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02.08.2019

Beschleunigte Industrialisierung Ägyptens sorgt für wachsenden Bedarf

Maschinenbau dürfte vom Ausbau der inländischen Wertschöpfung profitieren / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Ägypten benötigt Ausrüstungen für den Binnenmarkt, möchte sich aber auch zunehmend als Exporthub etablieren. Deutsche Technik und Expertise genießt einen besonders hohen Stellenwert.

Industrie- und Infrastrukturprojekte sorgen weiterhin für Ausrüstungsbedarf

Die Aussichten für den Maschinenbausektor in Ägypten sind überwiegend günstig. Der Staat setzt große Städtebauprojekte um und modernisiert die Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Die öffentlichen Holdings für Chemie und Textilien führen Programme zur Modernisierung ihrer Tochterunternehmen durch. Neue Industrieparks, die expandierende chinesische und die geplante russische Industriezone sprechen auch mittelfristig für eine anhaltende Maschinennachfrage. Dem verarbeitenden Gewerbe kommt auch zugute, dass infolge stark gestiegener Importpreise manche Hersteller mehr lokale Komponenten und Verpackungen einsetzen. Damit steigen die Chancen, dass Lücken in den Wertschöpfungsketten geschlossen werden und sich neue industrielle Zulieferer etablieren.

Die Situation in den Abnehmerbranchen für Maschinen stellt sich allerdings uneinheitlich dar. Die Erdgasförderung und Petrochemie sind beispielsweise zu einem Wachstumstreiber und Investitionsschwerpunkt geworden. Dem Vernehmen nach leiden jedoch manche von der Kaufkraft der inländischen Verbrauchern abhängige Produzenten teils unter einer geringen Auslastung. Auch insgesamt zeigt sich ein gemischtes Bild. Der in Ägypten häufig zitierte Markit/Emirates-NBD-Einkaufsmanagerindex drehte im April 2019 zwar mit 50,8 Punkten in den Wachstumsbereich. Vorher blieben die Aktivitäten aber acht Monate in Folge unterhalb der Wachstumsschwelle.

Exportorientierte Unternehmen haben es aufgrund ihrer Deviseneinnahmen leichter, Investitionen zu finanzieren. Andere stehen eher vor Schwierigkeiten. Die zur Inflationsbekämpfung von der Zentralbank angehobenen Zinsen befinden sich weiterhin auf einem hohen Niveau. Zudem halten sich manche Banken bei der Kreditvergabe offenbar zurück. Dies gilt beispielsweise bei einigen neuen oder kleineren Unternehmen und wenn ein hohes Branchenrisiko vermutet wird.

Ausgewählte Investitionsprojekte von Maschinenbauunternehmen in Ägypten (Investitionssumme in Millionen US$)
Vorhaben Investitionssumme Projektstand Projektträger
Fabrik für Landtechnik 40 Seit 2016 in der Planung Mahindra Group (Indien)
Kranfabrik unbekannt Vereinbarung unterzeichnet SMM (Russland)
Produktion von Transformatoren und elektrischen Ladestationen unbekannt Absichtserklärung unterzeichnet Arab Organization for Industrialization und TBEA (VR China)
Vier Fabriken für Komponenten und Ersatzteile unbekannt Studienphase Fresh Electric
Fabrik für Pumpen unbekannt Studienphase SPP Pumps (Indien)

Quellen: ägyptische Pressemeldungen; MEED Projects

Forschung und Entwicklung spielen noch eine geringe Rolle

Industrie 4.0 und die Automatisierung der Produktion stehen in Ägypten noch am Anfang. Das Land punktet traditionell eher mit niedrigen Kosten für arbeitsintensive Tätigkeiten. Die Abwertung der Landeswährung verstärkt diesen Wettbewerbsvorteil seit November 2016 deutlich.

Entsprechend sind Forschung und Entwicklung in Ägypten eher schwach repräsentiert. Der Anteil dieser Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt fiel 2017 auf 0,6 Prozent zurück. Im Vorjahr hatte der Wert noch bei 0,7 Prozent gelegen.

Dass sich aber dennoch eine Entwicklung vollzieht, belegt die Verbesserung Ägyptens im Global Innovation Index 2018. Dort kletterte das Land um zehn Plätze gegenüber dem Vorjahr auf Rang 95. Die meiste Dynamik entfalteten Patente, geistiges Eigentum und Technologieexporte. In der Kategorie "Humankapital und Forschung" fiel Ägypten hingegen von Platz 82 auf 89 zurück. Das überfüllte Bildungssystem zählt zu den Reformbaustellen des Landes. Insbesondere bei handwerklich-technischen Fachkräften sind die individuellen Qualifikation sehr unterschiedlich.

Bildung erscheint auch als ein Schlüssel, um dauerhaft nicht automatisierbare qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Vor dem Hintergrund der weltweiten Innovationen in der Automatisierung und Digitalisierung dürfte es schwierig werden, dauerhaft mit einfachen Tätigkeiten zu geringen Lohnkosten bei Investoren zu punkten.

Deutsche Qualität und Finanzierungsangebote als Erfolgskombination

Der Wettbewerb auf dem preissensiblen ägyptischen Markt für Maschinen spielt sich vor allem im Importbereich ab. Mit deutschen Produkten werden im Allgemeinen Eigenschaften wie hohe Qualität und Zuverlässigkeit sowie Langlebigkeit assoziiert. Sind etwa bei Industrie- und Infrastrukturprojekten aufwendige Spezialanforderungen zu erfüllen, ist das Vertrauen in deutsche Lösungen hoch. Häufig wird jedoch das ebenfalls hohe Preisniveau beklagt. Bei Maschinen und Anlagen werden Finanzierungsangebote immer wichtiger.

Vorteile gegenüber Wettbewerbern bei Maschinen und technischen Anlagen können ein zuverlässiger Aftersalesservice, die lokale Verfügbarkeit von Ersatzteilen sowie Ansprechpartner im Land bringen. Eigene Repräsentanten vor Ort haben nicht nur praktische Vorzüge, sondern werden auch als Bekenntnis zum Standort wahrgenommen und geschätzt. Im technischen Bereich spielen aufgrund des schwankenden Ausbildungsniveaus Schulungen allgemein eine wichtige Rolle.

Nicht nur private Kunden schätzen deutsche Ausrüstungen. Delegationen der ägyptischen Regierung und des Militärs zeigten in den vergangenen beiden Jahren starkes Interesse an deutscher Technik. Konkret ging es zum Beispiel um Abfall- und Recyclingtechnik und die Organisation dieses Sektors oder eine Kooperation mit deutschen Industrieunternehmen. Anfang 2019 unterzeichnete die Arab Organization for Industrialization (AOI) eine Absichtserklärung mit dem deutschen Maschinenbauunternehmen DMG Mori. Dem Wirtschaftsinformationsdienst Enterprise zufolge ging es um die Einführung nicht näher genannter Produktionstechnik in Ägypten.

Wenige lokale Unternehmen stellen vor allem einfache Maschinen her

Ägyptens Maschinenbaubranche ist klein und produziert weitgehend einfache Maschinen. Der Ausrüstungsbedarf des Landes wird zu etwa 90 Prozent durch Importe gedeckt. Lediglich einige hundert Unternehmen sind dem Maschinenbau zuzurechnen, darunter auch einige größere ausländische. Detaillierte Informationen zur Branche sind kaum verfügbar.

In Ägypten sind auch einige große ausländische Unternehmen vertreten, die dem Maschinenbau zuzurechnen sind. Samsung und LG aus der Republik Korea betreiben Produktionsstätten in Ägypten. Auch Schneider Electric aus Frankreich hat in Ägypten investiert. Der Kreis ausländischer Hersteller dürfte bald größer werden. Die Mahindra Group (Landmaschinen) und SPP Pumps (beide Indien) planen Produktionsstandorte in Ägypten.

Weiterführende Informationen zu Ägypten unter http://www.gtai.de/aegypten

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Maschinen- und Anlagenbau, allgemein

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