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24.12.2018

Aserbaidschans Gesundheitswesen ist im Umbruch

Krankenversicherungspflicht birgt Lieferchancen für Medizintechnik-Anbieter / Von Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - In Aserbaidschan sind bald alle Bürger pflichtversichert. Dies dürfte die Nachfrage nach Medizintechnik und Beratungsleistungen für den Gesundheitsmarkt wieder ankurbeln.

Auf dem Gesundheitsmarkt Aserbaidschans sind gravierende Veränderungen zu erwarten. Die schon lange geplante Einführung einer Krankenversicherungspflicht könnte 2020, spätestens aber 2021, Realität werden. Damit besteht auch die Chance, dass die Investitionen in medizinische Ausrüstungen wieder angekurbelt werden. Diese befinden sich derzeit in einem großen Tief. Nutznießer sind ausschließlich ausländische Lieferanten, da es so gut wie keine einheimische Produktion gibt. Marktkenner erwarten zudem einen steigenden Bedarf an Beratungsleistungen sowohl für den öffentlichen als auch den privaten Gesundheitssektor.

Pilotphase für die obligatorische Krankenversicherung wird ausgeweitet

Die Einführung einer Pflichtversicherung verfolgt die Regierung seit 2007. In jenem Jahr wurde eine staatliche Agentur für die Krankenversicherung gegründet. In das Vorhaben kam aber erst im Jahr 2016 Bewegung. Bis Ende 2018 investierte der Staat 42 Millionen US-Dollar (US$) in drei Pilotprojekte in der Stadt Mingetschewir und den Landkreisen Yevlach und Agdam. Die Gelder wurden eingesetzt, um lokale medizinische Einrichtungen umzustrukturieren, ein Versorgungssystem nach dem Hausarztprinzip zu schaffen, automatisierte Kontrollsysteme einzuführen, Medizintechnik zu kaufen und das Fachpersonal besser zu bezahlen.

Für das Jahr 2019 ist vorgesehen, das Projekt auf andere Landesteile auszuweiten. Hierfür stehen Haushaltsmittel in Höhe von 132 Millionen US$ bereit. Die Regierung hat das Beratungsunternehmen McKinsey & Company beauftragt, einen Fahrplan für die flächendeckende Einführung der Versicherung zu erstellen.

Der Beitragssatz für die Krankenversicherung soll für sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in einer ersten Phase 3 Prozent, bemessen am Bruttoarbeitslohn, betragen. Davon entfallen auf den Arbeitnehmer 2 Prozent und auf den Arbeitgeber 1 Prozent. Für alle anderen Beschäftigten ist zunächst ein jährlicher Beitrag von 120 Aserbaidschan-Manat (AZN; etwa 70 US$) vorgesehen. Alle Bürger haben künftig Anspruch auf das von der Pflichtversicherung abgedeckte Basispaket medizinischer Dienstleistungen. Das Paket umfasst im Rahmen des Pilotprojekts 1.829 medizinische Dienste. Die öffentlichen medizinischen Einrichtungen, die in das Projekt einbezogen sind, bieten weitere 1.196 kostenpflichtige Dienstleistungen an.

Öffentliches Gesundheitswesen ist chronisch unterfinanziert

Die aktuelle Lage im Gesundheitssektor ist wenig erfreulich. Die offiziell kostenlose öffentliche Gesundheitsversorgung leidet unter gravierenden Finanzierungsengpässen, einer mangelnden Effektivität sowie einem Nachholbedarf in der Dienstleistungsqualität. Die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen betragen seit Jahren nur etwa 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Im Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) World Health Statistics 2017 zählt Aserbaidschan zu jenen zehn Ländern der Welt mit dem geringsten Anteil öffentlicher Gesundheitsausgaben an den öffentlichen Ausgaben insgesamt. Die Quote liegt unter 5 Prozent. Im Haushalt für 2019 stehen für das Gesundheitswesen nur 616 Millionen US$ zur Verfügung. Ein großes Problem im Gesundheitssektor ist auch der Mangel an medizinischen Fachkräften. Dies gilt insbesondere für die Allgemeinmedizin.

Seit dem Ausbruch der Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrise im Jahr 2015 ist die Nachfrage der Bevölkerung nach medizinischen Diensten spürbar gesunken. Einige private Kliniken mussten mangels zahlungsfähiger Patienten schließen. Zur Jahresmitte 2018 verfügten nur etwa 300.000 Personen über eine zumeist vom Arbeitgeber finanzierte private Krankenversicherung.

Privater Gesundheitssektor baut seinen Marktanteil aus

Nach Einschätzung unabhängiger Experten sind die Gesundheitsausgaben der Bevölkerung in den Jahren 2015 bis 2017 gegenüber 2014 um gut ein Drittel gesunken.

Die Anzahl der (registrierten) Klinik- und Arztbesuche ging nach Angaben des russischen Marktforschungsunternehmens BusinesStat von 76,3 Millionen im Jahr 2013 auf 70,7 Millionen im Jahr 2017 zurück. Eine Trendwende sei frühestens für 2020/21 zu erwarten. Von den Besuchen entfielen im Jahr 2017 etwa 70 Prozent auf den privaten medizinischen Sektor. Diese Quote könnte in den kommenden Jahren bis 2021/22 auf bis zu 75 Prozent steigen. Die Kosten für private und auch inoffizielle Zahlungen für öffentliche ärztliche Dienste stehen in keinem gesunden Verhältnis zu den Einnahmen des Großteils der Bevölkerung.

Rahmendaten zum Gesundheitssystem in Aserbaidschan 2017
Indikator Wert
Einwohnerzahl (01.01.18, in Mio.) 9,9
Bevölkerungswachstum (01.01.18 zu 01.01.17; in %) 0,9
Altersstruktur der Bevölkerung (01.01.18)
.Anteil der 15- bis 64-Jährigen (in %) 70,8
.Anteil der über 65-Jährigen (in %) 6,6
Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (2017, in Jahren) 75,4
.Frauen 77,8
.Männer 73,1
Anteil der öffentlichen Gesundheitsausgaben inklusive Investitionen am BIP (Prognose für 2019; in %) 1,3
Anzahl der Krankenhäuser (Kliniken, 01.01.18) 1.225
.öffentliche Einrichtungen 566
..Anzahl der Betten 44.065
..Betten pro 10.000 Einwohner 45,1
.private Einrichtungen 656
Anzahl der Ärzte (01.01.18) 31.969
Ärzte pro 10.000 Einwohner (01.01.18) 32,6
Pro-Kopf-Ausgaben der Bevölkerung für medizinische Dienstleistungen (in US$) 353

Quellen: Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan; World Development Indicators (Weltbank); Forschungszentrum für Nachhaltige Entwicklung, Baku

Staatliche Krankenhäuser werden zu juristischen Personen

Der öffentliche Gesundheitssektor umfasst zwei Ebenen. In den Kompetenzbereich des Ministeriums für Gesundheitswesen fallen neben der gesamtstaatlichen Regulierung der Gesundheitsfürsorge republikanische und spezialisierte medizinische Fachkliniken. Einige andere zentrale Behörden, insbesondere im Transportsektor, der Verteidigung und im Zoll, betreiben eigene Krankenhäuser und Polikliniken.

Den Stadtverwaltungen und lokalen Behörden unterstehen die regionalen und lokalen Krankenhäuser sowie die meisten Polikliniken. In den Jahren 2019 und 2020 sollen die staatlichen Krankenhäuser des Ministeriums für Gesundheitswesen in juristische Personen des öffentlichen Rechts transformiert werden. Sie werden somit befugt, offiziell auch kostenpflichtige Dienste anzubieten. Die Umwandlung soll eine komplette Eingliederung der medizinischen Einrichtungen in das künftige System der Krankenpflichtversicherung ermöglichen.

Die mehr als 600 privaten Kliniken einschließlich Filialen sind im Vergleich zu den öffentlichen Einrichtungen technisch meist besser ausgestattet. Zu den führenden privaten Anbietern zählen Kliniken und Zentren wie MediStyle Hospital, International SOS, Central Clinic Hospital, Modern Hospital, Zeferan Hospital, Saglam Aile, Astoriya, Leyla Shikhlinskaya Clinic, Euro Med, Bona Dera, Baku Medical Plaza, Oksigen Clinic und Caspian Medical Plaza. Die Krankenversicherungsagentur und das Ministerium für Gesundheitswesen arbeiten zurzeit an einem Konzept, das die Einbindung privater medizinischer Einrichtungen in das System der Krankenpflichtversicherung vorsieht.

Die bedeutendsten ausländischen Lieferanten von Medizintechnik kommen aus den USA, aus Deutschland, der Türkei, China und Russland. Ausschreibungen der öffentlichen Hand für die Beschaffung von Medizintechnik können unter folgender Internetadresse abgerufen werden: http://tender.gov.az.

Importe von medizinischen und chirurgischen Instrumenten sowie optischen und fotografischen Geräten in Aserbaidschan (in Mio. US$)

2014 2015 2016 2017
279,5 238,9 183,2 165,7

Quelle: Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Aserbaidschan sind unter http://www.gtai.de/aserbaidschan abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Gesundheitswesen allgemein

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