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21.02.2018

Brasilianer kaufen wieder mehr Nahrungsmittel und Getränke

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Export treibt Nahrungsmittelproduktion an / Privatkonsum erholt sich rascher als erwartet / Von Edwin Schuh (Januar 2018)

São Paulo (GTAI) - Die wieder zunehmende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Getränken spiegelt die bessere Wirtschaftslage Brasiliens wieder. Der Konsum der privaten Haushalte steigt dank niedriger Zinsen und einer sinkenden Arbeitslosigkeit. Neben der höheren Nachfrage auf dem Binnenmarkt treibt auch der Export die Nahrungsmittelproduktion an. Der Branchenverband ABIA geht davon aus, dass die Branche wieder stärker in den Ausbau von Produktionskapazitäten investiert. (Kontaktadressen)

Laut des Verbands der Nahrungsmittelhersteller ABIA stiegen die Verkäufe von Nahrungsmitteln zwischen Januar und November 2017 um 1,9 Prozent. Die Produktion legte in diesem Zeitraum mengenmäßig um 1,5 Prozent zu. Beide Werte spiegeln die bessere Wirtschaftslage wider. Vor allem der Privatkonsum erholt sich rascher als erwartet und war nach zwei Jahren starker Rückgänge 2017 wieder zunehmend. Die geringe Inflation, niedrige Zinsen und die ersten positiven Signale des Arbeitsmarktes stimulieren den Konsum der brasilianischen Haushalte. So ging die Arbeitslosenquote im zweiten und dritten Quartal 2017 wieder zurück. Angesichts dieses Umfeldes dürfte die Nachfrage nach Nahrungsmitteln ab jetzt noch kräftiger steigen.

Umsatz der Nahrungsmittelindustrie (in Mrd. R$ und laufenden Preisen; Veränderung in %)
Nahrungsmittelgruppe 2015 2016 Veränderung 2016/15
Nahrungsmittel insgesamt 452,8 497,3 9,8
.Fleischprodukte 129,1 133,1 3,1
.Molkereiprodukte 58,9 67,5 14,6
.Verarbeitung von Kaffee, Tee und Getreide 56,7 67,6 19,2
.Öle und Fette 47,7 49,2 3,1
.Zucker 36,6 46,6 27,3
.Verschiedenes (Snacks, Eis, Gewürze, etc.) 33,1 34,6 4,5
.Weizenprodukte 31,6 33,6 6,3
.Obst- und Gemüseprodukte 26,3 30,3 15,2
.Tiefkühlkost und Fertiggerichte 14,5 15,4 6,2
.Schokolade, Kakao und Süßwaren 13,7 14,5 5,8
.Fischkonserven 4,6 5,0 8,7

Quelle: ABIA

Bessere Perspektiven für Produktion und Absatz

Neben der höheren Nachfrage auf dem Binnenmarkt treibt auch der Export die Nahrungsmittelproduktion an. Dank des günstigen Wechselkurses konnten die Ausfuhren von verarbeiteten Nahrungsmitteln und Getränken 2017 um 8,6 Prozent auf 12,1 Milliarden US-Dollar (US$) zulegen, was immerhin 5,6 Prozent der gesamten brasilianischen Exporte entspricht. Angesichts der besseren Perspektiven für Produktion und Absatz geht ABIA davon aus, dass die Nahrungsmittel- und Getränkehersteller 2018 mit 3,4 Milliarden US$ etwa wieder so viel investieren wie vor der Krise.

Im Jahr 2016 lagen die Investitionen der Branche nur bei 2,6 Milliarden US$. Die Getränkeindustrie investierte mit 773,6 Millionen US$ am meisten, gefolgt von der fleischverarbeitenden Industrie (630,4 Millionen US$) und den Herstellern von Weizenprodukten (231,8 Millionen US$). Außerdem hatte sich die Art der Investitionen in der Krise verändert, so der Verband. Statt in neue Fabriken zu investieren suchten die Unternehmen nach Fusions- und Übernahmemöglichkeiten. Für 2017 wurden noch keine Zahlen bekannt gegeben. ABIA geht davon aus, dass die Branche ab jetzt wieder stärker in den Ausbau der Produktionskapazitäten investieren wird.

Fleischverarbeiter leiden unter Gammelfleischskandal

In der fleischverarbeitenden Industrie hat der Gammelfleischskandal Carne Fraca um die Konzerne JBS und BRF 2017 zu Schwierigkeiten geführt. Während sich der Inlandskonsum schnell von dem Skandal erholte, sind die Exporteure schwerer betroffen. Wegen des verloren gegangenen Vertrauens schränkten zahlreiche Länder den Zugang für brasilianisches Rind-, Geflügel- und Schweinefleisch ein oder untersagten ihn komplett, unter anderem Russland, die EU und Hongkong. Auch brasilianischer Fisch kann nicht mehr in die EU exportiert werden.

Während BRF rund 50 Prozent seiner Fleischproduktion am inländischen Markt verkauft, ist JBS mit einer Exportquote von 88 Prozent deutlich abhängiger vom Weltmarkt. BRF ist besonders bei Hühnerfleisch stark, hier ist das Unternehmen weltweit größter Exporteur. Es hat in Brasilien 29 Produktionsstätten und fuhr 2016 erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ein. Anfang 2018 führte BRF die neue Marke Kibelli ein, mit Fleisch- und Wurstprodukten zu Preisen rund 15 Prozent unter dem Marktdurchschnitt. Bislang ist BRF vor allem für seine Marken Sadia und Perdigão bekannt.

Wegen des Gammelfleischskandals hält sich der Sektor mit Investitionsankündigungen zurück. Die Kooperative zur Fleischverarbeitung Frimesa plant den Bau eines Kühllagers für Schweinefleisch in Assis Chateaubriand (Parana) für 187,1 Millionen US$. JBS will für 18,1 Millionen US$ eine Konservenfabrik in Lins (São Paulo) modernisieren. Better Beef plant, 6,2 Millionen US$ für ein Kühllager in Rancharia (São Paulo) auszugeben. Das Unternehmen Incoplast wird für 10,9 Millionen US$ seine Produktionslinie für Tierfutterverpackungen erneuern.

Molkereiprodukte wieder stärker nachgefragt

Der Joghurtkonsum ging 2017 laut Euromonitor um 2 Prozent auf 4,2 Milliarden US$ zurück, während der Konsum von Käse um 1 Prozent auf 6,7 Milliarden US$ stieg. Der Konsum von Trinkmilch erhöhte sich wertmäßig um 7 Prozent auf 10 Milliarden US$, da eine Verknappung des Angebots zu höheren Preisen geführt hatte. Mengenmäßig war jedoch eine Stagnation zu beobachten. Insgesamt dürfte die Nachfrage nach Molkereiprodukten angesichts der besseren Wirtschaftslage nun wieder anziehen. Ausländische Konzerne nutzen die vorübergehende Schwäche Brasiliens und steigen durch Übernahmen in den Markt ein. Die französische Lactalis kündigte an, im ersten Halbjahr 2018 für 600 Millionen US$ das Unternehmen Itambe zu akquirieren. Mitte 2017 hatte die mexikanische Lala Foods die brasilianische Firma Vigor Alimentos für 1,6 Milliarden US$ übernommen.

Nach Angaben des Branchenverbandes ABIMAPI sanken die Verkäufe von Kleingebäck 2016 mengenmäßig um 2,7 Prozent, die von Nudeln um 1,9 Prozent und die von Industriebrot und -kuchen um 5,4 Prozent. Für 2017 schätzt der Verband die Rückgänge auf 2 bis 3 Prozent ein. Der Pro-Kopf-Konsum lag 2016 bei 8,2 Kilogramm (kg) Kleingebäck, 6 kg Nudeln und 2,3 kg Industriebrot und -kuchen. Brasilien ist weltweit der drittgrößte Markt für Nudeln hinter Italien und den USA, am Pro-Kopf-Konsum gemessen steht das Land jedoch nur auf Platz 15.

M. Dias Branco (Marken unter anderem Adria, Vitarella, Fortaleza) will bis 2019 in Juiz de Fora (MG) eine Getreidemühle, eine Fabrik und zwei Verteilungszentren errichten. Die Investitionen belaufen sich auf 93,6 Millionen US$. Das Unternehmen ist laut Nielsen Marktführer bei Nudeln (Marktanteil 31,2 Prozent) und Kleingebäck (32,8 Prozent). Dem Unternehmen zufolge war das Volumen bei Nudeln seit Mai 2017 dank Preissenkungen zunehmend, bei Kleingebäck ist die Entwicklung vor allem im Süden und Südosten stark.

Mehl- und Nudelhersteller J. Macedo (Marken Dona Benta, Sol, Petybom, Boa Sorte) baut für 68,6 Millionen US$ seinen Produktionskomplex in Simões Filhos (BA) aus. Die Kapazität für Nudeln und Kleingebäck soll sich dort auf 82.500 Tonnen jährlich mehr als verdoppeln. Hinzu kommen Investitionen des Unternehmens in Fortaleza, Salvador und São Jose dos Campos. Laut Nielsen ist J. Macedo Marktführer bei Weizenmehl (23,7 Prozent Marktanteil) und Fertigmischungen für Kuchen (19,7 Prozent) und belegt den dritten Platz bei Nudeln (8,9 Prozent). Kraft Heinz errichtet für 118,5 Millionen US$ in Neropolis (GO) eine Fabrik zur Herstellung von Ketchup, Mayonnaise und Tomatensauce.

Nach Angaben von Euromonitor fiel der Schokoladenkonsum in Brasilien 2017 um 5,9 Prozent auf 256.500 Tonnen und war damit das dritte Jahr in Folge rückläufig. Mondelez führt mit seiner Marke Lacta den Markt an (Anteil 30,1 Prozent), mit großem Abstand vor Nestle (18 Prozent), Chocolates Garoto (15,1 Prozent), Cacau Show (11 Prozent) und Ferrero (6,1 Prozent). Wertmäßig sanken die Verkäufe 2017 um 4,9 Prozent auf 3,7 Milliarden US$. Der Verband der Schokoladen- und Kakaoindustrie ABICAB beobachtet seit dem zweiten Halbjahr 2017 eine Erholung des Marktes.

Cacau Show will in den kommenden Jahren rund 1.000 neue Läden eröffnen. Das Unternehmen ist mit 2.121 Geschäften die größte Schokoladenkette der Welt. Der amerikanische Hersteller von Wellpappe WestRock, der auch die Nahrungsmittelindustrie mit Kartonverpackungen beliefert, kündigte Ende 2017 Investitionen von 125 Millionen US$ für den Bau einer Fabrik in Porto Feliz (São Paulo) an. Dafür wird das Unternehmen sein Werk in Valinhos - ebenfalls im Inland von São Paulo - schließen.

Funktionsgetränke liegen im Trend

Nachdem Brasiliens Biermarkt drei Jahre in Folge abnahm, erwartet die Schweizer Bank UBS für die Periode 2018 bis 2021 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 2 bis 3 Prozent. Im Jahr 2017 sank das Volumen der Bierverkäufe gemäß dem Verband der Bierhersteller CervBrasil um 2 Prozent. Marktführer Ambev will für 67,7 Millionen US$ seine Produktion in Cachoeira de Macacu (Rio de Janeiro) ausbauen, wo Bier, Limonaden, Säfte und Mineralwasser hergestellt wird. Der spanische Bierproduzent Estrella Galicia errichtet für 31,1 Millionen US$ in Poços de Caldas (Minas Gerais) eine Brauerei, die erste des Unternehmens außerhalb Spaniens. Cervejaria Cidade Imperial baut derzeit eine Brauerei in Petropolis (RJ) für 76,1 Millionen US$.

Ambev hatte 2016 einen Marktanteil von 67 Prozent, gefolgt von Heineken (17,4 Prozent), welche durch die Übernahme von Kirin Brasil (Marken unter anderem Schin, Devassa, Eisenbahn, Baden Baden) auf den zweiten Platz aufstieg. Auf dem dritten Platz steht die Grupo Petropolis (Marken Itaipava, Petra, Crystal; Marktanteil 13,1 Prozent). Ambev's Bierverkäufe sanken im driiten Quartal 2017 um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, das Unternehmen zeigt sich jedoch optimistisch für das vierten Quartal und 2018. Im Sektor für nicht-alkoholische Getränke eröffnet Coca-Cola 2018 seine neue Fabrik in Duque de Caxias (Rio de Janeiro), wo rund 1 Milliarde US$ investiert wurde.

Im Trend liegen Funktionsgetränke von Marken wie Superbom oder WNutritional, die einen positiven Einfluss auf die Gesundheit versprechen. Bei alkoholischen Getränken sind ready-to-drink-Mischungen wie Skol Beats angesagt sowie Getränke auf Catuaba-Basis, einer Amazonaspflanze mit angeblich aphrodisierender Wirkung. Vor allem unter der jungen Bevölkerung ersetzen sie traditionelle alkoholische Getränke. Bei der Verpackungsgröße wurden in der Wirtschaftskrise einerseits kleinere PET-Flaschen und Kartons mit einem Volumen von bis zu 350 Milliliter stärker nachgefragt. Auf der anderen Seite erfreuen sich auch Familienpackungen von 2,5 Liter oder mehr immer größerer Beliebtheit.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Associação Brasileira das Industrias da Alimentação http://www.abia.org.br Verband der Nahrungsmittelindustrie
Associação Brasileira das Industrias de Biscoitos, Massas Alimenticias e Pães & Bolos Industrializados http://www.abimapi.com.br Verband der Hersteller von Kleingebäck, Nudeln und Industriebrot

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien sind unter http://www.gtai.de/brasilien abrufbar.

(E.D.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Getränke, Nahrungsmittel

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