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18.08.2017

Argentiniens Stahlindustrie heizt die Öfen an

Binnennachfrage in wichtigen Abnehmersektoren springt an / Stahlimporte steigen um 57 Prozent / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentiniens Stahlindustrie erlebt einen kräftigen Aufschwung. Der Inlandsabsatz wird 2017 und 2018 zweistellige Zuwachsraten verzeichnen, erwarten Branchenvertreter. Die Hersteller investieren laufend in die Optimierung ihrer Prozesse und die Senkung der Kosten. Mitte 2017 ging zudem erstmals seit 40 Jahren wieder ein komplettes Stahlwerk neu in Betrieb. Argentiniens führender Stahlkonzern Ternium (Techint-Gruppe) expandiert gleichzeitig in anderen Ländern Lateinamerikas.

Nach einer schwachen Entwicklung in den Vorjahren erlebt Argentiniens Stahlindustrie eine rasante Erholung. Die Produktion von Rohstahl stieg im 1. Halbjahr 2017 um 8,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Monat für Monat beschleunigt sich das Wachstum. Im Gesamtjahr 2017 wird die Stahlproduktion zweistellig um bis zu 14 Prozent expandieren, lauten die Schätzungen. Im Vorjahr kochte Argentinien 4,126 Millionen t Stahl, 2017 könnten es 4,7 Millionen t werden.

Der führende Branchenkonzern Ternium rechnet für 2017 und 2018 mit einem realen Wachstum der inländischen Stahlnachfrage um jeweils 10 Prozent. Ursache für die gute Entwicklung der Binnennachfrage ist der Aufschwung in wichtigen Abnehmerbranchen. Vor allem die Bauindustrie, die Landwirtschaft und der Landmaschinenbau verzeichnen 2017 ein starkes Wachstum. Auch die Kfz-Produktion kommt allmählich wieder in Fahrt. Gleichzeitig steigen die Investitionen in der argentinischen Erdöl- und -gasindustrie. Etwa die Hälfte der lokalen Stahlproduktion geht an die Bauwirtschaft, 35 Prozent an die verarbeitende Industrie, der Rest an die Landwirtschaft sowie an die Öl- und Gasförderung. Allein der Absatz von Betonstahl stieg im 1. Hj. 2017 um 22 Prozent.

Auch die Importe steigen rasant. Im 1. Hj. 2017 lag die Einfuhr von Eisen und Stahl (HS 72) auf Dollarbasis um 57 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert (Gesamtimport 2016: 656 Millionen US$). Die Importe von Erzeugnissen aus Eisen und Stahl (HS 73) legten um 7 Prozent zu (2016: 777 Millionen US$). Insgesamt stiegen die Importe von Metallen und Metallerzeugnissen im 1. Hj. um 17 Prozent. Rückläufig war der Import von Fertigprodukten (HS 82 und 83), deren Einfuhrwert um 3 Prozent abnahm (gesamt 2016: 570 Millionen US$).

Importkonkurrenz könnte Kosten drücken

Abnehmerindustrien wie die Kfz-Hersteller kritisieren immer wieder die hohen Kosten des lokalen Stahls und machen dafür Protektionismus gegen Importe sowie fehlenden Wettbewerb auf dem Inlandsmarkt verantwortlich. Auf Auslandsmärkten sind argentinische Stahlproduzenten nur begrenzt wettbewerbsfähig. So liefert der führende lokale Hersteller von Langstählen Acindar, eine Tochter des Arcelor-Mittal-Konzerns, fast seinen gesamten Ausstoß an den Inlandsmarkt. Lediglich 5 Prozent gehen in den Export (vor einigen Jahren waren es noch 15 Prozent).

Acindar klagt seinerseits über eine zunehmende Importkonkurrenz. Die argentinischen Wettbewerbsbehörden hatten in der Vergangenheit mehrfach Anti-Dumping-Zölle gegen Stahlimporte verhängt. Die meisten Schutzmaßnahmen sind jedoch bereits vor Jahren ausgelaufen. Derzeit werden Dumpingklagen gegen die Einfuhr von Stahlröhren für den Pipelinebau aus der VR China geprüft.

Insgesamt gehört die Stahlindustrie dennoch zu den wettbewerbsfähigsten Industriezweigen Argentiniens, konstatiert das Beratungsunternehmen Abeceb. Pluspunkte seien hohe Produktionsskalen, gute Arbeitskräfte und die starke Kapitalisierung der Unternehmen. Das internationale Vorzeigeunternehmen der Branche ist der Konzern Techint mit seinen Töchtern Ternium und Tenaris. Der von der argentinisch-italienischen Familie Rocca dominierte Konzern gehört zu den wenigen argentinischen Unternehmen, die eine ausgeprägte Internationalisierung ihrer Aktivitäten erreicht haben.

Argentinischer Stahlmulti expandiert

Argentiniens größtes Stahlunternehmen, Ternium, ist im Ausland stärker präsent als im Land selbst. Die 16 Ternium-Werke in Argentinien, Kolumbien, USA, Guatemala und Mexiko haben eine Gesamtkapazität für 10,8 Millionen t Stahlprodukte. Im Frühjahr 2017 vereinbarte Ternium in Brasilien für 1,6 Milliarden US$ die Übernahme des Stahlproduzenten Companhia Siderúrgica do Atlântico (CSA) von Thyssenkrupp. Der deutsche Konzern beendete damit sein Geschäft auf dem amerikanischen Kontinent, während die Argentinier in idealer Weise ihr Geschäft in Mexiko und den USA ergänzen können. Anfang August 2017 erteilte die brasilianische Kartellaufsicht ihre Zustimmung zu dem Deal.

Der ebenfalls zur Techint-Gruppe gehörende Hersteller Tenaris Siderca ist einer der weltweit führenden Hersteller und Exporteure von nahtlosen Stahlrohren für die Öl- und Gasindustrie. 70 Prozent der Produktion gehen in den Export. Derzeit kommen allerdings auch wichtige Impulse vom Inlandsmarkt. Die Erschließung des Schieferöl- und -gasgebietes Vaca Muerta in Patagonien treibe die Nachfrage an, sagte der Tenaris-Chef für die Region Cono Sur, Javier Martínez Álvarez. Auch in anderen Industriezweigen sei eine Erholung zu beobachten. 2017 werde die Produktion um 70 Prozent auf 700.000 t steigen, so Martínez Álvarez. Allein im Juli wurden 70.000 produziert. Ein solches Volumen sei seit dem Ende des Ölbooms Mitte 2014 nicht mehr erreicht worden. Anfang 2016 war der monatliche Ausstoß auf 15.000 t gefallen.

Investitionen in Prozessoptimierung

Argentiniens Stahlunternehmen investierten in den vergangenen Jahren vornehmlich in die Optimierung der Produktionsprozesse, in Maßnahmen zur Kostensenkung (insbesondere angesichts hoher Arbeitskosten) und in die Beseitigung von Engpässen, beobachtet der Informationsdienst Tendencias Económicas. Allein Acindar hatte in den vergangenen zehn Jahren ein durchschnittliches Investitionsbudget von 50 Millionen US$ pro Jahr.

Im Juli 2017 ging überdies zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten auch wieder ein komplett neues Stahlwerk in Betrieb. Das brasilianische Unternehmen Gerdau eröffnete nach Investitionen von 230 Millionen US$ in Argentinien eine Anlage mit einer Kapazität von 650.000 t jährlich zur Produktion von Draht, Nägeln und Profilen. Die Produktion vor Ort, die anfänglich 250.000 t pro Jahr erreichen soll, wird Importe im Wert von 100 Millionen US$ pro Jahr substituieren, die Gerdau bislang vornehmlich aus Brasilien lieferte. Die vertikale Integration in Argentinien (von der Schrottschmelze bis zum Fertigprodukt) werde erhebliche Einsparungen in der Logistik bringen, sagte Fernando Lombardo, Chef von Gerdau in Argentinien. Die Produktionskosten in Argentinien und Brasilien lägen in etwa auf gleicher Höhe. Das neue Gerdau-Werk erhöht Argentiniens Kapazität zur Produktion von Langstählen um 35 Prozent.

(C.M.)

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Argentinien Metallerzeugung, -verarbeitung, allgemein, Hochöfen-, Gießerei- und Walzwerksprodukte

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