Suche

12.07.2017

Arzneimittel stoßen in Italien auf stabile Nachfrage

Pro Kopf-Ausgaben unter EU-Durchschnitt / Importanteil und Exporte aber mit Wachstum / Von Robert Scheid

Mailand (GTAI) - Der italienische Markt für Arzneimittel bleibt trotz stagnierender Nachfrage 2016 interessant. Das liegt zum einen an der demographischen Entwicklung, zum anderen daran, dass der Binnenmarkt immer mehr durch Importe abgedeckt wird. Italienische Hersteller schauen zunehmend ins Ausland und stoßen auf hohe Nachfrage nach hochwertigen Pharmazeutika. Vor allem die Lombardei hat sich zu einem wichtigen internationalen Drehkreuz für große Pharmakonzerne entwickelt. (Internetadressen)

Der italienische Markt für pharmazeutische Produkte gehört zu den bedeutendsten in Europa. Die Binnennachfrage lag 2016 bei 31,6 Mrd. Euro und kam damit auf das gleiche Niveau wie im Vorjahr. Auch wenn die Nachfrage stockt, bleibt Italien aus diversen Gründen ein interessanter Markt für deutsche Unternehmen.

Die Marktstruktur hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Zwischen 2009 und 2016 sind die Einfuhren um 41% gewachsen. Der Importanteil am Binnenmarkt hat sich in diesem Zeitraum von 61% auf 72% erhöht. Dabei ist Deutschland nach den USA und Belgien das drittwichtigste Lieferland Italiens. Die Schweiz und Frankreich rangieren auf Platz vier bzw. fünf.

Die demographische Entwicklung schafft zusätzliche Chancen auf dem italienischen Markt. Ähnlich wie Deutschland hat Italien mit einer Überalterung der Gesellschaft zu kämpfen. Aufgrund dieser Entwicklung soll die Nachfrage nach Arzneimitteln mittelfristig bestehen bleiben.

Staatsausgaben schrumpfen

Ein Hindernis für die Entwicklung der Nachfrage ist die hohe Staatsverschuldung, die in den letzten Jahren zu einer Reduzierung der öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem geführt hat. Der italienische Gesundheitssektor wird nach Angaben der OECD zu 75,5% (2015) von der öffentlichen Hand finanziert. Auch wenn der private Anteil seit einigen Jahren zunimmt, liegt die öffentliche Quote deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Die Finanzierung des öffentlichen Gesundheitssystems erfolgt über Budgetzuweisungen an den nationalen Gesundheitsfonds (Fondo Sanitario Nazionale - FSN), der die Gelder im Rahmen eines Dreijahresprogramms an die Regionen weiterleitet. Die zentralstaatliche Finanzierung kann von den Regionen durch Zuweisungen ergänzt werden. Der regionale Anteil der Finanzierung wird immer wichtiger, was aber dazu führt, dass das Gefälle zwischen den reichen und ärmeren Regionen weiter zunimmt.

Die Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel sind in Italien rückläufig und liegen fast ein Drittel unter dem EU-Durchschnitt. Im Jahr 2016 haben Italiener nach Angaben des Branchenverbands Farmindustria 288 Euro pro Person für Arzneimittel ausgegeben. In Deutschland waren es mit 518 Euro fast doppelt so viel. Auch Frankreich (467 Euro), Spanien (369 Euro) und Großbritannien (294 Euro) geben mehr aus als die Italiener. Laut einer Studie der OECD liegen die Preise sowohl in den Apotheken als auch in den Krankenhäusern unter dem europäischen Mittelwert. Der italienischen Pharmaagentur AIFA zufolge liegen die Durchschnittspreise in Deutschland um circa 45% höher als in Italien.

Italien gewinnt als internationales Pharmadrehkreuz an Bedeutung

Die italienische Pharmaindustrie befindet sich derzeit im Aufwind. Italien rangiert gemessen am Produktionswert längst auf Platz zwei in Europa hinter Deutschland, in einzelnen Sparten wie etwa im Contract Manufacturing (Auftragsentwicklung und Produktion) liegt Italien bereits auf Platz eins. Im Jahr 2016 ist die Produktion von Arzneimittel um 2,3% auf 30 Mrd. Euro angestiegen. Die Produktionsvolumina sind zwischen 2009 und 2016 um circa 28% gestiegen. Damit liegt Italien nach Angaben des Branchenverbands nur knapp hinter Deutschland (32 Mrd. Euro), gefolgt von Frankreich (23 Mrd. Euro), dem Vereinigten Königreich (20 Mrd. Euro) und Spanien (16 Mrd. Euro).

Grund für die positive Entwicklung der Branche ist vor allem der Exportboom. Im Jahr 2016 kamen die Branchenausfuhren auf 21 Mrd. Euro. Dies entspricht 71% des Produktionswertes. Zwischen 2009 und 2016 sind die Ausfuhren insgesamt um 75% angestiegen. Das entspricht der schnellsten Wachstumsrate der europäischen Referenzländer, darunter Deutschland, Frankreich und Spanien.

Italienische Hersteller haben nicht nur mehr Waren exportiert, sondern durch ihren hohen Spezialisierungsgrad immer mehr hochwertige Pharmazeutika im Ausland abgesetzt. Das Durchschnittswert der exportierten Güter hat sich seit 2010 um gut 20% erhöht. Im Vergleich: in Deutschland waren es circa 5%, während die Länder der EU-15 kamen auf lediglich 1%.

Italienische Einfuhr von Arzneimitteln (in Mio. Euro)
HS-Pos./Warenbezeichnung 2015 2016 davon aus Deutschland 2016
2936 Provitamine e Vitamine 102 124 28
2937 Hormone, Derivate 1.076 1.173 43
2938 Glykoside, Derivate 99 102 0,9
2939 Pflanzliche Alkaloide, Derivate 90 99 12
2941 Antibiotika 1.428 1.358 18
30 Pharmazeutische Erzeugnisse 18.597 19.236 2.266
3001 Drüsen, andere Organe auch als Pulver 70 89 8
3002 menschliches u. tierisches Blut, Antiserum, Vaccine, Toxine 4.323 4.550 494
3003 Arzneiwaren, weder dosiert noch in Aufmachung für den Einzelverkauf 837 914 42
3004 Arzneiwaren, dosiert oder in Aufmachung für den Einzelverkauf 12.679 13.024 1.576
3005 Watte, Gaze, Binden i.a. für den Einzelverkauf zu medizinischen Zwecken 213 206 42
3006 Pharmazeutische Zubereitungen und Waren 425 425 92

Quelle: ISTAT

Die Lombardei ist das Zentrum der Arzneimittelbranche

Die Hersteller von Arzneimitteln sind in ganz Italien angesiedelt, geographisch steht die Lombardei aber im Mittelpunkt der Branche. Mit rund 200 pharmazeutischen und Biotechnologiefirmen, 28.000 Beschäftigten und mehr als 30 Forschungszentren wird dort der Großteil der Produktion sowie der Forschung und Entwicklung erbracht. Als bevorzugter Sitz sowohl von italienischen als auch von multinationalen Pharmakonzernen gehört die Lombardei zu den wichtigsten europäischen Pharmastandorten. An zweiter Stelle folgt die Region Latium in Mittelitalien, die aufgrund der Spezialisierung ihrer Arzneimittelproduktion mit rund 16.000 Beschäftigten für 40% der Exporte und sogar für 79% der Hightech-Exporte der Region verantwortlich ist. Wichtig ist es, bei den Regionen Italiens genau hinzuschauen, da es auch im Süden interessante Standorte gibt. Die Ausfuhren von Arzneimitteln aus Süditalien beispielsweise haben sich im vergangenem Jahrzehnt mehr als verdoppelt.

Internetadressen

Deutsch-Italienische Handelskammer

Internet: http://www.ahk-italien.it

Ministero della salute (Ministerium für Gesundheit)

Internet: http://www.salute.gov.it

Farmindustria (Branchenverband der Pharmaindustrie)

Internet: http://www.farmindustria.it

Agenzia Italiana del Farmaco (Italienische Pharmaagentur)

Internet: http://www.agenziafarmaco.gov.it

(R.J.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Arzneimittel, Diagnostika

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche