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27.09.2018

Brasilien fragt wieder mehr Medizintechnik nach

Markt liegt jedoch weiterhin unter Vorkrisenniveau / Von Edwin Schuh

São Paulo (GTAI) - Die Nachfrage nach Medizintechnik nimmt nach der Krise wieder zu. Vor allem private Anbieter investieren, während das öffentliche Gesundheitssystem überlastet ist.

Nach zwei Jahren deutlicher Rückgänge zeigte 2017 die Nachfrage nach Medizintechnik in Brasilien wieder nach oben. Das Marktvolumen erreichte gemäß dem Branchenverband Abimo (Associação Brasileira da Indústria de Artigos e Equipamentos Médicos, Odontológicos, Hospitalares e de Laboratórios) mit 5,8 Milliarden US-Dollar (US$) etwa 7,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Ursachen waren eine allmählich wieder bessere Wirtschaftslage sowie niedrige Zinsen. Dennoch lag das Marktvolumen weiterhin deutlich unter dem Vorkrisenniveau.

Mittelfristig darf bestenfalls ein geringes Wachstum des Marktes für Medizintechnik erwartet werden. Abimo sieht beim bedeutendsten Nachfrager, dem öffentlichen Gesundheitswesen Sistema Único de Saúde (SUS), keinen Spielraum für höhere Ausgaben. Außerdem hat der brasilianische Real (R$) seit Mitte 2017 um rund 40 Prozent gegenüber dem US$ und dem Euro abgewertet, was die Importe belastet. Brasilien kauft rund 65 Prozent seines Bedarfs an Medizintechnik im Ausland. Lediglich für Zahnmedizintechnik prognostiziert Abimo auch in der nahen Zukunft ein eindeutiges Wachstum.

Markt für Medizintechnik in Brasilien (in Millionen US$; Veränderung in Prozent)
2015 2016 2017 Veränderung (2017/16)
Lokale Produktion *) 2.930 2.491 2.764 11,0
Import 4.029 3.551 3.772 6,2
Export 779 672 741 10,3
Marktvolumen 6.180 5.370 5.795 7,9

*) Umgerechnet mit durchschnittlichem Jahreswechselkurs 2015: 1 US$ = 3,47 R$, 2016: 3,63 R$, 2017: 3,20 R$

Quelle: Medizintechnikverband Abimo

Schwierige Zeiten für das öffentliche Gesundheitssystem

In der Rezession kündigten ungefähr 3 Millionen Brasilianer ihre private Krankenversicherung und wechselten ins öffentliche Gesundheitssystem SUS. Zusammen mit einer Ausgabenbeschränkung der Regierung sowie der Alterung der Gesellschaft führt dies zu einer Überlastung des öffentlichen Gesundheitswesens, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte. Bis zum Jahr 2026 darf das Budget gesetzlich nur an die Inflation des Vorjahres angepasst werden ("teto dos gastos"). Die kommende Regierung, welche ab 2019 übernimmt, wird Maßnahmen gegen einen Abbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung treffen müssen.

Bereits jetzt ist eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes in der Bevölkerung zu beobachten. Ursachen sind Übergewicht, die Alterung der Gesellschaft und die Wirtschaftskrise. Die Sterberate durch chronische Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen der Atemwege nahm nach mehreren rückläufigen Jahren 2016 wieder zu und liegt bei 69 Prozent der Todesfälle, während der weltweite Durchschnitt 63 Prozent ist. Auch die Mütter- und Kindersterblichkeit stieg wieder, außerdem kamen Krankheiten wie Malaria und Masern erneut auf.

Für einen effizienteren Einsatz der Ressourcen setzt das Gesundheitsministerium (Ministério da Sáude) unter anderem auf Digitalisierung. Die elektronische Patientenakte soll bis Ende 2018 eingeführt werden. Mit telemedizinischen Projekten hat Brasilien gute Erfahrungen gemacht: Der Bundesstaat Rio Grande do Sul verkürzte bereits die Wartezeiten für eine augenärztliche Beratung per Teleoftalmo. Gesundheits-Apps wie Docway, Bio, Easy Care Saúde und Saúde Já verzeichnen große Erfolge.

Private Kliniken investieren

Der private Sektor gewinnt immer mehr Bedeutung als Abnehmer von Medizintechnik. Mit 57 Prozent liegt der Anteil der privaten Gesundheitsausgaben bereits jetzt relativ hoch. Brasiliens größter Krankenhausbetreiber Rede d'Or São Luiz (37 Krankenhäuser) investiert 2018 nach eigenen Angaben 840 Millionen US$ unter anderem in den Ausbau der Kapazität, für Akquisitionen anderer Kliniken sowie in zwei Premium-Krankenhäuser in São Paulo und Brasilia. Das Krankenhaus Beneficência Portuguesa de São Paulo kündigte bis zum Jahr 2025 Investitionen von rund 180 Millionen US$ in die Modernisierung der Infrastruktur und Digitalisierung an. Auch andere Referenzkrankenhäuser wie Sirio-Libanés, Albert Einstein, Oswaldo Cruz und Moinhos de Vento expandieren.

Unter den Privatversicherern will Branchenprimus Amil (UnitedHealth Group) zusammen mit Dasa ein Netz von Kliniken aufbauen und dafür 480 Millionen US$ ausgeben. NotreDame Intermédica kaufte im September 2018 für rund 288 Millionen US$ die Grupo GreenLine und stieg damit zum drittgrößten privaten Gesundheitsbetreiber des Landes auf hinter Amil und Bradesco Saúde. Im Trend liegen auch preisgünstige Anbieter wie Dr. Consulta, Doutor Agora, Dr. Previna oder die Franchisingketten Doctor Med und Medic Mais, welche die Lücke zwischen den teuren Privatversicherungen und der unzureichenden Versorgung über SUS schließen.

Die US-Kette Quest stieg 2018 in den Diagnostikmarkt ein, auf dem sich auch die großen nationalen Laboratorien wie Marktführer Dasa, Fleury, Alliar und Hermes Pardini stärker positionieren. Die deutsche Fresenius Medical Care erwarb Anfang 2018 zwei Dialysekliniken in São Paulo und kontrolliert bereits 28 weitere Kliniken für Nierenversagen in Brasilien. Bis 2020 will das Unternehmen 72 Millionen US$ in die Kliniken sowie in die Produktionsstätte in Jaguariúna (SP) investieren.

Unter den Bundesstaaten kündigten bis Mitte 2018 Paraná (128 Millionen US$), Goiás (82 Millionen US$) und Amazonas (30 Millionen US$) größere Investitionen in den Gesundheitssektor an, meist für den Ausbau von Kliniken. Die Zentralregierung will für 154 Millionen US$ eine Fabrik für Blutplasma des staatlichen Unternehmens Hemobrés in Pernambuco fertig stellen. Es beliefert das öffentliche Gesundheitssystem.

Importe sollen trotz schwachem Real steigen

Die Importe von Medizintechnik stiegen nach Zahlen des Branchenverbandes Abimo 2017 um 6,2 Prozent auf 3,8 Milliarden US$, vor allem dank einer starken Nachfrage nach Verbrauchsmaterialien. In den Krisenjahren 2015 und 2016 waren noch deutliche Rückgänge verzeichnet worden. Für 2018 erwartet der Verband trotz des schwachen Real höhere Importe aufgrund neuer Investitionen in Geräte und Ausrüstung.

Einfuhr von Medizintechnik nach Brasilien (in Millionen US$, Veränderung in Prozent)
2016 2017 Veränderung
.Medizintechnik allgemein 675,8 713,8 5,6
.Prothesen und Implantate 230,0 187,8 -18,3
.Laborgeräte 781,5 816,9 4,5
.Verbrauchsmaterialien 985,7 1.083,7 9,9
.Zahnmedizintechnik 89,1 119,0 33,6
.Geräte zur medizinischen Bildgebung 432,5 455,7 5,4
.Geräte für die Rehabilitation 356,0 394,6 10,8
Insgesamt 3.550,6 3.771,5 6,2

Quelle: Medizintechnikverband Abimo

Nach Ländern geordnet belegte Deutschland 2017 weiterhin den zweiten Platz der Lieferländer und verkaufte Medizintechnik im Wert von 501 Millionen US$, 8,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Deutschland ist besonders stark bei Orthopädietechnik und Röntgenapparaten. Spitzenreiter USA hatte einen mehr als doppelt so hohen Absatz (1.092 US$), musste 2017 jedoch einen Rückgang von 3,3 Prozent hinnehmen. China rückte mit einem Zuwachs von 27,4 Prozent näher an Deutschland heran und kam auf 452 Millionen US$. Weiter abgeschlagen folgten Malaysia, Japan, Schweiz und Frankreich.

Einfuhr von Medizintechnik nach Ländern 2017 (Anteile in Prozent)

MKT201809268004.14

Quelle: Medizintechnikverband Abimo

Für den Import von Medizintechnik ist die Registrierung des Produktes und des Importeurs bei der Gesundheitsbehörde Anvisa (http://portal.anvisa.gov.br) erforderlich. Die Zulassung für den brasilianischen Markt ist ein langwieriger, bürokratischer Prozess. Die unzureichende Personalausstattung der Behörde führt mitunter auch bei der Importabwicklung zu langen Wartezeiten. Neben der Registrierung bei Anvisa benötigen einige Produkte eine Zertifizierung durch das Institut für Messtechnik Inmetro (http://www.inmetro.gov.br).

Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen unter http://www.gtai.de/recht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter http://www.gtai.de/zoll zur Verfügung.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein

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