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04.07.2017

Bahninfrastruktur in Ägypten wird ausgebaut und saniert

Staatliche Eisenbahn verfolgt umfangreiches Modernisierungsprogramm / BOT-Projekte in Planung / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Sanierungen bestehender Strecken und neue Schienenprojekte prägen das Bild bei der ägyptischen Eisenbahn. In Kairo laufen die Arbeiten an der dritten Linie der Metro. Für die Umsetzung der Vorhaben ist ausländische Technik und Expertise notwendig. Da die Fahrpreise aus sozialen Gründen niedrig gehalten werden, sind Finanzierungen über die Weltbank, europäische Entwicklungsbanken und Mittel aus dem ägyptischen Staatshaushalt entscheidend. (Internetadressen)

Ägypten verfügte 2014 über ein Schienennetz von 5.085 km Breite- und Standardspuren. Sowohl für den Transport der wachsenden Bevölkerung als auch den Güterverkehr spielt die Bahn eine wichtige Rolle. Der Global Competitiveness Index 2016/2017 bescheinigt der Eisenbahninfrastruktur einen durchschnittlichen Zustand: Das Land erreichte Rang 73 unter 138 Staaten. Die Eisenbahnbehörde Egyptian Railway Authority identifizierte in den beiden letzten Jahren Modernisierungsbedarf beim Streckennetz, der Kommunikations- und Signaltechnik sowie bei Bahnhöfen und Bahnanlagen, Lokomotiven, Personen- und Güterwaggons.

Neubau mehrerer Eisenbahnstrecken in der Planung

Das größte geplante Vorhaben laut dem Informationsdienst MEED Projects, ist eine Schnellzugverbindung von Alexandria nach Assuan über nahezu 1.100 km. Bereits seit 2012 ist das Projekt des Verkehrsministeriums MOT mit geschätzten Kosten von 10,2 Mrd. US$ angedacht. Es soll auf EPC-plus-Finance-Basis umgesetzt werden. Der erste Abschnitt führt von Alexandria nach Kairo, der zweite weiter nach Luxor und der dritte bis Assuan. Für die Umsetzung soll es drei chinesische Interessenten geben.

In der Studienphase befindet sich der Bau einer Bahnlinie zwischen Luxor und Hurghada. Für diese ist ein Budget von 4,2 Mrd. US$ und eine Weltbank-Finanzierung geplant. Im Großraum Kairo baut die China Railway Eryuan Engineering Company eine zweigleisige elektrifizierte Bahnverbindung zwischen Ain Shams und der 10th of Ramadan City. Das Vorhaben mit einem Nettowert von 600 Mio. $ entsteht als BOT-Projekt.

Die New Urban Communities Authority (NUCA) setzt auf eine Verbindung des Metrosystems mit den westlichen Vorstädten Kairos durch eine Einschienenbahn. Das Projekt soll in zwei Etappen auf BOT-Basis umgesetzt werden. Momentan erfolgt die Angebotsauswertung für die erste Phase, die zwölf Stationen auf 35 km Fahrstrecke und Signalsysteme einschließt. Später sollen fünf weitere Bahnhöfe für eine Linie von 25 km Länge entstehen.

Modernisierungen von Strecken, Waggons und Technik stehen an

Mit finanzieller Flankierung der Weltbank verfolgt die ägyptische Staatsbahn das Egypt National Railways Restructuring Project. Ein wesentliches Element ist die Lieferung und Installation neuer Signalsysteme, die auf drei Streckenabschnitten bereits erfolgt. Zudem forciert die Bahn die Erneuerung von 200 km ihres Schienennetzes. In der frühen Studienphase befindet sich die Umstellung von mechanischen auf elektronische Signalanlagen (electronic interlocking systems) für den Abschnitt Luxor-Assuan. Dafür sind 180 Mio. $ Budget veranschlagt. Im laufenden Jahr 2017 soll das Projektdesign für die Modernisierung der Strecke Tanta-Damietta im Wert von 350 Mio. $ abgeschlossen werden.

In Alexandria steht die Modernisierung der Straßenbahn El Raml an. Das Projekt dient dazu, die Strecke zu verlängern und Haltestellen sowie Wagen zu renovieren. Im Ergebnis wird sich auch die Fahrtdauer halbieren. Die Gesamtkosten von 360 Mio. Euro werden durch eine Finanzierungsfazilität der französischen Entwicklungsagentur AFD über 100 Mio. Euro sowie laut einer Pressemeldung, 180 Mio. Euro seitens der EIB und 80 Mio. Euro der ägyptischen Regierung aufgebracht.

Einem Pressebericht von Mai 2017 zufolge will die staatliche Egyptian National Railways (ENR) außerdem sechs Dieselzüge anschaffen. Hinzu kommen 700 einfache Waggons mit 50% lokalen Komponenten, über die die Bahn mit internationalen Unternehmen verhandelt. Auch an ihrem Bestand will die Staatsbahn arbeiten. So sollen 60 von 10.321 Waggons der einfachen Kategorie, 60 von 1.223 der mittleren Klasse und 40 von 650 klimatisierten Waggons monatlich modernisiert werden. ENR plant außerdem den Ausbau ihrer Fuhrparkwartung, die derzeit nur über geringe Kapazitäten verfügt. Ebenso sind Verbesserungen bei der Flotte mobiler Einheiten geplant. Investitionen sollen auch in die Hallen für Güterzüge und in die Modernisierung von 50 Bahnhöfen pro Jahr fließen.

Metro in Kairo bleibt ein Investitionsschwerpunkt

Etwa 3,5 Millionen Fahrgäste täglich nutzen die beiden Metrolinien in Kairo. Der Ausbau der Linie 3 unter dem BOT-Modell kostet insgesamt 7,5 Mrd. $ und befindet sich in der vierten von vier Bauphasen. Da der letzte Abschnitt der mit Abstand längste ist, wurde rund die Hälfte der Strecke bislang fertiggestellt. Zur Finanzierung des dritten Abschnitts trugen die französische Entwicklungsagentur AFD und die Europäische Investitionsbank bei. Perspektivisch sind insgesamt sechs U-Bahn-Linien geplant. Laut einem Pressebericht vom April sollen im Juli 2017 die Arbeiten für eine vierte Metro beginnen. Üblicherweise arbeiten an den Streckenabschnitten der Metro lokale Bauunternehmen gemeinsam mit ausländischen Firmen. Von staatlicher Seite her ist die National Authority for Tunnels (NAT) der maßgebliche Akteur.

Die existierenden Linien 1 und 2 erfordern mittlerweile Modernisierungen. Der Verkehrsminister schätzte die Kosten dafür im April 2017 auf umgerechnet 1,5 Mrd. Euro. Davon sollen mehr als 80% auf die erste Linie entfallen. Zudem plante das Ministerium die Anschaffung von 32 neuen klimatisierten Zügen für die Metrolinie 1. Diese sollen seit den 1980er Jahren in Betrieb befindliche Wagen ersetzen. Außerdem ist vorgesehen, mit Hilfe einer EBRD-Finanzierung sechs neue Züge für die Linie 2 zu beschaffen.

Die finanziellen Herausforderungen für Unterhalt und Ausbau des Metronetzes sind erheblich. Im März 2017 berichtete die Presse über große Finanznöte der Betreibergesellschaft. Diese konnte einem Sprecher zufolge die Rechnungen für Wartung, Strom und Wasser nicht mehr begleichen. Auch die danach erfolgte unpopuläre Verdoppelung des Fahrpreises auf 2 ägyptische Pfund wirkt eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aufgrund des drastisch gefallenen Außenwertes der Landeswährung entspricht der neue Ticketpreis lediglich 10 Eurocent. Mittels neuer technischer Systeme soll den schätzungsweise 12% Schwarzfahrern in der Stadt ihr Tun erschwert und die Zahlungsmoral gestärkt werden.

Kairo wird auf absehbare Zeit die einzige Stadt mit einer Metro in Ägypten bleiben. Pläne für eine U-Bahn in Alexandria wurden auf Eis gelegt. Zuvor fiel bereits die Entscheidung, in Mansoura keine Metro zu bauen. Auch für die im Bau befindliche neue Hauptstadt östlich von Kairo wurden noch keine Schienenverkehrspläne bekannt. Derzeit wird die neue Stadt mit der grundlegenden Straßen- und Versorgungsinfrastruktur ausgerüstet.

Chronische Unterfinanzierung hemmt Beseitigung des Investitionsstaus

Angaben von 2015 und 2016 lassen den Schluss zu, dass bei der Metro und der Eisenbahn die Fahrpreise etwa zwischen 12 und 30% der Kosten deckten. In Anbetracht eines stark defizitären Staatshaushalts und eines hohen Investitionsstaus im Land kann die öffentliche Hand nur geringfügig in die Schieneninfrastruktur investieren. Umso wichtiger sind ausländische Kredite, um Projekte zu realisieren und Beschaffungen zu finanzieren. Neben der Zusammenarbeit mit der Weltbank setzt Ägypten auf die Kooperation mit den Entwicklungsagenturen JICA aus Japan und AFD aus Frankreich ebenso wie mit der EBRD und EIB.

Internetadressen

Ministry of Transport:

Internet: http://www.mot.gov.eg

National Authority for Tunnels

Internet: http://www.nat.org.eg

New Urban Communities Authority

Internet: http://www.newcities.gov.eg

Egyptian National Railways

Internet: https://www.enr.gov.eg

(O.I.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau

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