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27.11.2017

Automobilbau in Russland dreht wieder höher

Daimler baut Werk in Moskau und BMW in Kaliningrad / Lkw-Absatz steigt um fast 50 Prozent / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russlands Automobilmarkt setzt nach der Krise zur Erholung an. Bei Pkw, leichten Nutzfahrzeugen und schweren Lkw werden 2017 zweistellige Absatzzuwächse erreicht. Außerdem steigt der Import von Lkw stark, dagegen sinkt der Import von Pkw weiter. Daimler Benz baut ein Werk im Moskauer Gebiet. Auch BMW plant ein eigenes Werk in Russland und will sich in der ersten Jahreshälfte 2018 endgültig entscheiden. Kamaz modernisiert seine Montagelinie für Fahrerkabinen und baut ein neues Schmiedewerk.

Die Aussichten am russischen Automobilmarkt hellen sich auf. In den ersten zehn Monaten 2017 wurden nach Angaben der Association of European Businesses (AEB) 1,28 Millionen Pkw und leichte Nutzfahrzeuge (LCV) verkauft. Damit nahm der Absatz um 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Allein im September kauften russische Kunden um 17,9 Prozent mehr Automobile - das beste Monatsergebnis seit 2015. Für das Gesamtjahr 2017 erwartet die AEB einen Absatz von etwa 1,5 Millionen Pkw und LCV. Für 2018 ist mit einem Anstieg der Verkäufe um etwa 10 Prozent zu rechnen.

Die im Juli 2017 angelaufenen Absatzförderprogramme "Familienauto", "mein erstes Auto", "russischer Lkw", "mein Geschäft" und "russischer Landwirt" fanden großen Zuspruch. In nur zwei Monaten wurden 37.600 Kraftfahrzeuge verkauft. Nach Angaben des stellvertretenden Industrieministers Alexander Morosow sollen diese Programme 2018 fortgeführt werden.

Absatz von neuen Kraftfahrzeugen in Russland (Stückzahl; Veränderung in %)
Kategorie Januar - Oktober 2016 Januar - Oktober 2017 Veränderung Januar - Oktober 2017/ Januar - Oktober 2016
Pkw und LCV 987.387 1.136.018 15,0
Lkw 40.164 59.694 48,6
Autobusse *) 3.852 5.200 35,0

*) Zahlenangaben für Januar bis September 2017

Quellen: Association of European Businesses (AEB), Autostat, ASM Holding

Absatz von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen in Russland nach Herstellern (Stückzahl; Marktanteil und Veränderung in Prozent)
Hersteller Januar - Oktober 2017 Veränderung Januar - Oktober 2017 / Januar - Oktober 2016 (in Prozent) Marktanteil Januar - Oktober (in Prozent)*
Lada 249.845 17 19,6
Kia 152.630 25 11,9
Hyundai 127.597 11 10,0
Renault 108.754 18 8,5
Toyota 74.750 -2 5,8
VW 70.108 18 5,5
Nissan 59.829 4 4,7
Skoda 50.566 11 4,0
GAZ vans 46.076 7 3,6
Ford 39.733 15 3,1
Mercedes Benz 30.440 -3 2,4
BMW 24.449 7 1,9
Audi 14.026 -20 1,1
VW vans 5.495 15 0,4
Mercedes Benz vans 5.024 7 0,4

*) Marktvolumen laut AEB: 1.277.938 Einheiten

Quelle: Association of European Businesses (AEB)

BMW plant eigenes Montagewerk in Kaliningrad

BMW plant den Bau eines Werks zur CKD-Montage im Gebiet Kaliningrad ab 2018. Der bayerische Premiumhersteller will mehrere hundert Millionen Euro investieren, um seine 3er, 5er, 7er und X-Serien für den russischen Markt vollständig vor Ort mit lokalen Bauteilen zu produzieren. Dazu erwägt das Unternehmen den Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrages im 1. Halbjahr 2018. Erst im Oktober eröffnete BMW im Gebiet Moskau sein größtes russisches Logistikzentrum für Ersatzteile.

Daimler baut Werk im Gebiet Moskau

Daimler errichtet im Moskauer Gebiet ein Werk zur Produktion von Geländewagen und Limousinen der G- und E-Klasse. Aktuell sucht Daimler nach Kfz-Teile-Zulieferern. Ab 2019 sollen die ersten Fahrzeuge vom Band rollen. Der Premiumhersteller eröffnete in diesem Jahr einen neuen Verkaufssalon in Kasan.

Volkswagen verlängert den Vertrag mit der GAZ Gruppe zur Auftragsfertigung von VW- und Skoda-Modellen bis 2025. Ab 2018 wird im GAZ-Werk in Nischni Nowgorod das Skoda-SUV Kodiaq produziert. Außerdem vereinbarten VW und GAZ in einem Vertrag die Lieferung von VW 2.0 TDI-Dieselmotoren aus dem Werk in Salzgitter, um Fahrzeuge der GAZ Gruppe damit auszustatten.

Renault, Ford und Mazda bringen neue Modelle auf den Markt

Renault bringt bis 2022 vier neue Modelle auf den russischen Markt, darunter neue Cross-Over und SUV. Der französische Hersteller erwägt den Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrages. Erste Gespräche hierzu mit dem Industrieministerium fanden im Anfang Oktober statt. Der russische Marktführer AwtoWAZ, an dem Renault Anteile besitzt, setzt seinen Sparkurs fort: Bis zu 8.000 Stellen im Werk in Togliatti werden gestrichen.

Ford will die Produktion der Modelle Mondeo und Focus im Werk Wsewoloschsk bis Jahresende 2017 um 30 Prozent steigern. Das Joint Venture Ford Sollers stellt im Werk Jelabuga in Tatarstan Ende 2017 die Produktion der Modelle Explorer und Kuga sowie des LCV Transit auf ein Zwei-Schicht-System um.

Mazda Sollers begann im Oktober mit dem Bau eines Motorenwerks bei Wladiwostok für 45 Millionen Euro. Ab 2018 sollen jährlich bis zu 50.000 Motoren der Generation SkyActiv-G produziert werden.

UzAvtoSanoat aus Usbekistan plant den Aufbau einer Produktion der Marken Chevrolet und Ravon in Russland und erwägt die Ansiedlung im konservierten GM-Werk in Sankt Petersburg. Auch hier ist ein Sonderinvestitionsvertrag im Gespräch.

Konkurrenz durch chinesische Hersteller wächst

Der chinesische Autohersteller Lifan will im Frühjahr 2018 entscheiden, wann der 115 Millionen Euro teure Bau seines Werks zur Produktion der Crossover-Modelle X50 und X60 in Lipezk starten soll. Mit Great Wall baut ein weiterer Hersteller aus China bereits für 475 Millionen Euro ein Werk in Tula. Ab 2019 sollen jährlich bis zu 150.000 Fahrzeuge der Marke Haval vom Band rollen. Bis dahin erweitert Haval sein Händlernetz in Russland. Bis 2019 sollen 40 Verkaufssalons eröffnen. Der chinesische Hersteller Hawtai startet Ende 2017 den Verkauf seines Cross-Over Modells Laville in Russland.

Produktion von Kraftfahrzeugen in Russland
Kraftfahrzeug Januar - Oktober 2017 (Stückzahl) Veränderung Januar - Oktober 2017 / Januar - Oktober 2016 (in Prozent)
Pkw und LCV 1.100.000 23,1
Lkw 127.000 16,6
Autobusse 21.400 12,3
Chassis für Kfz 199.000 13,5
Verbrennungsmotoren für Kfz 248.000 -0,4

Quelle: Statistikdienst Rosstat

Lkw-Produktion brummt

In den ersten drei Quartalen 2017 stieg die Produktion von mittelschweren und schweren Lkw um 16,6 Prozent auf 127.000 Lkw. Für das Gesamtjahr 2017 erwartet Marktführer Kamaz bei schweren Lkw ab 14 Tonnen ein Produktionswachstum von etwa 15 Prozent. Bei leichten und mittleren Lkw sind Wachstumsraten von 8 Prozent drin. In den ersten acht Monaten 2017 nahm überdies der Import von Lkw um 21 Prozent auf 16.900 Einheiten zu. Der stabile Rubel macht Einfuhren wieder bezahlbar.

Daimler-Kamaz hat 2017 das Modell Actros auf den russischen Markt gebracht und peilt 3.000 verkaufte Exemplare an. Das Joint Venture errichtet ein neues Werk zur Herstellung von 55.000 Fahrerkabinen pro Jahr. Dazu sollen ein Sonderinvestitionsvertrag mit der Republik Tatarstan abgeschlossen und 400 Millionen Euro investiert werden. Ab 2019 werden die ersten Fahrerkabinen in das neue Lkw-Modell Kamaz-54901 montiert; dieses soll ab 2022 in Serie gehen. Außerdem investiert Kamaz in ein neues Schmiedewerk, das Kurbelwellen für die Volkswagen Gruppe in Russland herstellen wird.

Ab September 2018 bringt Daimler den neuen Sprinter in Russland auf den Markt. Dieser wird von der GAZ Gruppe im Rahmen einer Auftragsproduktion gefertigt. Um an staatlichen Ausschreibungen teilnehmen zu können, will auch Volkswagen Truck & Bus (MAN, Scania) die Zusammenarbeit mit GAZ vertiefen.

Die russische GAZ Gruppe plant ab 2018 ihre Modelle Ural, GAZel Next und GazOn Next in Saudi-Arabien anzubieten und eine Produktion von Nutzfahrzeugen aufzubauen. Darauf verständigten sich Vertreter von GAZ und der saudischen Haka Group.

Der japanische Hersteller Hino (gehört zu Toyota) baut ein Werk zur Herstellung von leichten und mittelschweren Lkw in Chimki im Gebiet Moskau. Es wird rund 15 Millionen Euro kosten. Die Projektierung hat im 4. Quartal 2017 begonnen. Ab 2019 soll die Produktion von 2.000 Einheiten pro Jahr anlaufen.

Isuzu plant ab Anfang 2018 die Produktion des Lkw-Modells NPR82/CNG mit Gasantrieb. Pro Jahr sollen 300 Einheiten vom Band rollen. Zudem unterzeichnete der japanische Hersteller mit der Regierung des Gebiets Uljanowsk eine Vereinbarung zum Aufbau einer Busproduktion im Werk SIMAZ. Hierzu erwägt Isuzu den Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrages. Der Verkauf soll Anfang 2018 starten.

Mitsubishi Fuso (Japan) beginnt 2018 mit dem Verkauf seines neuen Lkw-Modells Canter e-Cell mit Elektroantrieb in Russland.

Stadt Moskau schreibt Tender für Elektrobusse aus

Immer mehr russische Städte rüsten ihren ÖPNV-Fuhrpark auf Gas- und Elektroantrieb um. Moskau will bis 2021 alle Busse mit Benzin- oder Dieselmotoren durch Elektrobusse ersetzen. Ab 2018 wird die Hauptstadt jährlich 300 neue Elektrobusse anschaffen. Den ersten Tender schreibt der städtische Nahverkehrsbetrieb Mosgortransport am 30.11.2017 aus. Experten schätzen, dass der Stückpreis stolze 220.000 Euro betragen könnte. Einer der interessierten Anbieter ist MAN. Der deutsche Hersteller beginnt 2019 mit der Serienproduktion von Elektrobussen.

Im September 2017 testete Moskaus Nahverkehrsbetrieb Mosgortrans den Elektrobus Modulo des Nanotechnologischen Zentrums für Kompositmaterialien (NZK) und der ungarischen Firma Evopro Group. Dieser besteht aus leichten Verbundstoffen, wodurch er sparsam über Moskaus Straßen rollen kann. Auch der Elektrobus Kamaz-6282 ist im Testbetrieb in der Hauptstadt unterwegs. Er muss alle 70 Kilometer aufgeladen werden. GAZ schickte ebenfalls einen Elektrobus zur Erprobung nach Moskau. Zwischen Januar und Juli 2017 legte er täglich etwa 220 Kilometer zurück bei nur zwei Aufladungen pro Tag.

(HJW)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Straßenfahrzeuge, allgemein, Personenkraftwagen (Pkw), Nutzfahrzeuge (Nfz), Elektromobilität

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