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19.09.2018

Australien hat hohen Ausbaubedarf bei Ladeinfrastruktur

Elektromobilität erfordert Investitionen in Milliardenhöhe / Von Heiko Stumpf

Sydney (GTAI) - In Australien soll die Zahl der Elektroautos in den kommenden Jahren stark steigen. Deshalb muss das bislang nur rudimentär vorhandene Ladenetz deutlich erweitert werden.

Ladesäulen für Elektroautos sind in Australien dünn gesät. Nach Angaben des Electric Vehicle Councils standen Anfang 2018 landesweit 783 öffentliche Ladepunkte zur Verfügung. Das ist nur ein Bruchteil im Vergleich zum deutschen Angebot mit mittlerweile über 13.000 öffentlichen oder teilöffentlichen Stationen. Gemessen an 2017 legte die Anzahl der Lademöglichkeiten in Australien jedoch um 64 Prozent zu. Das zeigt die zunehmende Dynamik.

Prognosen zufolge steht dem Bestand an Elektrofahrzeugen massiver Zuwachs bevor. Derzeit dürften schätzungsweise nur rund 7.000 Fahrzeuge mit Elektroantrieb auf den Straßen Australiens unterwegs sein. Die Australian Renewable Energy Agency (ARENA) erwartet laut einer Studie vom Juni 2018 bis 2025 einen Anstieg auf über 670.000. Im Jahr 2030 soll es knapp über drei Millionen Stromer geben.

Zu einem fast identischen Ergebnis kommen Analysten von PriceWaterhouseCoopers (PwC), die bis 2030 eine Elektroflotte von 3,1 Millionen Kfz vorhersagen. Ihr Anteil am gesamten Kfz-Absatz soll dabei auf rund 50 Prozent steigen (2017: 0,2 Prozent). Die erforderlichen Investitionsausgaben für den begleitenden Infrastrukturausbau werden von PwC bis dahin mit 4,3 Milliarden US-Dollar veranschlagt.

Riesige Landfläche muss erschlossen werden

Laut der ARENA-Studie muss bis 2030 ein landesweites Netz von circa 8.000 öffentlichen Schnellladestationen entstehen. Durchschnittlich legen die Australier pro Tag zwar nur rund 36 Kilometer mit dem eigenen Auto zurück. Insbesondere zur Ferienzeit werden jedoch sehr lange Strecken von vielen hundert Kilometern gefahren.

"Auch die gelegentlich stattfinden Langstreckenfahrten müssen möglich sein, damit Elektroautos in Australien die nötige Akzeptanz finden", sagt Claire Painter, EQ Infrastructure Readiness Manager bei Mercedes-Benz in Australien. "In abgelegenen Regionen sollte sich zumindest alle 200 Kilometer eine Ladestation finden lassen."

Die Landfläche Australiens ist jedoch 22 Mal größer als Deutschland, sodass lange Fernstraßenabschnitte versorgt werden müssen. Das bisherige Prestigeprojekt ist der Electric Superhighway im Bundesstaat Queensland. Seit Anfang 2018 stehen entlang der 1.800 Kilometer langen Strecke von der Goldcoast im Süden bis nach Cairns im tropischen Norden insgesamt 17 Schnellladesäulen zur Verfügung. Ein weiterer Electric Highway besteht im Bundesstaat Western Australia zwischen Perth und dem Küstenort Augusta über 315 Kilometer mit zehn Schnellladestationen.

Noch kein nationales Konzept für die Ladeinfrastruktur

Da seitens der nationalen Regierung noch Ausbauziele oder Maßnahmenprogramme für eine öffentliche Ladeinfrastruktur fehlen, gehen alle bisherigen Initiativen auf private Unternehmen, Verbände oder Kommunen und Bundesstaaten zurück. So betreiben die US-amerikanischen Unternehmen Chargepoint und Tesla eigene Netze mit Ladestationen. Chargepoint kooperiert dabei auch mit dem deutschen Autobauer BMW sowie dem Shoppingmall-Betreiber Westfield. Mercedes-Benz prüft Möglichkeiten, den Ausbau der Ladeinfrastruktur entlang von Highways voranzutreiben.

Im Bundesstaat New South Wales errichtet der Automobilclub National Roads and Motorists' Association (NRMA) bis Ende 2018 insgesamt 40 Schnellladestationen. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Automarken haben die Ladepunkte in der Regel sowohl CHAdeMO- als auch Combined-Charging-System(CCS)-Stecker.

Von staatlicher Seite tut sich insbesondere das Australian Capital Territory (ACT) um die Hauptstadt Canberra hervor. Im Rahmen des "Transition to Zero Emissions Vehicle Action Plan" sollen dort 2018/19 rund 50 neue Ladepunkte gebaut werden. Auch in Victoria und New South Wales sind Förderprogramme im Gespräch. Bei den Kommunen sind die Stadtverwaltungen von Adelaide, Perth und Hobart Vorreiter. Abzuwarten bleibt, ob ein im Juni 2018 ins Leben gerufener Parlamentsausschuss zur Elektromobilität den Weg für eine nationale Strategie ebnet.

Kombilösungen mit Solar- und Stromspeichern

Neben der öffentlichen Schnellladeinfrastruktur dürften bis 2030 auch rund 2,2 Millionen sogenannte Level-2-Ladepunkte installiert werden, beispielsweise durch private Haushalte. Rund 71 Prozent der Australier leben in Einfamilienhäusern, die mit entsprechenden Anlagen ausgestattet werden können. Geschäftschancen bieten sich dabei bei Kombinationen für Solarstrom und Batterietechnologie. Laut Clean Energy Regulator (CER) hat bereits jeder fünfte Haushalt eine eigene Solaranlage auf dem Dach. Anteilsmäßig ist Australien damit bei Heimanlagen Weltspitze.

Zwei Drittel aller Erwerbstätigen fahren mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Deshalb bieten sich als Aufladezeitraum von Elektrofahrzeugen insbesondere die Abend- und Nachtstunden an. Auch dadurch dürfte nach Einschätzung von Branchenkennern eine wachsende Nachfrage für Stromspeicher entstehen. Ein großes Förderprogramm für Solarbatterien hat die Regierung in Victoria angekündigt. Demnach bekommen private Haushalte Zuschüsse in Höhe von etwa 5.000 $A (circa 3.600 US$) beim Kauf von Solarstromspeichern. Auch Dachanlagen werden gefördert.

Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums erleben die australischen Metropolen einen Bauboom bei Apartments. Als erste Städte wollen Hobart (Tasmanien) und Canberra die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur für mehrgeschossige Wohngebäude in ihre Bauvorschriften aufnehmen. Private Immobilienentwickler wie Meriton nutzen Ladepunkte teilweise bereits als Verkaufsargument für neue Luxusapartments.

Ladetechnologie für Fuhrparks benötigt

"Ein wichtiger Markttreiber für die Ladeinfrastruktur sind die Betreiber von Kfz-Flotten", sagt Mercedes-Managerin Painter. Sie sind für den überwiegenden Teil der Neukäufe von Elektrofahrzeugen verantwortlich und brauchen deshalb Ladepunkte auf ihren Betriebsgeländen. Die Australia Post nutzt zur Auslieferung beispielsweise bereits 1.500 elektrische Fahrräder und 100 elektrische Dreiradlieferwagen. Am Einsatz größerer Elektrofahrzeuge für die Postboten wird bereits gearbeitet. Insgesamt hat das Unternehmen rund 10.000 Fahrzeuge verschiedener Klassen im Fuhrpark.

Australischer Hersteller elektrifiziert deutsche Autobahnen

Der größte lokale Hersteller von Ladeinfrastruktur ist Tritium aus Brisbane. Das Unternehmen lieferte unter anderem die Schnelladesäulen für den Electric Superhighway in Queensland. In Deutschland kooperiert Tritium mit dem Münchener Unternehmen Ionity, einem Joint-Venture, an dem unter anderem BMW, Daimler und Volkswagen beteiligt sind. Zusammen wollen Tritium und Ionity rund 400 Schnellladesäulen entlang deutscher Autobahnen errichten.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in Australien können Sie unter http://www.gtai.de/australien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik. Unter http://www.gtai.de/elektromobilitaet finden Sie mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge.

Dieser Artikel ist relevant für:

Australien Stromerzeugungs- und -verteilungstechnik, Elektromobilität

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