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24.08.2018

Brasilien aktuell (7/18): Anspannung vor den Wahlen in Brasilien nimmt zu

Bereits hohes Haushaltsdefizit dürfte weiter wachsen / Von Gloria Rose (August 2018)

São Paulo (GTAI) - Weniger als zwei Monate vor den Wahlen steigt die Unzufriedenheit in Brasiliens Wirtschaft und Bevölkerung. Immerhin erholt sich die Konjunktur weiter, wenn auch langsam.

Mitte August startete in Brasilien der Wahlkampf um das Präsidentschaftsamt. Registriert sind 13 Kandidaten, mehr als bei jeder anderen Wahl seit 1989. Die Top 6 stellt die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Website zum Superwahljahr vor (http://www.kas.de/brasilien/de/pages/16919/). Große Hoffnungen setzen Volk und Wirtschaft allerdings in keinen der Kandidaten. Angesichts der starren Parteistrukturen wird es kaum zu der politischen Erneuerung kommen, die die große Mehrheit eigentlich will.

Zukünftige Regierung vor großen Herausforderungen

Insgesamt herrschen Frust und Verunsicherung vor. Die ohnehin langsame Wirtschaftserholung geht seit dem Streik der Lkw-Fahrer im Mai noch schleppender voran. Darüber hinaus besorgt die Schwäche der Regierung. Präsident Temer wird für seine Zugeständnisse zur Beilegung des Lkw-Streiks im Mai scharf kritisiert. Verschiedene Verbände verurteilen die Einführung von Mindestfrachttarifen als verfassungswidrig. Der oberste Gerichtshof Supremo Tribunal Federal (STF) setzte für Ende August 2018 eine öffentliche Anhörung dazu an.

Der Infrastrukturverband Abdib befürchtet, dass zunehmende Rechtsunsicherheit Investoren verscheuchen könnte. Nach der Wahl wird sich nicht unmittelbar politische Stabilität einstellen. Erst im Laufe des kommenden Jahres wird sich zeigen, ob Brasiliens neue Regierung in der Lage ist, politische Mehrheiten für die dringend notwendige Rentenreform und für drastische Kürzungen der laufenden Staatsausgaben zu generieren.

Staatsschulden dürften weiter steigen

Derzeit wächst der Druck auf den Staatshaushalt eher. Verschiedenste Gesetzesvorschläge wie Steuererleichterungen für Getränkehersteller oder der Verzicht von Zinsen und Mahngebühren auf Steuerschulden der KMU drohen die Kassen 2019 weiter zu belasten. Dazu kommt nun eine Gehaltserhöhung um 16 Prozent, die sich die Richter des obersten Gerichtshofs selbst verordneten. Falls der Kongress diese absegnet, ist eine Welle von Lohnsteigerungen zu erwarten. Dabei sind die Gehälter der Staatsdiener in Brasilien bereits überdurchschnittlich hoch. Der internationale Währungsfonds IWF warnt, dass Brasilien das Haushaltsdefizit schneller abbauen muss.

Prognosen (Veränderung in %)
2018 2019
BIP 1,5 2,6
Inflation 4,2 4,1
Import (auf US$-Basis) 12,7 9,4
Export (auf US$-Basis) 5,2 3,7
Industrieproduktion 2,7 3,1
Konsum 2,5 3,0
Investitionen 6,0 6,0
Wechselkurs (R$/US$, zum Jahresende) 3,7 3,7

Quellen: Banco Central do Brasil, Bradesco

Immerhin fallen die Konjunkturdaten weiterhin positiv aus. Zwar trifft die Aufwertung des US-Dollar die brasilianische Wirtschaft, aber lange nicht so stark wie den Nachbarn Argentinien. Die Inflation stieg kaum. Somit hält die Zentralbank den Leitzins Selic auf dem Rekordtief von 6,5 Prozent.

Branchenmeldungen
Kfz Argentinienkrise bremst Exporte, Anfavea korrigierte Prognose 2018 herunter: Produktion +11,9%; Förderprogramm Rota 2030 ist auf dem Weg, Kongress soll bis November abstimmen; Kfz-Teile-Hersteller investieren 2018 etwa 30% mehr als 2017.
Maschinenbau Umsatzsteigerung brasilianischer Hersteller im 1. Hj. 2018 gegenüber Vorjahreszeitraum: +4,2%, dabei: inländischer Verkauf brasilianischer Hersteller -6,9% und Exporte +16,8%; Inlandsnachfrage +8,3%, Importe +17,5%.
Chemie Inländische Nachfrage an Industriechemikalien lag im 1. Hj. um 7,9% unter dem des 1. Hj. 2017; Abiquim reicht Klage gegen das vorzeitige Ende des Förderprogrammes REIQ ein.
Bau Vertrauen der Bauunternehmer bleibt niedrig; Verkauf von Neubauwohnungen in São Paulo wächst 2018 zweistellig; Zentralbank reformierte Regelung der Immobilienfinanzierung, um Kredite zu stimulieren.
Pharma Umsatz der Pharmaindustrie stieg im 1.Hj um 10%, doch Aufwertung des US$ verteuerte Wirkstoffimporte und minderte Gewinne. Cimed, Octapharma, Oncopharma und Kley Hertz kündigten neue Investitionen an.
Elektronik Sektor rechnet weiter mit Absatzwachstum um 10% bis 15%, befürchtet jedoch Verschlechterung aufgrund geringeren Verbrauchervertrauens.
IKT Datenschutzrichtlinien verabschiedet; American Tower und Algar erwarben Glasfaser-Teilnetze der staatlichen Cemig.
Energie Equatorial kaufte Cepisa, drei weitere Eletrobras-Verteilungsunternehmen sollen am 30.08. versteigert werden; deutscher Windanlagenhersteller Nordex Acciona verdoppelt Fabrik in Piauí.
Öl und Gas Petrobras verzeichnete im 1. Hj. den höchsten Gewinn seit 2011, 6 neue Plattformen werden Produktion 2019 deutlich erweitern.
Mobilität/Logistik Konzessionierungen von Schienenstrecken und Flughäfen noch im Jahr 2018 sind fraglich; Oberster Gerichtshof wird am 27.08. Klage gegen Mindestfrachttarife behandeln.
Bergbau/Stahl Laut Brancheninstitut IABr wird Stahlproduktion 2018 um 4,3% steigen; ArcelorMittal investiert 330 Mio. US$ in Werk in São Francisco do Sul (SC).

Weitere Informationen zu Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Konjunktur, allgemein

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