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12.04.2017

Brasiliens Digitalisierung nimmt Fahrt auf

Großteil der Bevölkerung hat Internetzugang / e-Commerce und e-Health noch mit Wachstumspotenzial / Von Edwin Schuh

São Paulo (GTAI) - Brasilianer nutzen Online-Banking, Online-Steuererklärungen oder Mobilitäts-Apps bereits sehr aktiv. Für die Taxi-App Uber ist Brasilien mit 9 Mio. Nutzern der zweitwichtigste Markt weltweit hinter dem Heimatmarkt USA. Das Wall Street Journal bezeichnete Brasilien als "Weltmeister der Social Media", da Brasilianer im Schnitt täglich 3,8 Stunden in sozialen Medien wie Facebook verbringen, gegenüber 2,7 Stunden bei den US-Amerikanern. Auch e-Commerce und e-Health werden immer populärer.

Der Branchenverband Brasscom gibt an, dass der IKT-Sektor inzwischen 8,7% des brasilianischen BIP ausmacht. In einigen Jahren soll der Anteil Experten zufolge zweistellig sein. Die Investitionen in IT werden laut Prognosen 2017 um 3,3% wachsen und 76,1 Mrd. R$ erreichen. Viele Unternehmen wollen nach zwei Jahren Pause ihre Investitionen wieder aufnehmen. Die Netzbetreiber bereiten sich bereits auf 5G vor, welches 2020 auf den Markt kommen soll. Laut dem Cisco Visual Networking Index wird sich der Datenverkehr über Mobiltelefone in Brasilien bis 2021 versechsfachen, dank 4G-Netzen und einer intensiven Nutzung von Smartphone-Videos.

Fast alle Brasilianer besitzen ein Mobiltelefon

Nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion ITU ist Brasiliens Abdeckung mit Mobiltelefonen vergleichbar mit hochentwickelten Ländern wie Deutschland oder Japan. Dies ist auch der relativ hohen Anzahl von Smartphones zu verdanken. Laut eMarketer nutzten 2016 rund 64 Mio. Brasilianer ein Smartphone, das entspricht rund 31% der Bevölkerung. Rund zwei Drittel der Anschlüsse sind Prepaid und ein Drittel mit Vertrag. Bei den Breitbandanschlüssen liegt Brasilien noch etwas zurück, allerdings konnte das Land hier seit 2013, als nur 10% der Haushalte einen Anschluss hatten, stark aufholen. Nach Berechnungen der Weltbank ist Brasilien das Land mit den fünftmeisten Internetnutzern hinter der VR China, USA, Indien und Japan.

IKT-Infrastruktur in Brasilien (Stand Januar 2017)
Anschlüsse je 100 Haushalte
Mobiltelefon 118
Festnetz 20
Breitband-Internet 39
Bezahlfernsehen 27

Quelle: Anatel

Im Networked Readiness Index des WEF steht Brasilien derzeit auf Platz 72 von 139 Ländern. Demzufolge sorgen günstige Breitbandanschlüsse für eine gute Nutzung von IKT. Im Ranking schneiden innerhalb Lateinamerikas Chile, Uruguay, Panama, Costa Rica und Kolumbien besser als Brasilien ab.

e-Commerce trotzt der Wirtschaftskrise

Der allgemeine Rückgang des Konsums in Brasilien wegen Wirtschaftskrise, hoher Arbeitslosigkeit und Verschuldung vieler Haushalte wirkte sich auch auf den e-Commerce aus. Im Jahr 2016 wurden 44,4 Mrd. R$ online umgesetzt, ein Plus von 7,4% und damit die niedrigste Zuwachsrate seit Beginn der jährlich vom Marktforscher Ebit durchgeführten Studie im Jahr 2001. Die Entwicklung wird jedoch relativiert, wenn man den Rückgang des gesamten Privatkonsums von -4,2% betrachtet.

Im Jahr 2017 soll der e-Commerce mit +12% wieder stärker zulegen. Zwar bleibt die Gesamtwirtschaft weiterhin schwach, jedoch wechseln weiterhin viele Konsumenten von reellen Geschäften in die virtuelle Welt. Auch suchen die Brasilianer gerade in Krisenzeiten häufiger online nach Schnäppchen, Coupons oder vergleichen Preise. Der Online-Handel profitiert außerdem von dem nur begrenzten Angebot der traditionellen Einzelhandelsgeschäfte. Zudem wissen die Brasilianer die Bequemlichkeit von Online-Einkäufen zu schätzen. Die weite Verbreitung von Kreditkarten ist ebenfalls förderlich.

Dem Portal Internet Live Stats zufolge haben 2016 rund 139 Mio. Brasilianer das Internet genutzt (67% der Bevölkerung), davon waren 48 Mio. Personen aktive e-Commerce-Nutzer. Daraus ergibt sich eine Durchdringung von rund 35%, während in hochentwickelten Ländern gut 80% der Internetnutzer online shoppen. Laut Prognosen werden im Jahr 2020 fast die Hälfte der brasilianischen Internetnutzer online shoppen.

Der Anteil des e-Commerce an den gesamten Einzelhandelsverkäufen soll laut Ebit 2017 bei 4,3% liegen. Dies ist weniger als im internationalen Schnitt, allerdings bereits deutlich höher als noch 2014 (2,7%). Experten prognostizieren ein Wachstumspotenzial bis auf 10% des Gesamthandels. Der Großteil der Online-Verkäufe entfällt auf Mode und Bekleidung. Es folgen Elektronikartikel, Spielzeuge, Sportartikel, Möbel, Lebensmittel und Kosmetika. Rund 26% der Käufe erfolgen über Mobilgeräte. Dieser Anteil nahm in den vergangenen Jahren deutlich zu, da für viele Menschen der ärmeren Schichten C und D das Smartphone ihre erste Verbindung zum Internet ist.

Ein digitaler Trend in traditionellen Einzelhandelsgeschäften ist die Installation von Sensoren und Kameras, um den Kundenstrom, das Verhalten der Kunden in den Geschäften und weitere Parameter in Echtzeit zu überwachen und zu analysieren. Startups wie Seed Digital, UpPoints und iBest bieten entsprechende Lösungen an.

Rio de Janeiro ist Vorreiter bei smarter Infrastruktur

Im e-Government Development Index der UN stieg Brasilien in den letzten Jahren kontinuierlich auf und lag 2016 auf dem 51. Platz von 193 Ländern, sechs Plätze besser als 2014. Dennoch besteht trotz Vorzeigebeispielen auf föderaler Ebene wie der elektronischen Wahlurne und der digitalen Einkommenssteuererklärung in der öffentlichen Verwaltung noch Spielraum für Transparenz und weniger Bürokratie.

Vorreiter bei smarter Infrastruktur in Brasilien ist Rio de Janeiro, das dank seiner Digitalisierungsstrategie 2013 zur World Smart City und 2015 zur bestvernetzten Stadt Brasiliens gekürt wurde. Herzstück ist das in Partnerschaft mit IBM und Oracle entwickelte Kontrollzentrum (Centro de Operações), in dem Daten, Wetterprognosen und andere Informationen von 900 Kameras und 30 verschiedenen öffentlichen Stellen zusammenlaufen und analysiert werden. So wird eine schnelle Reaktion auf Unfälle und die Evakuierung bei möglichen Hangrutschen infolge starker Regenfälle ermöglicht.

Auch schloss das Kontrollzentrum ein Abkommen mit der Navigations-App Waze ab. "Ein Anruf bei Waze und zwei Wochen später hatten wir das System bei uns installiert", so Pedro Junqueira, Leiter von Rio de Janeiros Kontrollzentrum. Waze half der Stadt, die Verkehrslage bei Großevents wie dem Besuch von Papst Franziskus 2013, der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den olympischen Spielen 2016 zu beobachten. Die App ist heute Teil des Kontrollzentrums, überwacht täglich den Verkehr und passt beispielsweise die Routen der Müllabfuhr an die Verkehrslage und neue Baustellen an.

Noch Spielraum bei Digital Health

Das überlastete staatliche Gesundheitssystem bietet ein interessantes Feld für den Einsatz von IT, da Erkrankte oft lange auf Diagnosen und Behandlungen warten müssen. Digital Health könnte hier die Effizienz und Kommunikation enorm steigern. Im Zuge der Wirtschaftskrise gingen die Investitionen im Bereich e-Health von Seiten der Regierung jedoch zurück. Bislang gibt es erst punktuelle Ansätze für die Digitalisierung, allerdings noch keine einheitliche nationale Strategie. Die Regierung fördert im Projekt Telessaúde den Einsatz von Technologie. Sie lancierte im August 2015 die App Cartão SUS Digital für das öffentliche Gesundheitssystem, die in Kooperation mit den behandelnden Ärzten Patientendaten unter anderem zu Allergien und Blutdruck in einer nationalen Datenbank speichert.

Erstes Krankenhaus arbeitet komplett digital

Das Krankenhaus Unimed Recife III in Recife wurde Anfang 2017 als erstes Krankenhaus in Lateinamerika mit der höchsten Stufe 7 des Electronic Medical Record Adoption Models (EMRAM) der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS) ausgezeichnet. Das Krankenhaus mit 202 Betten arbeitet nun komplett papierfrei bei Krankenprotokollen. Weltweit haben erst 260 Krankenhäuser die Stufe 7 des EMRAM erreicht. Auf Stufe 6 stehen in Brasilien acht Krankenhäuser, darunter das Sírio-Libanês und das Santana in São Paulo.

Im März 2016 startete das erfolgreiche indische Start-up Practo seine Aktivitäten in Rio de Janeiro und will durch eine Registrierung von Ärzten, Krankenhäusern und Laboren sowie Terminvereinbarungen über Apps den Sektor effizienter gestalten. Applikationen anderer Start-up-Unternehmen wie Tá.na.Hora erhöhen den direkten Informationsaustausch zwischen Ärzten, Forschern und Patienten. Im Mai 2016 übernahm die spanische Telefónica den brasilianischen e-Health Anbieter Axismed. Das Unternehmen überwacht den Blutdruck, Glukosespiegel und andere Werte von rund 180.000 Patienten in entlegenen Regionen via SMS, Apps und Videostreaming. Auch ist Telefónica eine Kooperation mit der medizinischen Fakultät der Universität São Paulo eingegangen, um e-Health Lösungen zu entwickeln.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

(E.D.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Gesundheitswesen allgemein, Telekommunikationsdienste, E-Commerce, Software / EDV-Dienstleistungen, Computer, -Hardware, Peripheriegeräte etc., Mess- und Regeltechnik, Internetdienste, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Digitalisierung

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