Suche

19.12.2018

Aserbaidschans Agribusiness ist ein großer Zukunftsmarkt

Errichtung von mehr als 45 Agrarparks geplant / Von Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - Aserbaidschan will die Wertschöpfung in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie voranbringen. Dazu tragen eine Reihe von Reformen und Programmen bei.

Die Modernisierung und der Ausbau der Agrar- und Ernährungswirtschaft nimmt in der Diversifizierungsstrategie der aserbaidschanischen Regierung eine dominierende Stellung ein. Die in der jüngsten Vergangenheit gestarteten Reformen, Initiativen und Programme für die Produktion und Verarbeitung von Nahrungsgütern sowie der im Dezember 2016 verabschiedete Fahrplan für den Ausbau des Agribusiness zeigen erste Früchte.

In der Branche gibt es eine Fülle von Geschäftschancen für ausländische Investoren und Anbieter von Betriebsmitteln. Vor allem die Nachfrage nach Minitechnologien für die Produktion und Verarbeitung von Nahrungsgütern dürfte in den kommenden Jahren besonders kräftig anziehen.

Reformen und Ausbauprogramme beflügeln Investitionen

Im Jahr 2017 sind die Bruttoanlageinvestitionen im Sektor Landwirtschaft, Jagd und Fischerei erstmals seit vielen Jahren wieder signifikant gestiegen. Sie legten im Vergleich zum Vorjahr preisbereinigt um 77 Prozent zu, bewegen sich aber wertmäßig mit 360 Millionen US-Dollar (US$) immer noch auf einem recht bescheidenen Niveau. Das zweistellige Wachstum setzte sich im Jahr 2018 fort. Auf mittlere Sicht dürfte sich dieser Trend verfestigen.

Viele Reformen und Initiativen sollen den Aufschwung im Agribusiness beflügeln. Hierzu zählen unter anderem:

- die Gründung von Agrarparks,

- die Entwicklung größerer landwirtschaftlicher Kooperativen,

- die Umsetzung mittelfristiger Ausbauprogramme in den Produktgruppen Rohbaumwolle, Kokons, Zitrusfrüchte, Granatäpfel, Wein, Reis, Haselnüsse, Tee, Tabak, Tierproduktion und Fischzucht (die beiden letzteren Programme werden zurzeit vorbereitet),

- die Realisierung von gemeinsam mit der Weltbank initiierten Projekten für den Ausbau der ländlichen Infrastruktur und der Gewächshauswirtschaft,

- die Errichtung von phytosanitären und veterinären Diensten sowie die Schaffung effizienter Wertschöpfungsketten (Azerbaijan Rural Investment Project und Agricultural Competitiveness Improvement Project),

- eine verstärkte finanzielle Unterstützung des Agribusiness durch den Fonds für die Förderung des Unternehmertums,

- eine gezielte Gewinnung junger Menschen für neue Geschäftsideen im Agribusiness (Agriculture Employment Enhancement Project/AMAL),

- die Errichtung von staatlichen Zentren für die Entwicklung der Agrarwirtschaft als One-Stop-Shop-Dienstleister auf der Grundlage früherer Regionalfilialen des Ministeriums für Landwirtschaft und die

- Gründung einer Online-Saatgutbörse beim Staatlichen Saatgutfonds des Ministeriums für Landwirtschaft (2019).

Staat fördert die Errichtung von zahlreichen Agrarparks

Das im Jahr 2016 gestartete Projekt für die Errichtung von Agrarparks verfolgt vor allem zwei Ziele: die Nutzung brachliegender Weiden und Ackerböden für die agrarische Erzeugung sowie die Schaffung effektiver Wertschöpfungsketten von der Produktion und Verarbeitung bis hin zum Vertrieb von Nahrungsgütern. In der Perspektive soll es im Land 45 Agroparks mit einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 192.200 Hektar geben. Davon sollen sich 28 Parks schwerpunktmäßig mit der Produktion und Verarbeitung von pflanzlichen Rohstoffen und 17 vorwiegend mit der Tierproduktion befassen.

Insgesamt will der Staat mehr als 800 Millionen US$ in die Infrastruktur der Parks investieren. Die bis zum 1. Oktober 2018 insgesamt bereitgestellten Fördermittel summierten sich auf rund 200 Millionen US$. Davon flossen etwa 130 Millionen US$ in die infrastrukturelle Erschließung der Gewerbegebiete einschließlich Bodenbewässerung. Die übrigen etwa 70 Millionen US$ entfielen auf die Bereitstellung zinsgünstiger Kredite für konkrete unternehmerische Projekte sowie in die Beschaffung von Landtechnik über die staatliche Leasinggesellschaft Aqrolizing.

Bis Ende 2018 nahm rund ein Dutzend solcher Parks seine Tätigkeit auf. Die meisten der schon bestehenden Agrarparks planen Ausbauinvestitionen. So will der Agropark Yalama (Landkreis Khachmaz) eine Molkerei mit einer täglichen Verarbeitungskapazität von 50 Tonnen Rohmilch errichten. Der Projektwert beträgt 7 Millionen US$. Auf der Projektliste des Parks Aghjabadi steht der Bau einer Fabrik für die Produktion von pflanzlichen Ölen. Der erst im November 2018 eröffnete Park Ulu Agro (Landkreis Gakh) will neben Weizen künftig auch Mandeln, Nüsse und Zitrusfrüchte produzieren.

Agrarproduktion ist immer noch wenig effizient

Die Produktion im Sektor Landwirtschaft, Jagd und Fischerei legte in den Jahren 2015 bis 2018 im Schnitt jährlich um real circa 4,6 Prozent zu. Sie erreichte 2018 ein Volumen von mehr als 4 Milliarden US$. Für die Jahre 2019 bis 2020 rechnet die Regierung mit einem jährlichen durchschnittlichen Wachstum von 4,7 Prozent.

Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie steht mit einem jährlichen wertmäßigen Ausstoß von rund 2 Milliarden US$ für rund ein Drittel des Ausstoßes des verarbeitenden Gewerbe Aserbaidschans.

Ein großer Teil der Nahrungsmittelproduktion Aserbaidschans entfällt auf nur etwa gut zwei Dutzend größere Akteure. Hierzu zählen solche Unternehmen wie die Azersun Holding, die Gilan Holding, AS Agro, AzGranata, Agrarcor, AzProtein, Foods Group, Saba, Atena, MPRO (Milk Pro) und Bilesuvar Agro. Das Gewicht kleiner und mittlerer Unternehmen an der Nahrungsmittelproduktion zeigt aber im Trend nach oben.

Der Sektor Landwirtschaft, Jagd und Fischerei trug 2017 rund 5,5 Prozent zur Wertschöpfung des Landes bei und beschäftigte 1,8 Millionen Menschen, das heißt zwei Fünftel aller Erwerbstätigen in Aserbaidschan. Dies deutet auf eine geringe Effizienz der Agrarproduktion hin. Die südkaukasische Republik könnte ihren mengenmäßigen Ausstoß an landwirtschaftlichen Produkten und verarbeiteten Nahrungsgütern mehr als verdreifachen, wenn sie ihre Ressourcen effektiver nutzen würde, schreibt die Weltbank.

Das Land bietet mit seinen reichhaltigen Böden und seinen günstigen klimatischen Bedingungen gute Voraussetzungen für den Ausbau der Agrarproduktion. Aserbaidschan erstreckt sich über sieben Klimazonen. Dies ermöglicht den Anbau einer großen Palette agrarischer Güter wie Getreide, Kartoffeln, Baumwolle, Obst und Gemüse, Zitrusfrüchte oder Tabak.

Gründung von größeren Produktionseinheiten kommt schrittweise voran

Einer der Hauptgründe für die bisherige mangelnde Effizienz in der landwirtschaftlichen Produktion ist die große Fragmentierung der Agrarproduzenten als Folge der Privatisierung der früheren rund 800 großen Sowchosen und 600 Kolchosen. Viele Reformen im Agribusiness, die in den Jahren 1997 bis 2015 beschlossenen wurden, blieben Makulatur oder wurden halbherzig umgesetzt. Die heutigen zahlreichen kleinen Familienbetriebe bewirtschaften in der Regel nicht mehr als ein bis drei Hektar Land. Sie verfügen zumeist nur über veraltete Technik und haben kaum Zugang zu Krediten. Ihnen fehlen oft auch die erforderlichen Fachkenntnisse für eine ökonomisch effiziente Agrarproduktion.

Doch in letzter Zeit lassen sich Anzeichen für eine sich allmählich abzeichnende Trendwende hin zu neuen effektiven Produktionsstrukturen in der Landwirtschaft und in der Erstverarbeitung von Agrarerzeugnissen beobachten. Sowohl die Errichtung von Agrarparks als auch die Gründung von spezialisierten Agrarbetrieben und Farmen sowie von landwirtschaftlichen Kooperativen kommen zunehmend in Fahrt.

Heute gibt es im Land schon mehr als 30 spezialisierte Agrarbetriebe. Im Juli 2017 verabschiedete die Regierung ein staatliches Programm für die Entwicklung landwirtschaftlicher Kooperativen im Zeitraum 2017 bis 2022. Zu den ersten im Land gegründeten neuen Agrarkooperativen zählt die Genossenschaft Birlik im Landkreis Sabirabad. Sie nahm ihre Tätigkeit im November 2018 auf, zählt rund 700 Mitarbeiter und bewirtschaftet eine Ackerfläche von 1.100 Hektar.

Kenndaten der Pflanzenproduktion Aserbaidschans
2014 2015 2016 2017
Produktion (in Mio. US$) 3.123,0 2.662,3 1.611,5 1.756,4
.Reale Veränderung zum Vorjahr (in %) -8,3 11,3 2,5 6,1
.Anteil der Agrarbetriebe an der Produktion (in %) 4,6 4,8 5,7 7,9
.Anteil der selbstständigen Bauern, der Familienbetriebe und der Nebenwirtschaften der Haushalte an der Produktion (in %) 95,4 95,2 94,3 92,1
Ackerland (in 1.000 ha) 1.885,6 1.897,5 1.959,1 2.054,7
.bewässertes Ackerland 1.211,6 1.210,4 1.210,5 1.213,7
Anbaufläche (in 1.000 ha) 1.613,8 1.585,4 1.628,3 1.665,7
.Getreide und Hülsenfrüchte 1.001,4 952,1 997,5 977,2
.Rohbaumwolle, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Tabak 43,8 38,7 73,6 180,9
.Kartoffeln, Marktfruchtbau (Obst/Gemüse) und Melonen 165,7 166,0 163,1 151,5
.Futterpflanzen 402,9 428,6 394,1 356,1
Produktion ausgewählter pflanzlicher Kulturen (in 1.000 t)
.Getreide 2.383,3 2.999,4 3.065,1 2.928,7
.Gemüse 1.187,7 1.275,3 1.270,6 1.405,6
.Kartoffeln 819,3 839,8 902,4 913,9
.Melonen 440,9 484,5 464,8 438,1
.Zuckerrüben 173,3 184,3 312,6 419,1

Quelle: Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan

Kenndaten der Tierproduktion Aserbaidschans
2014 2015 2016 2017
Tierproduktion (in Mio. US$) 3.540,0 2.771,4 1.910,3 2.071,7
.reale Veränderung zum Vorjahr (in %) 3,0 2,5 2,8 2,7
.Agrarbetriebe (Anteil in %) 10,5 9,7 9,9 11,4
.selbstständige Bauern, Familienbetriebe, Nebenwirtschaften der Haushalte (Anteil in %) 89,5 90,3 90,1 88,6
Wiesen zum Mähen, Weideland (in 1.000 ha) 2.609,7 2.595,1 2.532,9 2.436,2
Tierbestand (31.12., in 1.000 Stück)
.Schlachtvieh 2.697,5 2.708,3 2.698,5 2.673,0
..Rinder 2.445,2 2.446,0 2.484,3 2.476,3
.Schafe 7.987,3 8.025,6 7.966,5 7.821,0
.Ziegen 658,1 651,5 648,3 633,3
.Geflügel 28.851,7 27.559,4 28.009,5 30.473,4
Produktion ausgewählter tierischer Erzeugnisse
Fleisch (Schlachtgewicht, in 1.000 t) 291,2 298,6 302,2 316,8
Milch (in 1.000 t) 1.855,8 1.924,5 2.0098,9 2.024,1
Eier (in Mio. Stück) 1.562,7 1.552,9 1.609,8 1.714,0

Quelle: Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Aserbaidschan sind unter http://www.gtai.de/aserbaidschan abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Pflanzenproduktion, Land- und Forstwirtschaftsmaschinen, Tierproduktion

Funktionen

Kontakt

Katrin Kossorz

‎+49 228 24 993 268

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche