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08.08.2017

Biomethan erreicht in Italien neuen Meilenstein

Erste Anlage an das Gasnetz angeschlossen / Neues Gesetz dürfte Investitionsboom auslösen / Von Robert Scheid

Mailand (GTAI) - Italien schließt erstmals eine Biomethananlage an sein Erdgasnetz an. Damit beginnt für den erneuerbaren Brennstoff ein neues Kapitel. Die Voraussetzungen für die Biomethan-Produktion in Italien sind gut, in Europa liegt das Land bereits auf Platz zwei. Ein neues Förderpaket wird voraussichtlich im Herbst 2017 erwartet. Dies könnte zu erheblichen Neuinvestitionen in technische Upgrades führen. Deutsche Unternehmen haben als Technologieanbieter gute Chancen. (Internetadressen)

Anfang Juli 2017 wurde in Montello, unweit der lombardischen Stadt Bergamo, eine neue Produktionsanlage für Biomethan eingeweiht. Laut italienischen Pressemeldungen handelt es sich dabei um die erste Anlage in Europa, die aus Bioabfällen Biomethan produziert und es anschließend in das Erdgasnetz einspeist.

Die Anlage der Firma Montello Spa hat nach Unternehmensangaben eine Produktionskapazität von 3.750 Normkubikmeter Biomethan pro Stunde oder 32 Mio. Normkubikmeter pro Jahr. So können die Bioabfälle von 6 Mio. Italienern, das entspricht 10% der italienischen Bevölkerung oder 60% der Einwohner der Lombardei, in Biomethan umgewandelt werden.

Nachhaltiger Transport steht im Fokus

Mit der Biomethanproduktion schlägt Italien zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits hat sich die italienische Erdgasproduktion in den letzten Jahren signifikant reduziert, weshalb der Anteil der Importe steigt. Für die Energiesicherheit wäre das aus der italienischen Landwirtschaft und Siedlungsmüll gewonnene Biomethan eine interessante Ergänzung.

Andererseits hinkt Italien dem Zeitplan für die Erreichung der europäischen Energieziele im Transportbereich hinterher. Bis 2020 sollen 10% des Energiebedarfs für den Transport aus erneuerbaren Quellen stammen. Biomethan trifft als Treibstoff für erdgasbetriebene Kfz in Italien auf großes Interesse. Für diesen Ansatz spricht die größte Flotte von Erdgasfahrzeuge in Europa. Circa 1 Mio. Kfz in Italien haben einen Methan-Antrieb.

Auch für den Bereich Abfall- und Abwasserwirtschaft bietet die Biomethanproduktion eine interessante Lösung. Bioabfälle aus der italienischen Landwirtschaft und Abwassersysteme werden zu Brennstoff umgewandelt. Zudem führt die steigende Mülltrennungsquote zu einer Zunahme von Bio-Hausmüll, der auch zur Biomethanproduktion beiträgt.

Upgrading von Biogasanlagen bietet Potenzial

In den Jahren zwischen 2008 und 2012 haben großzügige Fördermittel einen Boom in der Errichtung von neuen Biogasanlagen für die Stromproduktion ausgelöst. Danach wurden die Einspeisetarife gekürzt und neue Register und Auktionen für Neuanlagen eingeführt. Die Rentabilität neuer Investitionen ist damit gesunken, der Bau von neuen Biogasanlagen stagniert seit fünf Jahren. Nichtdestotrotz gab es Ende 2016 insgesamt circa 1.500 Anlagen, damit ist Italien hinter Deutschland der zweitwichtigste Produzent von Biogas in Europa.

Branchenunternehmen setzen viele Hoffnung auf die Umrüstungsmöglichkeiten des bestehenden Anlagenparks, um dem Sektor einen Impuls zu verleihen. So können Betreiber von Biogasanlagen in Technologien investieren, um Biogas in Biomethan umzuwandeln. Der daraus gewonnene Kraftstoff kann entweder direkt als Treibstoff für Erdgasfahrzeuge verwendet, ins Erdgasnetz eingespeist werden oder als Brennstoff für Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen dienen.

Bis dato gibt es in Italien lediglich sieben Anlagen für die Biomethanproduktion. Zum Vergleich besitzt Deutschland über 170. Grund für die langsame Entwicklung des Bereichs war bisher das Fehlen von gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie von Definitionen der Qualitätsstandards und der technischen Anforderungen für die Einspeisung in das Erdgasnetz.

Unternehmen warten auf neues Rahmengesetz

2016 wurden große Fortschritte gemacht. Erdgasnetzbetreiber SNAM definierte die Standards für Qualität und Druckparameter, um Biomethan ins Erdgasnetz einzuspeisen. Die Behörde GSE, die unter anderem für die Beantragung von Fördermitteln im Energiebereich zuständig ist, hat die Richtlinien für Biomethan veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund konnte Montello das erste Großprojekt in diesem Bereich realisieren.

Doch der richtige Startschuss wird voraussichtlich erst Ende des Jahres erfolgen, durch die Verabschiedung eines neuen Gesetzes, dessen Entwurf zurzeit zur Bewertung bei der EU-Kommission liegt. Die Kernthemen sind die Einspeisung ins Erdgasnetz, die Einführung von Zertifikaten für die Nutzung von Biomethan im Transport sowie die Regelung der Nutzung von Biomethan zur Stromerzeugung in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Ansprechpartner für Detailfragen zu den konkreten Bedingungen ist das italienische Biogaskonsortium CIB (Consorzio Italiano Biogas), das zu diesem Thema auch Berichte in englischer Sprache veröffentlicht.

Deutsche Unternehmen haben angesichts der Branchenentwicklungen gute Geschäftschancen. Im Rahmen der Exportinitiative Energie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie organisiert die Deutsch-Italienische Handelskammer in Zusammenarbeit mit Eclareon Ende September 2017 eine Markterschließungsreise nach Italien, um Unternehmen über aktuelle Markttendenzen zu informieren und erste Kontakte zu potenzialen Geschäftspartner herzustellen.

Internetadressen

Erdgasnetzbetreiber SNAM

Internet: http://www.snam.it/en

Staatliche Förderagentur für die Finanzierung

von Energieprojekten, GSE (Gestore Servizi Energetici, unter anderem für die Beantragung von Fördermitteln im Energiebereich zuständig)

Internet: http://www.gse.it/en

Biogaskonsortium CIB (Consorzio Italiano Biogas)

Internet: https://www.consorziobiogas.it/en

(R.J.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Strom-/ Energieerzeugung, sonst. erneuerb. Energien, Strom-/ Energieerzeugung, Bioenergie, alternative Energien

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