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31.05.2018

Belgien: Vereinigtes Königreich ist wichtiger Handelspartner

Britische Waren kommen oft über belgische Häfen in andere EU-Länder / Von Torsten Pauly

Brüssel (GTAI) - Belgien ist eine äußerst offene Volkswirtschaft und hat in der EU mit den engsten Austausch mit dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland. Daher kann sich der Brexit auf Belgien weit stärker als auf die meisten anderen Mitgliedstaaten auswirken. In den Jahren 2018 und 2019 soll Belgiens Wirtschaft aber weiter dynamisch wachsen. Ein starker Konjunkturmotor bleibt der Außenhandel. (Kontaktadressen)

Belgiens Regionen sind unterschiedlich stark mit dem Vereinigtem Königreich verflochten

Eine Studie von Forschern der Rotterdamer Erasmus Universität von Anfang 2018 vergleicht, welchen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Austausch mit dem Vereinigten Königreich in den verschiedenen Regionen der EU besitzt. Dabei zählt Belgien mit einem Einfluss auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu den am stärksten betroffenen EU-Staaten. Nur Irland, Deutschland, Malta und die Niederlande haben einen noch höheren Indikator.

Innerhalb Belgiens wiederum gibt es große regionale Unterschiede. Am stärksten ist die Verflechtung in der Provinz Wallonisch Brabant, wo 4,1 Prozent des BIP in Zusammenhang mit einem Austausch mit dem Vereinigten Königreich erbracht werden. Es folgen Limburg und Flämisch Brabant (jeweils 4 Prozent), die wallonische Provinz Luxemburg (3,9 Prozent) und Westflandern (3,8 Prozent). Am geringsten ist der durch die Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich beeinflusste BIP-Anteil in der Hauptstadtregion Brüssel mit 2,8 Prozent.

Belgien ist dank seiner Lage im Herzen Nordwesteuropas ein logistisches Drehkreuz von Weltrang. Allein Europas zweitgrößter Hafen Antwerpen hat seinen Umschlag 2017 um 4,4 Prozent auf 224 Millionen Tonnen gesteigert. Das ist mehr als in Hamburg und Bremen zusammen (insgesamt 209 Millionen Tonnen). Belgien ist auch ein wichtiges Durchgangsland für den britischen Handel mit anderen EU-Ländern. Sänke dieser nach einem Brexit, so träfe dies Belgiens Logistiksektor entsprechend. Der Hafen Zeebrugge wickelt mehr Umschlag mit britischen Orten ab als mit irgendeinem anderen Land und in Antwerpen liegt das Vereinigte Königreich an zweiter Stelle, so eine Studie von Deloitte.

Belgien ist nicht zuletzt wegen des Transitverkehrs eine äußerst offene Volkswirtschaft. Der Warenimport hat dort 2017 etwa 81,4 Prozent des BIP entsprochen und die Exportrate lag sogar bei 86,7 Prozent. In Deutschland hat zum Vergleich die Einfuhr 2017 etwa 31,7 Prozent und die Ausfuhr 39,3 Prozent des BIP ausgemacht. Dabei trägt ein Exportüberschuss in Belgien ähnlich wie in Deutschland zum Wohlstand bei. Im Jahr 2017 erreichte er etwa 5,3 Prozent des BIP. Dazu hat das Plus mit dem Vereinigten Königreich in Höhe von 3 Prozent des BIP stark beigetragen.

Die Verunsicherung im Vorfeld des Brexits soll die belgische Konjunktur aber zunächst kaum beeinträchtigen. Laut Prognose der EU-Kommission wird der Gesamtexport von Waren und Dienstleistungen 2018 um 4,4 Prozent und 2019 um 4,3 Prozent wachsen. Auch der Import soll sich 2019 (+4,3 Prozent) fast so dynamisch entwickeln wie 2018 (+4,6 Prozent). Damit trägt der Außenhandel wesentlich dazu bei, dass Belgiens BIP 2018 und 2019 um voraussichtlich 1,8 Prozent und 1,7 Prozent ansteigen kann.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Belgien und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP (2017) 4,0
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2016) 1,8
Anteil Warenexport in das VK am BIP (2017) 7,0
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2016) 1,6
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Belgien 1,5

Quellen: Eurostat, Belgische Zentralbank

Chemie- und Kfz-Industrie haben den engsten Austausch mit britischen Partnern

Das Vereinigte Königreich war 2017 Belgiens viertwichtigster Handelspartner. Es lieferte 4,9 Prozent aller Importe und nahm 8,4 Prozent der Exporte ab. Allerdings hat sich die Bedeutung des britischen Marktes für Belgien in den vergangenen Jahren verringert. Noch 2002 hatte das Vereinigte Königreich einen Anteil von 7,5 Prozent an der Ein- und von 9,6 Prozent an der Ausfuhr. Diesen Trend kann der Brexit nochmals verstärken. Daher ist es für Unternehmen und Behörden in Belgien sehr problematisch, dass weniger als zwölf Monate vor dem britischen EU-Austritt noch keinerlei konkrete Handelsmodalitäten für die Zeit danach feststehen.

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Straßenfahrzeuge haben 2017 etwa 27,7 Prozent aller belgischen Ausfuhren ins Vereinigte Königreich ausgemacht und sind damit wichtigstes Exportgut dorthin gewesen. Auch beim belgischen Import aus dem Vereinigten Königreich waren Straßenfahrzeuge mit einer Rate von 20,6 Prozent führend. Die Kfz-Industrie hatte 2016 einen Anteil von 6,7 Prozent am Gesamtumsatz des verarbeitenden Gewerbes in Belgien.

Weitere 23,4 Prozent der belgischen Ausfuhr auf den britischen Markt entfielen 2017 auf chemische Erzeugnisse. Dabei haben Arzneimittel (11,2 Prozent) und Kunststoffe als Vorprodukte (4,6 Prozent) die größte Rolle gespielt. Auch 20,6 Prozent aller belgischen Importe aus dem Vereinigten Königreich waren 2017 chemische Erzeugnisse, wobei organische Chemikalien mit einem Anteil von 6,5 Prozent führend waren. Der Sektor ist Belgiens wichtigster Industriezweig, hat die Chemieindustrie 2016 doch 15 Prozent vom Umsatz des verarbeitenden Gewerbes erwirtschaftet. Weitere 8,6 Prozent hat die Pharmabranche generiert.

Raffinerien beziehungsweise Erdöl und Erzeugnisse daraus haben 2017 weitere 4,1 Prozent zum belgischen Export ins Vereinigte Königreich beigesteuert. Am Import aus dem Vereinigten Königreich hatten Erdölwaren einen Anteil von 10,6 Prozent und Erdgas von weiteren 8,9 Prozent. Belgiens Petrochemie hatte 2014 laut neuesten verfügbaren Zahlen 21,5 Prozent zum Umsatz des verarbeitenden Gewerbes beigetragen.

Überdurchschnittlich groß ist der britische Ausfuhranteil ferner bei Bekleidung und Schuhen (11,3 sowie 15,4 Prozent), Nachrichtentechnik, Radio und TV (10,8 Prozent), Nahrungsmitteln, lebenden Tieren und Getränken (8 Prozent) sowie bei Büromaschinen und EDV (7,3 Prozent). Längerfristig kann ein geringerer Export ins Vereinigte Königreich Belgiens Produktion solcher Erzeugnisse besonders schmälern.

Belgischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 17,3 49,3
Rang in der Importstatistik 5 2
Exporte nach... (Mrd. Euro) 32,0 63,3
Rang in der Exportstatistik 4 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 49,3 112,6
Rang als Handelspartner 4 1

Quelle: Eurostat

EU-Austritt kann britische Investitionen in Belgien erhöhen

Als Investoren stehen britische Unternehmen in Belgien hingegen nicht in vorderster Reihe. Ende 2016 hat sich der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen aus dem Vereinigten Königreich auf 6,4 Milliarden Euro summiert, das entspricht 1,3 Prozent der Gesamtsumme. Weitaus bedeutender sind Belgiens direkte Nachbarländer Niederlande (29,7 Prozent des Bestandes), Frankreich (27,9 Prozent) und Luxemburg (24,5 Prozent). Die britischen Direktinvestitionen in Belgien könnten sich durch den Brexit aber erhöhen, falls Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich dort ihre Präsenz im EU-Binnenmarkt ausbauen.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Belgien können Sie unter http://www.gtai.de/belgien abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Belgien Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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