähdreschern stieg 2016 bei rascher Zunahme der Importquote um 54% und startete auch 2017 mit hohen Zuwächsen (+25% im 1. Quartal). Das Wachstum der Traktorverkäufe beschleunigte sich 2017 bis März auf 75%. Deutsche Zulieferer von Landtechnik und Agrarchemie profitieren ebenso wie die Kfz-Hersteller, deren Lkw und Pick-ups steigende Nachfrage verzeichnen.

Vom Gaucho zum Hightechnerd

Das erwartete Produktionswachstum um 50% in den nächsten fünf Jahren wird nicht nur durch eine Ausweitung der Anbauflächen, sondern mehr noch durch Steigerungen der Produktivität erzielt werden, schätzt das Beratungsunternehmen Bain & Company. Eine entscheidende Rolle wird dabei die rasch fortschreitende Digitalisierung der Agrarproduktion spielen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird in Argentinien nahezu vollständig durch Satelliten gesteuert.

Auch in der Biotechnologie ist Argentinien führend. 15% des globalen Anbaus von genveränderten Kulturen entfällt allein auf Argentinien. 90% des Ackerlands werden ohne Bodenbearbeitung bewirtschaftet (Direktsaat). Argentiniens Landwirte repräsentieren eine neue Generation: Jung, gebildet und technologieaffin. 45% der Farmer sind jünger als 45 Jahre, 48% haben einen Universitätsabschluss, bei Großproduzenten steigt diese Quote gar auf 88%.

Vertrieb und Logistik treiben Preise in die Höhe

Großes Potential sehen Fachleute im Ausbau der Bewässerung von landwirtschaftlichen Anbauflächen. Mit Beteiligung privater Investoren soll die bewässerte Fläche von 2,1 Mio. auf 6,2 Mio. ha erweitert werden, so die Regierungspläne. Viele der erforderlichen Maßnahmen sollen in Form von PPP-Projekten oder durch BOT-Verträge realisiert werden. Private Entwicklungsgesellschaften sollen von der durch Bewässerung erreichten Wertsteigerung der Anbauflächen profitieren.

Sorgen bereitet der Agroindustrie der teure Peso, der die Konkurrenzfähigkeit argentinischer Erzeugnisse auf den Auslandsmärkten schmälert. Beispiel ist die Weinbranche, die sich trotz höchster Qualität derzeit gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt schwer tut. "Argentinischer Wein ist derzeit dreimal so teuer wie ein Bordeaux", sagt der führende deutsche Winzer Heinrich Vollmer, der auch in Argentinien ein Weingut betreibt. Ein strukturelles Problem sind die hohen Kosten der Logistik und Ineffizienzen in den Vertriebsketten, die Argentiniens Erzeugnisse auch für den inländischen Verbraucher verteuern. Anders sind die hohen Preise etwa für Obst oder für Milcherzeugnisse in argentinischen Supermärkten kaum zu erklären. Auf dem Weg vom Acker bis zum Supermarkt verteuern sich die Agrarprodukte um den Faktor 5,3 errechnete die Wirtschaftskammer Came.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Argentinien finden Sie unter http://www.gtai.de/argentinien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Pflanzenproduktion, Land- und Forstwirtschaftsmaschinen, Tierproduktion

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