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26.03.2018

Berbera-Hafen in Somaliland ein potenzieller Game Changer

Äthiopien sucht Transportalternativen / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Die international nicht anerkannte Republik Somaliland setzt auf einen massiven Ausbau ihres Hafens in Berbera, um mehr Transithandel abwickeln zu können. Das Binnenland Äthiopien ist bislang auf Dschibuti angewiesen und will diese Abhängigkeit verringern. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), erst kürzlich von Dschibuti verprellt, wollen mit Millionen-US-Dollar-Investitionen in den Ausbau einsteigen. Bei Erfolg würde dies die Handelsströme in der Region umleiten.

Es mag wegen der fehlenden internationalen Anerkennung Somalilands schwierige juristische und finanzielle Fragen geben, der politische Wille aber ist da: Der Hafenbetreiber DP World aus den VAE hat es eiliger denn je, in Somaliland Fuß zu fassen, seit er als Konzessionär des Hafens von Dschibuti unter ungeklärten Umständen Ende Februar 2018 gekündigt wurde. Auch Äthiopien steht unter Zugzwang wenn es sich von Dschibuti als Warenumschlagsplatz (mehr als 90 Prozent seines Außenhandels) emanzipieren will. Deshalb hat Äthiopien für 80 Millionen US-Dollar (US$) ein 19-Prozent-Paket am Hafen von Berbera erworben. DP World hält 51 Prozent und die Somaliland Port Authority 30 Prozent.

Anzumerken bleibt, dass Somalia die äthiopische Investition für illegal hält und für diese Position Verbündete sucht, so zum Beispiel in Katar, das wiederum schwierige Beziehungen zu den VAE unterhält. Die somalischen Häfen wurden für DP World geschlossen.

Hafenerweiterung gilt als ökonomischer Durchbruch

Berbera ist die drittgrößte Stadt in Somaliland mit etwa 300.000 Einwohnern. 1991 rief die Aufstandsbewegung Somali National Movement die Unabhängigkeit der Republik Somaliland aus. Eine der wichtigsten Ziele der jungen Republik war die Wiederherstellung der Infrastruktur, was mangels internationaler Unterstützung nur sehr langsam vonstattenging. Die Vereinbarung mit der DP World und seit kurzem mit dem strategischen Partner Äthiopien gilt als großer ökonomischer Durchbruch.

Berbera liegt an einer wichtigen Ölschifffahrtsroute und verfügt über einen Tiefwasserhafen. DP World hat eine 30 Jahre lange Betreiberkonzession für den Hafen erhalten und will mit den Partnern insgesamt 442 Millionen US$ investieren - für das kleine Somaliland ein Mega-Projekt. Noch 2018 sollen neue Kaimauern gebaut und Kräne angeschafft werden, um die Effizienz des Hafens zu steigern. Angesichts dieser Bedeutung wollen die VAE dort auch einen Marinestützpunkt nebst eigenem Flughafen aufbauen, auch das ein politischer Erfolg für Somaliland und eine gute "Versicherung".

Handelsvolumen expandiert

Das Handelsvolumen in Berbera ist zuletzt um jährlich schätzungsweise 20 bis 30 Prozent gestiegen und stößt an Kapazitätsgrenzen. Wenn Äthiopien, wie angekündigt, eines Tages ein Drittel seines Außenhandels über Berbera abwickeln will - nach aktuellen Zahlen gut 7 Milliarden US$ - wäre das für Somaliland der große Game Changer. Eine solche Gütermenge müsste derweil nicht nur Investitionen in neue Hafenanlagen, sondern auch in andere Infrastrukturen nach sich ziehen.

So wird zum Beispiel die nur zum Teil asphaltierte Piste nach Äthiopien immer wieder von Sandverwehungen unterbrochen, von den üblichen Schlaglöchern einmal abgesehen. Die benötigte Investition kann Somaliland unmöglich alleine stemmen. Weil das Land aber international nicht anerkannt ist, hat es keinen Zugang zu Finanzierungsinstitutionen wie der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Bislang haben die VAE für die Entwicklung des "Berbera Corridors" 200 Millionen US$ bereitgestellt. Damit nicht genug: Anfang November 2017 haben der Chef der DP Wold Group Sultan Ahmed Bin Sulayem und der somaliländische Außenminister Saad Ali Shire die Einrichtung einer Berbera-Freihandelszone vereinbart. Vorbild ist die Jebel Ali Free Zone von DP World in Dubai. Ein 12,2 Quadratkilometer großes Areal soll zur Verfügung stehen, von denen 4 Quadratkilometer zu einem Logistikzentrum ausgebaut werden sollen. Die Rede ist von einer 100-Millionen-US-Dollar-Investition.

Unabhängige Beobachter halten solche Überlegungen für durchaus aussichtsreich: Die VAE wollen sich in der Region schon seit Jahren strategisch aufstellen und sind über die Enteignung in Dschibuti "stinksauer", so Berichte. Mit einem Hafen nebst Freizone könnten sie das bisherige Transitmonopol Dschibutis für den äthiopischen Außenhandel knacken.

Westen ist nicht präsent

Europa und die USA sind in Somaliland so gut wie nicht präsent: Größter bilateraler Geber ist bislang Großbritannien, deren Hilfsorganisation, das Department of International Development, Somaliland immerhin in Sachen Hafen und Transportkorridor nach Äthiopien berät. Die EU wollte 2015 eine Geberkonferenz organisieren, um Mittel für eine Entwicklung Somalilands zu mobilisieren, hat den Termin aber auf unbestimmte Zeit verschoben, weil der international anerkannte Staat Somalia Somaliland wiederum zu seinem Territorium zählt und ein Wort mitreden will.

Ansonsten gilt Somaliland als positives Beispiel für ein Land, das es auch alleine schafft. So schrieb die "Zeit Online" im August 2013: "Glück im toten Winkel der Welt - Die internationale Gemeinschaft kümmert sich nicht um Somaliland. Darum gedeiht es prächtig." Seit den 90er-Jahren konnten in Somaliland aus eigener Kraft öffentliche Infrastrukturen wie eine Wasser- und Stromversorgung, Schulen und Sicherheitskräfte aufgebaut werden. Beobachter sprechen zudem von einem blühenden Privatsektor.

Potenzial von Agrarwirtschaft und Fischerei ungenutzt

Abgesehen vom Hafengeschäft basiert die somaliländische Wirtschaft bislang zu 60 bis 65 Prozent auf nomadischer Viehzucht (Schafe, Kamele und Rinder). Schlachtreife Tiere werden vornehmlich lebend nach Saudi-Arabien ausgeführt und erlösen die größten Exporteinnahmen des Landes. Für den Ackerbau werden derweil nur 3 Prozent des Landes genutzt; die Fläche ließe sich mehr als verdoppeln und die Erträge bei einer Abkehr vom Regenfeldbau vervielfachen. Die Fischerei hat ein riesiges ungenutztes Potenzial, trägt bislang aber nur 2 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Immer wieder beeinträchtigen Dürren die landwirtschaftliche Erzeugung.

Sich verändernde Klimamuster, eine Abholzung von Wäldern und Buschland für Holzkohle und nachfolgende Verödung von Landschaften verschlimmern den Wassermangel und werden die Lebensweise der nomadischen Bevölkerung in den nächsten Jahren dramatisch verändern. In der Folge wird der Bevölkerungsdruck in den Städten deutlich zunehmen und den Anteil der in Slums lebenden Bevölkerung vervielfachen. Solche Entwicklungen können auch in wohlhabenderen Ländern der Region wie zum Beispiel in Kenia beobachtet werden, das sich diesbezüglich als weitgehend handlungsunfähig und machtlos zeigt. Somit zählen Geldtransfers von Auslands-Somaliländer an ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen zu wichtigen Einnahmequellen des Landes.

(MB)

Dieser Artikel ist relevant für:

Somalia, Äthiopien, Dschibuti, Vereinigte Arabische Emirate Bauwirtschaft, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Wasser-, Hafenbau, Schiffsverkehr / Häfen

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