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09.07.2018

Brasilien aktuell (6/18): Vertrauen in die Wirtschaft sinkt nach LKW-Streik

Zentralbank korrigiert Wachstumsprognosen nach unten / Von Gloria Rose (Juli 2018)

São Paulo (GTAI) - Mit dem Streik von Brasiliens Lkw-Fahrern kippte die Stimmung im Land. Verbraucher, Unternehmer und Finanzexperten verloren an Zuversicht. Zudem verteuern die Mindesttarife den Transport und belasten insbesondere den Agrarsektor. Immerhin führte der Streik nicht zu einer Radikalisierung der Wählerschaft. Der Ausgang der Präsidentschaftswahl im Herbst ist weiterhin unvorhersehbar.

Am 11. Juni erklärte Brasiliens Finanzminister Eduardo Guardia, das logistische Chaos sei überstanden und die Wirtschaft funktioniere wieder normal. Doch der Streik der brasilianischen Lkw-Fahrer wirkt nach. Die Just-in-Time-Zulieferung an Kfz-Hersteller läuft auch einen Monat nach Streikende nicht regulär. Darüber hinaus verteuern die von der Regierung zugesagten Mindesttarife den Straßentransport, sodass sich Lieferungen von Gütern mit geringer Wertschöpfung wie Recyclingmaterialien, Baustoffe, Dünger, Viehfutter und auch Agrarprodukten nicht mehr lohnen.

Laut dem Agrarverband Confederação da Agricultura e Pecuária verliert die Landwirtschaft allein mit Mais und Soja pro Tag etwa 115 Millionen Euro. Der oberste Gerichtshof STF kündigte an, frühestens Ende August über die Verfassungskonformität von Mindesttarifen (MP 832) zu entscheiden.

Wirtschaft wächst langsamer als erhofft

Noch schwerwiegender als die Probleme im Transportsektor ist der Vertrauensverlust (siehe hierzu auch http://www.gtai.de/MKT201807038003). Sowohl bei Unternehmen als auch unter den Konsumenten kühlte sich das Klima mit dem Streik ab. Dazu tragen auch andere Faktoren bei, wie die Verunsicherung bezüglich der Präsidentschafts- und Kongresswahlen im Oktober, der internationale Handelsstreit und die erwarteten Zinserhöhungen in den USA. In der Focus-Umfrage der brasilianischen Zentralbank korrigierten die Finanzexperten ihre Erwartungen über das Wachstum von Bruttoinlandsprodukt (BIP), Industrieproduktion, Konsum und Investitionen deutlich nach unten. Inflation und US-Dollar-Wechselkurs steigen tendenziell an.

Trotz aller Abstriche setzt sich die Erholung der Konjunktur fort: Das Wirtschaftsinstitut Ibre-FGV rechnet für das zweite Quartal mit einem BIP-Wachstum von 0,3 Prozent bis 0,4 Prozent.

Prognosen (Veränderung in %)
2018 2019
BIP 1,6 2,7
Inflation 4,1 4,1
Import (auf US$-Basis) 11,6 9,8
Export (auf US$-Basis) 5,5 2,7
Industrieproduktion 3,1 3,3
Konsum 2,0 2,5
Investitionen 4,0 6,0
Wechselkurs (R$/US$, zum Jahresende) 3,7 3,6

Quellen: Banco Central do Brasil, Bradesco

Ausgang der Wahl weiterhin unsicher

100 Tage vor der Wahl sind 41Prozent der Brasilianer unentschlossen und gaben in der Umfrage des Marktforschungsinstituts Ibope Ende Juni eine Leerstimme ab. Der Streik wirkte sich kaum auf die Prognosen aus. Dies entkräftet die Befürchtungen einer zunehmenden Radikalisierung, die in Zusammenhang mit dem Streik aufkamen. Im Wahlszenario ohne Lula führt weiterhin der Rechtspopulist Jair Bolsonaro (17 Prozent) vor Marina Silva (13 Prozent), Ciro Gomes (8 Prozent) und Geraldo Alkmin (6 Prozent).

Alkmin gilt als reformorientierter Kandidat der politischen Mitte und wird von den Unternehmen und dem Finanzmarkt bevorzugt. Da Alkmin jedoch seit Monaten keine zusätzlichen Stimmen für sich gewinnen kann, orientiert sich die Wirtschaft allmählich um. Die ehemalige Umweltministerin Marina Silva und auch der Linkspolitiker Ciro Gomes versuchen sich als Kandidaten der politischen Mitte zu profilieren. Die Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte einen aktuellen Kurzbericht unter http://www.kas.de/wf/doc/kas_52945-1522-1-30.pdf?180626164211 und eine Themenseite zum Superwahljahr 2018 unter http://www.kas.de/brasilien/de/pages/16919/.

Alle Kandidaten wollen Brasiliens Staatsschulden verringern

Für eine gewisse Erleichterung sorgt, dass die Wirtschaftsberater aller Kandidaten den Reformbedarf des Rentensystems erkennen und Vorschläge formulieren. Die Rentenreform ist längst überfällig. Das bisherige Modell erlaubt eine Pensionierung nach 30 beziehungsweise 35 Beitragsjahren unabhängig vom Renteneintrittsalter. Ohne Reform entstehen dem Staat durch den demografischen Wandel immer höhere Schulden. Im ersten Quartal 2018 summierte sich das Defizit der Renten- und Sozialversicherung auf über 10 Milliarden Euro. Trotz aller Sparmaßnahmen steigt damit die Staatsverschuldung Brasiliens von 84 Prozent des BIP 2017 auf voraussichtlich 87,3 Prozent des diesjährigen BIP an.

Dennoch hat die Mehrheit der Brasilianer den Ernst der Lage im Staatshaushalt noch nicht erkannt. Laut einer aktuellen Umfrage vom Institut Ipsos halten 51 Prozent das aktuelle Rentensystem für nachhaltig. Nur 43 Prozent sehen einen Reformbedarf. Drei Viertel der Bevölkerung sind der Auffassung, dass das System vor allem durch die Korruption im Land aus dem Gleichgewicht gekommen ist.

Branchenmeldungen
Kfz Produktion im Mai fiel infolge des Streiks 20% niedriger aus als im April; US-Dollar-Aufwertung erfordert Anhebungen der Kfz-Preise; Förderprogramm Rota 2030 steht weiter aus; Fiat Chrysler kündigte Investitionen in den Werken in Betim und Goiania an.
Maschinenbau Streik bewirkte Umsatzrückgang von 3,1% im Mai; von Jan. bis Mai 2018 erwirtschaftete der Sektor 2,4% mehr als 2017, Inlandsnachfrage: +5,9%.
Chemie US-Dollar-Wechselkurs verteuert Produkte, zudem beeinträchtigte der Streik die Nachfrage: Inländischer Verbrauch lag von Jan. bis Mai um 8,7% unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums; Minderung der Industrieförderung (REIQ und Reintegra) besorgt.
Bau Rückgang in der Bauwirtschaft durch den Streik, da die Arbeiten aufgrund von Materialmangel unterbrochen werden mussten; Verband CBIC erwartet für 2018 kein Wachstum.
Pharma Laut Branchenverband Sindusfarma erwartet der Sektor für 2018 und 2019 ein Umsatzwachstum von 8% bis 9%.
Elektronik Klima verschlechterte sich, Umsatzrückgang im Mai um 20% im Vergleich zur Prognose; neue Investitionsanreize für Halbleiterkomponenten (SiP).
IKT Einer aktuellen Umfrage vom Industrieverband CNI zufolge planen 48% der großen Unternehmen 2018 in Technologien 4.0 zu investieren.
Energie Hoher Wettbewerb um Transmissionslinien: alle 20 Konzessionen vergeben, Investitionen von insgesamt 1,4 Mrd. Euro, Sterlite (Indien) gewann 6 Verträge.
Öl und Gas 4. Pré-Sal-Runde am 7. Juni verlief sehr erfolgreich, 3 von 4 Blöcken versteigert, weitere 4 Blöcke werden in der 5. Runde im September angeboten.
Mobilität/Logistik Mindesttarife verteuern den Straßentransport, STF wird erst Ende August entschieden, bis dahin wachsen die Verluste für frachtintensive Sektoren.
Bergbau/Stahl Stahlproduktion im Mai lag um 8,5% und inl. Verkauf um 17,8% unter Niveau des Vorjahresmonats; BMB/ArcelorMittal kündigte Investitionen von 25 Mio. Euro an.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Konjunktur, allgemein

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