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18.07.2019

Armeniens Softwareentwickler werben um deutsche Kunden

Kosteneinsparungen bis zu 40 Prozent möglich / Von Katrin Kossorz

Bonn (GTAI) - Armeniens IT-Sektor trumpft mit Expertise, Flexibilität und zweistelligen Wachstumsraten. Exportschlager ist kundenspezifische Software.

Deutsche Unternehmen, vom Fachkräftemangel und Kostendruck getrieben, können in Armenien zügig maßgeschneiderte und preisgünstige IT-Lösungen finden. Das Berliner Unternehmen Singlepoint hilft ihnen bei der Suche. Sven Krahn leitet die Full-Service-Agentur für Software-Projekte und ist bereits seit knapp 20 Jahren im südkaukasischen Land aktiv. "An die Stelle (weitentfernter) Offshoring-Länder wie Indien rücken zunehmend Staaten aus Ost- und Südosteuropa. Sowohl Start-ups als auch Unternehmen aus dem Maschinen- und Gerätebau, der Automobilzulieferung und dem Handel setzen verstärkt auf die Nearshoring-Destinationen Minsk, Charkiw und Eriwan."

Großer IT-Park soll bald eröffnen

Ende 2018 waren in Deutschland ganze 82.000 IT-Stellen vakant, so die Angaben des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). 29 Prozent der Unternehmen suchten Programmierer. Im Durchschnitt dauerte es fünf Monate, um eine offenen Stelle zu besetzen. Tendenz steigend.

In Armenien würden sich dagegen in kurzer Zeit ganze Teams von Programmierern finden, die in bis zu 10 Tagen mit der Projektumsetzung starten könnten, sagt Krahn. Fachkräfte aus Armenien seien schnell und flexibel entsendbar. "Deutsche Unternehmen profitieren von der besseren Skalierbarkeit und von der Unabhängigkeit vom deutschen Arbeitsrecht. Auch im Wettrennen um das Know-how haben uns die Armenier überholt."

Von den 364 Millionen US-Dollar (US$), die das Land im vergangenen Jahr an IT-Produkten und Dienstleistungen exportierte, gingen 45 Prozent in die beiden nordamerikanischen Länder USA und Kanada. 11 Prozent flossen nach Europa. Zu den führenden Outsourcing-Anbietern zählen Synopsys, SFL, VMware, Essential Solutions, Zenta, e-Works, Systrotech, Helix, Noor Games und Best Soft. Fast 40 Prozent der lokal entwickelten Software und IT-Dienstleistungen sind für die Ausfuhr bestimmt. Exportschlager ist die Entwicklung kundenspezifischer Software.

Landesweit gibt es etwa 800 IT-Unternehmen, 80 Prozent sitzen in der Hauptstadt Eriwan. In Kürze wird dort ein großer regionaler Park für Innovationen und Technologien errichtet. Bis zu 6.000 Experten sollen IT-Produkte für den Bedarf aller Branchen entwickeln und produzieren. Über die Hauptstadt hinaus fördert die Regierung die Ansiedlung von IKT-Firmen in den Regionen, so in Shirak und Lori.

Start-ups zahlen keine Gewinnsteuer

Armeniens IT-Branche hat eine lange Tradition: Zu Sowjetzeiten war es das technologische und wissenschaftliche Zentrum des Reichs. Das 3-Millionen-Einwohnerland fertigte 30 bis 40 Prozent der elektronischen und Computerkomponenten für die sowjetische Rüstungs- und Weltraumindustrie. Die Unabhängigkeit Armeniens führte zunächst zum wirtschaftlichen Niedergang. Seit der Jahrtausendwende kurbelt der Staat den IT-Sektor massiv an, unter anderem mit Steuererleichterungen. So zahlen Start-ups und Tochterfirmen ausländischer IT-Gesellschaften bis Ende 2022 keine Gewinnsteuer. Mitarbeiter profitieren von einer ermäßigten Einkommenssteuer.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Branchenumsatz im Durchschnitt um 23 Prozent gewachsen, auf 720 Millionen US$ im Jahr 2018. Experten gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahren genauso dynamisch weitergehen wird. Vom 6. bis zum 9. Oktober wird das kleine südkaukasische Land zum Mekka für IT-Experten aus aller Welt. In dieser Zeit findet dort der Weltkongress für Informationstechnologie (WCIT) statt.

Armenien will Anzahl der Fachkräfte bis 2025 verdoppeln

Nachwuchsförderung wird im armenischen IT-Sektor groß geschrieben. Im Jahr 2018 waren 19.552 Menschen in der Branche beschäftigt. Zielmarge der Regierung bis 2025 sind 40.000 Beschäftigte. Drei von vier Fachkräften sind derzeit Softwareentwickler. Die Branche ist vergleichsweise weiblich und jung: Fast 30 Prozent der ITler sind Frauen und 15 Prozent Studierende.

Acht armenische Universitäten bilden IT-Spezialisten aus. In den zahlreichen Bildungs- und Technologiezentren tüfteln Kinder, Jugendliche und Spezialisten aus Lehre und Praxis an innovativen IT-Lösungen. Auch der Walldorfer Software Konzern SAP eröffnete im Mai 2018 in der Region Lori ein Bildungszentrum.

40 Prozent Kosteneinsparung durch Nearshoring möglich

Der Lohnkostenvorteil für deutsche Unternehmen beim Nearshoring ist in der Anlaufphase einer Kooperation zunächst einmal gering: Das Monatsgehalt eines armenischen Senior Entwicklers erreicht bis zu 3.500 US$. Doch Sven Krahn rechnet vor: "Ist die Zusammenarbeit zwischen Auftragnehmer und externen Partnern einmal eingespielt und sind Junior Entwickler mit einem durchschnittlichen Gehalt von 300 bis 400 US$ integriert, lassen sich bis zu 40 Prozent der Kosten sparen." Der monatliche Durchschnittslohn in der IKT-Branche beträgt 1.025 US$.

Allerdings ist eine gute Kooperation kein Selbstläufer. Der IT-Berater hebt hervor, dass ein tägliches Briefing, ein enger Kontakt zu den armenischen Kollegen oder kleine Gesten wie Kugelschreiber oder ein Mousepad mit Firmenlogo die Mitarbeiterbindung fördern.

Wachstumssegment in Deutschland: Big Data

Krahns langjährige Geschäftspartnerin Lusine Vardanyan, Geschäftsführerin des armenischen Softwareentwicklers Priotix (http://www.priotix.com), hat sich bis 2020 zum Ziel gesetzt, dass mindestens die Hälfte ihrer Kunden, mit denen sie zwei- bis dreijährige Dienstleistungsverträge abschließt, aus den USA und Deutschland kommt. Ihren Marktanteil in Deutschland will sie vor allem über die Sparte Big Data für das Autonome Fahren und für Finanzdienstleister ausweiten. "Seit 2005 entwickeln wir für unsere mehr als 300 Kunden maßgeschneiderte Softwarelösungen, Web- und mobile Anwendungen. In Deutschland wollen wir bekannter werden durch Teilnahme an IT-Events und mit Hilfe der deutschen Außenhandelskammer in Armenien", sagt Vardanyan.

MKT201907178004.14

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Armenien

Nützliche Internetadressen

Weltkongresses für Informationstechnologie 2019, Eriwan, Armenien, 6. bis 9. Oktober 2019

https://wcit2019.org

Report on the State of the Industry 2018 - Enterprise Incubator Foundation

http://www.eif.am/eng/researches/report-on-the-state-of-the-industry

Armenia - Outsourcing Guide

https://armenien.ahk.de/fileadmin/AHK_Armenien/Outsourcing_Guide.pdf

Dieser Artikel ist relevant für:

Armenien EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Software / EDV-Dienstleistungen

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Katrin Kossorz

‎+49 228 24 993 268

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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