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15.03.2018

Ausländische Unternehmen könnten in Japan mehr Aufträge an Land ziehen

Bei öffentlichen Ausschreibungen lockt das Potenzial, aber Hürden schrecken ab / Von Michael Sauermost

Tokyo (GTAI) - Als "Buch mit sieben Siegeln" wird das Ausschreibungsverfahren in Japan gerne von ausländischen Unternehmen bezeichnet. Tatsächlich ist es für diese alles andere als ein Selbstläufer, bei öffentlichen Aufträgen den Zuschlag zu erhalten. Die Sprache wird weiterhin als große Barriere angesehen. Allerdings hat das System in den letzten Jahren an Transparenz gewonnen. Natürlich ist es weiterhin von Vorteil, einen verlässlichen Partner vor Ort zu wissen.

Grundlagen der Vergabe: Fragmentiertes System mit Hürden

Japans Regierung führt über ihre öffentlichen Ausschreibungen Buch: Der jüngste Jahresbericht "Japan's Government Procurement: Policy and Achievements Annual Report 2017" ermittelte für das Fiskaljahr 2015 (1. April bis 31. März) über Ausschreibungen getätigte öffentliche Beschaffungen von umgerechnet 16,4 Milliarden US-Dollar (US$). Auf Yen-Basis entsprach dies gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung um 5,4 Prozent. Rund 58 Prozent entfielen auf Dienstleistungen; 42 Prozent auf Waren. Öffentliche Bauarbeiten bleiben im Jahresbericht unberücksichtigt.

Erfasst wurden Produkte und Dienstleistungen oberhalb der Schwelle von rund 107.000 US$. Die Daten stammten aus 25 Regierungsstellen, 40 öffentlichen Körperschaften sowie 89 unabhängigen Verwaltungsinstitutionen. Das öffentliche Beschaffungswesen ist indes stark zersplittert. Werden die zahlreichen Körperschaften auf kommunaler Ebene mitberücksichtigt, so erreicht der Gesamtwert ein Vielfaches. Der Anteil der öffentlichen Aufträge am Bruttoinlandsprodukt lag laut OECD 2015 bei 16,2 Prozent.

Etwas mehr als 70 Prozent des Auftragsvolumens wurden durch offene Ausschreibungsverfahren vergeben. Beschränkte Verfahren spielten eine geringfügige Rolle, während immer noch ein relativ hoher Anteil von 28 Prozent auf freihändige Vergaben (single tender) entfiel. Letztere fielen bei Dienstleistungen mit einem Anteil von 40 Prozent stärker ins Gewicht als bei Waren mit 10 Prozent. Hauptgründe dafür waren, dass aus technischen oder urheberrechtlichen Gründen die Leistung nur durch einen bestimmten Anbieter erbracht werden konnte oder ein Lieferantenwechsel mit äußerst negativen Auswirkungen verknüpft gewesen wäre.

Das "Agreement on Government Procurement" sieht prinzipiell eine Gleichbehandlung lokaler und ausländischer Unternehmen vor. Allerdings blieb der ausländische Lieferantenanteil am Auftragsvolumen im Fiskaljahr 2015 mit 2,5 Prozent gering. Bei 3,7 Prozent der Vergaben erhielten Ausländer den Zuschlag. Gegenüber dem Jahr zuvor wurde ein Rückgang registriert. Von den 567 an Lieferanten aus Übersee erteilten Aufträgen entfielen 231 auf die EU und 183 auf Nordamerika.

Der Anteil ausländischer Güter und Dienstleistungen am gesamten öffentlichen Beschaffungsaufkommen lag bei 4,9 Prozent (Wert) beziehungsweise 9,9 Prozent (Anzahl). Bei Gütern alleine waren die Anteile mit 7,8 sowie 13,8 Prozent deutlich höher. Maßgebliche Ursprungsregionen waren Nordamerika mit 55 Prozent sowie die EU mit 33,1 Prozent.

Medizinische Ausrüstungen kamen mit mehr als 600 Millionen US$ auf das größte Ausschreibungsvolumen. Auch der Überseeanteil war mit 29,2 Prozent am höchsten. Dahinter folgten Analyse-, Labor- und Kontrollgeräte (534 Millionen US$; 22,3 Prozent) sowie Telekomausrüstungen (407 Millionen US$; 6,1 Prozent). Ferner wiesen mineralische Erzeugnisse, Pharmaprodukte, Elektromaschinen sowie Spezialmaschinen einen vergleichsweise hohen Auslandsanteil auf. Bei Dienstleistungen kamen ausländische Lieferanten noch am ehesten in den Bereichen Telekom, Luftfracht sowie Kurierdienstleistungen zum Zuge.

Die höchste Anzahl an Ausschreibungen veröffentlichten die Universitäten (Anteil: 15,4 Prozent), das Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism - MLIT (9,7), das Ministry of Finance (8,9) sowie Japan Post (8,1). Gemessen am Wert bildeten Japan Post mit einem Anteil von 15,8 Prozent, die Universitäten (11,8) sowie das MLIT (8,9) die Top drei. Die von der WTO vorgegebene Minimallaufzeit zwischen Veröffentlichung und Vergabe von 40 Tagen wurde in den letzten Jahren eingehalten. Im Jahr 2015 betrug dieser Zeitraum durchschnittlich 57,7 Tage.

Verschiedene Quellen zur Informationsbeschaffung existieren, werden allerdings bislang zu wenig genutzt. Öffentliche Tender erscheinen in der Regierungsgazette Kanpo beziehungsweise in den entsprechenden regionalen Publikationen, allerdings auf Japanisch. Lieferanten sollten für die Teilnahme an den Kanpo-Ausschreibungen als "qualifiziert" gelistet sein. Ausländische Unternehmen können sich über ihre japanische Niederlassung registrieren lassen. Verschiedene Anlaufstellen bieten Informationen und Unterstützung auf Englisch an.

Onlineinformationen über öffentliche Ausschreibungen
Organisation/Angebot Internetadresse
Japan External Trade Organization (Jetro)/Kanpo-Einträge auf Englisch; Suche nach Kategorien http://www.jetro.go.jp/cgi-bin/gov/gove010e.cgi/
Onlineportal EU Business in Japan/Quick Scan Service http://www.eubusinessinjapan.eu/issues/entry-strategy/government-procurement/public-procurement-quick-scan-service
EU-Japan Centre for Industrial Cooperation/Ausschreibungsdatenbank http://information1.gov-procurement.go.jp/en/
EU-Japan Centre for Industrial Cooporation/Online-Helpdesk http://www.eu-japan.eu/japan-tax-public-procurement-helpdesk

Praxischeck Ausschreibungen: Die Sprache bleibt eine große Hürde

Bereits im Stadium einer regelmäßigen und systematischen Informationsbeschaffung ist das Einschalten eines Büros oder einer Agentur vor Ort zu empfehlen. Denn auch Rückfragen über eine Ausschreibung müssen bei den zuständigen Stellen auf Japanisch erfolgen. Im Investitionsgüterbereich werden von Praktikern oft zu kurze Angebotsfristen bemängelt. Außerdem seien entsprechende Aufträge für ausländische Unternehmen ohne die Kooperation mit Projektentwicklern oder Generalunternehmern nur schwer an Land zu ziehen. Nicht nur für die Herstellung, sondern auch für die Pflege von Geschäftsbeziehungen ist eine Präsenz vor Ort wichtig.

Die Konditionen bei öffentlichen Aufträgen sind oft lukrativer als im Privatsektor. Der Aufwand einer Teilnahme kann jedoch auch mit Blick auf die Zukunft lohnend sein. Gerade für ausländische Unternehmen entsteht ein wertvoller Imagegewinn: Wer bereits in öffentlichen Projekten involviert war, hat anderswo - auch im Privatsektor - tendenziell bessere Geschäftschancen.

Bisweilen klagen Hersteller oder Lieferanten über notwendige spezielle Lizenzen. Beispielsweise schreibt das "Pharmaceutical Law" im Fall von medizinischen Ausrüstungen für die Angebotsabgabe eine Lizenz vor. Im Bausektor ist für die Teilnahme an einer Ausschreibung ein spezielles Geschäftsgutachten (Keishin) nötig. Der Japanese Industrial Standard (JIS) sollte bekannt sein; er ist jedoch nicht immer zwingend erforderlich.

Bemängelt wird ebenfalls, dass lediglich bei wenigen Ausschreibungsverfahren (Anteil 2015/16: 5,6 Prozent) das OGV-Verfahren (overall greatest value) zur Anwendung kommt. Somit erfolgt die Vergabe überwiegend an das günstigste Angebot. Außerdem gilt der kaum verfügbare Verhandlungsspielraum als Barriere. Dadurch seien Aufträge für Ausländer oft auf Produkte mit Alleinstellungsmerkmal beschränkt.

Das vereinbarte Freihandelsabkommen mit der EU hat auch zahlreiche Auswirkungen auf das öffentliche Ausschreibungswesen. Der bilaterale Handlungsspielraum soll sich deutlich vergrößern. Erfahrung im Japangeschäft soll nicht mehr grundsätzliche Voraussetzung für die Teilnahme am Tenderverfahren sein. Für europäische Unternehmen werden dann insbesondere bessere Marktchancen für Medizintechnik und Hightechausrüstungen - auch für Forschungseinrichtungen - erwartet.

Vergaberichtlinien: Weiterführende Links

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministry of Foreign Affairs http://www.mofa.go.jp/files/000037391.pdf Allgemeine Informationen, Kontaktinformationen und Links

(S.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Japan Ausschreibungsregelungen, Recht der öffentlichen Aufträge, Ausschreibungswesen

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