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17.07.2018

Auch in der Schifffahrt setzt Norwegen immer stärker auf Elektromobilität

Siemens liefert Elektroantriebe und investiert in die Batterieproduktion vor Ort / Von Heiko Steinacher

Bonn (GTAI) - Bis zum Jahr 2021 will Norwegen nicht weniger als 60 batterieelektrische Fähren in Betrieb haben. Siemens hat bereits Elektroantriebssysteme für mehrere Schiffe geliefert, darunter für die erste reine Elektrofähre der Welt, die seit 2015 auf dem Sognefjord verkehrt. Erhebliches Potenzial für den Einsatz von Elektroantrieben bieten außerdem Kreuzfahrt- und Offshore-Versorgungsschiffe. Siemens und Corvus Energy werden im Land der Fjorde künftig auch Schiffsbatterien herstellen.

Bislang sind in Norwegen drei verschiedene Ladelösungen für Elektrofähren im Einsatz: Steckverbindungen der norwegisch-kanadischen Engineering-Gruppe Cavotec (angekoppelt an Ladestationen durch Roboter des Schweizer ABB-Konzerns), Ladesysteme des niedersächsischen Maschinenbauers Stemmann und drahtlose Systeme des finnischen Wärtsilä-Konzerns (Ladung per Induktion). Solange noch nicht ausreichend Erfahrung vorliegt, will Norwegen auch weiterhin verschiedene Varianten testen.

Standardisierung der Anschlusssysteme angestrebt

Mittelfristig sollen die Anschlusssysteme aber standardisiert werden. Dadurch wären Elektrofähren variabel auf verschiedenen Strecken einsetzbar.

Sollte sich Norwegen bis zum Jahreswechsel 2021/22 auf einen Standard festlegen - was einige Beobachter für realistisch halten -, würde dieser bereits bei der Ausschreibung der nächsten Elektrofähre über den Sognefjord gelten. Seit 2015 verkehrt dort die erste reine E-Ferry der Welt, die "Ampere" der Reederei Norled, bis zu 30 Mal täglich im Liniendienst zwischen Lavik und Oppedal. Bisher nutzt sie in den beiden Häfen zwei unterschiedliche Systeme zum Aufladen ihrer Batterie: eines von Cavotec mit Landstromverbindung und eines von Stemmann mit einem über eine Trafostation ans regionale Stromnetz angeschlossenen Ladepantografen. Siemens hat für die Ampere-Fähre, deren Lizenz bis 2025 läuft, das komplette elektrische Antriebssystem und Ladestationen mit Lithium-Ionen-Batterien geliefert, die mit Strom aus Wasserkraft geladen werden.

Seit November 2017 ist Siemens auch Technologiepartner von Fjord1. Von den sieben batteriebetriebenen Fähren, die das norwegische Verkehrsunternehmen im Frühjahr 2018 in Auftrag gegeben hat, werden die ersten vier mit Siemens-Technologie ausgestattet.

Außer der "Ampere" sind an der norwegischen Westküste noch weitere Elektrofähren im Einsatz, darunter die auf dem Langenuenfjord verkehrende "MF Folgefonn", die 2012 auf Hybridantrieb umgerüstet wurde. Wärtsilä hat das Schiff mit einem System ausgestattet, das den Akku per magnetischer Induktion lädt. Der Strom wird dabei schnurlos zwischen einer Ladeplatte mit Spulen, die sich auf der Fähre befindet und mit dem Akku verbunden ist, und Anschlussplatten an den Kais übertragen, sobald sich das Schiff der Anlegestelle auf einen halben Meter nähert. Dank des damit verbundenen Zeitgewinns gegenüber konduktiven Ladesystemen kann es relativ schnell wieder auslaufen. Manche Beobachter räumen dieser Technologie daher trotz der etwas schwächeren Übertragungswirkung ein großes Marktpotenzial ein.

Hohe Fördergelder für Forschung und den Ausbau der Ladeinfrastruktur

Die Weiterentwicklung maritimer Nullemissionstechnologien lässt sich der Staat einiges kosten. Insbesondere das gemeinsame Förderprogramm PILOT-E des Forschungsrats (Forskningsradet), der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Innovation Norway und der staatlichen Agentur Enova dient diesem Zweck. Kongsberg, Grenland Energy, Fjellstrand und Gronn Kontakt entwickeln im Rahmen von PILOT-E unter anderem selbstfahrende, emissionsfreie Fährschiffe.

Darüber hinaus stellt Enova rund 14 Millionen Euro an Fördermitteln für den Bau von Ladestationen für Elektro- und Hybridfähren in der Provinz (Fylke) Hordaland bereit. Die Kommunalgesellschaft Skyss hat dazu verschiedene Fährverbindungen in der Region in Routenpakete eingeteilt. Der Bau der Ladestationen soll dann jeweils für mehrere Pakete gebündelt ausgeschrieben werden. Die meisten dieser Fähren werden ab 1. Januar 2020 in Betrieb gehen, drei jedoch schon früher.

Außerdem wollen regionale Versorgungsunternehmen in den nächsten Jahren hohe Summen in die Stromnetze investieren. Schätzungen der Direktion für Wasserressourcen und Energie (Norges vassdrags- og energidirektorat; NVE) zufolge dürften bis 2023 jährlich umgerechnet rund 455 Millionen Euro in den Ausbau regionaler Verteilnetze fließen.

Norwegens Entschlossenheit, Fjordfähren auf Elektroantrieb umzustellen, ruft zunehmend auch Batterieinvestoren auf den Plan. So wird Siemens im September 2018 in Trondheim eine Fabrik zur Produktion von Batterien für elektrische Schiffsantriebe eröffnen. Das vollautomatisierte Werk kostet umgerechnet rund 10,5 Millionen Euro. Ferner hat Corvus Energy im Juni angekündigt, eine Batteriefabrik im Raum Bergen zu bauen. Einen Monat zuvor bekam das kanadische Unternehmen den Zuschlag für die Lieferung von Lithium-Ionen-Energiespeichern für zwei neue vollelektrische Fähren, die die Havyard Gruppe für Fjord1 baut und die die Orte Magerholm und Sykkylven dies- und jenseits des Storfjords verbinden sollen. Außerdem rüstet Corvus Energy noch drei weitere Fjord1-Fähren mit Batterien aus, die 20 Kilometer weiter westlich zwischen Hareid und Sulesund verkehren.

Null-Emissions-Zone soll Fjorde schützen

Im Mai 2018 hat das Parlament in Oslo beschlossen, dass in den UNESCO-Weltnaturerbe-Gewässern Geiranger- und Naeroyfjord spätestens ab 2026 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge verkehren dürfen. Das hat für die Reedereien erhebliche Konsequenzen. Zwar sind im innernorwegischen Insel- und Fjord- sowie im Linienverkehr nach Dänemark bereits einige Schiffe unterwegs, die mit Flüssigerdgas (LNG) betrieben werden, doch komplett emissionsfreie Kreuzfahrtschiffe gibt es bislang nicht. Auf dem Naeroy- und Aurlandsfjord verkehren indes bereits zwei Ausflugsschiffe mit dualem Hybrid- und Batteriebetrieb, die Rundfahrten zwischen Gudvangen und Flam durchführen.

Auch die Offshore-Öl- und -Gasindustrie bietet erhebliches Elektromobilitätspotenzial. Wärtsilä hat im Herbst 2017 auf dem Versorgungsschiff "Viking Princess" ein modernes Energiespeichersystem installiert. Dabei handelt es sich um eine Hybridlösung, bei der ein Akku als Energiespeicher und drei mit LNG betriebene Motoren zum Einsatz kommen.

Elektroantriebe auch für Fischerboote

Die seit 2015 geltenden strengeren Grenzwerte für Schwefeldioxid- und seit 2016 auch für Schwefelstickoxidemissionen in sogenannten Emission Control Areas (ECAs) werden voraussichtlich zum 1. Januar 2021 nochmals verschärft. ECAs sind Sonderzonen der Schifffahrt, die die Internationale Seeschifffahrtsorganisation festgelegt hat. Eigentümer von Fischereifahrzeugen, die weiter in diesen Sondergebieten fischen wollen, müssen die seither geltenden, strengeren Vorschriften erfüllen. Als Optionen bieten sich hierfür unter anderem der Wechsel auf andere Antriebstechnologien (zum Beispiel Elektroantrieb) oder Kraftstoffe wie LNG an.

In Zusammenarbeit mit dem norwegischen Unternehmen Selfa Arctic hat Siemens das Antriebs- und Hilfssystem des weltweit ersten elektrischen Fischerboots entwickelt. Der batteriebetriebene Elektroantrieb gewinnt seine Energie ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. Im September 2016 ist das Boot beim Fischereiunternehmen Ora bei Tromso in den täglichen Betrieb gegangen. Auch das Antriebs- und Steuerungssystem für das weltweit erste batterieelektrische Arbeitsschiff für die Fischzucht, das seit Februar 2017 vor der Küste Mittelnorwegens im Einsatz ist, stammt von Siemens. Auftraggeber war das lokale Schiffbauunternehmen Ornli Slipp.

Geplante Investitionen ins norwegische Stromnetz (in Mio. Euro, laufende Preise) *)
Netz \ Jahr 2018 2019 2020 2021 2022 2023
Insgesamt, davon 2.520 2.310 2.170 1.605 660 665
.Verteilnetz (Mittelspannung) 290 290 290 290 290 290
.Verteilnetz (Niederspannung) 165 165 165 165 165 165
.Advanced Metering System (AMS) 310 40 40 20 20 -
.Regionales Übertragungsnetz 435 330 290 60 60 105
.Zentrales Übertragungsnetz 1.320 700 600 1.070 125 105
.Stromkabel ins Ausland - 785 785 - - -

*) Umrechnung in Euro nach Euro-Referenzkurs (Jahresdurchschnitt 2017) der Europäischen Zentralbank: 1 Euro = 9,3270 Norwegische Kronen

Quelle: auf Grundlage von NVE-Angaben

Weitere Informationen zu Norwegen finden Sie unter: http://www.gtai.de/norwegen.

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Norwegen Umweltschutz Luft, Klimaschutz, Stromübertragung und -verteilung, Wasserfahrzeuge, Umweltschutz Wasser, Gewässerschutz, Elektromobilität

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